Kellerkatze 11.05.2005, 11:48 Uhr 5 0

Bodyguards für 60 Cent

Eine heisere Stimme reißt mich aus meinen Gedanken: „E…entschuldigen Sie…junge Frau…liebe Frau…ent…schuldigung…“.

Ich drehe mich herum und erschrecke für einen Augenblick: vor mir steht ein Mann, dessen Alter man kaum noch erahnen kann. Seine Haare sind halblang und ungepflegt, seine Augen rot und fast völlig zugeschwollen. An seiner Kehle sieht man deutlich die Narbe eines langen Schnittes. Er trägt eine alte Lederjacke und zerschlissene, schmutzige Jeans. Als er sich bewegt, weht mir eine übelriechende Wolke entgegen. Er stinkt ungewaschen und nach Alkohol.
„Hhm?“ mache ich.
Er scheint sich zu freuen, dass ich stehengeblieben bin und lächelt freundlich. In seinem Mund sind kaum noch Zähne. „E…entschuldigung… ich… ich würde… hätten Sie vielleicht… ein bisschen Kleingeld für mich? Ich…ich würde mir gerne ei…ne Cola kaufen.“
‚Na klar, ne ‚Cola’!’ schießt es mir durch den Kopf und ich muss grinsen. Dann wühle ich mein Portemonnai hervor und suche mein restliches Kleingeld zusammen.

Gerade als ich ihm die 60 Cent in die zittrige Hand drücke, taucht ein anderer Mann auf.
Auch er sieht furchtbar aus. Groß und dünn, mit dunklen Augenringen und einer Verletzung an der Unterlippe. Er trägt eine dreckige schwarze Bomberjacke, eine schwarze Jeans und ein Kopftuch mit Totenschädeln. Seine Augen sind unnatürlich trüb und fahl. Er wirkt etwas unheimlich.
„Oh, das ist sehr sehr… nett von Ihnen! Vielen…Dank! Einen wunder…schönen….Abend noch!“ sagt der Langhaarige höflich. Auch der andere Mann bedankt sich bei mir. „Und kommen Sie gut nach Hause!“
Ich muss lächeln, verabschiede mich ebenfalls und gehe weiter.

Nach ein paar Minuten sind die beiden Männer noch immer hinter mir.
„Ach sie gehen ja in dieselbe Richtung! Dann können wir Sie ja ein Stück begleiten!“ höre ich hinter mir den mit dem Kopftuch. „Und aufpassen, dass… Ihnen nichts passiert.“
Nun muss ich lachen. Die beiden gehören nicht unbedingt zu der Art Menschen, die man als Sicherheitsfaktor empfindet. Aber ich spüre, dass ich nichts zu befürchten habe und gehe einen Schritt langsamer.
„Ach, ich denke, ich kann schon ganz gut auf mich selbst aufpassen, aber trotzdem Danke!“
„Nanana. Überschätzen Sie sich mal nicht! Der Mann mit dem Kopftuch sieht mich besorgt an. „Das hier ist eine üble Gegend. Hier laufen echt finstere Typen herum!“ „Aber …wir passen ja jetzt auf Sie auf!“ fügt der Langhaarige stolz hinzu. Diesmal unterdrücke ich das Lachen. Ich will nicht unhöflich sein.
Der Mann mit der Lederjacke läuft seltsam und mit abgehackten Bewegungen. Erst nach ein paar Minuten fällt mir auf, dass er ein Bein nachzieht. Der andere bewegt sich flüssig, aber sein Blick ist wirr und unberechenbar.
Die beiden verströmen einen so einen Gestank, dass ich ihn selbst aus der Entfernung riechen kann.

Schließlich beginnen Sie ein Gespräch über Verbrecher und Vergewaltiger und in ihren Stimmen schwingt Entrüstung mit.
Während sie sich ereifern, kommt uns eine Dame mittleren Alters entgegen. Sie trägt eine Einkaufstasche und mustert meine „Bodyguards“ entsetzt. Dann sieht sie mich mit einem verständnislosen Blick an, senkt den Kopf und geht schnell und in einem großen Bogen an uns vorbei.
‚Na prima! Vor brutalen Überfällen von gelangweilten Hausfrauen bin ich nun offenbar geschützt.’ denke ich mir und mir wird klar, wie skurril diese Situation gerade ist.

„Haben Sie von dem Mord an der jungen Frau in der Wolfhager Straße gehört?“ fragt mich mein Beschützer mit dem Kopftuch.
„Ja“, antworte ich. „ich habe es gestern im Fernsehen gesehen.“
Der Langhaarige sieht mich traurig an. „A…ach wissen Sie… ich…ich… lebe auf der Straße… ich habe keinen Fernseher.“
Erst in diesem Augenblick wird mir so richtig bewusst, in welcher Situation sich die beiden befinden. Ich schlucke und ich blicke betroffen zu Boden.
Plötzlich würde ich sie am liebsten fragen, wo sie herkommen, was für ein Leben sie gelebt haben und wie es geschehen ist, dass sie nun obdachlos sind und am Bahnhof um Geld schnorren. Aber ich traue mich nicht.

Wir unterhalten uns noch ein wenig über den Mordfall, Autofahrer und Arbeitslosigkeit, dann muss ich abbiegen und verabschiede mich von den beiden.
„Einen schönen A…Abend noch… junge Frau!“ „Und passen Sie gut auf sich auf!“ rufen sie mir zu. Dann setzen sie ihren Weg fort.
Ich sehe ihnen einen Moment lang hinterher. Sie wirken eher tot, als lebendig.
‚Ihr auf euch auch’ denke ich und gehe nachdenklich weiter.

5 Antworten

Kommentare

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    Schön geschrieben. Und so berührend, dass mir nun die Tränen in den Augen stehen.
    Den nächsten Obdachlosen, dem ich begegnen werde, werde ich nach seinen Leben fragen. Ganz bestimmt.

    02.12.2005, 19:41 von Myrchen
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    Wow, ein echt super Artikel. Wie AceBelafleu schon gesagt hat: traurig- schön.

    31.08.2005, 12:22 von r0b
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      @[Benutzer gelöscht] @ Mint: Nein, ich wohne nicht in der Nordstadt. Das ganze ist mir auf dem Weg vom Hauptbahnhof zur Friedrich-Ebert-Straße passiert.

      @ Lady Anarchy: Du hast schon recht! Ich hätte wirklich mal fragen sollen, wie die Lebenswege der beiden aussahen. Aber irgendwie hatte ich dann doch ein bißchen zu viel schiss. Wenn man solchen Menschen begegnet, dann merkt man erst, wie viele Vorurteile man über sie im Kopf hat. So ging es mir in dieser Situation auch: Ich habe echt befürchtet, dass sie vielleicht ungemütlich werden, wenn ich sie nach solchen Details frage... Eigentlich schade.

      Hihi, Heiratsanträge musste ich von ähnlichen Kandidaten aber auch schon ausschlagen. *g* Das war schon richtig niedlich... ;-)

      17.05.2005, 10:12 von Kellerkatze
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    Ich wohne auch in Kassel.
    Leider gibts hier echt verdammt viele Leute, die so Leben müssen. Bei einigen kann man tatsächlich von menschlicher Vegetation sprechen.

    Aber nett sind se, meisstens.

    Wohnst Du in der Nordstadt, oder wo ist Dir das passiert?

    14.05.2005, 02:35 von Mint
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