sunnyonbehalf 16.08.2017, 10:55 Uhr 5 1

Brechstangentanz

Inkonsequenz ist ja so ekelhaft. Minderwertiges, charakterschwaches WischiWaschi - das braucht wirklich niemand. Über den Tanz mit der Brechstange.

Brechstangentanz

 

An der Ecke Müllerstraße / Schmitzstraße gibt es ein kleines Geschäft. Ein solches, bei dem man sich fragt, wie Inhaber oder Mietezahler je auch nur einen einzigen Cent verdient haben. Vielleicht hält man sich mit Erspartem über Wasser, niemals die Hoffnung aufgebend das bessere Zeiten kommen würden, denn wer dranbleibt, der kann gar nicht anders außer eines Tages Geld zu verdienen. Oft ist aber auch trotz aller Warterei Hopfen und Malz verloren. Da hätte auch kein Instagram Account und keine Werbeagentur der Welt das Ruder rumreißen können. Es gibt Fälle, die sind eben die Ausnahme von den Regeln, die Steve Jobs und JK Rowling emsig predigen: Niemals aufgeben, das wird schon. Bei Eckgeschäften gilt das nicht immer, aber manchmal. An der Ecke Müllerstraße / Schmitzstraße betreibt ein kleiner, dicker Mann nämlich ein Geschäft für Brechstangen. Bis zur Jahrtausendwende hatte er nicht einen Geldschein über die Ladentheke gebracht, dennoch ging er jeden Tag nach Ladenschluss in die Kneipe eine Ecke weiter, bestellte sich ein kleines Bier und die Suppe des Tages und entgegnete jedem, der fragte, wie das Geschäft denn liefe: Ach es geht so. Aber ich sag es dir. Die Zeit der Brechstangen, sie wird schon kommen!

Wie recht er hatte. Er ist heute Millionär. Das hier ist Gesellschaftskritik. Tut mir leid.

Dürfen Veganer eigentlich koksen? Dürfen Feministinnen denn Ausschnitt tragen? Dürfen Supermütter denn heimlich rauchen? Dürfen Rentner denn Sex haben? Wieviel Zeit muss denn nach einer Trennung vergehen, bevor man jemand anderen treffen darf? Wie lang muss denn die Begründung sein, um angemessen zu erklären, warum man nicht im Metier seines Studiums arbeitet? Und darf man Sex mit einem Arbeitskollegen haben? Darf man nun Bio-Eier kaufen oder nicht? Und darf man SPD wählen und trotzdem Bettler abwimmeln? Ist das alles nicht wahnsinnig inkonsequent? Gäbe es doch nur ein Buch, ein Leitfaden, eine Person die man fragen kann, was man nun tun oder bleiben lassen muss um sich nicht zu verraten. Um nicht blau zu sagen und rot zu meinen. Aber hinter jeder Mentalität steht ja auch ein Mensch mit Brechstange, der verrät dir schon, was sich nun gehört und was nicht.

Sie sind nämlich überall die Brechstangen und legen ihre Regularien über jeden Gesellschaftstrend, der gerade so kursiert und der eigentlich gar nicht verkehrt wäre, nein der eigentlich sogar gut wäre! Denn eigentlich wurden wir für etwas begeistert, was nicht nur nicht schlecht klingt, sondern auch gar nicht schlecht ist, etwas von dem man sich etwas abschauen kann, etwas was einem zum nachdenken anregt. Und obwohl wir ja verstanden haben, dass Veganismus gut ist und wir keine Wurst mehr kaufen wollen und kein Aldifleisch, gibt der Rote-Beete Patty dann doch nicht das her, was die Beef Version kann. Also bestellt man Samstagsabend dann doch mal einen richtigen Burger und sogar noch mit Käse drauf! Das ist wahnsinnig inkonsequent und die Brechstangen Veganer werden kommen und solange auf die Doppelmoral schimpfen, bis es per se erstmal bequemer ist, gar nicht mehr über Lebensmittel nachzudenken sondern einfach dagegen zu sein. Dann kann man auch genauso gut wieder Aldifleisch kaufen, schont ja auch den Geldbeutel. Das verstehen dann alle.

Und zu lernen, dass man sich nicht mit jeder sexistischen Kackscheiße abfinden muss, das ist mega. Sich zu weigern hinzunehmen, dass man schlechter bezahlt werden könnte, schlechter behandelt werden könnte, als weniger angesehen werden könnte, das ist mega. Aber wer sich einmal hat sagen lassen, er sei nun ein Feminist, was ja im Zweifel auch wahr ist, der begibt sich plötzlich in eine komische Welt. Die Leute tragen dann T-Shirts, wo so zusammenhanglose scheiße, wie „The future is female“ draufsteht und Urban Outfitters verkauft Handbücher zum richtigen Feminismussein. Wenn man sich so ein Buch kauft, dann ist das eine Erleichterung für jede Brechstangen-Feministin. Sie hat dann eine Person weniger, die sie tagtäglich Maßregeln muss, denn besagtes Buch klärt von allein und ganz sachlich über die Inkonsequenz auf, die entsteht wenn man mit so einem T-Shirt in die Apotheke rennt und ein neues Pillenrezept einlöst.

Wer hätte je gedacht, wie einfach es ist inkonsequent zu sein. Und vor allem, wie brisant es ist! Der kleine, dicke Mann an der Ecke Müllerstraße / Schmitzstraße hat es gewusst. Und als seine Zeit gekommen war, hatte er sein Geschäft mächtig aufgemöbelt und sich dumm und dämlich verdient. Angeschürt von all dem Hass auf die, die nicht Fisch noch Fleisch sind und auch noch sagen, es sei ihnen egal, während man sich selbst doch so Mühe gibt! Angeschürt von frustrierten Teilzeit Aktivisten, denen das Studium zwar nicht reicht zum Erfülltsein, ein richtiges Hobby aber zu teuer ist. Stattdessen spielen wir zu zweit in unserem Hamsterrad fangen und wegrennen. Derjenige, der dem anderen das Leben grundlos am Schwerstern macht, der hat gewonnen. Denn sich über Inkonsequenz aufzuregen scheint ja auf den ersten Blick so einfach und logisch. Das klingt nach Charakterschwäche und ekeliger wischiwaschi Moral, nach Leuten die eben gar nichts ernst nehmen oder nach Leuten, die nur provozieren wollen mit ihren halben Sachen.

Vielleicht aber sind das Menschen, die lieber einen kleinen, realistischen Beitrag leisten, der zu ihnen und zu ihrem Leben passt, als gar keinen. Das sind Menschen der Graustufen, die mit Schwarz und Weiß gar nichts anfangen können. Aber grau ist komisch. Grau ist anstrengend. Deswegen lieber dagegen. Das ist am einfachsten.

 


Tags: Veganismus, Feminismus, Inkonsequenz
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