HaseImFuchsfell 16.04.2018, 15:03 Uhr 1 2

Das gute alte Bauchgefühl

Eine Hilfe, wenn die eigenen Feminismus-Ideale Verwirrung stiften, anstatt Klarheit zu schaffen.

In den letzten Tagen und Wochen hat der Frühling sich deutlich bemerkbar gemacht. Und wie das alljährlich so ist, wenn das Wetter besser wird und die Temperaturen steigen, so wird auch die Kleidung dünner und eventuell kürzer. Wenn man sich dann nach Monaten in warmer Winterkleidung seinen Frühlingssachen nähert und bei über 20 Grad vielleicht sogar ein Kleid aus der hintersten Ecke des Schranks zieht, kann es sein, dass man als Frau denkt, dass man noch etwas tun muss, bevor man in dem Kleid das Haus verlässt. Die Rede ist vom Beine rasieren.

Nachdem die letzte Zeit geprägt war von Beiträgen zum Thema Feminismus und es auch immer noch ist, kommt der ein oder anderen Frau bestimmt der Gedanke, ob man sich die Beine überhaupt rasieren sollte. Wenn man nämlich mal ehrlich ist, macht es den meisten Frauen  keinen Spaß. Rasieren kann zu Irritationen führen ganz zu schweigen von den Schmerzen, die beim Wachsen oder Epilieren unvermeidbar sind. Natürlich trifft das nicht auf jede Frau zu und manchen macht es vielleicht nichts aus, aber vielen geht es wahrscheinlich schon so oder so ähnlich.

Man steht jetzt also vor der Wahl sich die Beine nicht zu rasieren, was bequemer wäre. Der Grund, der einen aber davon abhält, sind die verurteilenden Blicke der anderen. Zumindest, wenn man dunkle und starke Beinbehaarung besitzt. Man wird wahrscheinlich angestarrt werden, weil es von vielen Männern und Frauen nicht als schön empfunden wird. Und selbst wenn man nicht angestarrt wird, wird man wahrscheinlich Angst davor haben, angestarrt zu werden. Angestarrt und im nächsten Schritt verurteilt. Nach dieser Abwägung folgt dann die Entscheidung, ob man es tut, oder nicht. Manchen mag dieses Dilemma als Nichtigkeit erscheinen und wahrscheinlich haben sie Recht. Es sind nur Beine und vielleicht guckt noch nicht einmal jemand hin. Und selbst wenn dann eine fremde Person hinguckt, weiß man noch längst nicht, was diese denkt. Und selbst wenn diese Person einen dann doch verurteilt, kann es einem egal sein. Eigentlich weiß man das auch, wenn man mal kurz in sich hineinhorcht.

Das eigentliche Dilemma besteht aber nicht in der Frage, ob man sich die Beine rasieren sollte oder nicht.  Eine Frage, die einen nach dem Lesen so vieler feministischer oder anti-feministischer Beiträge der letzten Monate in den Sinn kommen kann ist, was will ich denn eigentlich wirklich? Was finde ich denn schöner? Und wenn es die rasierten Beine sind, die ich schöner finde, tue ich das, weil mich das vorherrschende Schönheitsideal geprägt hat? Und wenn dem so ist, hat es mich geprägt, weil ich eine Frau bin? Ist ein Schönheitsideal generell schlecht? Diese Fragen lassen sich immer weiterstellen, aber man könnte sie alle in der Frage zusammenfassen: Wo ist meine Meinung in dem Konflikt um diese Frage? Es kann schwierig sein zu erkennen, ob man seine bisherigen Praktiken des Feminismus-Prinzips wegen über Bord wirft, oder weil man wirklich darunter gelitten hat. Wenn man vom Feminismus überzeugt ist, beinhaltet das, vieles zu hinterfragen. Wenn man aber immer weiter Fragen stellt, wie oben beschrieben, gerät man irgendwann an die eigene Grundessenz. Dann ist es nicht mehr einfach zu beantworten, was man denn tatsächlich schöner findet, weil man nicht mehr beurteilen kann, ob die eigenen Beurteilungskriterien auf Rollenbildern beruhen, die benachteiligend sind. Vereinfacht: Wenn ich rasierte Beine schöner finde, ist dieses „finden“ echt oder ein (Geschlechterrollen-) Konstrukt? Man gerät an einen Punkt, wo es um philosophische Grundfragen geht, die das menschliche Denken betreffen und das nur wegen ein paar Haaren an den Beinen. Wenn man bei jedem Thema, welches vom Feminismus tangiert wird, dorthin gelangt, dann kann einen das schnell an den Rand einer Identitätskrise führen. Dagegen sollte man sich ein Hilfsmittel schaffen.

Ein Hilfsmittel, um aus diesem tiefsten Winkel des Denkens herauszukommen könnte es sein, sich zu fragen, wann man auf Grund des eigenen Geschlechts wirklich Dinge getan hat, die man nicht tun wollte, zu denen man sich gezwungen gefühlt hat und die einem falsch vorkamen. An diesem Punkt kann man dann ansetzen und versuchen sein Bauchgefühl in Zukunft nicht zu verdrängen. Dabei sollte man das Bauchgefühl aber als solches akzeptieren und dessen Konstruktion einfach als Instanz hinnehmen. Das ist dann auch nicht mehr auf körperliche Fragen beschränkt und ebenso wenig auf Frauen. Es könnte schlichtweg eine Hilfe sein für alle, die dazu neigen, zu zerdenken.


Tags: #Feminismus, #Alltag, #Körper
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1 Antworten

Kommentare

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    "Zerdenken" ist hier das Stichwort.
    Und bidde nich die Achillessehne aufschnibbeln beim Rasieren, dat blutet wie sau, ich sach dir dat!

    18.04.2018, 11:45 von TrustYourself
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