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Das ist kein Text über Feminismus, aber.

Das funktioniert mehr oder weniger gut, eine ganze Weile lang. Bis man täglich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer schluckt, um zu funktionieren.

Im zarten Alter von fünf Jahren saß ich mit meiner Mutter bei einem Arzt und fühlte mich zum allerersten Mal in meinem Leben schuldig. Allein aus dem Grund, weil ich ein Mädchen war. Ich war das, was die Leute als Sensibelchen bezeichnen. Man konnte mir schöne oder hässliche Dinge sagen, ich vertrug selten ein Wort. Ich fühlte mich schnell berührt oder gerührt oder rührselig und vergoss oft eine Träne mehr als andere. Und meine unsichere, aber überaus fürsorgliche Mutter brachte dieses Tränenbündel besorgt zu einem Fremden, der über die Normalität eben jenes urteilen sollte. Fazit: Das ist normal. Mädchen sind Heulsusen. Von diesem Tag an, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als ein Junge zu sein. Natürlich kamen der Arzt, die Eltern und anderen Familienbanausen nicht auf die Idee, dass meine Feinfühligkeit normal sein könnte, weil es nun einmal normal ist, zu fühlen und Gefühle zu äußern und einige Menschen das einfach mehr tun als andere und dass ich das tue, weil ich glücklich bin oder traurig oder etwas ungerecht finde. Nein. Ich war ein Mädchen und die sind nun mal so, weil sie Mädchen sind. Aber auf keinen Fall, weil etwas tatsächlich schön oder schlecht oder ungerecht ist.

Ich wollte natürlich gar nicht wirklich ein Junge sein. Also zumindest nicht, weil ich lieber einen Penis gehabt hätte oder lieber kurzes Haar oder weil ich mich in meinem Körper falsch fühlte. Ich empfand nur schon damals, dass ich es als männliches Wesen sehr viel einfacher gehabt hätte. Und damit will ich keineswegs behaupten, dass Männer es leichter haben als Frauen. Es geht nur um mich. Aber ich weiß, ich bin viele. Ich wäre ein besserer Junge gewesen. Ich trug gern Hosen. Und ich trug gar nicht gern geflochtene Zöpfchen. Und ich wollte auch keine Barbie, sondern einen Basketball zum Geburtstag haben. Und wir so freie und offene Menschen denken jetzt, das ist doch alles kein Problem und Mädchen tragen Hosen und haben ungekämmtes Haar und spielen Basketball. Ja, das tun sie. Aber nicht, weil es selbstverständlich ist, nicht, weil es ihnen angeboten wird, nicht, weil man es von ihnen erwartet. Sie müssen das einfordern, sie müssen das durchsetzen, sie müssen darum kämpfen. Die Mutter kauft ein Kleidchen für die Kleine, die Großmutter mäkelt über die nicht vorhandene Frisur und der Onkel schenkt der Süßen eine Puppe und das alles ist nur gut gemeint. Und wenn die süße Kleine sich dann nicht freut über diese Großzügigkeit, diese stereotypische Behandlung, diese selbstsüchtige Liebe, ist das sehr undankbar. Und wenn die kleine Süße dann auch noch weint und schreit und andere Dinge fordert, dann ist das normal, weil Mädchen Heulsusen sind und zickig und hysterisch. Und weil ich es schon damals hasste, dieses Frauenbild einer hysterischen Zicke, passte ich mich an. Ich sagte Dankeschön und ging zum Ballett, ich posierte frisiert und adrett, ich verschluckte die Tränen und unterdrückte, wer ich war und sein wollte. Immer wieder. Und immer wieder ging es schief. Ich war nämlich ich.

Als ich allerdings noch naiv war, hatte ich die Hoffnung, es würde sich ändern, irgendwann, wenn ich groß bin. Oder etwas älter. Oder auf der nächsten Schule. Oder im Studium. Oder im Beruf. Aber. Es waren nicht nur die Eltern. Es war der Sportverein in meinem Dorf, der die Mädchen turnen und tanzen und die Jungen Fußball spielen ließ. Es waren wieder die Eltern, die sagten, dass Mädchen sich von Jungen küssen lassen, aber nicht mit ihnen auf Bäume klettern. Es war das Gymnasium in meiner Stadt, das Lehrer unterrichten ließ, die alle Mädchen Susi nannten und an Geschichte und Politik nicht wirklich beteiligten. Es waren wieder die Eltern, die sagten, dass Mädchen mit ihren Freundinnen Einkaufen gehen, aber nicht mit ihren Kumpels Musik machen. Es waren die Studenten an einer Uni in einem anderen Land, die Frauen nicht auf ihren philosophischen Debatten sprechen ließen, aber sie den Kaffee und den Kuchen beisteuern ließen. Es waren wieder die Eltern, die nicht verstanden, warum ich nicht wie andere Mädchen ins Kino gehen, sondern mir lieber Demonstrationen auf der Straße ansehen wollte. Es wurden mehr und mehr und mehr. Und ich passte mich immer noch an. Ich tanzte in der Schule und spielte am Nachmittag Fußball. Ich ließ Jungs mich küssen und baute heimlich Baumhäuser. Ich ließ mich Susi nennen und schwänzte den Unterricht. Ich kaufte mir Kleider und baute Joints in Bandproberäumen. Ich backte Kuchen und las große Denker. Ich kicherte mit Freundinnen und unterstützte Aktivisten. Ich versuchte, alles zu sein. Meine Bedürfnisse und die der anderen zu erfüllen. Das funktioniert mehr oder weniger gut, eine ganze Weile lang. Bis man täglich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer schluckt, um zu funktionieren oder sich am Wochenende weißes Pulver durch die Nase zieht, um sich stärker zu fühlen oder gelegentlich ein Glas Wein mehr trinkt, um einfach zu vergessen. Oder man macht das alles und noch mehr, was den Vorteil hat, dass der Zusammenbruch schneller kommt, aber den Nachteil haben könnte, dass der Zusammenbrauch tödlich ist.

Ich machte das alles und noch mehr, aber ich hatte nie einen derartigen Zusammenbruch, weil ich das alles und noch mehr immer rechtzeitig abbrach. Vielmehr breche ich mich durchs Leben. Durch Meinungen und Gesetze, breche Herzen und Regeln, bevor jemand oder das System oder das Leben es schafft, mich zu brechen. Weil es nie aufhört. Immer noch hasse ich das Frauenbild. Das Bild der hysterischen Zicke und eigentlich jedes Frauenbild, das existiert. Ich bin das nicht, aber die Stempel bekomme ich automatisch, wenn ich meine Bedürfnisse verteidige. Und es gibt so viele Frauenbilder, und mit keinem kann ich mich identifizieren, aber alle wollen einem was andichten und einen in Schubladen stopfen. Frauen sind entweder klug oder schön oder karrieregeil und kalt oder mütterlich und langweilig oder Bitches und billig oder Mäuschen und prüde, aber auf gar keinen Fall alles oder nichts davon. Oft frage ich mich, wie es wäre, wäre ich ein Mann. Ich denke, ich wäre viel weiter und hätte es in vielen Dingen leichter. Aber ich weiß auch, das ist gar keine Männer-und-Frauen-Sache. Das ist eine Schubladen-Sache. Eine Menschen-sind-engstirnig-und-dumm-Sache. Eine das-System-ist-immer-noch-ungerecht-Sache. Mittlerweile habe ich nicht mehr die Hoffnung, dass es plötzlich anders wird oder ist, nur weil ich größer, älter oder woanders bin. Aber ich habe die Hoffnung, dass immer mehr Menschen sich trauen, mit Konventionen und Erwartungen zu brechen, sich trauen, sie selbst zu sein, sich trauen, ihre Bedürfnisse zu hören und zu erfüllen, ganz egal, was die Eltern, die Lehrer, die Freunde, die Kollegen, die Partner, die Menschen sagen und denken. Ich will nicht einmal eine Feministin sein, obwohl ich sehr feministisch bin, weil ich nicht das von der Gesellschaft übernommene Bild einer unrasierten, unattraktiven Frau erfüllen möchte und mich auch sonst mit den Frauen, die sich als Feministin bezeichnen, nicht identifizieren kann und auch mit dieser weiteren Schublade brechen will. Ich will gar nichts sein, was irgendetwas entspricht, keine Mutter, keine Schriftstellerin, keine Hure, keine Frau. Mir ist das alles viel zu begrenzt, alles viel zu eng. Ich will das alles sein und nichts davon. Ich bin keine Feministin, aber ich bin ich.  

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