berkwerk 03.05.2007, 16:52 Uhr 4 3

Das Hui und das Pfui

Traktat über das Klappehalten – Wege zum Glück

Wenn einen frommer Wunsch und ein Herz aus Vollmilchschokolade zu der Annahme verpflichten, man müsse alle seine Mitmenschen lieb haben, kommt man oft an einen Punkt, an dem man ruft: ‚Manno! Klappt ja gar nicht!’

Viele Mitmenschen entpuppen sich nämlich bei näherem Hinsehen als Lieber-ohne-Menschen, denen das Herz aufzuschließen einfach nicht gelingen will, und so rennt man immer wieder an gegen verschlossene Pforten und prallt ab wie der Kopf eines Zeichentrickfilm-Irren an der Wand einer Zeichentrickfilm-Irrenanstaltszelle, vorausgesetzt der Irre ist aus Kautschuk oder sonst einem elastischen Material, sonst würde ihm ja der Schädel platzen wie eine reife Melone, oder er würde wie ein nasser Sack zu Boden sinken, der Irre, jedenfalls wenn er echt wäre.

Eine solchermaßen schwierig zu bewältigende Person lernte ich während eines Praktikums kennen. Da wir uns neben der Praktikumstelle auch das Bad in der gemeinsamen Unterkunft teilten, kam es öfters dazu, dass ich (arbeiten müssend) früh morgens von ihr (frei habend) auf dem Weg ins Bad Zentimeter vor dem Ziel in abgebrühter Eishockey-Manier zur Seite gerammt wurde und die Tür vor mir zuschlug, so dass meine Augenwimpern lustig im Winde flatterten. Von drinnen ertönte dann feixend ihre Stimme: „Da hätt’ste wohl früher aufstehen müssen!“

Weniger Friedfertige als ich hätten sich nun sicherlich den Weg mit der Axt gebahnt, um die rohgemute Dame hernach mit dem Müslilöffel fachmännisch auszuwaiden. Was man ja verstehen kann, irgendwie.
Aber auch bei mir sind sechs Wochen täglicher vergleichbarer Kalamitäten nicht dazu angetan, das Feuer der Leidenschaft für eine solche Charmespritze zu entfachen, sondern sorgen für Weißglut und Geduldsfadenkatarrh.

Mit dem Löffel bedroht oder auch nur derbe angeraunzt habe ich sie aber nie, denn in der Ursuppe ihres Tuns vermutete ich ja nicht korrekturbedürftiges Ungezogensein, sondern seelisch Defizitäres, und da mag man ja nicht zu schroff werden, sonst geht es gleich heul heul, auf die Brücke, in den Fluss, tot.

Auf Dauer ist ein solcher Zustand jedoch, wie wenn man einen Popel in der Nase hat und sich nicht traut, sich endlich die Nase zu putzen – ein unangenehmes Gefühl. Ein sehr unangenehmes.

Geradezu erlösend kann es deshalb sein zu entdecken, dass man die betroffene Person auch unter Zugrundelegung strengster ethischer Maßstäbe gar nicht mögen muss! Weil sie nämlich irgendeine faule Stelle hat, welche den Verbleib im sozialen Miteinander objektiv unmöglich macht.

Das ist wie bei Äpfeln. Manche sehen ja gar nicht mehr lecker aus, wenn sie ein paar Jahre in der Obstschale rumgelegen haben und erste Pubertätspickel bekommen. Andererseits – wegwerfen geht ja nicht. Wegen Afrika. Also reingebissen, runtergewürgt, Lebensfreude futsch.
Wie ist da die Freude groß, wenn sich auf dem Apfel eine faule Stelle findet. „Ha – faule Stelle! Weg mit dir, du schändliche Frucht!“ ruft man frohgemut und greift zum kindergartenfrischen Nachbarn.

So ist es auch bei den Mitmenschen.
„Ach, der Herr ist Nazi!“ „Die Dame trägt Birkenstock! Wusst ich’s doch, da stimmt was nicht!“ jubelt man wie angesichts des Zusammentreffens von Taschentuch und Fortissimo des Orchesters, und mit Schwung und Genuss schnäuzt man den Unsympathenrotz in den Popelhades bzw. ein schneeweißes Zewa Softi. Der rote Knopf ist gedrückt, der Nervling weg und der innere Friede wieder hergestellt.

Auch Zeit sparen tut man sich so oft. Als vor Äonen ein Popliterat als neue Lichtgestalt am deutschen Literaturhimmel ausgemacht wurde, konnte ich tage- und nächtelang nicht schlafen, denn in mir brodelte die Ungewissheit. ‚Der Popliterat – ojemine, der Popliterat! Was tun? Wie finden? Und was ist überhaupt ein Popliterat? Hilfe, der Popliterat!’

Bei solchen Himmelsphänomene weiß man ja hinterher nie, ob da oben überhaupt etwas war oder ob man auf die Suchscheinwerfer der nächsten Disko hereingefallen ist, im Falle der Popliteratur ja durchaus naheliegend. Das ist nicht schön. Deswegen war’s ein Freudentag, als ich las, das Phänomen habe sich irgendwo über einen von mir sehr verehrten Autoren lustig gemacht – knips! und schon hatte es sich selbst ausgeknipst, das Phänomen, ich musste den Himmel nicht mehr absuchen und habe keine einzige Zeile von diesem lästermäuligen Popliteraten je gelesen. Und dadurch sicherlich viel Zeit gespart.

Bei Freunden gilt das mit den faulen Stellen übrigens nicht. Die muss man nehmen, wie es kommt. In dem Film „Trainspotting“ von Danny Boyle zählt die Hauptfigur Mark Renton alle schlechten Eigenschaften eines ihm bekannten Gauners auf, aber anstatt ihn zu verpfeifen zuckt er mit den Schultern und sagt: „Aber er war unser Kumpel. Was soll man da machen?“

Das trifft den Kern. Denn Freundschaften sind sozusagen sanktionslose Zonen, in denen man nicht ständig bewacht, bewogen und bewertet wird. Ausgeschimpft wird man natürlich schon ab und zu, aber dies vollzieht sich quasi isoliert und ohne Infragestellen der ganzen Person. Zum Glück hat mich das Leben mit ein paar Kameraden ausgestattet, deren schändliche Energie sich darin erschöpft, meistens kein Bier kaltgestellt zu haben, wenn ich vorbeikomme.

Zu viele rote Knöpfe darf man aber auch nicht haben, denn von einem großen Herzen und einem offenen Geist zeugen die ja nicht so richtig. Wenigstens sollte man es die Fortgerotzten nicht merken lassen, dass sie gerade ins empathische Jenseits befördert wurden, denn man muss ja nicht unnötig grob sein.

‚Soso, außen hui und innen pfui, der feine Herr!’ schimpft der Volksmund da, und wer den Volksmund kennt der weiß: der kann nicht nur ganz schön schimpfen, sondern hat oft auch ganz schön Mundgeruch, weshalb es oft sinnvoll ist, auf Distanz zu gehen, wenn er das Maul aufreißt, der Volksmund.

So ist es auch hier. Denn das mit dem außen hui und innen pfui stimmt in meinem Fall ja nicht so ganz, jedenfalls was das hui angeht, denn ich habe ja gerade offiziell zugegeben, dass ich vielleicht doch ab und an mal den ein oder anderen finsteren Gedanken in Richtung Mitmenschen schicke. Da hat sich das pfui durch das hui gebohrt und lugt frech in Freiheit und soziales Durcheinander.
Dies wird von mir ausdrücklich missbilligt.
Es ist nämlich ein Ammenmärchen und in Ratgeberbüchern mit lilafarbenen Einbänden verbreiteter Irrglaube, dass man negative Gefühle immer und stets rauslassen und anderen immer sagen müsse, was man denke.
Ganze Schulhöfe wären übersäht mit verweinten Mädchengesicherten und blutig geschlagenen Burschen, wenn letztere ersteren immer vor Augen führen würden, was sie, die Burschen, sich denn nun eigentlich unter einem gemeinsamen Abend ohne Eltern vorgestellt hätten und dass das ja nun nicht gerade in die Rubrik „Fotoalben-Durchblättern“ fallen würde.
Und hätten die aufgebrachten Väter der aufgeknöpften Mädchen das Gefühl, die ungehobelten Klötze gleich noch ein wenig zurecht hobeln zu müssen, auf dass der Blick in den Spiegel ihnen fortan rotblaues Mahnbild ihrer Sündhaftigkeit sei, dann wäre das ja nun auch nicht gerade ein Impuls, dem nachzugeben Applaus und neue Schulterklappen einbringen würde, da kämen keine Agenten religionsgemeinschaftszugehöriger Produktionsfirmen und böten den väterlichen Ehrbewahrern eine Milliarde Euro für die Filmrechte an ihrer Tat. Vielmehr würde man erst mit dem Finger und dann mit dem Schwert der Justitia auf sie zeigen und dann ginge es – tatütata – ab in den Bau, hinter Schwedische Gardinen, auf staatlich bezahlten Urlaub, in den Kerker, ins Kittchen, in der Karzer womöglich oder zu einer 20-jährigen Horrorstrafe auf Monster Island. Und das zu Recht!

Jedenfalls seine schlechte Laune kann man ja für sich behalten. Die hat nämlich meistens ohnehin nichts mit dem sozialen Gegenüber zu tun, sondern ausschließlich mit dem Muffel selbst. Schlecht geschlafen, schlecht gegessen, schlechter Trip – mehr ist es ja meistens gar nicht. Wer jetzt trotzig „Oh doch!“ ruft und wütend mit dem Füßchen auf den Boden stampft, der schlafe einmal richtig aus, setze sich an einem sonnigen Tag mit seinem Lieblingsbuch oder Lieblingsmenschen im Schatten eines Baumes an ein munter plätscherndes Bächlein oder im Schatten eines Sonnenschirms an ein munter plätscherndes Bierfass. Er schließe die Augen, atme einmal tief ein und wieder aus und frage sich dann, gegen wen oder was er denn nun noch Groll hege. Ich behaupte mal einfach mal frech, dass in 90 bis 95 Prozent aller Fälle der Groll futsch ist. Weg. Fort. Erledigt. Mausetot. Abgegangen zu seinen Ahnen. Der Groll wäre ein gewesener.
Und nur wer dann sagt: ja, fein geht’s mir schon, aber ein kleines Wölkchen ist da trotzdem noch, ein Objektive-Lebensumstände-Bedingtes, da nützt das ganze mich-stimmungs-und-wolkenmäßig-in-die-Sahahra-versetzen nix, ja, DER darf sich natürlich ein paar finstere Bemerkungen erlauben.

Hier wird jetzt natürlich verständnislos geguckt, ja geglotzt und gesagt, man müsse ja wohl noch Druck ablassen dürfen, sonst kriege man Magengeschwüre und sterbe einen frühen Tod.
Ich aber sage: Vorsicht! Wer Rohes spricht, der hat die Tür zum rohen Tun weit aufgestoßen; vom Wort zum Mord ist’s nur ein kleiner Schritt, was einmal gesagt ist, steht im Raum, man kann sich daran stoßen und schon fliegen die Fäuste. Auch Worte können ja verletzen, und dass die Feder mächtiger sei als das Schwert, ist eine Behauptung so alt wie die Schreibkunst.

Nun wird hastig beschwichtigt: Man müsse ja niemanden gleich niederknüppeln, nicht mit Worten, und mit Knüppeln natürlich schon gar nicht, aber nicht alles in sich reinfressen, das sei wichtig, sich zu wehren und auch mal kontra zu geben, und schnell entsteht die Skizze eines verhärmten Weibes im Käthe-Kollwitz-Kostüm, welches angesichts der ehemännlichen Grobheiten immer nur schwieg und duldete und sich schließlich mit einem Mühlstein um den Hals im Dorfweiher ertränkte.
Jaja sage ich da, armes Weib, böser Mann, blöder Mühlstein, das ist natürlich nicht schön, aber es sagt ja auch niemand, dass man nichts sagen soll sondern nur einer, nämlich ich, dass man deswegen aber nicht gleich immer alles sagen muss. Und schon gar nichts böses.

Eine letzte Stimme erhebt sich und grummelt: „Aber es heißt doch, dass gute Mädchen in den Himmel kommen, und böse überall hin!“ Darauf erwidere ich barsch: Ja, und das schließt Gefängnis und soziale Ersatzbank mit ein, wo auch der Mann von der Frau mit dem Mühlstein hingehört. Der dachte nämlich auch immer, er müsse ja wohl dürfen wie er wolle, wenn er sie verdrosch!

Am besten bleibt es daher, erst gar nix böses zu denken, und wer das Gefühl hat, es müsse ihn dann innerlich zerreißen, der kann ja mal in sich kehren und den Dreck rausfegen – aber schön ins Klo damit und nicht in den Hausflur oder raus aus dem Fenster und den anderen aufs Haupt. Ist eigentlich auch ganz einfach: ausreichend Schlaf, Sonne und Bewegung und was Lustiges zu lesen auf dem Nachttisch. Ab und an ein Bier und gute Musik sind auch nicht schlecht. Im Winter ein heißes Bad. Und schon ist man immer glücklich und zufrieden.

Na gut, ganz so einfach ist es vielleicht doch nicht immer, ich habe ja auch ein paar rote Knöpfe gebeichtet, aber bevor man mir das nachweisen kann, sitze ich schon mit gefälschten Papieren in der Tasche und einem falschen Bart im Gesicht auf einem Esel auf dem Weg über die mexikanische Grenze. Dort geht es lustig zu. Der Lebenslustigkeitsquotient der Mexikaner liegt nämlich erheblich über dem des durchschnittlichen Kontinentaleuropäers, sagen Forscher. Noch zufriedener sind demnach allerdings die Brasilianer. Herausgefunden haben die Forscher dies, in dem sie das Schritttempo der Menschen der Welt maßen: wo langsam geschritten wird, sei man zufriedener als an den Stätten rastlosen Hastens, sagen sie. Das habe in erster Linie mit dem Industrialisierungsgrad und dem Reichtum der untersuchten Länder zu tun, aber auch mit dem Wetter. Ich gebe zu bedenken: alle Schweden sind furchtbar nett (wirklich alle!), obwohl Schweden ja nun reich, aber weit außerhalb des tropischen Gürtels liegt. Auf Korsika sind die Menschen nicht so reich, dafür sonnenbeschienen. Jedoch sagt jeder mir bekannte Korsika-Reisende, die Eingeborenen seien das Pampigste, was einem außerhalb postsozialistischer Gefängnisse und Postämter begegnen könne.
Am glücklichsten sind oben genannter Studie zufolge angeblich die Menschen auf den Philippinen. Die müssten folglich am langsamsten gehen. Das kann schon sein, denke ich, denn dort tragen die Menschen immer diese Plastikschlappen, und mit denen ist ja nun wirklich nicht gut durch die Felder spurten.
Kehren wir nun aber zurück in heimatliche Gefilde. Wenn einer hier, bedrängt von Reichtum, Frost und rauschhafter Geschwindigkeit vom gelegentlichen Bösesein nicht lassen kann, dann sei dies von einer Dezenz wie die Äußerung eines bekannten Ministerpräsidenten, der den Fernsehduellauftritt einer zu ihrer Zeit nicht minder bekannten Kanzlerkandidatin kommentierte, in dem es hauptsächlich um Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik ging. Es sei ein sehr guter Auftritt gewesen, lobte der Ministerpräsident, denn sie habe überhaupt nichts falsch gemacht, und was sie zur Familienpolitik gesagt habe, fände er bärenstark.
Und will man einen maliziösen Ministerpräsidenten für solches Tun rügen, schimpfe man ihn nicht gleich so wie ein junger Abgeordneter in Turnschuhen den damaligen Bundestagspräsidenten titulierte. Öffentlich bespucken muss man ihn auch nicht. Man darf ihn sogar grüßen. Oder ihm bei Empfängen auf die Schulter klopfen. Dann aber bitte so, dass fortwährend der Sekt aus seinem Glas und ihm auf die Hose schwappt und er eine geschlagene Stunde nicht dazu kommt, sich das Lachs-Kanapee in den Mund zu schieben. Dieses wird in seiner Hand immer weicher, bis ihm die breiige Masse die Finger verschmiert. Wenn er die dann dem Ministerpräsidentenkollegen, der vorbeieilenden Kanzlerin oder seinem Führer zum Gruß entgegenreckt, weichen die so Begrüßten angewidert vor dem Befleckten zurück. Die stets aufmerksame Presse kriegt das mit, und sich bei gesellschaftlichen Anlässen sehen lassen ist für den Landesvater nun nicht mehr drin, weshalb er auch die nächste Wahl verliert und dann jeden Abend zu Hause hockt und endlich Zeit hat, sein schändliches Tun zu überdenken.

Loskrakeelen ist also nicht immer nötig, und wer Sanftes und Nettes zum Grundstock seines Erinnerungsvermögens macht, kann später von den Zinsen leben.

Ich zum Beispiel denke gerne an meine Mitpraktikantin zurück. Von mir stets gut behandelt guckte sie mir eines Tages über die Schulter, während ich Fotokopien machte, und es ergab sich folgender Dialog:
„Was machst du denn da?“
„Fotokopien.“
„Ach so.“ Pause. „Das ist ja interessant.“

Darüber muss ich heute noch lachen.

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4 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    grossartiger Stil, aber meines Erachtens ein wenig lang geraten.

    04.05.2007, 18:37 von farbenkind
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    Sehr sehr toller Text. Ich mark deine Art zu schreiben;)) und endlich mal einer, der es ausspricht spricht wie es ist.
    Von mir ein "Danke" ;))

    lg

    03.05.2007, 20:52 von Streicherin
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    wow, Respekt für diesen Schreibstil

    03.05.2007, 19:58 von Mr.Jack
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