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Das nächste Killerspiel

Erwachsene, die sich gegenseitig in der Stadt mit Wasserpistolen auflauern und »ermorden« – die Idee von STREETWARS klingt eigentlich albern.

Dienstag, sechs Uhr morgens. Brooklyn. Es sieht so aus, als würde auch diese Verfolgung scheitern. In einem unauffällig am Straßenrand geparkten Mietwagen zieht Agent Nummer 4 die Antenne aus einem ferngesteuerten Zünder und: drückt ab.
»Hat es geklappt?«, fragt Agent Nummer 4 leise in sein Mikrofon.
»Negativ«, knarzt es zurück durch die Kopfhörer.
»Und jetzt?« Nummer 4, komplett in Schwarz, hält die Fernsteuerung etwas höher und richtet sie direkt auf die vielleicht 35 Meter entfernte Veranda.
»Negativ, nichts. Over«, antwortet der Komplize. Er sitzt in einem Versteck ganz in der Nähe der Veranda. Seit drei Stunden warten die beiden, um Aquaman eine Falle zu stellen. Alles, was sie über den jungen MTV-Produzenten wissen, ist, wo er wohnt, wo und wann er arbeitet und unter welchen Telefonnummern er zu erreichen ist. Wie er aussieht, wissen sie nicht. In seinem Apartment, sagt Agent UroBorus, der Komplize, brennt niemals Licht.
»Das Problem sind diese dicken schwarzen Vorhänge«, sagt Nummer 4. »Deshalb wissen wir nie, wann er zu Hause ist.« Trotzdem ist es ihnen gelungen, ein paar Informationen über ihr Opfer herauszubekommen. Vergangenen Freitag verbrachte Nummer 4 fünf Stunden damit, Aquamans Nachbarschaft auszukundschaften. Seitdem wissen sie, dass sein Haus zwei Ausgänge hat, die U-Bahn nur zwei Wohnblöcke entfernt ist und wie man ihn unbemerkt beschatten kann.
Als UroBorus zwei Tage später Aquamans Kickballteam beim Training besuchte, hatte sich der MTV-Produzent allerdings kurz vorher telefonisch bei einem Mannschaftskameraden entschuldigt. »Er ist clever«, sagt Nummer 4. »Er wusste, dass wir da suchen würden.« Also müssen Nummer 4 und UroBorus, die im richtigen Leben der 33-jährige Geschäftsinhaber Adrian Goins und die 30-jährige Schauspie lerin Alicia Mandelkow sind, jetzt angreifen. Ihre Spritzpistolen sind – mehrmals sorgfältig auf ihre Funktionsfähigkeit geprüft – griffbereit. Im Koffer liegen außerdem eine Infrarotüberwachungskamera, eine Miniwasserpistole im Bauch eines präparierten Teddybären und: eine Wasserreserve, um im Notfall die Spritzpistolen schnell nachfüllen zu können. Wobei es wahrscheinlich nicht ganz richtig ist, von »Spritzpistolen« zu sprechen. Was da im Koffer liegt, sind zwei riesige, neonleuchtende Doppellauf- Wassergewehre.

Drei Wochen lang im Spätherbst des vergangenen Jahres sah man solche Monsterwaffen überall in New York. Sie waren das wichtigste Utensil eines 21-tägigen Nonstopspiels, bei dem 300 Menschen mitmachten. Auf dem Spiel platz nannte man das Ganze noch unschuldig »Fangen«. Inzwischen heißt es »Streetwars«, und die Mission, die es zu erfüllen gilt, lautet: Jage, während du gejagt wirst! Oder: Überlebe, damit du deinen nächsten »Mord« begehen kannst! Als »ermordet« gilt, wer mit einer Wasserpistole oder einer Wasserbombe nass gespritzt wurde. Seit drei Jahren werden solche Straßenkriege veranstaltet. Längst auch in Städten wie San Francisco, London oder Wien.
Am Anfang bekommt jeder Spieler ein Dossier. Darin steht die Reihenfolge, in der seine Opfer erledigt werden müssen. Irgendwer ist immer hinter dir her, man muss sehr vorsichtig sein«, sagt Adrian Goins. 2004 startete »Streetwars« mit 80 »Auftragskillern«, ein Jahr später machten schon 175 mit, 2006 ließen sich – obwohl die Teilnahmegebühr inzwischen von sechs auf 40 Dollar gestiegen war – 250 Spieler registrieren. Dazu kamen noch etwa 50 unregistrierte Spione, die selbst keine Morde begehen durften, aber dabei halfen, die Opfer zu beobachten. Zum Team von Adrian Goins und Alicia Mandelkow zum Beispiel gehörten neben zwei weiteren Agenten auch noch zwei freiwillige Spione.
Koordiniert wird das Ganze von einer »Schattenregierung «, die den Mördern ihre Opfer nennt, Streits schlichtet und die Internetseite www.streetwars.net betreibt, auf der alle Morde registriert und die Zahl der noch im Spiel verbliebenen Teams gemeldet werden. Das ist so aufwendig, dass der 31-jährige Chefkoordinator Franz Aliquo, ein New Yorker Rechtsanwalt, inzwischen eine festangestellte Mitarbeiterin hat. Ohne einen Vollzeitspielleiter ist das Streetwars-Universum nicht mehr in den Griff zu bekommen. »Erst habe ich nur abends nach meinem Bürojob ausgeholfen, aber es wurde einfach viel zu viel«, sagt Trieu-Ann Boese, 25. »Immer wenn ich nach Hause kam, musste ich erst mal 50 E-Mails beantworten. Also habe ich meinen Job gekündigt und arbeite jetzt hauptberuflich für ›Streetwars‹.« Mit den Teilnahmegebühren wird Boeses Lohn bezahlt, die Kosten für Partys, sämtliche Materialien, Verpflegung und ein stets sehr eigenwillig hergerichteter »Infostand«, an dem die Auftragsmörder erfahren, wer ihr erstes Opfer sein soll. Dieses Mal war der Infostand ein zum Verhörraum umgebauter Wohnwagen.
Für die Spieler ist Trieu-Ann Boese nur Li’l Abacus, ein etwas grobschlächtiger, vulgärer Administrator, der sich regelmäßig einen Spaß da raus macht, Teilnehmer per E-Mail aufzufordern, doch bitte endlich auch mal aktiv am Spiel teilzunehmen. »Jemand anders sein zu können, die Alltagsroutine zu durchbrechen – das ist natürlich ein großer Teil des ganzen Spaßes«, sagt Boese. »Es ist eine tolle Fluchtmöglichkeit aus der Schlips-und-Kragen-Welt. Keiner will eine Midlifecrisis mit 30. Bei uns kann man sich verkleiden, Ninja oder Auftragskiller sein und einen Monat lang ein anderes Leben spielen.«

»Streetwars« wird rund um die Uhr gespielt, aber es gibt auch »sichere Zonen«. Manchmal hat man den Eindruck, dass das Spiel deshalb eher einer Partie Schach als einer wilden Wasserschlacht gleicht. Weil in der Vergangenheit einige Spieler etwas übereifrig waren, wurden von der Schattenregierung mittlerweile mehrere Bereiche zu Tabu-Orten erklärt. Attacken im Büro oder im Klassenzimmer sind verboten. Sichere Zonen sind auch U-Bahnen, Busse und alle übrigen Verkehrsmittel. Außerdem darf niemand in die Privatwohnungen von Teilnehmern einbrechen.
Mitmachen kann jeder, der älter als 18 Jahre ist und im Bereich des öffentlichen Nahverkehrs lebt. Der Gewinner bekommt 500 Dollar und eine vergoldete Spritzpistole. Die meisten Teilnehmer sagen allerdings, dass das Preisgeld für sie keine Rolle spielt. Es geht um den Adrenalinschub, den ein »Mord« auslöst. Adrian »Nummer 4« Goins hat bisher über 1000 Dollar für seine Ausrüstung ausgegeben – und eine Men ge Urlaubstage geopfert.


Den meisten geht es nicht um das Preisgeld, sondern um den Adrenalinschub


Viele Außenstehende sind der Meinung, dass das Spiel Gewalt verherrlicht. Chefkoordinator Franz Aliquo kann das gut verstehen. Immerhin geht es darum, aus dem Hinterhalt zu »töten«. »Aber im Grunde«, sagt er, »bedeutet dieses Spiel doch soziale Interaktion. Es ist kein Videospiel wie etwa Doom, das parallele Realitäten erschafft.« Ein Sprecher der New Yorker Polizei sagt auf Anfrage, dass er zwar keine Ahnung von dem Spiel habe, Wasserpistolenschlachten aber erst mal völlig legal seien. »Wenn sich allerdings jemand belästigt oder angegriffen fühlt, würden wir diesen Beschwerden nachgehen.«
Unter Hardcore-Streetwars-Spielern gibt es legendäre Mordgeschichten. Einmal soll eine Teilnehmerin sogar ein Jobangebot gefakt haben, um ihr Opfer in ein Vorstellungsgespräch zu locken, das sie dann mit einem Schuss aus der Wasserpistole beendete. Der erste Mord von Team C17H21NO4 gelang schon am ersten Tag des Wettbewerbs. Weil das erste Opfer zu Hause arbeitete, war ihr Wohnhaus zwischen neun und 17 Uhr tabu. Glücklicherweise war sie aber auch gerade dabei, ihre Wohnung zu verkaufen. Also verabredete C17, der 29-jährige Immobilienmakler Peter Wiesman, mit dem Hauseigentümer einen Besichtigungstermin um 17.30 Uhr. Als das Opfer den beiden die Wohnungstür öffnete, traf sie eine Wasserbombe. Regelkonform war die Attacke, weil das Opfer nicht nur Wiesman hereingelassen hatte, sondern auch den Hausbesitzer.
Die beste Geschichte ist die der »Mörderin«, die ihrem Opfer in eine Bar folgte, mit ihm flirtete, ihm ihre Telefonnummer gab und schließlich ein Date mit ihm hatte – ein Date, währenddem er hoffte, zwischendurch sein nächstes Opfer erledigen zu können. Aber als er seinem Date ein paar Drinks später die Taxitür aufmacht, wird er selbst erschossen. »Ich habe die Mörderin per E-Mail gefragt, ob sie sich danach noch einmal getroffen haben«, erzählt Trie-Ann Boese. »Aber sie hat nie geantwortet.«

Seit Adrian Goins und sein Team C17H21NO4 (die chemische Formel für Kokain) wissen, dass Aquaman zwei Wohnblöcke von einer UBahn-Station entfernt wohnt, ist klar, dass sie einen wirklich guten Plan brauchen. Entweder müssen sie ihn direkt vor seiner Haustür stellen oder einen Weg finden, ihn auf seinem Weg zur U-Bahn zu erwischen. Die Wahl fällt auf den Anschlag im Morgengrauen direkt vor seiner Tür. Treffpunkt: drei Uhr morgens vor Aquamans Apartmenthaus. Kurz nach sechs allerdings, als Nummer 4 und UroBorus gerade er folglos versuchen, ihre Wasserbombe abzuschießen, beweist erst mal ein Ladung roter Wasserbomben, dass Aquaman nicht nur zu Hause ist, sondern bereit zum Kampf.
»Ich glaube, wir sind erledigt«, sagt UroBorus in ihr Mikrofon. Nummer 4 ruft hektisch C17 und H21 an: »Wacht auf, zieht was an, setzt euch in die U-Bahn und: Bewaffnet euch!« Als sie ankommen, lautet die Strategie: Zwei Teammitglieder überwachen vom Auto aus die Wohnung, die anderen beiden mischen sich in der U-Bahn-Station unter die Leute. »Es ist nicht die beste Strategie«, sagt Nummer 4, »aber mehr können wir im Moment nicht tun.« Als Aquaman aus seinem Haus sprintet, auf der Straße geschickt seinen Häschern ausweicht und unversehrt die U-Bahn erreicht, packt Adrian Goins sein Team ins Auto und rast Richtung Williamsburg Bridge. Die U-Bahn mitten im New Yorker Berufsverkehr einholen zu wollen, ist aber natürlich keine wirklich gute Idee. Mission gescheitert. Ein neuer Plan muss her. Genau in acht Stunden wollen sich alle wieder an der 50. Straße Ecke Broadway treffen, um Aquamans Bürogebäude zu beschatten.
Keine fünf Minuten, nachdem sie da sind, haben sie ihn schon gesichtet. Zu Fuß und nur mit einer kleinen Spritzpistole in der Tasche folgt ihm Goins unauffällig den Broadway entlang. Aquaman scheint nichts zu ahnen, denn er geht langsam. Zu langsam. Als er die 49. Straße erreicht, schubst Nummer 4 einen Geschäftsmann zur Seite, zieht seine Wasserpistole und trifft Aquaman am Bein. Hasta la vista, Baby!
»Super Geschichte!«, ruft Chefkoordinator Aliquo, als er von dem »Mord« hört. »Die Leute spielen dieses Spiel, weil sie ein paar Tage wieder Kinder sein wollen. In so großen Städten wie New York werden wir von unserer Arbeit aufgefressen, niemand hat mehr Zeit zu spielen.« Aquaman und seine Mörder sitzen derweil schon in einer Bar. Nummer 4 zeigt auf seinem Computer Bilder von der morgendlichen Überwachung. Aquaman gibt Auskunft über sein eigenes nächstes Opfer, das jetzt das nächste Opfer von Team C17H21NO4 ist. Eine Stunde lachen und fachsimpeln Jäger und Gejagter. Ohne »Streetwars« wären sie sich nie begegnet. Dann stürzen Nummer 4 und sein Team so schnell wie möglich in ein Taxi, um nicht selbst erwischt zu werden. Ab zur nächsten sicheren Zone. Die Jagd geht weiter.



Streetwars in Deutschland
Nach dem Ansturm auf die Streetwars-Veranstaltungen in den USA, in London und auch in Wien sollte Mitte Januar ein Spiel in
Köln stattfinden. Nach dem Amoklauf eines 18-Jährigen in der Geschwister-Scholl-Realschule im nordrhein-westfälischen Emsdetten, beim dem der Täter 37 Menschen verletzte, bevor er sich selbst tötete, wurde jedoch der öffentliche Druck zu groß. Die
Veranstalter von »Streetwars-Cologne« kamen einem möglichen Verbot durch das Ordnungsamt zuvor und sagten die Veranstaltung ab. Polizeipräsident Klaus Steffenhagen hatte erklärt, auf offener Straße auf Menschen zu schießen, auch im Spiel, sei grundsätzlich verwerflich. Veranstalter Sven Norenkemper konterte, dass sich bis zum Zeitpunkt der Absage vor allem Zivildienstleistende, Altenpfleger oder Krankenhausangestellte angemeldet hatten, Leute also, bei denen man keine Gewaltbereitschaft zu vermuten habe. Ein Spiel in Heidelberg (ab 18. Mai) und Veranstaltungen in Karlsruhe und Mannheim (www.streetwars2007.de) waren bei Redaktionsschluss noch geplant.

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Kommentare

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    Sau geile  Sache!!

    31.08.2012, 21:23 von 123einhundert-t-t-t
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