Sultanine 01.12.2012, 19:52 Uhr 8 13

Das Märchen

Eine Stunde, nur für Michelle

Ich weiß, dass ich sie heute wieder sehen werde, verblasst und übernächtigt sieht sie aus. Sie erzählt wirr, sieht ungepflegt aus und ist kaum in der Lage Blickkontakt zu mir aufzunehmen. Sie setzt sich an den Tisch und wirkt ganz tapfer in ihrem zerrissenen Pullover und ihrer dreckigen Jeans. Ihre strähnigen Haare sind verklebt und bedecken das schüchterne Gesicht. Sie wirkt matt und zermürbt. Doch sie möchte nicht, dass ich es sehe, setzt ein gequältes Lächeln auf, als wir uns begrüßen. Eine Stunde, nur für Michelle soll es heute wieder sein. Ein Ort an dem es keinen Kummer, keinen Hunger und auch keine Schreierei gibt. Das Jugendamt ist schon seit Jahren informiert, dennoch herrscht in der Familie Chaos und Vernachlässigung. “Ich habe auf den Marcel aufgepasst, heute Nacht!”, erzählt mir Michelle ganz von allein. Sie malt gerade ein Haus und erzählt weiter:,, Siehts du, da bin ich!” Sie zeigt auf die untere Etage eines krakelig gemalten Hauses, mittendrin ein Strichmännchen liegend. “Oben sind Mama und Papa!”, sie zeigt auf den scheinbar oberen Teil des Hauses. “Wir sind alle tot, das ist ein Friedhof!” Ich blicke in ihr ernstes Gesicht und weiß, ich kann ihr den Kummer nicht absprechen. Ich möchte so gern sagen:,,Ach, so schlimm ist es doch nicht, schau, es wird alles wieder gut!” Doch ich weiß, dass wäre eine Lüge und dem Mädchen mir gegenüber nicht aufrichtig. Sie verdient die Aufrichtigkeit, also nicke ich bedächtig und sage einfach nur:,, Das hast du also gemalt, einen Friedhof.” Michelle nickt. Sie weiß, dass hier keine Urteile gefällt werden über sie, über Mama oder über Papa. Wie gern würde ich mir ihre Eltern vorknöpfen, sie an den Haaren zum Amt schleifen, auf sie einreden und schreien, was sie ihren Kindern da nur antun. Um dann zu erfahren, dass auch sie gescholtene sind. Dass auch sie nichts anderes erfahren haben. Michelle liebt ihre Mama, ihren Papa und ihre Geschwister. Wer will da richten, ob es woanders besser für sie wäre? Sie ist froh, dass es sie gibt, diese eine Stunde in der Woche nur für sie. Und das soll so bleiben. Und so klettert sie auf meinen Schoß und bittet mich wie jedes Mal ihr Lieblingsmärchen zu erzählen. Das Märchen von dem Mädchen mit den Schwefelhözern. Michelle liebt dieses Märchen und kann es mit mir zusammen erzählen. Sie hat es schon so oft gehört. Wie gebannt sie ist, erzähle ich, wie das Mädchen im Schein ihrer Streichhölzer den voll gedeckten Tisch sieht, oder den hell erleuchteten Weihnachtsbaum. Da werden ihre Augen hell. Da beginnt sie an zu träumen, was sie tun würde, hätte sie solche Schwefelhölzchen, mit denen sich etwas herbeizaubern ließe. Den Schluss des Märchens mag ich persönlich nicht so gerne und ich versuche immer darum herum zu kommen, ihn ihr zu erzählen, doch sie ist zu aufmerksam und korrigiert mich jedes Mal. “Mit dem letzten Hölzchen, zaubert sie sich ihre Oma herbei, die sie mit in den Himmel nimmt!” “Ja!”, sage ich, und denke mir wie unpädagogisch dieses blöde Märchen doch zum Schluss ist. Aber Michelle scheint ganz selig mit dem Ende zu sein. Für sie ist das Ende nicht grausam und schrecklich, wie für mich Erwachsenen.  Sie geht

lachend und scheinbar unbeschwert aus der Stunde. “Dann bis zum nächsten Mal, Frau Bäumer!”

Und ich bleibe fragend zurück. Jedes Kind hat wohl seine eigene Wahrheit und die kann ihm niemand nehmen.

Und so werden wir uns auch nächste Woche wieder treffen, und es wird passieren, dass ich wieder ein bisschen klüger werde.

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8 Antworten

Kommentare

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  • 1

    vielleicht sollte ich mehr märchen lesen. vielleicht habe ich dieses auch nur vergessen. aber eine oma spielt in den augen von kindern immer eine besondere rolle. eine oma ist warmherzig und gut, unparteiisch mit viel lebenserfahrung. wir erwachsene deuten märchen viel zu real. diese „pädagogische“ stunde ist somit eine stunde geborgenheit, wie sie auch eine oma geben würde.

    03.12.2012, 19:25 von jetsam
    • 0

      Es ist ein Märchen von hans Christian Andersen

      http://www.maerchen.net/classic/a-md_schwefelholz.htm

      Wunderschön!

      04.12.2012, 15:21 von Sultanine
    • 0

      jetzt kenne ich es auch und fühle mich in meiner aussage da oben bestätigt. ;)

      04.12.2012, 15:41 von jetsam
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  • 3

    Wieso ist das Ende für Dich grausam ? Für jemanden, der in Not ist, wo der Leidensdruck so sehr steigt, dass andere ich das nicht mehr vorstellen können, ist es doch eine Erlösung ?
    Doch noch wichtiger als diese Frage ist mir Dir Respekt zu zollen für deine Arbeit bzw. Diese Stunde in der Woche.  Vermutlich ist so etwas ehrenamtlich und somit völlig unrentabel, aus wirtschaftlichen und rationalen Aspekten etwas für Spinner, die zu viel Freizeit haben und sich um Versager kümmern, die keinen Nutzen und somit keine Wert für unsere Leistungsgesellschaft haben.
    In dieser eiskalten Welt, die mir von Tag zu Tag immer widerlicher und ekelerregender erscheint (egal ob im Bekannten- und Verwandtenkreis oder durch manche Medien transportiert, ständige Verarmung und Verelendung von Menschen empfinde ich als nahezu unerträglich), jemanden zu finden dem Mitmenschlichkeit etwas bedeutet, ist mehr wert als alles andere. Ich empfinde diesen Artikel als kleine Hoffnung bzw. als Tropfen auf den heissen Stein.

    03.12.2012, 10:35 von Cyro
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  • 1

    Wer hätte nicht gern diese eine Std. im Leben.

    02.12.2012, 14:55 von marco_frohberger
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  • 2

    und denke mir wie unpädagogisch dieses blöde Märchen
    doch zum Schluss ist. Aber Michelle scheint ganz selig mit dem Ende
    zu sein.
    Dass Michelle scheinbar unbeschwert diese einstündige Zusammenkunft verlässt, gibt mir als Leser ein hoffnungsvolles Gefühl.

    02.12.2012, 13:47 von Jackie_Grey
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  • 1

    Traurig, und so oft leider wahr.

    01.12.2012, 20:06 von seiduselbst
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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