behindertenpornographie
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zugegeben, es dauert eine weile, bevor der vergleich sich in deinem gehirn ausformuliert hat.
es ist ja auch eine brücke, über die deine gedanken nicht jeden tag gehen. ein wenig knirscht und knackt es, ein querbalken wackelt etwas und es weht ein starker wind. da muß das denken schon kräftig geschubbst werden. zum beispiel mit hilfe zweier erinnerungen, stoßhilfe und szenische klammer zugleich.
du hältst also für den augenblick fest:
pornographie hat durchaus angenehme seiten.
dann zu den erinnerungen -
nummer eins:
eine straßenkreuzung im späten november, feuchte arschkälte von der richtig widerlichen sorte kriecht durch die häuserschluchten und messert sich den menschen unter die haut.
am straßenrand läuft ein bettler die autoreihen ab, dick eingemummelt, aber barfuß. es ist allerdings eine barfüßigkeit von der bizarren sorte. seine füße erinnern an geflügel, pute vielleicht. dreieinhalb verwachsene stützelemente unter jedem fußgelenk. er watschelt, das gleichgewicht ein ergebnis jahrelanger übung, wie bei allen anderen menschen auch, nur unter anderen umständen als bei der mehrheit.
die kälte hat seine verformten füße rot gefärbt und immer wenn die ampel auf grün schaltet und seine kundschaft in bewegung gerät, hockt er sich auf den bordstein und zieht sich kurz ein paar dicke wollsocken über.
nummer zwei:
drei tage später, andere straße, gleiches wetter.
ein schreibwarengeschäft.
vor der tür kauert eine bettlerin, eingepackt in mehrere lagen kleidung. eine kluge entscheidung angesichts der umstände. in der rechten hand hält sie einen becher mit klimpergeld. die linke hand gibt es nicht, auch keinen arm. lediglich einen amputationsstumpf. der erinnert in seiner form eher an einen mehr schlecht als recht verheilten abriß, als an eine wunde nach der begegnung mit einem chirurgen und wackelt nackt in der eisigen zugluft.
nackt.
du erinnerst dich an deine notiz:
pornographie hat durchaus angenehme seiten.
selbst dann noch, wenn dir vorsätzlich herbeigezoomte schwänze durch die augen geschoben werden und mösen so riesig, daß du sie dir um den kopf wickeln könntest. das explizite wird zu seiner eigenen satire, wenn es den sprung in die endlose steigerung versucht. man kann lachen, oder schnell vorspulen, wegen des lustigen effektes. oder ausschalten und selbst ein bißchen vögeln.
wenn dir aber körperliche mißbildungen nach dem gleichen regieprinzip vorgeführt werden, dann hört der spaß auf. die billige spekulation auf den schreck, das gruseln, das unter dem alltagsschock hervorkriechende mitleid, wie es irgendwie einen überdruck im hirn entstehen läßt, gefolgt von einem überdruck im geldbeutel -
hilfsbedürfnis, schlechtes gewissen, die kleingeldnarkose für die seele.
der preis für den aufgezwungenen blick, für das wegsehen im hinsehen.
da werden ein paar arme schweine auf offener straße mißbraucht und du weißt:
so sieht es aus, wenn die gier sich einen runterholt und dem paradies in das hübsche gesicht spritzt.
Tags: Robert, Suydam





Kommentare
Beifall! Großartig! Viel Zündstoff dahinter, weiter so!
31.07.2012, 23:53 von SultanineIch gebe zu, ich habe es mehrfach lesen müssen. Nur zu oft versuche ich genau diese Bilder nicht zu sehen.
Danke für diese klaren Worte.
27.07.2012, 22:12 von jetsam