Kalou 30.01.2009, 18:29 Uhr 1 0

Das andere Leben

Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Das Lotto-Millionär-Ich war gerade geboren worden und es gedieh prächtig.

21 Millionen Euro! 21 Millionen. Ich sah die Zahl nur im Vorbeigehen am Kiosk, als ich auf dem Weg nach Hause war. Ich kam von der Arbeit. Ein Tag wie jeder andere, die Stunden verflogen, aber es kam nichts wirklich Zählbares dabei heraus. Ich ging also nach Hause, den Kopf voller Dinge die noch zu erledigen waren. Ich musste noch viel lernen, bald standen in der Uni die Klausuren an. Das Konto auch schon wieder leer. Die Krankenversicherung und Telefonrechnung würden wohl die Tage abgebucht. Reichte das Geld noch? Und dann die 21 Millionen. Sie rissen mich aus all meinen Gedanken und Planungen und führten mich in eine ganz andere Welt. Wer hat noch nicht darüber nachgedacht wie es wohl wäre auf einen Schlag zum Millionär zu werden. Sozusagen vom Tellerwäscher zum Millionär. Rein metaphorisch natürlich, ganz ohne Tellerwaschen. Fast wie beim Computerspielen. Ich war nie der Typ der sich hingesetzte bis er ein Spiel durchgespielt hat und alle Hindernisse überwindet. Kommt man nicht weiter benutzt man eben Cheats. Und das ganze geht wie von selbst. Keine Strategie mehr. Kein warten. Einfach leben, äh spielen. Also ging ich in den kleinen Kiosk. Eigentlich spiele ich kein Lotto. Ist ja eh nur Volksverarschung. Aber an diesem Tag brauchte ich eben diese Verarschung. Ich tippte völlig willkürlich, sprach in Gedanken noch ein Gebet (gläubig bin ich eigentlich nicht, nicht einmal getauft, aber vielleicht würde es ja helfen) Die Verkäuferin wünschte mir beim Einscannen meiner Zahlen noch viel Glück, ich bezahlte 5 Euro, die mein Leben verändern sollten und verließ den Laden.

Da stand ich nun auf der Straße, derselben wie zuvor und doch war ich gerade in ein völlig neues Leben getreten. Sofort drehten sich meine Gedanken wieder im Kreis. Nicht mehr um unnötig Dinge aus der Realität. Diesmal drehte sich alles um meine neue Zukunft. Das Lotto-Millionär-Ich war gerade geboren worden und es gedieh prächtig. Ich überlegte mir welches Auto ich mir denn holen sollte, wo genau ich mir ein Haus kaufen, wohin ich in den Urlaub fliegen würde. Und schon war ich daheim. Den Weg war ich gegangen, konnte mich aber nicht mehr daran erinnern, zu tief war ich in meine Gedanken versunken. Daheim angekommen versuchte ich zu lernen, aber es wollte mir einfach nicht gelingen. Ich konnte mich nicht konzentrieren, verlor mich in meinen Gedanken. Nach einer Zeit hörte ich auf mich dagegen zu weheren, ich genoss es einfach. Ließ die Planungen konkreter werden. Suchte im Internet nach Autos, Häusern und Luxusreisen. Ich tat das bis spät in die Nacht, schlafen konnte ich sowieso nicht, war viel zu aufgeregt, mein Herz raste vor Glück. Ich war reich, zumindest in Gedanken.

Der nächste Tag verlief ähnlich. Am Abend würde die Ziehung sein, doch das war zu der Zeit schon fast nebensächlich. Ich lebte mein neues Leben schließlich schon intensiv in meinen Tagträumen aus. Die Bestätigung meines Gewinns war nur noch Formsache. Die Gedanken wurden allmählich konkreter, die essentiellen Bedürfnisse befriedigt, nun kam die Sahnehaube, der Genuss auf allen Ebenen.

Ich plante in Gedanken eine große Party. Schließlich wollte ich mein Glück teilen. Die Location längst beschlossene Sache. Die Acts schon fest eingeplant. Wer würde mir schon absagen, ich war Millionär, Multimillionär. Doch nun zur Gästeliste. Wen würde ich tatsächlich dabei haben wollen. Wer würde mich nur versuchen auszunutzen, sollte also von vornherein ausgeschlossen werden. Ich wollte keine offene Party, alle die davon hören würden, würden kommen wollen. Alle meine Freunde sein wollen. Wie könnte ich ab jetzt nur unterscheiden wer es ernst meinen und wer mich nur als seinen persönlichen Jackpot betrachten würde. Ich müsste in Zukunft kritischer sein, nicht mehr so offen und naiv.
Langsam fing die Sache an anstrengend zu werden, ich beschloss also über andere Sachen nachzudenken. Fing erstmal wieder bei meinem Haus an, dem netten Auto. Und plötzlich standen sie vor meinem geistigen Auge. Meine gesamte Verwandtschaft. Da gibt es nicht wenige. Ich habe das Glück aus einer sehr großen Familie zu stammen, die einen engen Kontakt pflegt. Sollte sich das jetzt als Nachteil erweisen?

Klar würden meine Eltern nie wieder arbeiten müssen, mein Bruder könnte seinen verhassten Job an den Nagel hängen. Meine Onkels und Tanten sollten auch etwas abhaben. Auch Cousinen und Cousins habe ich denen ich gerne etwas abgegeben hätte. Aber ich musste mich bremsen. Ich hatte viel Geld, aber wo ziehe ich die Grenze, wer bekommt wie viel, wen hatte ich vergessen, der sich jetzt vernachlässigt fühlen würde. Wer würde mich in Zukunft hassen.
Auch im Freundeskreis sollten Leute profitieren, ich bin im Grunde nicht geizig. Aber auch hier dasselbe Problem. Ich wusste jetzt was die Leute meinen wenn sie sagen, dass viel Geld auch viele Probleme mit sich bringen würde. Vielleicht sollte ich erstmal in den Urlaub fliegen und über all das in Ruhe nachdenken.
Erst die Ziehung der Zahlen am Abend konnte mich aus diesem Gedankenwirrwar entreißen. Der Tag hatte eigentlich ausschließlich in meinem Kopf stattgefunden. Ich verließ früh die Wohnung und kam abends wieder nach Hause. Was dazwischen tatsächlich passierte war sekundär. Ich könnte es heute nicht mehr sagen.

Nun, ich hatte nicht gewonnen. Etwas traurig war ich schon, hatte ich doch gerade erst mein neues Leben aufgebaut und schon wieder alles verloren. Aber es war auch etwas Erleichterung dabei. Meine Mutter hätte wohl gesagt „Es hat alles einen Grund und im Nachhinein stellt sich immer raus für was es gut war.“ Nun gut, so sei es wohl.

Doch der Jackpot wurde nicht geknackt. Die nächste Ziehung versprach 28 Millionen. Ein Zeichen? Vielleicht sollte ich nochmal. Ich kramte mein altes neues Leben aus meinen Gedanken. Ließ es Revue passieren. Ja, ich sollte es versuchen. Vielleicht diesmal bewusster die Zahlen auswählen. Mich vom Schicksal inspirieren lassen.

Ich nahm also ein Konfuzius Buch aus meinem Regal. Hatte ich irgendwann einmal gekauft. Aus Bildungszwecken. Macht sich immer gut. Ich lies mich also inspirieren. Ich brauchte sechs Zahlen. Schlug spontan die Seiten auf, las ein Stück. Nahm die erste Zahl die mir in den Sinn kam, beim Lesen, die Seitenzahl, wie auch immer. Das Schicksal wird es schon richten. Ich spielte also wieder, diesmal nur eine Reihe. Ich vertraute voll auf mein Glück. Es sollte so sein. Mein gedachtes Leben war viel zu real um schon wieder zu sterben.
Und wieder kamen all die Gedanken. Wieder etwas konkreter als zuvor. Wie würde ich die 28 Millionen am sinnvollsten anlegen. Was würde ich eigentlich mit meiner Zukunft machen. Ich würde fertig studieren. Jetzt natürlich nicht mehr nebenbei arbeiten. Keine Bafög Anträge mehr. Ich sollte mich karitativ engagieren. Ich musste mir einen neuen Sinn im Leben suchen, neue Ziele stecken, hatte ich doch materiell alles erreicht. Vielleicht eine Stiftung gründen. Reisen, etwas Entwicklungshilfe. Aber das Auto nicht vergessen und das Haus.

Ich habe wieder nicht gewonnen, wieder ist der Jackpot nicht geknackt worden. Langsam brauche ich Urlaub von meinen Tagträumen. Es ist anstrengend geworden. So viel zu bedenken. Aufhören kann ich trotzdem nicht. 35 Millionen. Die neuen Lottoscheine schon gekauft. Die Konfuzius-Reihe ist mit dabei. Zur Sicherheit noch ein paar mehr. Nur um dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen. Ich erzähle vorsichtshalber diesmal niemandem in meinem Bekanntenkreis davon. Es könnte sein, dass die Reaktionen auf meine Gedankenspiele mittlerweile nicht mehr offen-amüsiert sondern eher verständnislos-entnervt sind. Noch maximal zwei Ziehungen, dann ist der Spuk vorbei. Vorerst. Unter 10 Millionen im Jackpot lohnt sich das Spielen für mich nicht mehr. Reicht ja eh nicht um mein neues Leben zu finanzieren, also warum mich unglücklich machen.

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Irgendwie lustig......
    Psychologisch tiefsinnig und man könnte, wäre man Lehrer, diesen Text durchaus zu INterpretationszwecken nutzen. :-)
    Ich für meinen Teil, ziehe mir daraus meine ganz eigenen psychologischen Schlüsse..... ^^

    30.01.2009, 19:49 von Salatschnecke
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare