Querdenker31 15.11.2015, 20:29 Uhr 0 2

Das Camp in dem niemand Pyjama trägt

„Wer hier lebt wird entweder deprimiert oder aggressiv und dreht durch.” Ein Besuch in einem palästinensischen Flüchtlingscamp

Zwei Mitfreiwillige und ich besuchen das Flüchtlingscamp Balata im Norden der Westbank. Da das israelische Militär regelmäßig mitten in der Nacht ins Camp kommt wird es als „das Camp in den niemand Pyjamas trägt” bezeichnet. Es ist ein bedrückendes Gefühl. 30 000 Menschen leben in einem Camp mit der Größe von 0,25 Quadratkilometer, die bei der Errichtung im Jahre 1950 für knapp 5 000 Menschen gedacht war. Die Zelte von damals sind zu einfach Häusern geworden, die seit etwas mehr als 15 Jahren auch ans Strom und Wassernetz angeschlossen sind und so nah aneinander stehen, dass es außer zwei kleinen Straßen nur winzige Gasen gibt. An jeder, und wirklich jeder, Hauswand hängen Plakate von jungen Männern, Märtyrern, ein Teil von ihnen noch mehr Kind als erwachsen, die mit Waffe für die Kamera posieren.

Die letzte Nacht haben wir im Jaffa Community Center verbracht. Ein Zentrum, welches in Zusammenarbeit mit der GIZ, neben psychologischer Betretung, mehrere Kulturprogramme mit Tanz, Theater, Film hauptsächlich für Kinder und Jugendliche im Camp anbietet. Wir sind in der Nacht mehrmals von Explosionen, Schüssen und den Rufen der Muezzine aufgewacht. Am nächsten Morgen bekommen wir, von einem der Mitarbeiter, auf die Frage was denn letzte Nacht genau los war die ironische Antwort:„ it was a party,” und erfahren, dass in der Nähe drei Häuser von Familien der Attentäter von israelischen Sicherheitskräften zerstört wurden und es deshalb zu Aufständen gekommen ist. Sogar die Lautsprecherdurchsage des Muezzins, der sonst nur zum Gebet aufruft, soll in der Nacht die Menschen dazu aufgefordert haben auf die Straße zu gehen um die „Demolitions” aufzuhalten, welche „natürlich trotz der Proteste stattgefunden haben.”

Uns wird erzählt, dass Balata ein sehr politisches Camp ist. Während der 1. und 2. Intifada soll ein Teil der gewaltsamen Aufstände aus dem Camp organisiert worden sein. Auch heute noch würden viele Menschen im Camp eine Waffe besitzen. Die Intifadas haben traumatisiert, verloren Generationen, zu Folge gehabt. So gab es eine vier Monate lange Ausgangssperre, ständige Kämpfe zwischen dem israelischen Militär und Palästinensern in den winzigen Gassen des Camps. Wohnhäuser wurden regelmäßig gestürmt und einzelne Stockwerke anschließend gesprengt. „In den Gassen gab es Blutflüsse, Körperteile flogen durch die Luft.” Nachdem wir eine kurze Zeit nichts sagen wird angemerkt, dass das wortwörtlich zu verstehen ist.

Aber heute sei es nicht viel besser. „Die Leute leben so eng aufeinander, dass es keine Privatsphäre gibt. Es gibt zwei Ärzte für 30.000 Leute. Ärzte ohne Grenzen hat ausgerechnet, dass ein Patient im Schnitt 19 Sekunden behandelt werden kann. Und immer wieder kommt das israelische Militär mitten in der Nacht und verhört bzw. verhaftet teilweise junge Kinder. Wer hier lebt wird entweder deprimiert oder aggressiv und dreht durch.” Uns wird weiter erzählt, dass ein Teil der Märtyrer mit dem Messer absichtlich nur den Arm eines Soldaten oder Israelis angreift. Selbstmord würde die Familienehre massiv verletzen, deswegen sei dies dann die einzige Möglichkeit ehrenvoll zu sterben. „Ihr müsst verstehen die meisten Menschen hier wollen nichts Böses. Alles was sie wollen ist ein würdiges Leben und das gibt es für Sie nicht” wird uns zum Abschied mit auf den Weg gegeben.

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