Dela_Kienle 05.04.2005, 12:49 Uhr 0 2

Campus der Angst

Ein Phantom geht um: der Vergewaltiger von Bochum. 21 Frauen hat er in den letzten elf Jahren überwältigt, meist auf dem Gelände rund um die Uni.

Es war mitten am Tag, als er sie »von hinten anging, mit einem Messer bedrohte und zu sexuellen Praktiken nötigte«. Seine erste Vergewaltigung, Januar 1994 – die Polizeisprache bleibt nüchtern. »Sie« war ein 12-jähriges Mädchen, um 13 Uhr 10 wohl auf dem Nachhauseweg von der Schule. »Er drohte dem Kind mit Tötung, falls es nicht das täte, was er verlangte.« Im September darauf hat er eine 44-Jährige überfallen, zwei Monate später eine 22-jährige. Dann eine Jugendliche, gerade mal 17. Die »fleischigen großen Hände« werden in den Akten beschreiben, den »fuseligen Schnäuzer«, das Messer am Hals, wie er »sein Opfer knien« ließ und »die Geschädigte mit Kabelbinder« fesselte, »bevor er sie missbrauchte «. Von den Schreien, dem Schweiß, der nasskalten Erde, auf die er seine Opfer presste, steht da nichts. Doch die Bilder tanzen sofort vor den Augen, wie in einem schlechten Krimi, und über allem klebt der Geruch von Angst.

Anna kennt die Fälle. Sie hat die Homepage der »EK Messer« durchforstet, alles gelesen, auf gute Neuigkeiten gehofft. Einundzwanzig versuchte und vollendete Vergewaltigungen in elf Jahren – und immer der gleiche Täter. »Es ist unfassbar, dass sie den nicht kriegen«, sagt sie und schüttelt den Kopf. »Wie ein Phantom, das über allem hängt.« Anfangs hat er in dem Ruhrpottkaff Sprockhövel zugeschlagen, doch seit acht Jahren konzentriert er sich auf Bochum, auf das Gelände rund um die Universität. Da, wo Anna studiert und lebt. Und mit ihr über 15 000 junge Frauen.

Sie haben’s ja gut gemeint, die Städtebauer, als sie in den 60ern die Ruhr-Uni errichteten: Wald-und-Wiesen-Niemandsland und mittendrin der Campus aus modernem Beton. Jetzt hat der Dreck die Klötze verfärbt, die sechsspurige Schnellstraße frisst sich durchs Gelände, Lüftungstürme ragen in den Himmel, und die Pflasterplatten poltern dumpf, wenn die Studenten darübergehen. Grau macht depressiv – vielleicht. Doch es ist das Grün, das Angst macht. Nicht bei Tag, da gibt es keine Probleme. Aber nach einem Abendseminar im Wintersemester, nach einer Party auf dem Nachhauseweg. Die Wege, die von der U-Bahn in die Wohnheimsiedlung führen, sind einsam, baumbestanden. Und manchmal bleibt nur der Trampelpfad durchs Laerholzwäldchen. Wie dunkle Säulen ragen da die Buchen in den Himmel. Ein paar Laternen werfen fahles Licht, lassen groteske Schattenmonster torkeln. Hier hat der Vergewaltiger mehrere Mädchen von hinten gepackt, ihnen das Messer an die Kehle gesetzt, hat sie die Böschung hinabgezerrt, zwischen Farnbüsche und totes Laub. Ein paar Meter in die Schwärze genügen.

Anna wohnt im 6. Stock eines Wohnheimklotzes. Mädchenetage, 18er-WG, im Klo der Hinweis »Mann … Bitte hinsetzen.«. Auf dem Schreibtisch Vokabelkärtchen. Sie will nach Italien, mal weg von Bochum, wo sie wegen des NCs für Theaterwissenschaft gelandet ist. Ich beweg mich hier nicht mehr frei«, sagt sie. Ist es dunkel, verabredet sie sich mit Kommilitonen, oder ihr Freund holt sie ab, spät nachts, im Regen, egal. Abends moderiert sie im Uni-Sender »Radio c.t.« ihre Sendung »Kultimativ «. Dann sitzt sie alleine am Mischpult, im einsamen Ingenieursgebäude. Punkt 22 Uhr gehen – plopp – die Laternen im Hof aus, dann schummert matt das Notlicht. Und Anna packt ihre Tasche, hastet die Gänge entlang, hoch, runter, die Entlüftung brummt, die Schritte hallen. Draußen wartet hoffentlich ihr Freund. Wenn nicht – Panik.

Es gibt sieben Phantombilder von dem Vergewaltiger, nur aus der Anfangszeit. Später hat er sich vermummt, trug schwarze Kleider, eine Baseballmütze. Nur die DNA seines Spermas beweist, dass es immer der gleiche Täter war. Und die Polizei weiß so wenig. 25 bis 40 müsste er sein, schlank, völlig unauffällig. Ruhrpott- Deutsch. Früher mit Schnauzer. Es könnte fast jeder sein, der an der Uni herumläuft: der Kioskverkäufer. Der Maschinenbaudozent. Der Schlacks, der vor dem Plus-Markt lungert. »Ich glaub ja, dass es ein älterer Student ist, der von Sprockhövel nach Bochum gekommen ist«, sagt Anna. »So ein ganz Normaler. Der könnte ja sogar an manchen Abenden den Besorgten spielen, weibliche Bekannte nett nach Hause begleiten – und in anderen Nächten zuschlagen.«

Einsame Straßen gibt es auch in München, dunkle Unterführungen in Frankfurt, unheimliche Ecken in Berlin. Und wohl jede junge Frau kennt das Gefühl, dass eine unbestimmte Angst ihr Leben beeinträchtigt. Lieber den Umweg machen, früher nach Hause fahren? Ein Taxi rufen, obwohl das Geld knapp ist? Wie sehr sich das Bochumer Phantom in den Alltag der Studentinnen schleicht, ist letztlich eine Frage der Persönlichkeit, des Typs. Ist doch lange her – das sagen ebenfalls manche. Seit dem letzten Angriff sind mehr als zwei Jahre vergangen. Es war die Nacht vom 1. Dezember 2002, Bahnhof Bochum-Langendreer, als jemand einer Studentin von hinten den Mund zuhielt und ihr ein Messer an den Hals drückte. Sie hat geschrien, getreten, der Mann hat von ihr abgelassen und ist geflohen. Seitdem: völlige Ungewissheit. Hat der Täter aufgehört? Kann man sich ohne Furcht bewegen? Oder ist es nur wieder eine Pause? Anna warnt jede Studentin, die neu ins Wohnheim zieht und die letzte Vergewaltigungsserie nicht mitbekommen hat. »Manche nehmen es ernst, manchmal wird man auch belächelt«, sagt sie. Doch der Täter hat immer in Serien zugeschlagen. Mehrere Übergriffe – dann jahrelang Pause. Wieder Übergriffe – Pause. Es gibt Spekulationen, dass er zwischendurch Beziehungen hatte, eine nette Freundin vielleicht, mit der er abends ins Kino ging, kuschelte. Bis er irgendwann wieder loszog, auf Frauenjagd, sich in einem Gebüsch nah bei U-Bahn-Stationen versteckte, auf Opfer lauerte. »So jemand hört doch nicht einfach auf«, sagt Anna.

Siebzig Prozent Aufklärungsquote in Bochum

Kriminologie II, ein Hörsaal ohne Tageslicht. Steil fallen die braunen Holzbänke ab wie ein Trichter. Unten steht eine zierliche Frau im Jackett, Mitte 40, Locken: Kriminaloberrätin Andrea Scheuten, Leiterin der »EK Messer«. Die Frau, die den Serienvergewaltiger jagt. Vielleicht ein Dutzend Juristen sitzen verloren in den Reihen. »Ein kleines Seminar«, entschuldigt sich der Assistent des Professors. »Außer Sie sagen jetzt, dass Sie den Täter haben – dann ist’s hier in wenigen Minuten voll.« Frau Scheuten lächelt schmal. Wirft die Powerpoint- Präsentation an. Beginnt ihren Vortrag über Sexualdelikte, betont allgemein. Kindesmissbrauch, Internet, Exhibitionisten, dann der Folienwechsel: Vergewaltigungen. »Es geht den Tätern dabei eindeutig nicht um die Befriedigung unbeherrschbarer Triebe, sondern um Machtmissbrauch«, sagt Scheuten. Und: »In zwei Dritteln aller Fälle kannten sich Täter und Opfer vorher – entgegen dem Klischee, dass eine Frau durch den dunklen Park geht und dann von einem Triebtäter angegriffen wird.« »Kleine Zwischenfrage«, meldet sich ein Stoppelkopf, letzte Reihe oben, »wie hoch ist denn die Aufklärungsquote in Bochum? «. »Siebzig Prozent«, antwortet Scheuten. Siebzig. Nur den einen, den haben sie nicht erwischt. Und ein Klischee ist er leider auch nicht.

Der Serientäter hat eine der größten Fahndungen ausgelöst, die die Ruhrstadt in den letzten Jahren erlebt hatte. Zeitweise haben bis zu 20 Experten ermittelt. Im Sommer 2002 waren Nacht für Nacht bis zu 40 Polizisten im Einsatz, im Laerholzwald, rund um die Uni. »Vielleicht konnten wir so wenigstens andere Straftaten verhindern«, sagt Scheuten nach der Vorlesung. »Ich gehe davon aus, dass weiterhin eine Gefahr von dem Täter ausgeht. Aber irgendwann werden wir ihn kriegen. Jeder macht einen Fehler.«

Miriam kann sich noch gut an den Sommer 2002 erinnern, als die Angst plötzlich so greifbar war. Am 6. Juni war sie bei einer Medizinerparty gewesen, hatte mit Freunden gefeiert, war zu Hause traumlos ins Bett gefallen. Einer 22-Jährigen aber ist nach der Party der Vergewaltiger gefolgt. Auf einem der verwucherten Fußwege hat er sie gepackt, ihr das Messer an den Hals gehalten, sie zu Boden gezogen. »Es gelang ihm nicht, die Frau zu vergewaltigen«, steht im EK-Messer-Bericht. »Deshalb manipulierte er an sich selbst.« »Ich habe das dann in der Zeitung gelesen«, sagt Miriam. »Dass der Typ vielleicht mit auf der Party war und dem Mädchen von dort aus gefolgt ist. Da warst du auch, hab ich gedacht. Da hab ich mich zum ersten Mal bedroht gefühlt.«

In der ganzen Uni hingen Fahndungsplakate, graue Phantombilder auf grauem Beton. Überall Zivilpolizisten. Nachts flogen manchmal Hubschrauber über den Wald, wenn ein Anlieger blinden Alarm gegeben hatte. »Man hat gemerkt, wie alle mit offenen Augen durch die Gegend gelaufen sind. Jeden Typen kritisch gemustert haben, der einem im Wäldchen entgegengekommen ist.« Manchmal lag Miriam wach und hat hinausgelauscht. Waren das angetrunkene Mädels, die da in der Ferne kreischten? Heimkehrer von einer Party – oder etwa nicht? »Ich bin kein ängstlicher Typ, wirklich nicht«, sagt die 26-jährige Germanistin. »Früher in ich nachts rumgelaufen oder Rad gefahren. Aber das würde ich heute nicht mehr machen. Besonders gruslig war ja auch der Fall mit dem Fahrrad. Dann denkst du: Der Typ braucht dich nur vorher beobachten und dir den Reifen zerstechen. Dann hat er dich.«

War er auch auf der Party und ihr von dort gefolgt?

Fall 16: Eine 24-Jährige kommt vom Kino zurück, fährt bis zur U-Bahn-Haltestelle Hustadt. Ihr Fahrrad ist beschädigt, der Sattel kaputt. Ob es der Täter war? Es ist Mitternacht, sie schiebt. Ein schmaler Weg geht hinter der Lennershofstraße von einem Parkplatz ab. Keine Beleuchtung, brusthoch wuchern Brennnesseln und Klebekraut. Es ist nicht weit, vielleicht 100, 150 Meter Dunkelheit. Das wird schon gehen, mag sie gedacht haben. Das schaffst du, gleich bist du zu Hause. Dann hat sie die Klinge am Hals gespürt.

Miriam geht, ebenso wie Anna, im Dunkeln nicht einmal die paar Minuten von der U-Bahn Markstraße nach Hause; ihr Freund holt sie ab oder der Mitbewohner oder zwei Freundinnen gemeinsam. Das Laerholzwäldchen durchquert sie tags ohne Zögern, aber niemals nachts. »Eine Weile war ich richtig hysterisch«, erzählt sie. »Als der Täter so massiv gesucht wurde, war ich einmal am frühen Abend in Dortmund. Da war so ein ekliger Typ am Bahnhof, der mich merkwürdig angestarrt hat. Er ist im Zug mit mir nach Bochum gefahren. Mit mir ausgestiegen. Mir in die U-Bahn gefolgt, ins gleiche Abteil, und immer hat er so widerlich geschaut … Ich war total zittrig und aufgelöst und dachte nur: Wenn er das jetzt ist?« Auch auf einem Foto zum Artikel möchte sie nicht abgebildet werden. »Man wird paranoid«, sagt sie. »Aber allein die Vorstellung, dass der Typ das hier liest, mein Bild sieht und weiß, wo ich wohne – das ist mir echt zu unheimlich.«

Wo der Serienvergewaltiger jetzt lebt? In Bochum, gleich bei der Uni – oder in Köln, am Bodensee, auf den Bahamas? Den Studentinnen ist es unbegreiflich, dass die Polizei ihn nicht geschnappt hat – selbst nicht mit Hilfe eines aufwendigen Massen-Gentests. Ein Spezialist von Scotland Yard hatte Herkunft und Wohnort des Täters eingegrenzt. Fast 10 000 aus Sprockhövel und Bochum stammende Männer mussten zum Speicheltest antreten. Die meisten haben kooperiert, vielleicht bei der Prozedur an ihre verängstigten Freundinnen und Bekannten gedacht. Doch manch einer an der Uni war froh, nicht mehr gegen ein Phantom zu kämpfen. Dann lieber altbekannte Feinde: der Überwachungsstaat. Die böse Polizei. Das AstA-Referat für Grund- und Freiheitsrechte protestierte gegen den Gentest, ein Jurastudent zog bis vors Bundesverfassungsgericht, um seine Speichelprobe zu verweigern – vergeblich. Vergeblich war aber auch der Massentest.Die Beamten der »EK Messer « überprüfen noch die letzten Nachzügler. Doch der Vergewaltiger muss durch die Maschen geschlüpft sein. Er ist immer noch da draußen, unbehelligt, irgendwo.

»Wenn du dich mit dem unterhältst, würdest du wahrscheinlich nie merken, was für ein krankes Schwein das ist. Das ist sicher so ein normaler Typ, vielleicht sogar mit Familie und gutem Job«, sagt Sandra, klopft Glut ihrer Zigarette ab. 21 ist sie, Schneewittchengesicht, knallrote Turnschuhe, Lederjacke. Eine, die weiß, was sie will – und die trotzdem auf den nächtlichen Uni-Wegen einen Schritt schneller geht, sich hastig umdreht, den spitzen Haustürschlüssel mit der Faust umklammert, wie ein Dorn, den sie dem Angreifer ins Auge rammen könnte. »Ist nur für die eigene Psyche«, sagt sie. »Wenn der Typ einen von hinten erwischt, könnte man wahrscheinlich auch ’nen Baseballschläger dabeihaben.«

Im Hintergrund dudelt Buena Vista Social Club, die Billardkugeln klickern: Café-Latte-Pause im Kulturcafé der Uni. Bei Tag spricht sich’s leicht über die Ängste der Nacht und über den Frust, sich oft so hilflos zu fühlen. Sich Begleiter herbeizutelefonieren oder allein mit gekrampftem Magen durchs Dunkel zu hasten. In Sandras früherem Wohnheim gab es auch einen Abholservice, den zwei dort wohnende Jungs angeboten haben. »Aber es ist so unangenehm, auf Leute angewiesen zu sein, mit denen man sonst auch nichts zu tun haben will«, sagt Sandra. »Wie im 18. Jahrhundert fühl ich mich, als man sich als Frau nicht allein auf die Straße getraut hat.« Und manchmal wundere sie sich über sich selbst, wie sehr der Vergewaltiger ihr Leben vergiftet. »Dass er einen dazu bringt, Sachen zu tun, die man sonst nie tun würde.« Sandra hat ihr Wohnheimzimmer gekündigt, ist in ein Apartment in der Bochumer Innenstadt gezogen, acht UBahn-Stationen entfernt von der Studentensiedlung im Grünen. Ihr Studium der Film- und Fernsehwissenschaft will sie noch durchziehen – und dann nichts wie weg.

Denn dass der Vergewaltiger einfach so aufhört, glaubt keine der Studentinnen. »Bei einem Serientäter weiß man doch nie, wann er wieder zuschlägt«, sagt Sandra. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das einfach so vorbei ist«, sagt Anna. »Ich hab dieses Ruhe-vor-dem-Sturm-Gefühl«, sagt Miriam. Kriminaloberrätin Scheuten hat gesagt, dass jeder einen Fehler macht, irgendwann, auch der Vergewaltiger von Bochum. Soll man das wünschen, einen Fehler? Es wäre ein Fehler bei seiner nächsten Tat.

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