Dominik_Schuette 13.11.2007, 18:15 Uhr 0 1

Das Ende der Strafe

»Lebenslänglich« bedeutet in Louisiana wirklich: Haft bis zum Tod. Das größte Hochsicherheitsgefängnis der USA hat daher ein STERBEHOSPIZ eingerichtet

Ein Ausläufer des Highway 61 war das letzte Stück Erde, das George Alexander von der Außenwelt sah. Zerschmetterte Gürteltiere liegen im Graben, spanisches Moos lässt die Bäume Trauer tragen. Unter dem Gefängnisbus rauschen gelbe Straßenmarkierungen durch, dann endet die Straße am Tor des größten Hochsicherheitsgefängnisses der USA: Louisiana State Penitentiary, kurz: »Angola«. Eine Gefängnisfarm, benannt nach der Herkunft der ersten Sklaven, die von der afrikanischen Küste hierher in den Süden der USA verschleppt worden waren. Schmale Straßen führen schnurgerade vorbei an Feldern, auf denen heute Häftlinge des Gefängnisses schuften. Die Sonne brennt auf einen Golfplatz, den Friedhof, eine Rodeoarena und den Trailerpark fürs Personal. Angola ist größer als Manhattan.

Im Flimmern am Horizont taucht das Hauptgefängnis auf. Ein riesiger Bau, von dem Schlafsäle wie Abfluggates wegragen. In jedem Saal stehen 64 Betten in Viererreihen, ein paar Ventilatoren drehen müde ihre Runden. 2500 Gefangene verbringen hier ihre Nächte. In fünf weiteren umzäunten Camps sind noch mal so viele unter gebracht. 5108 Menschen leben in Angola. Drei von ihnen werden bald sterben, und George Alexander ist einer von ihnen.

Ein Generationenvertrag

Im Gefängnishospital riecht es wie in jedem Krankenhaus. Von vier Wachtürmen aus wird das Areal überwacht. Wenn die Sozialarbeiterin Melody Spragg an ihren Arbeitsplatz möchte, muss sie klopfen. Dann steht ein Wachmann auf, läuft ein paar Meter durch den medizinischen Schlafsaal, öffnet der hübschen blonden Frau die Tür und schließt hinter ihr wieder ab. Spragg koordiniert das Hospizprogramm. Die alten Knastbrüder nennen sie liebevoll »Miss Melody«. Auch George. Inzwischen hat er eine sichelförmige Narbe auf dem kahlen Schädel. Hirntumor. Metastasen fressen sich durch seinen Körper. Er liegt in einer der drei Sterbezellen und verbüßt die letzten Tage seiner Strafe. In Louisiana bedeutet »lebenslänglich«: bis zum Tod. Etwa achtzig Prozent der Insassen werden Angola nie wieder verlassen. Und etwa achtzig Prozent der Insassen sind schwarz.

Als George 1974 inhaftiert wurde, galt Angola als das blutigste Gefängnis der USA. Wenn er von der alten Zeit erzählt, klingt es, als würde sein bisschen Stimme ersticken. In den ersten Jahren hat er sich nachts Telefonbücher unter das Shirt geschoben. Messerstechereien und Morde waren Alltag. Aber George war ein bulliger Mann. Keiner, den man knebelt und vergewaltigt. Er wurde zur Schwarzmarktlegen de. Im Schlafsaal bezahlte man ihn im Voraus, denn jeder wusste, dass morgens alle Bestellungen fein säuberlich in der Truhe neben dem Bett warten würden: Kippen. Magazine. Kondome. Alles, was sich die Insassen von den höchstens zwanzig Cent Stundenlohn für die Knochenarbeit auf dem Feld zum Normal preis nicht leisten wollten. Wie George die Ware besorgte und wann er sie verteilte, wollte niemand so genau wissen. Gefangene lieben Mythen in ihrer kleinen Welt. So tauften sie ihn »Ghost«.

Ghost muss pinkeln. Shon Williams hilft dem alten Mann aufs Klo, wirft die gebrauchte Windel weg und wechselt die Folie auf der Matratze, weil sie mit weichem Kot verschmiert ist. Routine. Der 26-jährige Afroamerikaner trägt wie 39 andere Gefangene das violette Shirt der Hospice Volunteers – junge Gefangene, die neben ihrem regulären Knastjob noch im Hospiz mit anpacken. Er hat Kulleraugen, und wenn er lacht, blitzt sein goldener linker Schneidezahn. Mit siebzehn bekam er lebenslänglich für Mord. »Das macht dich fertig. Aber die Arbeit hier hilft mir, durch den Alltag zu kommen.« Mit langen gepflegten Fingernägeln zupft er an seiner Lippe. In seinem regulären Knastjob, schiebt Shon den Bücherwagen durch den Todestrakt. In der Death Row von Ango la warten 84 Männer in Einzelzellen auf die Giftspritze. Hier wie dort, in der Allgegenwart des Todes, so sagt Shon, habe er zum ersten Mal einen Bezug zum Leben gefunden. Leben. Bedeutete ihm vorher nicht viel. Auch sein eigenes nicht.

Es ist ein Generationenvertrag, den die Gefangen geschlossen haben. Jeder dritte Insasse hört nach drei Jahren in Angola nichts mehr von seiner Familie. So sehen die jungen Kerle ihren Dienst auch als Versicherung für ihr eigenes Alter. Niemand will alleine sterben. In Zweistundenschichten wechseln sie sich ab, nachts alle vier Stunden, und betreuen die Kranken.

Doktor Trang kommt auf Visite, die US-Vietnamesin steht in der Zellentür. »Ich kann nur noch Mr. Alexanders Schmerzen behandeln«, sagt sie. Trang betreibt vor allem Palliativmedizin, das bedeutet, dass sie versucht, den Tod schmerz frei zu gestalten. »George ist schwach, er hat vielleicht noch zwei Wochen.« Sie reinigt eine wundgelegene Stelle am Steiß und hört George den Rücken ab. Eine unmenschliche Anstrengung für den alten Mann. Auf dem kleinen Beistelltisch in der gekachelten Zelle liegen Batterien von Tabletten. Trang verabschiedet sich. »Bis morgen, Mister Morris.« George Alexander verdreht die Augen. Trang verwechselt manchmal die Namen der Sterbenden. Shon lacht. Ghost grinst und schläft ein.

Raubtiere

Am nächsten Morgen sitzt Miss Melody in ihrem Kabuff und erledigt Papierkram. George ist in der Chemo. Ein anderer Stebepatient – Richard Vinet, ein alter Indianer vom Stamme der Houma – ist mit der Brille auf der Nase wieder eingeschlafen. Vielleicht träumt er von den Sümpfen, in denen er aufgewachsen ist. »Born On The Bayou« von Creedence Clearwater Revival handelt von Kerlen wie ihm. Obwohl er von sich eher als »Bad Moon Rising« spricht. Wenn er wach ist, sagt er, dass er eigentlich kein Grab will. Am liebsten würde er aufs Meer gebracht und von den Shrimps gefressen. Die Hospizzellen dürfen nur Häftlinge wie George, Van und Richard beziehen, deren Lebenserwartung auf höchstens sechs Monate prognostiziert wird. Die Räume liegen beim medizinischen Schlafsaal, in dem die Pflegefälle untergebracht sind, hilfsbedürftige Gefangene, die alleine in der Machogesellschaft Knast nicht mehr zurechtkommen: Alte, Blinde, Verwirrte. Andere Zellen sind reserviert für Patienten, die aufgepäppelt und wieder in die gewohnte Umgebung eingegliedert werden. Sie können jederzeit ein- und auschecken. Dieses Gesamtkonzept ist einzigartig im US-Gefängnissystem.

Van Morris, der neben George einquartiert wurde, guckt durch den Sehschlitz der verrammelten Tür. Wegen seines Sicherheitsstatus darf er nur zwischen 7:30 Uhr und 8:30 Uhr hinaus. Eine Wärterin holt den dürren 42-jährigen Schwarzen ab und führt ihn in Handschellen auf den vergitterten Hof. Der Rasen ist saftig grün. Ein Bushäuschen spendet Schatten. Van muss jedoch in eine Art Vogelkäfig. Er schließt die Augen und hält die Nase ins Morgenlicht. Spatzen hüpfen durch den Maschendraht. Sie wollen gefüttert werden, aber Van hört ihr Gezeter nicht. Er nickt zum Beat aus seinem Walkman. An seiner rechten Hand baumeln die Handschellen.

Den Darmkrebs hat Van nicht gespürt, bis es zu spät war. Sein Hospizhelfer Sharif, der aussieht wie ein Model, wischt sich den Schweiß von der Glatze. Einmal im Monat veranstaltet Sharif das Bingo für die Alten. »Es ist ein Spaß und gibt allen ein Stück Hoffnung. Mir hilft es, nicht durchzudrehen. Irgendwann komme ich ja vielleicht raus.« Van könnte sein Vater sein, aber die Rollen sind vertauscht. »Ich passe auf ihn auf«, sagt Sharif. Van war ein »Crackhead«, wie er selbst sagt. Seine Augen verdrehen sich seltsam, wenn er davon erzählt, wie er in Häuser eingestiegen ist, um die Sucht zu finanzieren. Ein Mal zu oft. Wer in Louisiana drei Mal für ein Drogenvergehen verurteilt wird, bekommt lebenslänglich. »Three Strikes«, und du bist raus, heißt es, wie im Baseball.

Burl Cain wird von allen ehrfürchtig »Warden« genannt. Sehr klein, sehr breit wackelt er den Krankenhausgang Richtung Hospiz entlang und biegt in die Kapelle ab. Wie es sich für einen Southern Man gehört, ist der Gefängnisdirektor von Angola ganz gottesfürchtiger Kapitalist. »Diese Kapelle haben die Jungs selbst gebaut für die Trauerfeiern«, erklärt er. An der Wand hängen Quilts, die beim Gefängnisrodeo zugunsten des Hospizes verkauft werden. In den Boden sind Meditationslinien eingelassen. »Die Jungs hier sind alle Trustees. Sie haben bewiesen, dass sie unser Vertrauen verdienen.« Kinderschänder und Vergewaltiger zum Beispiel haben keine Chance, den 40-stündigen Altenpflegekurs zu absolvieren. Cain lässt eine Tür öffnen, um im Hof beim Bushäuschen nach dem Rechten zu sehen. Im Rasen flattert ein Strohhalm im Wind. Mit einem Ächzer bückt sich der Direktor. Jetzt hat er Hunger.

Cain bittet zum Lunch im Ranchhouse am Rande der Felder. Angola ist ein Multimillionen-Dollar-Unternehmen. Die Insassen bauen Gemüse an. Kürbisse, Paprika und Okra, eine Südstaatenspezialität. Vier schwer bewaffnete, berittene Correctional Officers, strategisch verteilt, passen auf, dass keiner der Arbeiter auf dumme Ideen kommt. Die Farm ist nicht eingezäunt. Eine Flucht zu Fuß wäre aber zwecklos. Die nächste Siedlung, St. Francisville, ist vierzig Autominuten entfernt. Auf drei Seiten umschlingt der mächtige Mississippi River die Farm, auf der vierten erheben sich die Tunica Hills. Das Bellen der Bluthunde schallt zum Ranchhouse he rüber. Sogar ein Zuchtwolf streunt durch seinen Käfig und heult ins weite Land. Neben der Veranda stehen Jetskis, falls doch mal einer der Gefangenen die von Alligatoren verseuchten Sumpfgebiete erreichen sollte. Burl Cain hält sich beim Lunch zurück. Es gibt Okra und Schweinekotelett. Enorm zugenommen habe er in letzter Zeit. »Das liegt an eurem viel zu guten Essen!« Die drei Insassen, die in der Wohnküche arbeiten, schenken ihm ein höfliches Angestelltenlachen. »Thank you, Sir.« Es ist ein Personenkult um den Direktor entstanden. Auf jedem Vorfahrtsschild, jedem Antivergewaltigungsplakat, sogar auf dem Label der knasteigenen Steaksauce prangt »Burl Cain, Warden «. Cain ist stolz auf die Veränderungen, die er in den bisher zwölf Jahren als Direktor durchsetzen konnte. Das Bible College auf dem Gelände ist das einzige seiner Art. Insassen können sich hier zum Gefängnispriester ausbilden lassen. »Die ersten Prison Ministers habe ich sofort zu den Bussen geschickt.« Wenn montags die neuen Häftlinge kommen, dann stehen die Priester schon bereit. »Sobald die Tür aufgeht, fragen sie jeden Einzelnen: Willst du bei den Raubtieren leben oder einer von uns sein?« Cain steht mit dem Rücken zum Tisch und nascht doch vom Schweinefleisch. »Wir haben hier ein Wertesystem aufgebaut«. Die Kirchendichte in Angola ist selbst für Südstaatenverhältnisse immens. Theoretisch herrscht Religionsfreiheit, aber wer sich keiner Gemeinde anschließt, ist schnell einsam. Das Konzept, eine religiös-moralische Umerziehung der Insassen, hat Erfolg. Seit 2004 gab es keinen Mord mehr.

Der Geist und die Liebe

George ist zurück von der Chemo. Miss Melody führt genau Buch. Am 17. August zum Beispiel hatte sie in den Wandkalender eingetragen: »03:55 Uhr: James Antoine died«. In einer seiner ersten Hospizschichten hatte Shon an Antoines Bett gewacht und die Hand des alten Mannes gehalten, als dieser die letzten Atemzüge tat. Es war zu viel für Shon. Er wollte hinschmeißen, weinte wie das kleine Kind, das noch in ihm steckt. Seine Freunde hielten ihn davon ab, überredeten ihn weiterzumachen. Allen voran Minister Anderson.

Shaun Anderson sitzt sechzig Jahre für Totschlag ab. Der Afroamerikaner, mit 43 bereits zweifacher Großvater, bekam erst in Angola sein Leben in den Griff. Als einer der Ersten hatte er das Bible College absolviert und ebenfalls als einer der Ersten trug er das violette T-Shirt. »Es ist traurig, dass ich erst im Gefängnis eine solche Chance bekam.« Er nimmt seine Malcolm-X-Brille ab. »Louisiana hat das schlechteste Bildungssystem der USA. Gleichzeitig ist es der Staat mit der härtesten Gesetzgebung. Viele Schwarze haben keine Möglichkeit, von der Straße wegzukommen. « Er macht eine Pause und guckt zu Shon, der George gerade füttert. »Und wenn etwas passiert, schließen sie uns für immer weg. Das ist einfach nicht fair.« Wenn Anderson über den jungen Shon spricht, dann erinnert er sich an Wut. »Wir mussten ihn runterkühlen. Er verhielt sich wie ein verwundetes Tier.« Shon gab nicht auf. Das erste Mal in seinem Leben.

Calvin Dumas kommt in die Zelle. Shon nickt ihm respektvoll zu. Der grauhaarige Weiße mit der Springsteenfrisur beugt sich über das Bett und küsst Ghost auf die Stirn. Vor dreißig Jahren waren sie sich begegnet. Calvin, damals 25, verliebte sich sofort in den bulligen Mann, und Ghost passte seither auf den Kleinen mit den weichen Augen auf. Sie beschlossen, gemeinsam alt zu werden. Calvin setzt sich und sieht George beim Schlafen zu. »Er hat die Hälfte seines Gewichts verloren. Ihr hättet ihn mal früher sehen sollen.« Calvin wippt verlegen und lässt die Seiten der Krankenakte durch die Finger rascheln, als würde er Karten mischen. Dann beginnt er von einer dreißig Jahre währenden Liebe zu erzählen. Davon, wie er sich nachts im Schlafsaal unter Ghosts Decke stahl. Wie sie genau eine Stunde hatten, bis der nächste Wärter mit einer Taschenlampe zwischen den Betten auf und ab gehen und die Insassen zählen würde. »Mann, wir waren einfallsreich. Wir hatten immer unsere kleinen geheimen Plätze. Und die Wärter haben auch mal weggesehen. « Wahrscheinlich hat Ghost ihnen Kippen zugesteckt. »Er ist die Liebe meines Lebens. Es tut sehr weh, ihn so zu sehen.« Calvin wischt sich die Tränen von der Backe und setzt frischen Kaffee auf.

Vor kurzem hat Calvin zugesichert bekommen, dass er 24 Stunden am Tag bei Ghost sein darf. Melody besorgte ihm sogar ein Schlafsofa. Calvin weiß, dass Warden Cain das persönlich bewilligt hat. Der Direktor betrachtet das Hospiz als Herzstück seiner Politik, und die Volunteers erzählen gerne die Geschichte aus Cains Anfangszeit. Als er seit ein paar Wochen Direktor war, trugen Gefangene einen Toten in einer Kiste durch eines der gewaltigen Gewitter, die hier niedergehen. Kurz vor dem Friedhof brach das aufgeweichte Sperrholz. Der Leichnam fiel in den Dreck. Cain war entsetzt. Er bewilligte sofort Mittel für eine Tischlerei. Nun stehen immer drei meisterlich gezimmerte Särge bereit. Wenn für Van, Ghost und Richard das Ende kommt, dann werden Shon, Sharif und die anderen Volunteers sie betten und den Gang entlang in die Kapelle tragen. Wärter werden die Mützen abnehmen und zusammen mit den Gefangenen Spalier stehen. Calvin wird sich für immer von seinem geliebten George verabschieden. »Ich habe seinen Angehörigen gesagt, dass sie Ghost rausholen sollen«, sagt Calvin. »Er soll frei sein.« Shon glaubt, dass ein Teil von Ghost bestimmt immer hierbleiben wird. »Das hoffe ich nicht«, sagt Calvin und löscht das Licht. •

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