Das Geschenk (2)
Wenn man auf die Wohltätigkeit der Leute angewiesen ist, lernt man eine Lektion ganz schnell: Almosen verdient nur der, der Demut zeigt.
Willi hat keine Kinder. Es hat sich einfach nicht so ergeben. Als er jung war, galt er als Frauenheld und war stolz auf diesen Ruf. Hätte er damals gewusst, was es bedeuten kann, wenn einem der Ruf vorauseilt, wäre er in Sachen Frauen wohl wirtschaftlicher vorgegangen. Hätte sich zu mehr Geduld ermahnt - mit dem Weibsgeschlecht und mit sich selbst.
An Geduld mangelt es ihm heute nicht mehr. Bestünde Interesse daran, er könnte sie eimerweise abfüllen und in der Fußgängerzone ein gutes Geschäft damit machen. Er steht für einen Teller Suppe an und mault dabei kein einziges Mal. Er hat Zeit und könnte er die gegen mehr als eine warme Mahlzeit, einen Schlafplatz oder eine Kleiderspende eintauschen, wäre er ein gemachter Mann.
Alles ist eine Frage der Zeit. Die Leute wissen das, aber sie verstehen es nicht. Willi besitzt keine Uhr, er misst Zeit in Ereignissen, nicht in Sekunden, Minuten oder Stunden, die dazwischen vergehen. Er hat keine Termine und trifft keine Verabredungen, es gibt kaum noch Verbindlichkeiten für ihn, die sich an irgendwelche Zeiten bänden. Er denkt nicht mehr darüber nach, was für ihn wichtig ist, er weiß es. Dodo zum Beispiel. Er mag es, mit ihr zusammen zu sein. Eigentlich ist das die Hauptsache. Punkt. Um den Punkt herum jedoch formiert sich die Gewissheit, das Zusammensein mit ihr zu schätzen, weil sie seine Fürsorge zu schätzen weiß. „Du machst mir den Hof.“, hat sie einmal festgestellt. Auch das kommentierte er nicht. Er fand es nur schön, dass sie es merkte und bemerkte.
Für jemanden wichtig zu sein, das wird umso wichtiger, je mehr man sich selbst zu verlieren droht.
Willi weiß, dass Handys vom Laster fallen. Einfach so. Alles nur eine Frage der Zeit. Wenn er mit Dodo auf der Bank sitzt oder neben ihr für irgendetwas ansteht, wenn er sie auch nur in Gedanken betrachtet, dauert es nicht lange, bis sie, zuerst verstohlen, an ihre Manteltasche fasst. Später dann sieht er ihre Hand in das Innere greifen, er weiß, dass sie sehnsüchtig über den Einband aus Papier streichelt und sich wünscht, das Telefon möge klingeln. Doch immer bleibt es still. Je länger es still bleibt, desto gesprächiger wird Dodo. Sie redet gegen die Enttäuschung an, als könnte sie sie damit kleinreden. Dass ihr das nie gelingt, sieht er ihrem Gesicht an, wenn sie glaubt, er sähe weg.
Willi sieht niemals weg. Kennte sie ihn ein wenig länger, wüsste sie das.
„Neuseeland.“, sagte sie an einem stürmischen Nachmittag Anfang November. Es klang, als spräche sie über den schwärzesten Punkt der Hölle. Da wusste Willi, er musste und würde etwas tun.
Zunächst einmal wartete er. Die Kunst des Wartens besteht, ähnlich wie beim Fliegen, darin, zu vergessen, was man tut, warum man es tut und dass man es tut. Natürlich braucht man dazu eine Menge Zeit, Geduld und nach Möglichkeit einen Stuhl. Einen alten Klappstuhl zu organisieren, war nicht schwierig, Gemeindehäuser stehen voll davon. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, sie vermehrten sich dort.
Willi platzierte den Klappstuhl in einem kleinen Waldstück, das von der Autobahn halbiert wird. Er setzte sich so zwischen die Bäume, dass kein herannahendes Auto ihn davon unterscheiden konnte, während er freie Sicht auf den Verkehr hatte. Er saß einfach da, Stunde um Stunde, reglos zuerst vor Konzentration, später vor Unterkühlung, und wartete darauf, dass ein Laster seine Fracht verlöre. Willi ist nicht naiv, er denkt nur manchmal etwas verspielt. Warum auch nicht, er kann es sich leisten. Alle zweieinhalb Minuten verschwinden Waren von LKW, das hat er kürzlich beim Anstehen im Radio gehört. Brummifahrer verdienen sich ein Zubrot durch das absichtliche Verlieren eines überschaubaren Teils ihrer Fracht. Wer warten kann, hat irgendwann Glück. Der November schritt voran und beschied Willi nichts davon. Alles, was ihm die Stuhlsitzerei einbrachte, waren eine Erkältung und eine nervöse Niere. Wollte er bis zum Fest erfolgreich sein, musste er sich etwas anderes einfallen lassen.
Möglicherweise war es Zufall, dass er eines Morgens Herrn Kramer begegnete, vielleicht aber auch nicht. Herr Kramer stand mitten in der Fußgängerzone und verteilte Handzettel. Willi saß nur wenige Schritte entfernt auf einem Straßenpoller und sah ihm dabei zu.
Der Mann trug einen viel zu dünnen Mantel und einen Schal, der dekorativ war, aber bestimmt nicht wärmte. Die Geschäftsstraße war erst wenig belebt und die wenigen Leute, die sich einen der Zettel in die Hand drücken ließen, schmissen ihn ungelesen in den nächsten Abfalleimer. Punkt zehn öffneten die ersten Buden des Weihnachtsmarktes. Der fiel in diesem Jahr deutlich üppiger aus als in den Jahren davor. Auf dem Marktplatz und entlang der Fußgängerzone drängten sich die kleinen Häuschen dicht an dicht. Alles war aufwändig und übergenug geschmückt mit bunten Girlanden und Lichterketten, überall glitzerte und funkelte es und aus allen Himmelsrichtungen schlichen sich spätestens ab der Mittagszeit blecherne Klangfetzen beliebter Weihnachtslieder an.
Der Duft gebrannter Mandeln und Nüsse vermischte sich mit Gerüchen nach Deftigem, nach Zwiebelfleisch, Räucheraal, Kartoffelgebäck und unterschiedlichen Eintöpfen. Anisaromen mischten sich darunter, Buketts aus Lebkuchen, Marzipan und Schokoladencrêpes und über allem schwebte das scharfe Parfum überwürzten Weines. Es roch nach Zimtnelken, Bitterorangen, Himbeeren und Honig, ertränkt und gesotten in dampfenden Töpfen und Kesseln hochprozentigen Alkohols.
Willi ist kein Trinker, er ist es genauso wenig wie der Nachbar von nebenan, der von seiner Arbeit zu ermüdet ist, um Entspannung jenseits von drei oder vier Feierabendbieren zu finden. Er ist es nicht mehr als jede Spatzmutter, die ihr Kind allein zu Bett bringt und sich einsam fühlt, sobald sie die Kinderzimmertür leise hinter sich geschlossen hat. Deren Abend ein langer ist, den sie zwischen Telefon, Fernseher und Computer verbringt, während eine Hand auf irgendetwas herumtippt und die andere sich an einem Glas Rotwein festhält, das so lange zu einem Viertel aufgegossen wird, bis die Flasche leer ist.
Willi denkt, dass es schließlich einerlei ist, wer sich nun mit welchem Gift befüllt, um schlafen oder aufwachen zu können. Man zeigt nur am liebsten auf die, die entweder so klein sind, dass sie hinter der Fingerkuppe verschwinden oder groß genug, um sich an einem Kratzen nicht zu stören.
Herr Kramer gehört zu den Menschen, die sich gerne kratzen lassen. Er funktioniert nur, wenn er zu spüren bekommt, dass die Konkurrenz nicht schläft, die Börse nie pausiert und die Welt sich unablässig dreht. Sein Lächeln ist aus Plastik, seine Bewegungen fahrig, er spricht zu schnell und an seinen Magenwänden brechen ständig Geschwüre auf. Als die Markthäuschen sich nach und nach mit frierenden und mehrheitlich schlechtgelaunten Aushilfsverkäufern besetzten, hatte er einen halben Liter Kaffee, zwei Koffeintabletten und zu viele Zigaretten gefrühstückt.
Willi beobachtete ihn dabei, wie er unentschlossen von einer Bude zur nächsten spazierte, das feine Aktenmäppchen mit den Flyern unter den Arm geklemmt, gegen den scharfen Wind blinzelnd. An einem der Stände blieb er schließlich stehen, deutete links und rechts auf die Auslage und lächelte untersetzt, weil die Verkäuferin es auch tat. Ohne genau zu wissen, was er selbst im Schilde führte, erhob Willi sich von seinem Poller und schlenderte, einen bewusst abwesenden Gesichtsausdruck aufsetzend, auf Herrn Kramer zu.
Wenn man auf die Wohltätigkeit der Leute angewiesen ist, lernt man eine Lektion ganz schnell: Almosen verdient nur der, der Demut zeigt. Das gilt besonders für die Adventszeit. Aggressive Bettler, die mit dreister Masche überrumpeln, kommen damit nicht weit. Für die öffnet keiner zweimal das Portemonnaie. Willi ist schon so lange im Geschäft, dass er jeden Trick kennt und weiß, welcher wem am besten zu Gesicht steht. Er ist der klassische, der zeitlose Typ. Ein Tippelbruder, wie man ihn in Büchern oder auf Bildern findet, auf Fransendecken still im Abseits sitzend, das verhärmte Gesicht leicht zu Boden geneigt, die welken Lider über den verwaschenen Blick gesenkt. Die Beine verkreuzt, ein braunes Pappschild wie den einzigen Besitz an den Schoß gepresst: „Bin in Not, bitte um kleine Spende. Vielen Dank!“
So passt er in die Weltordnung der mehrheitlichen
Menge und das muss er unbedingt, wenn er überleben will. Zu mehr reicht der Ertrag im Plastikbecher schon
lang nicht mehr aus. Es fehlt den Leuten nicht an Kleingeld, dessen sie nicht ein
paar Münzen entbehren könnten. Es fehlt ihnen auch nicht an Mitgefühl und
Nächstenliebe. Was sie verloren haben, ist ebenso wenig der Glaube daran, mit
kleinen Gesten des Großmuts und der Barmherzigkeit die Welt zumindest ein wenig
zu verbessern. Es ist schlicht der Wille dazu.
Die Menschen sind mürrisch geworden. Nicht des Schenkens müde, sondern der Ausbeutung überdrüssig. Sie fühlen sich ausgenommen und betrogen und in ihrer Ohnmacht bestrafen sie nach unten, nicht nach oben. Das ist nicht anders als in den meisten Familien, den Kleinsten trifft der Stock an empfindlichster Stelle.






Kommentare
"Kennte sie ihn ein wenig länger,.." Kennte?
04.12.2011, 18:08 von nyx_nyxAnsonsten find' ich den, wie Teil1 auch, wirklich gut.
Da ist mir wohl der Finger ausgerutscht. Es muss natürlich "könnte" heißen. *grien*
04.12.2011, 18:14 von VarekesIch überlege noch, was mich veranlasst, meine Kopfhörer beiseite zu legen, wenn ich Dich lese.
02.12.2011, 19:47 von KokomikoOhne es abschließend sagen zu können, meine ich, dass der Text mich auf seine Ebene einregelt.
Ganz unangestrengt geht das über die Bühne. Es bewegt sich, es riecht, es klingt, es spricht. Es lebt. Es lebt so richtig.
Ich finde es jetzt, auch nachdem ich es 3 mal gelesen habe, davon 2 mal mit dem ersten Teil vorweg, stilistisch und inhaltlich makellos.
..irgendetwas..jetzt lese ich einmal die Seite 1. Vielleicht komm ich dann drauf, was es ist. :-)
Ganz ausgezeichnet.
Wüsst ich's nicht besser, ich würde sagen ihr beiden macht euch Liebeserklärungen via NEON.
02.12.2011, 20:48 von SasaliObwohl, ich weiß es ja nicht mit Bestimmtheit...
Bitte nicht mit dem Wagenführer sprechen
02.12.2011, 21:02 von KokomikoDoch, ich darf, es war grad eine Haltestelle, und wenn der Bus steht, dann darf man. Hab ich dazu gelernt.
02.12.2011, 21:08 von Sasaliein berührender und nachdenklich stimmender text... gefällt, auch aufgrund deines tollen schreibstils!
01.12.2011, 01:44 von Coleneich will willi gernehaben.
29.11.2011, 22:29 von MiZa."Für jemanden wichtig zu sein, das wird umso wichtiger, je mehr man sich selbst zu verlieren droht."
Gewartet und kein bisschen enttäuscht. Merci.
27.11.2011, 12:51 von Sterling4ever"Er steht für einen Teller Suppe an und mault dabei kein einziges Mal." - Berührt und macht Willi sehr liebenswert.
"Der Duft gebrannter Mandeln und Nüsse vermischte sich mit Gerüchen nach Deftigem, nach Zwiebelfleisch, Räucheraal, Kartoffelgebäck und unterschiedlichen Eintöpfen. Anisaromen mischten sich darunter, Buketts aus Lebkuchen, Marzipan und Schokoladencrêpes und über allem schwebte das scharfe Parfum überwürzten Weines. Es roch nach Zimtnelken, Bitterorangen, Himbeeren und Honig, ertränkt und gesotten in dampfenden Töpfen und Kesseln hochprozentigen Alkohols."
Hmmm. Wunderbar! Diese Dufteindrücke sind ganz großartig beschrieben und tragen zu der besinnlichen Atmosphäre des Textes bei. *Grenouille aus DAS PARFUM* hätte seine wahre Freude daran gehabt.
Warte nun gespannt auf Teil III.
26.11.2011, 14:50 von Jackie_GreyEinfach richtig gut!
26.11.2011, 05:30 von DesillusionToll! Mir gefallen die zwei Teile dieses Artikels außerordentlich! Sehr gut! Und ich muss mich leider in dem letzten Absatz stellenweise wieder erkennen.
und auch:Mich, und viele, zu viele, anderen auch...
Zwei Absätze, bzw. Sätze sind mir direkt ins AUge gefallen:
25.11.2011, 21:40 von topfbluemchen