issmirdochegal 25.10.2008, 22:09 Uhr 0 0

Das Mäuschen mit der Katze an der Wand

Ich sehe mir die vielen Broschüren an. Überall motivierte junge Menschen, die vorzugsweise zu zweit in den Computermonitor vor sich strahlen.

Abgehetzt stehe ich vor der Tür. Ein letzter prüfender Blick auf die Uhr. Genau 8.30 Uhr. Gut. Beim ersten Termin sollte man ja auch einen guten Eindruck von sich hinterlassen. Ich klopfe. „Einen Moment noch!“ höre ich es hinter der Tür. Toll, denke ich, da hätte ich mich auch nicht so beeilen müssen. Also stehe ich im Gang des Arbeitsamtes, das nach meinem Umzug in eine andere Stadt für mich zuständig ist. Wie im Krankenhaus, denke ich, nicht besonders einladend. Ist das beabsichtigt? Nach dem Motto: Beehren Sie uns bitte nicht wieder?

Ich sehe mir die vielen ausgestellten Broschüren an. Überall lächelnde, motivierte junge Menschen, die vorzugsweise zu zweit in den Computermonitor vor sich strahlen. Wahrscheinlich haben sie gerade ihren Traumjob in ihrem Traumunternehmen gefunden. Die sollen sich erstmal bewerben! muss ich in mich hineingrinsen.

Endlich geht die Tür auf. Eine zierliche Frau Ende 40 begrüßt mich und bittet mich in ihr Büro. Das ist also meine neue Berufsberaterin. Sie sieht aus wie ein Mäuschen. Ich setze mich an das Ende des Tisches. Die gleichen Möbel, wie in „meinem“ alten Arbeitsamt. Während das Mäuschen etwas in den Computer eintippt habe ich Zeit mich im Zimmer umzusehen. Terrakottafarbene Wände, viele Grünpflanzen... und ein Poster an der Wand, dass mich ein bisschen stutzig machte. Zu sehen war ein Babykätzchen. Ein getigertes Babykätzchen, dass dem Betrachter entgegen springt. Wie ironisch, das Mäuschen hängt sich eine angreifende Katze an die Wand.

Dann kommen die üblichen Fragen. „Hat sich etwas an Ihren Daten geändert?“ - „Nein“. „Hat Ihnen Ihr ehemaliger Berufsberater schon erklärt, wie unsere Datenbank funktioniert?" - „Ja“ ...und mir dabei reichlich Blicke auf meine Brüste geschenkt. „Und Ihr Berufswunsch ist auch immernoch der selbe?“ - „Ja“ sage ich mit besonders entschlossenem Blick, weil ich genau weiß, was jetzt kommt. „Was ist denn Ihr Plan B, falls es doch nicht klappen sollte?“- „Dann studiere ich.“ lüge ich nur damit sie mir nicht weiter versucht ins Gewissen zu reden. Ich weiß, dass esnicht leicht ist einen Ausbildungsplatz in einer längst überlaufenen Branche zu bekommen, aber ich habe lange genug gebraucht mir im Klaren zu sein, was ich wirklich will. Und jetzt, da ich es bin, will es mir sogar das Arbeitsamt ausreden. Dabei bringe ich gute Vorraussetzungen mit. Abitur, eine kreative Berufsausbildung, Motivation und vieles mehr. Irgendwie muss ich mich immer wieder rechtfertigen. Mein Optimismus kämpft gegen das pessimistische Mäuschen.

„Na dann sehen wir uns im Januar wieder und sehen, wie ich Ihnen dann weiterhelfen kann“ „Genau“ sage ich freundlich, obwohl ich schon längst nicht mehr daran glaube, dass das Arbeitsamt der Retter meiner Zukunft ist. Ich blicke noch ein letztes Mal zur springenden Mietzekatze. „ATTACKE!!!“ scheint sie rufen zu wollen. Wie motivierend, sage ich zu mir. Ob sie deshalb vielleicht in dem Zimmer hängt? Mich muss niemand motivieren. Höchstens dazu einen Sinn in der vergeudeten letzten halben Stunde zu sehen.

Im Gang begegnen mir zwei junge Frauen in meinem Alter, die jeweils einen Kinderwagen vor sich her schieben. Die haben es gut! Deren Lebensweg ist schon entschieden, denke ich heimlich, obwohl dies wohl nie eine Alternative für mich wäre.

Ich gehe zurück auf die Straße um rechtzeitig meinen Freiwilligendienst anzutreten.

Ob das Mäuschen wohl mit ihrer Arbeit zufrieden ist?

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