Danach ist oft zu spät
Wir ehren die Toten, aber was ist mit den Lebenden?
Am Dienstag wurde die Trauerfeier von Michael Jackson übertragen.
Seit Tagen wird man auf nahezu jedem TV- und Radiosender,
in jeder Zeitung und Zeitschrift mit Bildern und Beiträgen von
und über Michael Jackson konfrontiert.
Lobpreisungen und Tränenbäche, Blumen und Plakate,
nachträgliche Würdigungen, Dankesreden.
Michael Jackson´s Lieder schießen wieder auf Platz 1 und
werden im Radio rauf- und runtergespielt. Ebay quillt über
vor Michael Jackson CDs und Merchandising Artikeln.
Manche hielten Michael Jackson für einen Witz. Mir dagegen
kommt das derzeitige, laute Geheule wie ein einziger
großer Witz vor. Und dazu noch ein ziemlich schlechter.
OH MEIN GOTT! DER KING OF POP IST TOT! heißt es jetzt.
In den letzten Jahren galt für viele wohl eher ein "King of Pop?
Michael wer? Ach, dieser Freak, dem die Nase abfällt und der
kleine Kinder befummelt? Dieser Typ ist doch wohl total abartig!"
Doch der Tod ändert bekanntlich alles. Der Tod macht diesen
Mann wieder zum Idol und zur Kultfigur, zur Legende, zum König.
Schade nur, dass der Verstorbene von diesem ganzen Hype, der
ach so tiefen Trauer, den Lobeshymnen und dem Absprechen
jeglicher Fehlbarkeit nichts mehr mitbekommt.
Wie viele dieser jetzt plötzlich geschockten Menschen gehörten
zu denen, die sich - offen oder insgeheim - über Michael Jackson
lustig gemacht haben? Die kicherten, wenn sie sein von all den
OPs entstelltes Gesicht sahen? Wie viele von ihnen kennen
Michael Jackson nicht mehr als großartigen Künstler und Entertainer
sondern als den verunstalteten Mann, der wegen Kindesmissbrauch
vor Gericht stand? Und den sie aus diesen Gründen verachteten?
Die Zuschauer, die bei der Abschiedsfeier regelmäßig in Standing
Ovations ausbrachen, wo war deren Unterstützung in den letzten
Jahren? Wo waren die sogenannten "Fans"? Wann haben all diese
trauernden Personen zuletzt Lieder von Michael Jackson gehört?
Vor fünf Jahren? Zehn? Sich Gedanken über den Menschen
Michael Jackson gemacht. Nie?
Diese ganze Heuchelei nach dem Tod macht mich krank. Und es
spielt hierbei keine Rolle, ob es sich dabei um einen Promi oder
"sonst jemanden" handelt. Da wird Omi beweint und man wandert
zum Friedhof aber wie oft haben die Kinder und Enkel sie besucht,
als sie noch lebte? Da trauert man um einen Bekannten aber wie oft
war man abends einfach zu müde um den Telefonhörer noch in die
Hand zu nehmen und sich nach dem Befinden dieses Bekannten
zu erkundigen oder zu beschäftigt, um sich zu treffen? Da hält man
im Krankenhaus wehklagend die Hand des verstorbenen Vaters,
dabei hat man sich in den letzten Monaten desöfteren im Stillen
über die ständige Fahrerei und den ganzen Aufwand beklagt.
Oder es kommt die Rede von dem "liebevollen Vater" den seine
Kinder tatsächlich allerdings nur als gewalttätigen, notorischen
Säufer kannten.
Der Tod macht Verstorbene zu Heiligen und die Hinterbliebenen
reumütig. Tatsächlich sind wohl die Wenigsten Heilige.
Und würden wir uns mehr um die Lebenden bemühen müssten
wir im Nachhinein weniger schlechtes Gewissen mit uns
herumschleppen.
Denn: "Was nützen einer toten Frau Blumen am Grab, wenn sie
zu Lebzeiten nie welche erhalten hat?".






Kommentare
Man muss mit dem Menschen leben, nicht neben ihm. So wie ich 22 Jahre mit und nicht neben meiner Großmutter lebte. Es gab eine lebendige Auseinandersetzung zwischen uns beiden. Von früh her schenkte sie mir Zuneigung, gab Geborgenheit. Gerne denke ich heute an gemeinsame Stunden in ihrer Fernsehstube zurück. Wir lachten über den Dicken und über den Doofen, staunten über die Selbstständigkeit vieler wilder Tiere in der Savanne, waren vergnügt wie Wum und Wendelin, waren zu gleichen Teilen Tip und Tab. Haben gemeinsam ein Zeitalter besichtigt. Schokopudding gab’s ans Krankenbett, ebenso Rosinenstullen mit Stachelbeermarmelade; sechs Wochen lag ich, damals sechs Jahre alt, tagsüber wegen einer Gehirnhautreizung in ihrem weichen Bett - Gänsedaunen unter dem Kopf und über dem kleinen Leib.
01.04.2010, 11:14 von blumfeld68Später, als sie an Demenz erkrankte war ich beinahe jeden Tag um sie. Heute, beinahe 20 Jahre ist sie nun nicht bei mir, umgibt mich immer noch Trauer. Besuche an ihrer Ruhestätte sind immer ein Weg zurück. Zurück in meine Kindheit und Jugendjahre.
Liebevolles Miteinander ist der Grundstein für in Miteinander auch nach dem Tod. Doch nicht die Freuden, nicht das Leben stellt den Wert des Menschen dar, immer nur wird das entscheiden, was der Mensch dem Menschen war und ist. Ich erwarte von meinem nahen Umfeld, dass sie mir die Trauer zugesteht. Auch heute, so viele Jahre nach ihrem Tod. - Sie erlaubt es mir. Und dafür bin ich ihr sehr sehr dankbar.
Es ist schade, wenn es den Anschein macht, man müsste erst sterben, damit man von der Menschheit wieder geachtet und geehrt wird...einfach nur traurig...
23.07.2009, 18:32 von li-la-laune"King of Pop? Michael wer? Ach, dieser Freak, dem die Nase abfällt und der kleine Kinder befummelt? Dieser Typ ist doch wohl total abartig!"
17.07.2009, 08:02 von jule.thRichtig! So denken die Leute.
Sehr geiler Artikel! So wahr.
Wunderbarer Artikel --- bes. das Motto am Ende
15.07.2009, 11:58 von Alexander13trifft "den Nagel" auf den Kopf... Gruß aus Berlin AR.
Seeeeehr gut.
14.07.2009, 03:18 von biervernichter88Recht hast du. Ich hab die Musik nie gemocht und ich werd sie nie mögen, und er persönlich ist mir eigentlich egal.
12.07.2009, 15:18 von ZomBineAlso ich fand Michael immer gut und habe nie über ihn gelacht und das mit dem Kindesmissbrauch habe ich auch nicht geglaubt.Die wollten eh alle nur Geld von ihm.
11.07.2009, 18:50 von Dina-LisaDas Wunderliche ist, dass mein Freund und ich erst 2 Tage zuvor Michael Jackson gehört haben.
Aber recht hast du.Das ist wirklich alles Heuchelei und das Traurige daran ist, dass ich denke, dass Michael Jackson nicht einen einzigen Menschen hatte der für ihn aufrichtig da war.