yoleen 22.06.2009, 17:32 Uhr 0 0

Betagte Senioren & gelangweilte Hausfrauen

Sie brauchen mich. Sie wollen meine fantasievollen Zeitungsberichte über die kulturelle Vielfalt der Vereine in Hintergattligen oder Abderweide lesen.

Ich bin Studentin. Und Journalistin bei einer Lokalzeitung, 30 Prozent. Die Bezahlung ist sehr gut, für meine, oder allgemein gesprochen, für studentische Verhältnisse. In zwei Wochen werde ich meine erste eigene Wohnung beziehen. Alleine. Ich freue mich wie ein kleines Kind darauf. Wobei Umziehen doch eher etwas für grössere Kinder ist. Und dann erst noch alleine Wohnen, das ist Luxus. Luxus, den sich nur reiche grosse Kinder, beziehungsweise die reichen Eltern dieser grossen Kinder leisten können. Oder eben gut verdienende Studenten und grosse Kinder mittelmässig verdienender Eltern, die einen Anspruch auf Selbstständigkeit erheben - beiderseits.
Doch meine Vorfreude wird von einer beissenden, kalten Angst getrübt. Die Angst um meinen Job. Sie sitzt in meinem Nacken und beisst zu, jedes Mal wenn mein Chef die Redaktion betritt, die Stirn in Falten und Furchen gelegt, die, wie ich mir ausmale, von den Gedanken herrühren, die darum kreisen, wen er von uns nun auf die Strasse stellen soll.
Alle Argumente sprechen klar für mich, wie ich nach reiflicher Überlegung geschlossen habe. Ich bin jung und unerfahren, habe (noch) keine wichtigen Verbindungen und Kontakte in "meiner" Region, ich bin durch tausend andere Studenten, die für diesen Job von der Brücke springen würden, zu ersetzen, der Uniabschluss liegt in weiter Ferne, ich trage den Ruf einer faulen Müssiggängerin (in anderen Worten: einer Studentin), die noch von ihren Eltern unterstützt wird und daher doch eigentlich dort wohnen könnte, warum braucht die eigentlich eine eigene Wohnung?! So stelle ich mir in etwa die Gedankengänge meines Chefs vor, hoffentlich völlig zu Unrecht. Ich bin gestresst. Meine Mitarbeiter sind gestresst. In zwei Tagen findet eine ausserordentliche Geschäftssitzung statt, an der alle anwesend sein müssen, allfällige Termine, sogar Gespräche mit Kunden, die in unsere Firma investieren wollen, gehören verschoben. Das klingt nicht gut.
Ich weiss, dass die Zahlen um unser Unternehmen schlecht stehen. Wen wunderts, dass hier in letzter Zeit nur ein leises "Klack" des Druckers genügt, um die gestressten Schreiberlinge von ihrer Arbeit hochschrecken zu lassen. Die Nerven liegen blank. Man versucht zwar, diesen Umstand grossmaulig zu überspielen, Coolness zu wahren und gelassen vielbeschäftigt zu wirken. In Wahrheit ist man aber ungelassen unterbeschäftigt, denn in dem Psychostress erledigt sich die Arbeit wie von selbst. Gezwungen, seine berufliche Tatkraft und Unersetzbarkeit zu demonstrieren, sitzt man länger im Büro, besucht weniger Internetseiten, die mit der neuesten und erfolgreichsten Blitzdiät locken, macht kürzere Mittagspausen, trinkt dafür ausgiebiger Kaffee und beugt so der lähmenden Mittagsmüdigkeit vor, was wiederum bedeutet, dass man mehr leistet (fucking Leistungsgesellschaft!), plaudert weniger mit den Kollegen, denn dahinter verbirgt sich die Gefahr, unterbeschäftigt zu wirken, und wird in Tat und Wahrheit genau dadurch unterbeschäftigt. Nun ja nicht jemanden merken lassen, dass es einem an Arbeit mangelt, sonst entsteht der Eindruck, es hat zu viele Angestellte für zu wenig Arbeit - ergo folgt Stellenabbau.
Wenn ich nun in zwei Tagen den Bescheid bekommen sollte, dass sie mich nicht länger in ihrem Betrieb brauchen und ich mir somit innerhalb der nächsten drei Monate einen neuen Job suchen soll, wenn ich diesen Bescheid erhalte, dann habe ich ein Problem. Ein ernsthaftes dazu. Ich könnte nicht mehr Umziehen, ich müsste den Mietvertrag annullieren, ich wäre gezwungen, wieder nach Hause zu ziehen, ich hätte wieder mein monatliches Sackgeld von 400 Franken, ich wäre wieder komplett unselbstständig. Natürlich würde ich mir sofort einen neuen Job suchen, aber das ist leichter gesagt als getan, beziehungsweise leichter geplant als ausgeführt. Jetzt einen Job finden, in dem man nicht einfach als billige Hilfskraft ausgebeutet wird, wie ich es schon so oft während meiner Karriere als Kellnerin erlebt habe, ist praktisch unmöglich. Ich habe mit diesem Job auf der Redaktion dieses unbedeutenden Lokalblatts für betagte Senioren und gelangweilte Hausfrauen einen Volltreffer gelandet. Absolut. Direkt ins Schwarze getroffen. Fast zu schön um wahr zu sein. So weit oben ich bin, so tief werde ich fallen.
Ich habe Angst.
Übermorgen bin ich zumindest davon erlöst.

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