schokosucht 17.08.2007, 11:52 Uhr 8 5

Bitte lächeln!

Ein Plädoyer für mehr Freundlichkeit in diesem Land

„Mit Freundlichkeit hat es noch keiner zu was gebracht,“ raunzt der Großmarktchef. „Ich habe es mit Freundlichkeit immer sehr weit gebracht,“ antwortet Benjamin Blümchen und klingt dabei ziemlich verwundert über die Aussage des Großmarktchefs.
Ich gebe zu, das Leben ist kein Hörspiel aus den 80er Jahren, dennoch mag ich diese Szene und sie ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Auch soll dies nicht der Versuch werden, bestehende Verhältnisse in dieser Welt einfach hinzunehmen oder Ungerechtigkeiten, die einem widerfahren, mit einem Lächeln zu kommentieren. Diskussionen, Debatten, Streitigkeiten, Demonstrationen und Streiks sind unbestritten wichtig, aber was meiner Meinung nach oft zu kurz kommt, sind freundliche Worte, gute Laune und Lächeln.

Diese vorherrschende „Alles ist schlecht und überhaupt“-Mentalität , muss das denn sein?
Vor ein paar Tagen kam meine Arbeitskollegin so stöhnend und jammernd ins Büro, dass ich erschrocken fragte, was denn passiert sei. Ihre Antwort: „Es sah heut morgen so nach Regen aus, da habe ich mir eine dicke Jacke angezogen. Und jetzt ist es so warm und ich schwitze!“ Zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihre Jacke allerdings schon ausgezogen. Tage vorher sah es NICHT nach Regen aus. Auf dem Weg zur Arbeit schüttete es dann aber wie aus Eimern und da ich mit Rad unterwegs war, kam ich klatschnass auf der Arbeit an, wo ich dann erst gegen Mittag wieder einigermaßen trocken war. Selbst da habe ich nicht so gejammert.

Werde ich auf der Autobahn auf der linken Spur von einem Raser bedrängt und mit wildem Lichtgehupe und bösen Blicken dazu aufgefordert, rechts einzuscheren, überhole ich in aller Ruhe noch die LKW-Kolonne zu Ende, werfe dem Raser ein freundliches Lächeln durch den Rückspiegel zu und freue mich über seine zunehmende Ungeduld. Was bringt es mir, dauernd genervt und unfreundlich zu sein? Gar nichts, denn damit schade ich einzig und allein mir selber.
Manchmal gehe ich durch die Stadt und starte ein Experiment. Jede Person, die meinen Blick auffängt, lächle ich an. Es ist erstaunlich, wie viele zurücklächeln und mit wie vielen man sogar ins Gespräch kommt.

Bei Verkäufern und Verkäuferinnen, die mich gut beraten oder bedienen, bedanke ich mich, sage, wie nett es war und dass ich sehr zufrieden bin. Oft sind sie dann erstaunt und erwidern, wie selten es vorkomme, dergleichen zu hören. Und ich wette darum, dass sie den ganzen Tag noch besser gelaunt sind und motiviert ihre nächsten Kunden bedienen.
Der schimpfenden und ewig nörgelnden Rentnerin von gegenüber nehme ich am ehesten den Wind aus den Segeln, indem ich, statt zurückzumotzen, ihre Einkäufe nach oben trage und mich im Treppenhaus mit ihr unterhalte. Statt unserer WG wie früher die Polizei auf den Hals zu hetzen, wenn es um zwei Minuten nach 22 Uhr mal lauter ist, sagt sie jetzt: „Ich habe ja Verständnis für euch junge Leute, aber könntet ihr ein wenig leiser sein?“ und bei diesem Entgegenkommen ihrerseits fällt es uns weniger schwer zu akzeptieren, dass sie sehr pingelig ist.
Das Phänomen ist so einfach und wird dennoch so selten umgesetzt: Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Und selbst wenn nicht, bringt es einem doch etwas, nicht bei jeder Kleinigkeit in die Luft zu gehen, vor allem dann nicht, wenn sich die Situation eh nicht ändern lässt.

Cholerische Chefs sind wohl der Idealtypus des Gegenteils und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass dies weder dem Betriebsklima dient noch für Motivation sorgt. Ein Chef hingegen, der fragt, wie das Wochenende war, der auf Fehler in einem freundlichen Ton hinweist, der auch mal an heißen Tagen eine Runde Eis ausgibt, der wird kaum Probleme mit unmotivierten Mitarbeitern haben, die wiederum freundlicher zu den Kunden sind, die dann ebenfalls zufriedener sind. Dies scheint aber gerade in Deutschland erst bei wenigen Menschen angekommen zu sein.

Oder um es in den Worten der Fanta 4 auszudrücken:
„Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht“.

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Kommentare

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    Ich stimme absolut zu!
    Vermutlich sollte ich mir den Artikel ausdrucken und überall in meiner Umgebung aufhängen, in die Handtasche tun, ... damit ich öfters dran denke. Vor allem in Zeiten, wos mir nicht danach is.
    Genau wie das, was MIN3RVA schrieb...Hach...doch, ich werd das mal wieder öfters versuchen :)

    15.09.2007, 13:58 von Kampfkruemel
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    Da kann ich nur zustimmen.
    Ich glaube, dass Freundlichkeit einem vielen Türen öffnen kann.
    Und auch Gelassenheit, was viele Dinge angeht, finde ich sehr wichtig. Man kann sich über manche Dinge furchtbar aufregen. Aber man kann es auch sein lassen. Mein Gott, es ist doch nicht schlimm, wenn es mal regnet. Ich genieße das manchmal sogar. Wenn ich auf dem Rad nach 2 Minuten klitschenass bin, dann ist es eh egal. Also fahre ich gemütlich durch die Gegend und grinse alle durch den Regen hetzenden, mürrisch dreinblickenden Leute an, was mir großen Spaß macht.
    Die Idee, fremde Leute anzulächeln, und zu sehen, wie sie reagieren, find ich gut. Werde ich demnächst auch ausprobieren.

    20.08.2007, 15:20 von MIN3RVA
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    wie wahr... :-)

    18.08.2007, 14:53 von EllaBleu
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    ich sehe das ganz genauso. und zu freundlichkeit gehört für mich auch höflichkeit. damit beschäftige ich mich ja schon länger...
    jede woche stell ich wieder eine kolumne ein, bei der ich mich darüber wunder, wieviele höflichkeitsphänomene es gibt, obwohl man darüber nicht nachdenkt.
    denn auf eine frage: spielt höflichkeit in deinem leben eine rolle? würde doch die masse der menschen mit nein antworten.
    ich jedenfalls bin jede woche aufs neue überrascht...

    ich sehe das genauso wie dir. ein bißchen freundlichkeit hat noch keinem geschadet. aber ich glaube - da kämpfen wir auf verlorenem posten.

    17.08.2007, 14:06 von deeli
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    Anderen leuten Glück, Freude und Befriedigung zu bereiten war immer mein höchstes Ziel ;)

    17.08.2007, 13:13 von FelixKrull
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    Na seht ihr, es klappt schon!
    Eure Kommentare machen mich nämlich gerade glücklich :)

    17.08.2007, 12:39 von schokosucht
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    daumen hoch, absolut wahr und richtig!

    17.08.2007, 12:24 von NoBrainer
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    Hammer Text !

    Triffts aufjedenfall... Hab im Stern vor nen paar Wochen sone Karikatur gesehn da stand sowas wie:

    "Deutscher Buddhismus - Ich kann nicht entspannt sein und dabei glücklich gucken" das ist es.

    Diese Leute sollten alle Dale Carnegie lesen !

    17.08.2007, 12:10 von FelixKrull
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