Culture Clash
Man nehme: einen Tschechen, einen Schweden, einen Vietnamesen und eine Deutsche, gebe etwas Bier hinzu und schaue sich mal an, was dabei herauskommt!
Samstagabend und wir sitzen alle zusammen in der WG in East Wall, einer heruntergekommenen Bude in der Nähe vom Dublin Port, ein gemütlicher Abend soll es werden, wir kennen uns alle schon ein bisschen und finden uns auch alle ganz nett.
Victor mag ich am liebsten, weil er mein Freund ist. Hansa mag ich am zweitliebsten, weil er nett ist und außerdem ist er ne Puppe. Hoan finde ich auch nett. Leider stellt sich an diesem Abend heraus, dass Hoan mich dagegen nur nett findet, weil ich Victors Freundin bin.
So ist er eben, sagt Victor, darf man nicht zu ernst nehmen. Ich darf auch nicht zu ernst nehmen, dass Hoan meinen Freund ständig auf andere Frauen hinweist, wenn wir zusammen unterwegs sind und Victor findet es auch lustig, dass Hoan Dinge sagt wie „Ich will auch eine Freundin. Aber keine weiße Schlampe, sondern eine Vietnamesin, die für mich kocht und putzt.“.
Überhaupt findet Victor ziemlich viel lustig, vor allem alles, was geschmacklos ist oder mit Sex zu tun hat, aber so sei er eben aufgewachsen, sagt er, in Schweden seien ja alle so wahnsinnig liberal. Deswegen erzählt er uns an diesem Samstagabend auch eine lustige Geschichte über seine Exfreundin, die wegen psychischer Störungen Medikamente nehmen musste und weil die sich mit ihrer Pille nicht vertrugen, Milch in den Brüsten hatte und diese lustig in der Gegend verspritzte. Hoan schweigt dazu, aber ich vermute, er hat nicht ganz genau verstanden, worum es ging, weil Hoan nicht viel Englisch redet. Hansa sieht aus, als hätte er gerade eine dicke Fliege verschluckt. Ich konzentriere mich auf mein Glas Bier und die nächste Zigarette. Manchmal bin ich dankbar für Bier und Zigaretten.
Ob er solche Dinge eigentlich nicht für sich behalten könne, frage ich in einer ruhigen Minute. Nein, wieso, sagt er, ist doch eine lustige Geschichte. Und ihr wäre es ja auch nicht peinlich gewesen vor seinen Freunden... - Sie hat vor deinen Freunden...? - Ja, und, was ist denn dabei? - Das ist was Persönliches, sage ich, darf ich jetzt etwa davon ausgehen, dass du Details über mich auch an Deine Freunde weitergibst? Aber das würde er doch nicht tun, sagt er, jetzt wo er weiß, dass ich da ein Problem mit hätte. Deutsche seien da scheinbar ein wenig verklemmt. Ich bin ungemein erleichtert, dass er unser Intimleben für sich behalten wird, jetzt da er weiß, dass ich nicht will, dass er es seinen Bekannten als lustige Geschichten vermacht, und nehme noch eine Dose Bier. Deutsche trinken ja auch so viel.
Tschechen übrigens auch. Hansa kichert nur noch über alles. Auch als Hoan uns Karaoke vorsingt. Er besitzt eine Karaokemaschine und versucht Victor zu überreden, auch mal zu singen, auf vietnamesisch. Ich erschaudere innerlich und denke, bitte nicht. Für solche Sachen fehlt mir der Humor. Auch Victor hat trotz allem Grenzen und lässt es bleiben. Danke! Noch ein Bier.
Hoan will einen Film sehen und hält die DVD hoch: Kamasutra. Hansa schüttelt nur ungläubig den Kopf, Victor kringelt sich auf der Couch vor Lachen, ich stürze mein Bier hinunter. Ist kein Porno, erklärt Hoan, sind nur Frauen, die darüber reden, welche Position sie am liebsten mögen. Er legt die DVD ein und wir gucken Frauen in Unterwäsche, die darüber reden, welche Positionen sie am liebsten mögen. Hansa geht in die Küche, Victor kichert immer noch, ich ziehe mir das schwarz-weiße Palästinensertuch über den Kopf, das auf der Couch liegt und sage „Wo ist mein Hirn?“ Hoan versteht nicht, was wir haben, aber er nimmt die DVD raus. Danke!
Victor kriegt wieder einen Lachanfall. Ich frage ihn, ob ich ein paar von den Pillen haben kann, auf denen er ist. Ich weiß, dass er gerade keine nimmt, aber schon alle probiert hat. Ich weiß auch wie es dazu kam inklusive der LSD-per-Zungenkuss-Übertragung auf dem und dem Festival von dieser total heißen Frau. Er redet über solche Sachen wie andere Leute über die Spirenzien ihrer Haustiere.
A propos Haustiere, es gibt hier viele Katzen und Hoan musste einmal davon abgehalten werden, eine mit dem Baseballschläger zu erschlagen. „Wo ich herkomme, essen wir Katzen“, erklärt er. Wo ich herkomme, essen wir Kühe, aber ich bin noch nie auf die Idee gekommen, eine mit dem Baseballschläger zu attackieren. Aber erzähle das mal jemandem, der es gerechtfertigt findet, seinen Nachbarn mit einem Messer zu bedrohen, weil der die Musik zu laut aufgedreht hat. Victor findet diese Geschichte auch lustig und ich trinke Bier und rauche Zigaretten und plane meinen nächsten Samstagabend irgendwo anders.
Vielleicht mit ein paar Iren, die trinken auch viel.






Kommentare
Meine Eltern kommen aus Vietnam ich werde NICHT für meinen Freund kochen und putzen. Das kann der schön selbst machen!
15.11.2007, 18:55 von TTTTSehr amuesant und kurzweilig geschrieben- danke dafuer!!
22.03.2007, 11:23 von Raketenmaedchengeil. vielleicht hättest du es culture crash nennen sollen. ich allerdings finde es immer sehr interessant kulturelle differenzen der versch. länder zu entdecken. gehe nä. jahr auch nach irland. mal sehen was mich da erwartet ;)
26.09.2006, 19:20 von Juli-Puli-Kuliich würd dir gern das lachen aufnehmen und schicken, besser als stumpfe buchstaben.
24.09.2006, 23:28 von northjiggigrins, kicher, ich geh jetzt ins bett und schlafe gut. kannst du noch ein bißchen was schreiben, dann brauch ich kein bier mehr abends , um mit nem grinsen zu entspannen..
Wunderbar erzählt! Habe mich total amüsiert.
22.09.2006, 08:17 von NinaBerthEin echtes Highlight, dieser Text. Danke!
jeah, funky!! :D
21.09.2006, 00:37 von Rossioh mein gott, ich hatte einige solcher abende..himmel, das fehlt mir...allerdings war mein schwede extrem verklemmt und neurotisch ;)
20.09.2006, 20:41 von Pirkko