fakein 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Billiges Tankstellenbier

Ich stelle mir vor, wie wir die Stadtteile untereinander aufteilen wie die Besuchszeiten eines Scheidungskindes.

Gestern, als die Fassaden einbrachen, lehnte ich ziemlich lässig an einer Straßenlaterne. Für den Abriss der Trümmer hatte ich mir was ähnlich entspanntes vorgestellt. Vielleicht im Park, ein bisschen Sonne, ein billiges Tankstellenbier. Man sitzt nebeneinander, muss sich nicht in die Augen gucken. Zwischendurch hätten wir Kinder und Senioren im Park beobachten können, um die Gesprächspausen zu füllen.

Stattdessen gehen wir in ein veganes Restaurant. Da wo du auch schon mit deinem Tinder-Mädchen warst. Ich hab mich etwas an meinem Grinsen verschluckt, als du diesen Laden vorgeschlagen hast. Und nun durchwandern wir smalltalk-haltend ein Arrangement von geschmorten Champignons, Seitan und Blumenkohlcurry. Normalerweise wäre ich bei diesem Anblick ins schwärmen geraten. Heute nehme ich nur den kleinen Teller.

Du zahlst. Als seist du mir was schuldig. Und überhaupt; als könne man Enttäuschung und gebrochene Gefühle durch 10 Euro wieder ungeschehen machen. Ich hätte doch den großen Teller nehmen sollen. Ich möchte dir wehtun. Ich möchte Regung in deinem Gesicht auslösen und es genießen. Ich verzehre mich nach Überlegenheit. Ich mag mich gerade nicht.

Du beginnst dich zu erklären und ich höre nicht zu. Draußen sehe ich die Stadt, die weder dir, noch mir zu Füßen liegt. Ich stelle mir vor, wie wir die Stadtteile untereinander aufteilen wie die Besuchszeiten eines Scheidungskindes. Ich muss lächeln und hoffe, du findest darin keinen Zuspruch.

Es ist anstrengend auf dich sauer zu sein, wenn du mir gegenüber sitzt. Abends allein im Bett war das sehr viel einfacher. Ich würde dir jetzt gerne ein Szene machen. Mit erhobenen Worten, spitzer Zunge und fliegenden Tellern. Das würde sich in meiner Biografie sicherlich gut machen. Oder eben auf neon. Aber so eine bin ich nicht. Schade eigentlich.

Nun bin ich wohl dran mit erklären. Ich bin müde. In den letzten Tagen habe ich mir selbst Aufsätze über deine Unzulänglichkeiten gehalten. Auf einmal finde ich all das unwichtig. Ich möchte eigentlich nur, das alles ist wie früher. Oder in die Zukunft, in der ich glücklich, zufrieden und tätowiert bin.

Also erzähle ich von Enttäuschungen und Erwartungen. Dabei benutze ich Wörter wie “doof” und “albern” als würde ich einem Kind die Welt erklären. Ich wünschte, mir hätte mal jemand Emotionen erklärt. Ich fühle mich erleichtert. Geradezu besorgniserregend leer. Deine Antworten sind mir gerade ziemlich egal.

Nach dem Austausch von Worthülsen kommen wir wieder auf sicheres Terrain. Auch wenn ich Smalltalk nur gebrochen spreche ist es besser als Gefühle zu sezieren. Wir bemühen uns freundlich zu sein. Es fühlt sich falsch an. Ich spüre unausgesprochene Wörter in meinem Magen rumoren. Ich hätte mir besser zuhören sollen.

Die Mitarbeiter fangen an um uns aufzuräumen. Nehmen mir die Rhabarber-Limo, die noch gar nicht leer war. Meine Augen taxieren die Speisekarte. Ich warte, bis du etwas sagst, was abschließt. Schließlich erheben sich unsere Körper ein wenig zu schnell. Beim Verlassen des Restaurants sage ich dem Raum so freundlich “Tschüß”, dass ich mir wie ein Lügner vorkomme.

Beim Auf-Wiedersehen-Sagen wünsch ich dir noch einen schönen Abend. Keine Ahnung, ob ich es so meine.

1

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare