ichundalldieanderen 09.09.2009, 20:44 Uhr 6 6

Das Änderhaus

Michael Ende beschrieb in seiner "Unendlichen Geschichte" ein "Änderhaus". Ein gutes Bild für die sich ständig verwandelnde Welt, in der wir leben.

Die Orientierung in diesem Haus, ist wie der Name bereits vermuten lässt, schwer bis unmöglich, denn es verändert ständig seine Form.

Ich habe Endes wunderbares Werk als Kind mehrmals verschlungen, doch meine Erinnerung an das Buch ist zunehmend verblasst.

Bis mir heute plötzlich das Änderhaus in den Sinn kam, als Bild für diese schnelllebige, sich ständig verwandelnde Welt, die einem immer wieder neue Chancen und Möglichkeiten bietet, wenn man flexibel genug ist, darauf einzugehen. In der sich jedoch so mancher fremd fühlt, der mit dem Tempo nicht mithalten kann oder will.


Wie heute eine Dame, vielleicht um die 55 Jahre alt, der ich im Internetcafé begegnete. Sie fragte mich, ob ich ihr helfen könne. Sie wolle sich eine Email-Adresse einrichten.

"Geht das nicht...wie heißt das...über google?"

Trotz ihrer absoluten Ahnungslosigkeit sprang die Frau absolut offen, mutig und neugierig ins kalte Wasser.

Während ich ihr erklärte, dass es verschiedenste Anbieter gäbe, ihr Adressen aufschrieb, erläuterte wo sie wie oft klicken und welche Daten sie eingeben müsse, war ich beinahe fasziniert von der Selbstverständlichkeit mit der sie von mir, einer 24-Jährigen, die mit Sicherheit ihre Tochter sein konnte, "lernte".

Lächelnd beobachtete ich, wie sie mit Ein-Finger-Such-System die Tastatur bediente, wobei sie nach jedem Buchstaben am Bildschirm nachkontrollierte, ob sie sich auch nicht verschrieben hatte.

Und obwohl auch ich selbst einige Fehler machte, merkte, wie wenig ich selbst versiert bin und einige Male leicht grinsen mußte in Anbetracht ihrer Hilflosigkeit, war nichts peinlich an dieser Situation.
Die Junge versucht selbst zögernd, da sie eher gewohnt ist "erklärt zu bekommen", als zu "erklären", der Älteren ihre Kenntnisse zu vermitteln.

Die Junge übernimmt Verantwortung, die Ältere lässt sich führen.
Sie erhielt einen Einblick in die fremde virtuelle Welt und ich konnte mich im "erwachsenen" Verhalten üben.

*
Ich weiß noch genau wie meine Mutter auf dem alten Sofa saß, das neue Handy in der Hand. Skeptisch beäugte sie das Gerät, das sie ohnehin unhandlich und viel zu klein fand.

"Ich brauche kein neues Handy".

Wie oft habe ich das von ihr gehört, nachdem das uralte, überdimensional große Mobiltelfon den Geist aufgegeben hatte.
Schließlich habe ich sie überreden können.

Im Hinblick auf ihren schlechten gesundheitlichen Zustand hatte ich gedrängelt, gebettelt und gefleht und schließlich war sie bereit den Schritt zu wagen.

Nun besaß sie dieses Ding und wußte nichts damit anzufangen.
Bei Adam un Eva mußte ich beginnen und ihr die Bedeutung des Begriffes "Menü" erklären, mußte ihr zeigen, wie man die Pfeiltasten bedient und wie man eine SMS schreibt. Widerstrebend hörte und schaute sie mir zu, stellte ständig dieselben Fragen, und hatte an allem etwas auszusetzen.

Ich weiß bis heute nicht, wieviel "Dummheit" sie mir nur vorspielte (sehr wahscheinlich zum allergrößten Teil, denn meine Mutter war eine kluge, gebildete Person) und wer wen mehr auf die Palme brachte.

Sie war gereizt. Ich war gereizt.
Ihr Widerwille bewirkte bei mir eine "Mein-Gott-wie-blöd-bist-du-eigentlich-Haltung".Hier gab es keinen Respekt. Keine Demut - denn gerade dieser verstaubte Begriff trifft es gut. Keine Demut bezüglich des Wissens und Unwissens des anderen.

Sie hatte Angst - vor allem, was neu war und vor allem, das sie eventuell nicht verstehen könnte, was sie davon abhielt es überhaupt zu versuchen!

Dabei hätten es manchmal nur kleine Trippelschrittschen sein müssen... was ein Handy war, wußte sie bereits. Sie war mit dieser "Welt" vertraut.

Doch sie hielt fest. Verzweifelt krallte sie sich an das Altbekannte, wollte nicht einen Millimeter weichen. Stellte sich "tot".
Schade. Vielleicht hätte sie so viel mehr entdecken können.

Und ich? Ich war wütend. Ich hasste ihre störrische Eselshaltung.
Und beging einen Fehler. Denn je mehr man zieht, desto fester stemmt sich sich der Esel dagegen. Ich wollte ihr meine Welt nicht nur zeigen. Ich wollte, dass sie sie liebt!

Sie sollte nicht nur zu Besuch kommen, nein, sie sollte sofort einziehen, weil es doch woanders keinesfalls schöner sein konnte, als in MEINEM Heim, in MEINER Welt.

Wir leben nun einmal in einem Änderhaus. Das ist keine neuartige Erkenntnis. Doch immer wieder werden wir alle überrascht von den Verwandlungen um uns herum. Wenn wir unser "neues Heim" erkunden, mit kindlicher Naivität die Räume entdecken und bestaunen, die es bis vor kurzem gar nicht gab, dann werden wir uns nicht verirren.

Das heutige Erlebnis hatte in meinen Augen beinahe etwas Magisches an sich.

Es ist so schwer im Jetzt zu leben. Dabei ist es so wichtig wach durch diese Welt zu gehen, denn was wir heute genießen können, existiert morgen vielleicht nicht mehr. Oder es hat sich so sehr verwandelt, dass wir in einem Irrgarten gefangen sind.

Aber selbst wenn das geschieht - es gibt immer Menschen in diesem Labyrinth, die sich zurechfinden und so können wir mit ihnen zusammen Abenteuer erleben. Wenn wir es zulassen und wollen. Wenn wir neugierig bleiben und uns schon darauf freuen, wie das Änderhaus morgen wohl aussehen wird.

6

Diesen Text mochten auch

6 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] ...kompliment an die mutter :)

      ja, du hast absolut recht... im alter fällt es schwerer sich auf neues einzulassen, aber im grunde geht es um eine generelle lebenseinstellung.

      26.06.2010, 22:41 von ichundalldieanderen
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Uuups - warum sind hier Kommentare von 2009??
    Also für mich klingt das alles bisschen ungeordnet, was ich hier lese. Weiß nicht genau, was du eigentlich wirklich sagen möchtest. Kommt nicht klar und deutlich bei mir an. Zu viele Gedanken u. Überlegungen in einem Text. Ich sehe keinen herausgearbeiteten ROTEN FADEN.

    Ich höre da eher Wut auf deine Mutter heraus!
    .
    Für deine Mutter bist du ihr Kind, das ihr nix erklären soll/darf. Da bockt sie.
    Für die Frau im Internet-Café bist du eine junge Unbekannte, der sie sich gern anvertraut und sich gern von dir, der jüngeren Frau, "belehren" lässt.

    Demut finde ich ein zu großes Wort in dieser Angelegenheit.

    Eltern hören prinzipiell nicht gern auf ihre Kinder, egal wie alt die auch schon sind.

    25.06.2010, 22:52 von Jackie_Grey
    • 0

      @Jackie_Grey ...kann durchaus sein, dass alles etwas ungeorndet ist ;-) ähm...mein markenzeichen.

      es darum offen zu sein für neues und/oder für neue erfahrungen. wenn du so willst, ist das der rote faden.
      meine mutter und die frau im i-cafe sind nur beispiele.
      oft handeln wir alle eben nach "was der bauer nicht kennt..."

      meine mutter hat sich zurückgezogen und ich habe sie zu sehr gedrängt. die frau im i-cafe schien mir offen und lernwillig.
      klar, ist wut auf meine mutter auch dabei - aber auch auf mich selbst. aber es spielt gar keine rolle, dass es nun meine mutter war.
      ich machte mir eben so meine gedanken...darüber wir wir manchmal festgefahren sind. es geht dahe nicht vorrangig um die eltern-kind-beziehung. aber kann natürlich sein, dass das falsch ankommen kann, wenn man ausgerechnet so ein beispiel wählt - geb ich zu ;-)

      25.06.2010, 23:32 von ichundalldieanderen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Eigentlich ein netter Text. Nur bei der Altersangabe hat es gewaltig an meinem Ego gekratzt. Ich bin auch 55 Jahre alt, versende jeden Tag Mails, arbeite mit Hilfe des Internets und habe auch keinerlei Probleme mit einem Handy. Ich werde mir demnächst ein neueres kaufen, und wehe, jemand will mir ein Seniorenhandy anbieten!

    Ich benutze auch kein Einfingersuchsystem, und das Einrichten einer Mailadresse ist wirklich idioteneinfach. Bekannte von mir sind über 60 und halten problemlos Power-Point-Vorträge.

    Gut, ich bin nicht auf den neusten Stand der Unterhaltungstechnik, aber muss ich auch nicht. Und beim Einrichten einer Homepage brauche ich auch Hilfe - aber sonst...

    Das Haus verändert sich ständig, aber die Bewohner auch.

    Nee, mit 55 komme ich ganz gut mit und lerne auch immer noch dazu - wäre ja gelacht! Und lese Neon - verschämt guck. ;-)

    25.06.2010, 16:32 von Freydis
    • 0

      @Freydis ...na, da bin ich aber froh, dass nicht alle 55-jährigen so sind wie beschrieben ;-)
      allerdings handelte es sich ja um "wahre begebenheiten" - es gibt es also.
      und klar gibts auch gegenbeispiele!!

      25.06.2010, 17:46 von ichundalldieanderen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    unser leben ist mit vielen facetten ausgestattet.
    und nicht alle brauche ich, um ein gutes leben führen zu können.

    ich erlebe es oft und immer wieder, dass es menschen gibt, die mit neuen technik-gimmicks nix anfangen können oder wollen.

    meine mutter und ihr handy, endless story. aber gut, es war ein angebot, sie will es nicht, ihre wahl, find ich ok.

    ich hab keene lust auf den ganzen apple-kram mit all den apps.

    navis finde ich ätzend.
    immer noch drucke ich mir nen stadtplan aus.
    mit dem motorrad nehme ich noch nicht mal nen plan mit, weil ich mich gerne verfahre.

    facebook, hab ich probiert, och nö.

    diese kaffeemaschinen mit all den gimmicks und tollen tricks und besonderheiten nerven mich (überhaupt: küchenmaschinen... please!)

    online-rollenspiele sind mir zu stressig

    digicams, für mich uninteressant.

    das SCHÖNE an der sache ist doch, dass für jeden was da ist, und jeder sich das raussuchen kann, was gut ist und passt.

    meine mam will keen handy
    ich will keen navi
    meine freundin diskutiert nicht in foren.

    schöne vielfalt.
    einfach die anderen lassen und respektieren, auch wenn sie nicht so offen sind, wie mensch es sich vllt wünschen würde.

    langweilig, ich weiss :-)

    25.06.2010, 15:14 von RedSonja
    • 0

      @RedSonja nein, ganz und gar nicht langweilig!

      ich habeübrigens noch nicht mal einen führerschein *g* online-spiele mag ich auch nicht und bei apple steige ich nicht durch.

      daran geht es doch auch gar nicht. man muß nur bis zu einem gewissen grad mit der zeit gehen bzw offen sein für die welt in der wir leben. aber man darf eben auch nicht sagen, hey, ihr sollt alle so leben wie ich es für richtig halte.
      man sollte nur abwägen, finde ich, inwiewiet man sich verschließt. dass man auch mal sagen kann, nee, da hab ich keinen bockdrauf, ist ja wohl klar.
      ich finde es nur so faszinierend, wie wir alle von einander lernen können.

      25.06.2010, 15:31 von ichundalldieanderen
    • 0

      @ichundalldieanderen oh yes!

      mein sohn (13) wird grad teilweise mein lehrer.

      ich finds toll und spannend!

      25.06.2010, 15:39 von RedSonja
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @piratensuse ...ich denke, wir sind alle wechselnd beides... der esel und der eselführer ;-)

      12.09.2009, 16:34 von ichundalldieanderen

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare