calaus 09.12.2009, 11:10 Uhr 16 1

Da steht eine heilige Kuh. Wer traut sich, sie umzuschubsen?

Lobo hat Recht – Schirrmacher auch… Und nun?

Sie kommt endlich ins Rollen, die Debatte um Realitäten und Wirkungen des Informationszeitalters auf die Lebenswirklichkeit der Menschen. Bei "SPIEGEL online" melden sich mehr oder weniger sprachgewaltig diejenigen zu Wort, die meinen, ein Problem erkannt zu haben. Auf der einen Seite Frank Schirrmacher, Journalist und Mitherausgeber der altbekannten F.A.Z., und ihm irgendwie gegenüber Sascha Lobo, die sozialdemokratische Allzweckwaffe für alles was irgendwie nach "www" riecht.

Schirrmacher ging in Vorlage und tingelte in der vorletzten Novemberwoche mit der These durch den (digitalen) Blätterwald, dass das Internet unser Hirn kaputt macht. Oder etwas selbstkritischer: "Mein Kopf kommt nicht mehr mit". Dahinter steht die schlichte Erkenntnis, dass die Aufmerksamkeit dieser Tage unter der unbegrenzten und sekündlich wachsenden Informationsflut leidet und somit die Kernkompetenz des Menschen - nämlich spontan zu handeln und kreativ zu arbeiten - unter dem Informationsmehltau erstickt, der uns ständig vorführt, was wir alles noch nicht wissen. Die Lösung soll nun sein: Erkenne was wichtig ist und was nicht! Na super! Dieser väterliche Satz, der gern am zweiten Weihnachtsfeiertag dem Studenten im zweistelligen Semesterbereich vom Erzeuger und Bildungssponsor mit der Entenkeule überreicht wird, reißt Schirrmacher den argumentativen Boden unter den Füßen weg. Denn nun hat er eben diese Studentengeneration, die einen Großteil der Digitalen Boheme stellt, gegen sich aufgescheucht.

Nun kommt Sascha Lobo ins Spiel, der diesen Satz wahrscheinlich auch mehr als einmal unterm Weihnachtsbaum gehört hat, und schwingt sich auf zum Anwalt der Missverstandenen. Unter dem Titel "Die bedrohte Elite" meint Lobo in Schirrmacher mal wieder den typischen Professorentypus auszumachen, der nicht mehr versteht, was seine Studenten machen und deshalb zum Kampf der Kulturen bläst. Alt gegen Jung, Elite gegen Boheme und somit Altersstarrsinn gegen Fortschrittsideal. Man müsse doch der individuellen Überforderung durch die grenzlosen Informationen, die wir rund um die Uhr in aller Welt abrufen können, konstruktiv entgegentreten, so Lobo. Doch er meint bei Schirrmacher eben ganz im Gegenteil den "altbekannten Kulturpessimismus in antidigitalem Gewand" erkannt zu haben, der doch eigentlich zum digitalen Hallalie gegen die "intellektuelle Elite" aufstacheln können müsste. Doch das macht er nicht. Und warum nicht? Weil erstens das Ausrufen einer fortschrittsfeindlichen intellektuellen Elite seit Jahr und Tag zur Folklore der (gern intellektuellen) Jugend gehört und deshalb keinen Blogger mehr hinterm Rechner hervorlockt und zweitens Sascha Lobo einen Schritt Schirrmachers übersehen hat.

Lobo ist völlig zu Recht überzeugt davon, dass "Überforderung [?] die wichtigste Triebfeder des zivilisatorischen Fortschritts" ist. Nur glaubt er leider, dass Schirrmacher das nicht begriffen hätte. Dieser wiederum ist aber schon einen Schritt weiter - und diese Dimension ist der "Alte" dem "Jungen" leider wirklich voraus - denn Schirrmacher beschreibt nicht nur, sondern er fragt nach einem Schritt nach vorn, indem er die "große Stunde der Philosophie" erkennt, in der sein väterlicher Satz vom Wichtigen und Unwichtigen ein spannendes Feld aufreißt. Diese essayistische Note in Schirrmachers Offensive hat Lobo entweder nicht erkannt oder bewusst ausgeblendet, wenn er sich von der düsteren Beschreibung des gesellschaftlichen Ist-Zustandes angegriffen fühlt.

Dem schnelllebigen Blogger muss man an dieser Stelle zu gute halten, dass diese Einstellung in seiner Natur liegt. Denn im Bewusstsein der Unbestimmtheit des Zukünftigen ist die exzessive Bejaung und Bewahrung des Ist-Zustandes eine Kernthese der Generation WWW. Philosophie beschränkt sich an dieser Stelle meist auf die Durchsetzung der Freiheit im Netz und scheut die Verbindung nach außen, geschweige denn die Perspektive nach vorn. Getreu dem rheinischen Grundgesetz "Et hätt noch immer joot jejange" weiß Lobo: Egal was kommt, es wird schon gehen. Dass die digitale Boheme damit näher am eigentlich skeptisch betrachteten marktwirtschaftlichen Liberalismus ist als jede Jugendgeneration vor ihr, könnte mal ein Treppenwitz der Geschichte werden.

Was beiden Diskutanten aber abgeht, ist der Mut zum echten Schritt nach vorn. Die Beschreibung - und auch da gebe ich Sascha Lobo Recht - des sich stetig potenzierenden Wissens, das aufstapelt x-Mal zum Mond reicht, ist erschöpft Nun geht es darum eine neue Sicht der Dinge anzubieten. Selbst wenn man dafür auf die Weide muss, um eine heilige Kuh umzustoßen. Eine dieser heiligen Kühe ist die Idee der Aufklärung, dass Wissen den Menschen befreit. Denn daraus resultiert die simple Rechnung: Mehr Wissen - mehr Freiheit. Heute ist es aber so, dass das Hinterher rennen hinter dem Wissen den Menschen mehr und mehr in seiner Freiheit beschneidet, weil er eben nicht immer nur mehr weiß, sondern ihm auch immer aufgezeigt wird, was er alles noch nicht weiß. In diesem Widerspruch schleudert unser Bildungssystem gerade von einer Seite zur anderen, weil niemand versucht, das Kernziel von Bildung vom trockenen Wissen auf die Ebene des Denkens emporzuheben.

Jedes Kind weiß heute, wo die Informationen liegen. Meist nur wenige Klicks entfernt. Die Kunst besteht nun darin, dieses leicht auffindbare und stetig anwachsende Wissen am jeweiligen Ziel orientiert zu gewichten und zu verarbeiten. Denn dann können wieder die menschlichen Kernkompetenzen Spontaneität und Kreativität in Bewegung gebracht werden.

Deshalb: Keine Angst vor heiligen Kühen. Weiterdenken!"Wichtige Links zu diesem Text"
Sascha Lobo bei SPIEGELonline
Frank Schirrmacher bei SPIEGELonline

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    Eine dieser heiligen Kühe ist die Idee der Aufklärung, dass Wissen den Menschen befreit. Denn daraus resultiert die simple Rechnung: Mehr Wissen - mehr Freiheit. Heute ist es aber so, dass das Hinterher rennen hinter dem Wissen den Menschen mehr und mehr in seiner Freiheit beschneidet

    Interessanter Gedanke, der mir so auch noch nicht gekommen ist. Habe gerade John Naish's "Genug" gelesen. Seine Tipps für genug Informationen :
    -Werbung und Marketing meiden.
    -Maß an Medienkonsum festlegen.
    -Nutze die dabei Gewonnene Zeit sinnvoll.
    -Soziales Netz der Nachbarschaft pflegen.
    -Angesicht zu Angesicht > E-Mail > Handy > SMS
    -Emails nur alle 90 Minuten im Beruf zulassen ( zuhause 2x am Tag)
    -Nicht Zappen .

    Außer die Nachbarschaftspflege als Soziales Netzwerk zu sehen, hört sich das zwar gewohnt an, aber ob jeder davon schon alles umsetzt ?

    04.01.2010, 15:28 von DunKing89
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    Lobo ist doof. Dein Text jedoch gut.

    14.12.2009, 18:00 von StereoGirl
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    Hm, also was mich leicht überfordert ist der Artikel. Position 1 ist Bla und Position 2 ist Blubb. Zusammen ergibt das nur ein BlaBlubb, und ich bin so schlau wie zuvor.
    Also, ich mache jetzt mal BlaBlaBlubbBlubb draus, oder anders gesagt:
    Das Internet ist für mich ein Haufen vernetzter Rechner. Und ich stelle mir vor dem Hintergrund des Artikels (in Bezug auf Internet) folgende Fragen:
    - Kann man sich von einem Haufen vernetzter Rechner oder den Daten, die sie bieten, überfordert werden ?
    - Mit welchem Anspruch benutze ich das Internet ?
    - Wie weit ist der Internet tauglich für Informationsbeschaffung ?
    - Wie weit sind sog. soziale Netze sinnvoll ?
    - Wozu ist das Internet noch gut, und wie entwickelt es sich ?

    Die Antworten liegen für mich auf der Hand:
    - Man kann nicht alles wissen. Wer sich überfordert fühlt weil er nicht alle Daten kennt kann sich auch überfordert fühlen weil er nicht die Gedanken aller Menschen kennt. Ein völlig unsinniger Ansatz ist das. Man kann sich zwar von Technik überfordert fühlen die man nicht versteht, aber man kann sie nutzen. Ist man hingegen nicht in der Lage zu lernen einen PC zu bedienen, kann das eine Konkrete Überfprderung sein. Doch das wird im Artikel wohl nicht gemeint sein.
    - Ich benutze das Internet um mit anderen zu Quatschen (Foren etc), um mit anderen zu spielen (Onlinespiele, wo man gemeinsam mit andere Spielern etwas ‚unternimmt’ ) und auch gelegentlich zur Informationsbeschaffung, was sowohl Recherchen als auch Ersatz für Printmedien sein kann.
    - Informationen sind natürlich mit Vorsicht zu genießen. Stehen bestimmte Online-Versionen von Printmedien bestimmten Parteien nahe, kann man ahnen woher der Wind weht ... doch manchmal weiss man auch nicht wie Informationen zu bewerten sind. Trotzdem ist das Internet immer noch brauchbar zur Informationsbeschaffung.
    - Wenn der Artikel darauf abzielt, dass man sich früher besuchte, und sich jetzt nur noch im Netz verabredet ... nun. Wie immer macht es der richtige Mix zuwischen dem realen und dem virtuellen Leben (ich weiss, manche hassen diese Unterscheidung, ich halte sie jedoch für sinnvoll). Ich finde es gut und richtig sich via Internet auszutauschen.
    - Was man sonst so alles machen kann (Musik hören, Spiele-Demos besorgen, Handel treiben (z.B. Ebay) ... diverse Dinge in dem Bereich sind ja interessant. Bei den Spiele-Demos ist das kein Problem, aber alles andere wird ja mehr und mehr kriminell. Also gilt für mich: Finger weg. Ich denke da an Fälle, wo Anbieter bei Ebay Abmahnung und Verurteilungen bekommen im 5-Stelliger Betragshöhe, nur weil sie irgendeinen Text zur Gewährleistung oder anderen Firlefanz nicht korrekt formuliert haben. Wer will da bitteschön noch was privat verkaufen ? Und Musik ? Urheberrechtlich geschützt. Vergessen wir’s, ich will’s nicht weiter ausführen.
    - Informationsbeschaffung ? Wer nicht ganz hinter dem Mond lebt wird mitbekommen haben dass das gesamte Internet gefiltert werden soll. Man kann nicht nur nachvollziehen wer wann wo war und was getippt hat, sondern die Folgen davon, bzw. ggf. zivil- und strafrechtliche Konsequenzen. Und um den Zugriff auf die PCs, ob nun Firmen oder privat ... nicht nur das Ausspionieren, sondern auch Manipulationen der Daten sind technisch möglich. Und damit sind nicht nur irgendwelche Hacker gemeint, die Unsinn treiben wollen, oder die Sorte Hacker, die das Konto leerräumen wollen, auch Wirtschaft und Staat haben ganz massive Interessen.
    Informationsbeschaffung aus privater Sicht ist auch zuweilen lästig, weil man die gesuchte Information unter Tonnen von Werbung und anderen, nicht gesuchten Informationen Heraussuchen muss.

    Also, das Internet ist als Informationsquelle bedingt brauchbar, als soziale Komponente ist es brauchbar, sofern es nicht als einziger (zwischenmenschlicher) Kommunikationsweg genutzt wird. Eine gewisse Vorsicht sollte man schon walten lassen ... sowohl bei Umgang mit Kontodaten und anderen, persönlichen Daten.
    Die Frage ist, wie weit die Vorteile überwiegen. Im letzten Absatz habe ich auch ein paar Nachteile genannt. Irgendwann werden die überwiegen, aber noch nutze ich das Internet gerne. Nie hätte ich gedacht, dass die Unmengen von Daten im Internet unter Kontrolle gebracht werden können. Denn diese Kontrolle bedeutet auch die Möglichkeit der Zensur. Das wiederum bedeutet, dass bestimmte politische Informationen gefiltert werden können, siehe China. Oder jetzt auch Iran. Und andere Länder. Unliebsame Meldungen, die irgendwem, der Macht hat, missfallen, werden einfach totgeschwiegen bzw. kommen nicht an.

    Der Artikel befasste sich mit, wenn ich das richtig sehe, der Überforderung durch das Internet, bzw. der Annahme, dass wir vor dem Haufen Daten verblöden. Ich kann nur für mich sprechen .. mir knallen die Synapsen nicht durch, nur weil das ein Haufen nützliches, und ungleich mehr unnützes Wissen irgendwo zum Abruf bereit liegt. Und das Gefühl von Freiheit, Weite, freiem Wissensaustausch etc. hat stark nachgelassen. Denn wo gezielt Informationen manipuliert werden können, wo finanzielle Interessen Überhand nehmen, wo Gier und Macht in den Vordergrund treten, da zieht die Freiheit den Kürzeren und auch das vermeintliche wissen muss in Frage gestellt werden, zumindest muss die Absicht hinterfragt werden, ... die Absicht bzw. das Ziel , mit der welche Information von wem in’s Internet gestellt wurde.


    Andere Aspekte, insbesondere positive, hat derHerrMitDemPixel in seinem Kommentar ja benannt, dem ich zu über 90% zustimme, und hier nicht wiederholen will.

    14.12.2009, 12:39 von Cyro
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    "digitale boheme", ach herrjeh, ja, das ist auch so ein schlagwort, mit dem sich die nerds eine ganz eigene sinnhaftigkeit zurechtstricken können:-).
    man kann es sich im netz ganz einfach und kuschelig einrichten, auf dem selben strom mitschwimmen, wo die anderen vielleicht auch hinwollen und wenn man findet, dass man werbetauglich genug zurechtgestylt ist wie genosse lobo mit seinem super-iro, dann hält man seine nase eben auch noch in irgendeine x-beliebige reklamefilmchenkamera. "boheme", höhö, da lach ich doch drüber:-).

    13.12.2009, 12:48 von lavish
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    Wenn der Lobo endlich seinen scheiß ich-brauche-ein-Markenzeichen-Iro abschneidet ist schon viel gewonnen.

    12.12.2009, 10:45 von Raketemensch
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