Gigigolo 23.11.2009, 00:41 Uhr 0 1

Bildungsbrand

Unsere Uni brennt. Jetzt nicht so richtig, nur so irgendwie, ohne echte Flammen eben.

Man hat sich versammelt, im AudiMax der Münchner LMU, und nicht nur dort, nein, in kleinsten, gerne auch schwarzen Fleckchen Deutschlands, ganz Europas, es fällt einem fast keine Stadt ein, in der sich die Studenten noch nicht am aktuellen Protest beteiligten. Manche wurden bereits von Polizisten hinausgetragen, was aber nicht so schlimm war, da man ja postwendend zurückkehren kann – und genau das ist passiert.

In Bayern übte sich das zuständige Ministerium in scheinbarem Verständnis, gab an, die Proteste sogar zu begrüßen. Nur solle eben niemand daran gehindert werden, zu lernen, der Unibetrieb also weiterlaufen können.
Nun dürfte man annehmen, es wäre an der Hochschulverwaltung, so zu disponieren, dass Vorlesungen nicht ausfallen müssen, sondern in anderen Räumen stattfinden. Eine andere, bereits erprobte Möglichkeit ist es, eine Vorlesung online, via Video abzuhalten.

Dass die Besetzerinnen und Besetzer (so will es die geschlechtergerechte Sprache), für und nicht gegen Bildung für Alle kämpfen, diese fordern und nicht verhindern wollen, ist einer bestimmten Gruppe von Menschen noch nicht ganz klar geworden...

Klischees sind so eine Sache. Klischees sind meist zu einfach gedacht. Klischees werden dadurch am Leben gehalten, dass man die Nichtvertreter ebendieser nicht erkennt. Trägt ein junger Mann eine Glatze, Springerstiefel und eine Lonsdale-Jacke, erkennen wir ihn vermutlich erstmal als Neonazi, dabei ist er schwul und auf dem Weg zu einer Skinhead-Fetischparty.

Trägt eine BWL-Studentin durchlöcherte Jeans, keinen BH, dafür aber Dreadlocks, erkennen wir sie vor allem als Hippiemädchen. Ihre gegelten Kollegen (in diesem Zusammenhang passender als der Begriff 'Kommilitonen') samt hochgeschlagenem Kragen sieht man ihren Studiengang (BWL oder Jura) auf mehrere hundert Meter Entfernung an.

Und diese Spezies ist, ob gegelt oder nicht, die vielleicht bislang größte Gefahr für den Protest. So gehen in Münchner BWL-Vorlesungen Unterschriftenlisten gegen den Streik um, eine Studentin forderte im Rahmen einer Lehrveranstaltung alle auf, am kommenden Montag den Protest durch die Rückeroberung des AudiMax zu beenden.
Diese Art der Auflösung käme vor allem der Universitätsleitung, auch dem Bildungsministerium zugute – man hätte sich schließlich nicht mal die Finger schmutzig gemacht.

Schaut man sich die von studiVZ auf der Startseite beworbene Gruppe gegen den Bildungsstreik an, welche übrigens 20 000 Mitglieder weniger zählt als die gegnerische, will man schon fast wieder „Klischee olé!“ rufen. Ergab eine Stichprobe von etwa zehn Profilen dieser relativ traurigen Versammlung doch tatsächlich nur Studenten aus den Bereichen BWL bzw. Management, Jura, einmal Medizin. Auf mehreren Nutzerseiten sind Profile von FDP, CDU, auch Angela Merkel persönlich verlinkt, so mancher bezeichnet sich als „Mitte rechts“.

und selbst wenn das Hippiemädchen tatsächlich BWL studiert, wird es diese Liste vermutlich nie unterschreiben. Wenn die alle gleich wären, hätte man nämlich gar nicht die nur intern ausgerufenen Informationen über die geplante Umwälzung: eine BWL-Studentin schlich sich ins AudiMax und verriet die Geheimpläne durchs Mikrofon.

Ich bin mir sicher, dass das abendliche Plenum nicht nur aus Geisteswissenschaftlern besteht. Das Plenum wiederum ist sich bewusst, dass es nur für die dort Versammelten, also für sich selbst sprechen kann. Die Forderungen werden basisdemokratisch abgestimmt. die Mitgestaltung des Positionspapiers in einer Arbeitsgruppe steht jedem frei. Genauso wie die Teilnahme und direkte Mitbestimmung durch die Anwesenheit im Plenum. Dort wird auch immer wieder abgestimmt, ob die Besetzung überhaupt aufrecht erhalten werden soll.
Diese Frage erscheint der Mehrzahl vielleicht als rhetorische. Wollten gewisse Studierende aus gewissen Studienrichtungen die Besetzung beenden, müssten sie sich ganz einfach dort beteiligen. Mit nein stimmen. Kommilitonen mobilisieren. Mehr sein als, ich zitiere, „die ganzen Sozis“.
Ein paar Leutchen, die sich angesprochen fühlten, bezeichnen sich mittlerweile auf Plakaten als „linksradikales Pack“, die Opposition der Opposition hat sich selbst ausgegrenzt.

Unsere Uni brennt, so ein bisschen. Überall tun sich Fronten auf, überall wird gestritten, gekämpft, geschrien oder sachlich diskutiert. Den einen geht es vor allem um die Abschaffung der Studiengebühren, den anderen primär um eine Bachelor/Master-Reform, wieder andere wollen das mehrgliedrige Schulsystem abschaffen, die meisten ein bisschen was von allem, ein paar einfach nur Bier für 1,50 Euro aus der Volksküche.
Da will eine die Welt verändern, und da ruft einer „Verpiss dich, du Schwuchtel“, als sich ein betrunkener, dem BWL-Klischee entsprechender Student am Mikrofon lautstark für Studiengebühren ausspricht, die Forderungen als „lächerlich“ bezeichnet.
Fehl am Platz war nur der Zwischenrufer, denn der Mensch am Mikrofon nutzte lediglich sein Recht auf freie Meinungsäußerung. Zwischenrufe, so wurde es beschlossen, sind im Plenum jedoch nicht zugelassen. Homophobie erst recht nicht.

„Studenten sind auch scheiße“, schrieb einmal Sibylle Berg, und recht hat sie – wie immer. Was am Ende bleibt, von all dem Krawall, ist abzuwarten.
Vermutlich vor allem das Gefühl, etwas getan zu haben, ob per Handzeichen in Abstimmungen oder als engagierte Redeleitung. ein neu erlangtes Bewusstsein vieler. Darüber, sich jederzeit artikulieren zu können. Forderungen zu stellen, und das mit gutem Recht. Impulse zu senden und Ideen zu entwickeln, wie es besser laufen könnte. die Holzbänke sind alles andere als bequem, doch Dutzende nächtigen auf ihnen.

Dass Lernende lernen wollen, beweisen die tagsüber nach Abstimmung geladenen Redner. So durften wir schon lernen, dass keiner ideologiefrei, keiner parteilos bleiben könne, im Laufe seines Lebens. Und sei er nur Mitglied in der BWL-Studierendenpartei.
Jeder spricht erstmal für sich und schließt sich im Laufe seines Lebens Gruppen an. Jeder hat Vorstellungen davon, wie sein Leben ablaufen sollte oder könnte.

Das selbsternannte „linksradikele Pack“ und die BWL-Lobby haben ihre gleichwertige Daseinsberechtigung. Beide Gruppen mussten feststellen, dass sie sich an äußeren Rändern befinden und Diskussionen überleben, argumentieren müssen. Schade, dass Bildungsminister und Universitätspräsidenten dem nicht unterliegen.

Wenn man nicht mehr weiß, was man machen soll, holt man die Polizei. So auch eine Frau in Little Rock in den USA: Ihre zehnjährige Tochter weigerte sich, vorm Schlafengehen zu duschen, bis sie schließlich ein Polizist mit einem Elektroschocker unter Kontrolle brachte, so war es in der Zeitung zu lesen.
Man kann nur mutmaßen, wie lange die überforderte Mutter versucht hat, ihre Tochter zu überzeugen. Und ob sie überhaupt versucht hat, eine gemeinsame Lösung zu finden, nach einer Diskussion und Klärung beider Standpunkte. Was letztlich folgte, war ein klarer Machtmissbrauch, diesem folgte ein weiterer.

Man darf also hoffen, dass auf die Bildungsstreikenden weniger drastische Maßnahmen zukommen werden. Ja, unsere Uni brennt. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie hinterher nicht mehr stehen soll.

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