FinsterLicht 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 4

Cornflakes

Schweißnass. Kopf dröhnt.

Ich wälze mich in meinem Bett.

Die Hände vors Gesicht geschlagen und schreiend.
Irgendwer klingelt, wahrscheinlich ein besorgter Nachbar, der Vermieter, die GEZ oder die Zeugen Jehovas.
Ich schreie, dass wer auch immer das ist, sich verpissen soll.

Licht scheint durch die Jalousien.
In den Lichtstrahlen tanzt der Staub.
Ich schaue auf die Uhr gegenüber meines Bettes, kann aber nichts erkennen und schließe die Augen wieder.

Was hab ich da gestern im Alkohol- und Drogenrausch nur getrieben und was zur Hölle hat mich dazu gebracht? 

Ich schalte den Fernseher an.
Punkt zum fixieren.
Nicht wegen des tollen Programms.
Nachrichten. Tagesschau.
Zapp.
Nachrichten. Heute Journal.
Ich drücke auf den roten Knopf der Fernbedienung und werfe sie in den Bildschirm.
Der schöne 1000€ Flatscreen, den ich nicht besitze, wäre jetzt kaputt.
Meine alte Röhre interessiert das nicht. 
Die Fernbedienung schon eher.
Sie ist geflickt mit Panzertape.
Jetzt ist eine weitere Ecke ab. Ich brauche mehr Panzertape.
Der Patient liegt im sterben und die Fernbedienung muss ich auch reparieren.
Aber später.
Zumindest hab ich jetzt eine Antwort auf meine Frage.

Dann renne ich zum Klo und gebe dem Würgreiz nach.
Anscheinend hab ich gestern noch sowas wie n Döner gegessen oder so.
Verdammt. 
Warum fress ich immer Fleisch, wenn ich saufe.

Kopf dröhnt immer noch.
Zum Kühlschrank. 
Bier. 
Zur Couch. 
Kippe und Ruhe und lang machen.


Ich merke, dass ich den Abend, die Nacht, den Morgen nicht mehr auf die Kette kriege.
Gleich mal irgendwen anschreiben.

Wo ist das Handy? 
Weg.
Ärgerlich. 
Fuck.

Besoffen werfe ich immer mit meinem Handy und meinem Klingelbeutel um mich.
Besoffen will ich das alles nicht. 
Da will ich einfach nur sein.
Nüchtern bin ich dann wieder gefangen.
Naja, bis jetzt. 
Ich greife hinter die Couch und stelle fest, dass auch mein Laptop nicht mehr da ist.
Er ist da.
Aber nicht so, wie ich ihn in Erinnerung hatte.
Irgendwie besteht er jetzt aus gefühlt 100 Teilen.
Basteln habe ich schon immer gehasst.

Hastig trinke ich mein Bier aus, werfe mir irgendwelche Klamotten über, die griffbereit über der Couch hangen und latsche raus.

Mal beim Kollegen schellen, fragen was war, warum ich mich so fühle und warum bei mir in der Bude alles wichtige kaputt ist und mein Fernseher immer noch nicht.

Anscheinend bin ich so fertig, dass ich mich selbst bescheiße.
Kühlschrank, Heizung und Warmwasser ging doch.

Man, wo ist die scheiß Bude mit dem geilen Bier?!
Weg.
WARUM IST HEUTE ALLES WEG, KAPUTT ODER SONSTWIE BESCHISSEN???

Ein Typ kommt mir entgegen. 
Trägt Anzug, grinst selbstzufrieden.
Ich glaub, der findet sich geil.

"Wo ist denn die Bude, die gestern noch hier war?" frage ich ihn möglichst freundlich. 
"Was ist das?"
"Ne Bude?"
"Jo."
"Ja da kannste Bier kaufen und so, willste mich verscheißern?! Ich hab n scheiß Kater, Junge."
"Ne, verscheißern tu ich dich nicht. Aber in der Wohnung, die ich bewohne, steht noch Bier, wenn du willst. Und ne Tablette gegen Kopfschmerzen ist auch da. Komm mit."

Der Anzugträger hat nicht nur gegrinst, er ist auch noch freundlich.
Keine Ahnung mehr, wie man mit freundlichen Menschen umgehen soll.
Normalerweise ziehen hier alle ne Fresse.

Whatever.
Smalltalk, weil wegen er nett, dann ich nett.

"Wieso bist'n du am Samstag in Arbeitsklamotte unterwegs? Was machst'n eigentlich? Achja... Hab mich ja noch gar nicht vorgestellt."

"Es ist Samstag? Was ändert das? Ich gehe gern arbeiten. Ein paar Stunden am Tag, danach mache ich, was ich will. Mal schauen, wie lange ich heute möchte. Ich glaube im Moment mache ich Stahlkocher."

"Stahlkocher? Mit dem Outfit? Junge du hast Nerven. Sieht aber teuer aus der Fummel. Haste keine Angst drum? So wie der geschnitten ist, haste da doch bestimmt n halbes Monni hingelegt, oder?"

"Ja sicher. Möchtest du etwa nicht, dass jeder das trägt, was er will? Gestern hatte ich so ein schönes schwarzes Kleid an. Das ist doch normal. Und hingelegt habe ich dafür gar nichts. Ich bin einfach rübergegangen hab gesagt, dass ich sowas gern tragen würde und dann hat der Schneider mir den angefertigt."

"Was?! Einfach so?! Verarscht du mich. Wie hast'n das gemacht? Den Trick muss ich mir merken."

"Geh einfach rüber, wenn du dein Bier getrunken und deine Tablette genommen hast."

"Okay."

Ich rede kein Wort mehr mit dem Fremden und schaue mich um.
Überall schöne Häuser.
Aufwendig verziert, mit Erkern, manche mit Dachterrassen, andere mit Säulen vor den Eingängen. Elegant wirkende Autos, die ich noch nie gesehen habe, stehen vor einigen Türen.
Ein Auto fährt lautlos vorbei und ich folge ihm verwundert.

Der Mann stoppt an einem heruntergekommenen Haus.
Offensichtlich ein Mietshaus.

"Ah, hier haste also gespart." stelle ich fest.

"Nein, ich wohne allein, ich brauche nichts größeres. Und ich mag dieses heruntergekommene, hier fühle ich mich wohl."

"Für alles ne Ausrede parat." grinse ich neckisch, aber er scheint nicht zu verstehen.
Wir gehen die alte, knarrende Treppe hoch, an der Decke ist überall Stuck. Wirkt massiv, nicht aus Styropor oder sonem Mist.
Die Wände sind mit Mosaiken verziert.

Der Fremde bemerkt meine erstaunten Blicke und erklärt, wie selbstverständlich: "Hat die Frau gemacht, die unter dem Dach wohnt."

"Kann ich die auch einfach fragen, ob die das bei mir macht?"

"Natürlich." nickt er, schließt seine hohe Eingangstür aus dunklem Holz auf.

"Komm rein, links ist die Küche, den Kühlschrank sieht du dann."

"Danke."

Ich gehe in die Küche.
Eine ausladende, mittig in diesem Raum positionierte Kücheninsel, die komplett aus schwarzem Granit gefertigt ist und aussieht, wie ein alter Tisch, mit diesen geschwungenen Tischbeinen, empfängt mich.
Beeindruckt gehe ich zum Kühlschrank.
Irgendwie habe ich keine Lust mehr auf Bier.
Ich nehme mir Milch aus dem Kühlschrank und Cornflakes, die oben drauf stehen, als er gerade wieder rein kommt.
"Die Schüsseln stehen im Hängeschrank rechts. Holst du zwei raus?"

"Sorry, dass ich einfach so drangehe."

"Warum? Das ist selbstverständlich."

Ich nehme zwei Schüsseln aus dem Schrank, setze mich zu ihm an den Esstisch am Fenster, auf dem er Löffel bereitgelegt hat.

Wir essen stumm, er schiebt mir die Kopfschmerztablette rüber.

Nach dem Frühstück bedanke ich mich und er scheint überrascht, dass ich das tue.
Sein Blick drückt irgendwie Unverständnis aus.

Ich verabschiede mich und gehe verwirrt nach Hause.
Musste er nicht zur Arbeit?

Eine Stimme links von mir reißt mich aus meinen Gedanken.
"Hey, wo musst du hin? Soll ich dich ein Stück mitnehmen?" ruft mir eine Frau zu. 

"Gern, aber fährst du überhaupt in meine Richtung?"

"Das passt schon."

Ich steige zu, bin noch verwirrter als vorher, aber sehr dankbar und beschreibe den Weg zu mir nach Hause.

Dort angekommen, verabschiede ich mich freundlich und überlege, sie nach ihrer Nummer zu fragen, sehe dann aber doch davon ab.
Trotz Kopfschmerztablette dröhnt mein Kopf jetzt noch stärker als nach dem Aufstehen.

Ich schmeiße mich ins Bett. 
Vielleicht ist ne Priese Schlaf jetzt genau das Richtige.



Unsanft werde ich aus dem Schlaf geweckt.
Von einer Sirene.
Den Klang kenne ich nur aus alten Filmen.
Ich höre ein verstörendes Kreischen.
Auf einmal bin ich hellwach.
Ich wohne im Keller, denke ich, weiter kann ich nicht nach unten.
Panik macht sich breit. 
Mein Herz beginnt schneller zu schlagen, ich schaue mich hektisch um.
Dann knallt es ganz in der Nähe.
Und es knallt nochmal und nochmal.
Und dann knallt es direkt über mir.

Dunkel.





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