gomo 18.06.2019, 19:05 Uhr 0 1

Berge, Banken und Buds

Ich gebe zu, ich bin mit Sicherheit kein Kind von Traurigkeit, nun aber muss ich mich doch wundern.

Immerhin habe ich die Schweizer bisher für doch etwas konservativ gehalten. Nichts ahnend schlendere ich an meinem ersten Urlaubstag in der Alpenrepublik am Basler Rheinufer entlang. Ich stutze, schaue einmal hin und dann ein zweites Mal. Vor einem knallgrünen Displayregal bleibe ich unvermittelt stehen.

Ich staune nicht schlecht, denn aus diesem Schaufenster springen mich riesige Hanfblätter an. Nach einem kurzen Augenblick der Verwunderung gehe ich weiter. „Sicher nur so ein Eso-Shop“, denke ich mir und mache mich auf den Weg zum Bike-Shop, um mir dort meinen vollgefederten Begleiter für die nächste Woche abzuholen. Schließlich bin ich hier nicht zum Tobleronefuttern, sondern zum Mountainbiken.

Die Schweiz hat nicht nur Berge und Banken

Den Vorfall mit dem seltsamen Hanfblatt habe ich fast schon wieder vergessen, als ich im Sattel meines grobprofilierten Leihrads zwischen den mittelalterlichen Fassaden hindurchradle. „Noch so ein Laden mit riesigen Hanfblättern auf der Schaufensterfolie. Und das hier zwischen den beschaulichen Kaufmannshäusern“, denke ich. Ich radle weiter.

Kaum ein paar Straßenzüge später noch ein Hanfladen. „Ob das eine Kette ist?“, frage ich mich. Aber Cannabis mitten in der Schweiz. Coffee-Shops habe ich schon in den Niederlanden gesehen, aber diese schienen mir im Vergleich zu dem knallbunten Shops hier in Basel eher dezent. Mein Interesse ist geweckt und ich beschließe stehenzubleiben. Was mir gleich auffällt: In diesen seltsamen Shops gehen nicht die typischen Klischee-Kiffer ein und aus.

Das sind eigentlich nur die wenigsten Menschen, die ich sehe. Viel größer ist der Anteil älterer Menschen. Ob nun der Manager in Nadelstreifen, die Studentin oder die gemütliche Schweizer Omi mit überdimensionaler Handtasche. Meine Welt beginnt zu wanken, habe ich doch gerade einen Querschnitt der eidgenössischen Gesellschaft in einem Cannabis-Shop ein- und ausgehen sehen. Dem muss ich auf den Grund gehen.  

Wie im falschen Film

Neugierig ziehe ich an der mit bunten Aufklebern beklebten Glastür und betrete den Laden. Hinter dem Tresen steht ein sportlicher Mittzwanziger. Gerade präsentiert er einem geschätzt 50-jährigen Mann eine Reihe an Tütchen mit krümeligem Kraut. „Das wird ja wohl nicht, doch das ist Cannabis“, flüstere ich ungläubig.

Ich warte, bis der Mann mit dem graumelierten Haar bezahlt und mit einem Tütchen Cannabis, einem Grinder (das ist ein Werkzeug zum Zerkleinern von Cannabis) und einem Päckchen extragroßer Zigarettenpapiere den Shop verlässt. Sowas habe ich vor Jahren zuletzt auf dem Uni-Campus gesehen. Ich glaube, ich bin im falschen Film. Ehe ich etwas sagen kann, spricht mich der Verkäufer an. Er muss meinen verwirrten Blick bemerkt haben. „Reto“, stellt er sich vor. „Du bist wohl nicht aus der Schweiz…“

Guter Hanf – böser Hanf

Reto muss gerochen haben, dass ich von der anderen Rheinseite komme. Diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen und lasse mich von Reto über all das hier aufklären. Der junge Schweizer strahlt, gestikuliert und kommt aus dem Reden gar nicht mehr heraus. Kaum zwanzig Minuten später bin ich ein ganzes Stück schlauer: All das hier hat mit psychoaktiven Drogen gar nichts zu tun.

Das, was hier in etlichen Shops in den Auslagen liegt, ist Cannabis ohne oder mit zumindest minimalem THC-Gehalt von maximal einem Prozent. THC, das ist die Substanz in Cannabis, die bei dir für das High-Gefühl verantwortlich ist. Im Gegenzug enthält es allerdings große Mengen Cannabidiol, kurz CBD.

„Das ist ein Cannabinoid, das nicht high macht, dafür aber einige positive Auswirkungen hat. Du wirst ruhiger, du kannst besser einschlafen, es kann Schmerzen lindern, Stress reduzieren und wirkt entzündungshemmend. Das gibt es auch bei euch, aber meistens nur als Öl glaube ich“, erklärt Reto in seinem sympathischen Dialekt. Jetzt fällt der Groschen. Tatsächlich habe ich den Begriff CBD schon einmal gehört. Allerdings gibt es bei uns nicht an jeder Ecke einen Cannabis-Shop und schon gar kein THC-freies „Gras“ einfach so im Laden zu kaufen.

Schweizer Staat verdient kräftig mit

Basel ist kein Einzelfall. Ob in Zürich, Graz oder Bern – seit der Marktöffnung im Jahr 2016 sprießen CBD-Shops in der Schweiz wie Pilze aus dem Boden. Manchmal gleich zwei Shops in einem Straßenzug. Wie ich herausfinde, gibt es in der Schweiz mittlerweile 150 Unternehmen, die ihre Brötchen mit dem Verkauf von CBD-Gras und Produkten wie Seifen, Cremes und sogar Keksen verdienen, in denen das Cannabinoid enthalten ist.

Auch wenn du es nicht glaubst. Schon im Jahr 2017 haben die Schweizer Unternehmen in der Branche über 70 Millionen Franken Jahresumsatz gemacht. CBD-Produkte und CBD-Gras zu kaufen ist in der Schweiz also längst normal und in allen Alters- und Gesellschaftsschichten üblich. Natürlich verdient auch der Schweizer Staat kräftig am CBD-Boom.

Reto macht einen kleinen Exkurs ins Schweizer Steuerwesen und erklärt mir, dass der Staat rund 33 Prozent des üblichen Preises von ca. 15 Franken pro Gramm einstreicht – 25 Prozent Tabaksteuer und 8 Prozent Mehrwertsteuer. Eine Win-win-Situation denke ich mir: Die Leute nutzen die potenziell positiven Effekte völlig legal und der Staat verdient mit.

Probieren geht über studieren

Mir juckt es in den Fingern, dieses CBD auch einmal auszuprobieren. So überzeugend, wie Reto argumentiert, scheint gerade das Öl ja ein echtes Wundermittel zu sein. „Vielleicht hilft es ja gegen meine Akne“, frage ich Reto. Reto bestätigt: „Ja, in vielen Studien wurde schon die entzündungshemmende Wirkung von Cannabidiol nachgewiesen. Einige unserer Kunden nutzen CBD-Cremes auch, um ihre Akne zu lindern.“

Ich lasse mich von Reto beraten und kaufe schließlich eine nach Kokos duftende CBD-Creme. Die kleine Dose zu 15,99 CHF. Rauchen will ich das Zeug dann doch nicht. Bevor ich den Laden mit vor lauter neuen Informationen brummendem Schädel verlasse, warnt mich Reto noch. Ich soll die Creme ja nicht mit nach Deutschland nehmen, da der THC-Gehalt über dem in Deutschland gültigen Grenzwert von 0,2 Prozent liegt.

Das beherzige ich natürlich, das Ende meines Urlaubs möchte ich schließlich nicht auf irgendeiner Autobahnraststätte mit gespreizten Beinen und den Händen auf dem Autodach verbringen. Kaum das Mountainbike im Fahrradkeller des Hotels untergestellt und im Zimmer angekommen, starte ich mein Notebook und sauge alles Wissenswerte zu Cannabidiol auf.

Was ich da lese, klingt vielversprechend und ist mit etlichen Studien belegt. Höchste Zeit, dass ich mir eine Ladung von dieser CBD-Creme auf meine Akne reibe und abwarte, was in den nächsten Tagen passiert. Aber bis dahin habe ich ja noch etwas vor – von Basel aus zu den Rheinfällen radeln. Vielleicht hilft diese Salbe ja auch gegen Muskelschmerzen nach langen Mountainbiketouren? Ich werde es herausfinden.

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