newsoul 03.09.2009, 11:42 Uhr 64 13

Behaart, dick und völlig gaga

Aus Gesellschaftszwängen ausbrechen und „anders“ sein, trotzdem anerkannt werden und Erfolg haben. Drei Frauen zeigen, dass es geht.

Sie, 23, Studentin. Pony über der Stirn, 1,70 Meter groß, graue Röhrenjeans, weites, langes, weißes T-Shirt, lange Kette oder farbiges Tuch, dunkelbraune Lederjacke, Ankleboots. Nach 13 Jahren Schule ist sie ein halbes Jahr im Ausland gewesen, hat dann angefangen zu studieren.
Lebt vom Geld ihrer Eltern, verdient sich ein bisschen nebenbei, sofern es der Bachelor eben zulässt. In den Semesterferien Praktika und eine Woche Mallorca all inclusive mit Freundinnen. Hat einen festen Freund, denkt aber noch nicht an Heirat und Kinder. Irgendwann mal. Erstmal Job finden, Karriere machen, größere Wohnung im schickeren Stadtteil. In ihrer Freizeit reist sie gerne, macht Sport, geht ins Kino und am Wochenende auch mal auf Partys. Sie guckt gerne amerikanische Serien und fast jeden Abend „taff“ und „Das perfekte Dinner“. Ihre Lieblingsbücher sind „Drachenläufer“ und „Gut gegen Nordwind“. Zum feiern gehen hört sie elektronische Musik, ansonsten Indie-Pop oder auch mal Peter Fox.
Ihre Wohnung ist vor allem mit weißen Möbeln ausgestattet, einige rote Highlights wie Kissen oder farbige Schubladeneinsätze fungieren als Hingucker.
Insgesamt ist sie zufrieden mit ihrem Leben, hält sich für einigermaßen gebildet, ist halbwegs zufrieden mit ihrem Äußeren und hat drei wirklich gute Freundinnen.

Diese Person ist frei erfunden. Sie existiert in dieser Form nicht. Dennoch würden wahrscheinlich tausende junge Frauen bestätigen, dass sie sich in dieser Beschreibung wieder finden. Zumindest so ähnlich. Vielleicht mit anderen Lieblingsbüchern, vielleicht mit Chucks statt Ankleboots.

Wo ist die Individualität geblieben? Es ist ja nicht nur die Mode, die wir alle annehmen (und selbst die Mädchen, die mit körperbetonten Schnitten eher unvorteilhaft aussehen, Leggins tragen) – unsere gesamten Lebensläufe, Weltanschauungen und Einstellungen werden uniform. Immer den goldenen Mittelweg wählen. Dem Standard entsprechen. Praktika machen, ist doch egal, dass das Ausbeutung ist, das muss man heutzutage machen. Auslandsaufenthalt, egal wo, das ist heutzutage echt wichtig, auch wegen Sprachkenntnissen und so. Und der Erfahrung an sich. Sport, klar mach ich Sport, auch wenn ich joggen hasse, ab und zu muss das sein. Wenn man sich es einredet, macht das auch den Kopf frei. Heutzutage hat man ja so viel Stress, da braucht man ’nen Ausgleich. Kaffee? Ja, bringste mir ’nen Latte-to-go mit? Danke!

Heutzutage muss man so vieles. Gerade an Frauen werden die Anforderungen immer größer. Karriere und Kinder unter einen Hut kriegen, denn wer zu Hause bleibt, wird als unemanzipiert abgestempelt, wer nur Karriere will wirkt emotionslos und geldgeil. Also eben beides. Trotz Wirtschaftskrise und Generation Praktikum. Dazu dann noch wie ein Model aussehen, Party machen, Träume leben, sich weiterbilden und Spaß am Leben haben. Heidi Klum schafft das doch auch.

Wer aus diesen Zwängen ausbrechen will, braucht Mut, Kraft und Selbstbewusstsein. Charlotte Roche provozierte einen Skandal, als sie ihre Achselhaare nicht rasierte und so auf VIVA auftrat. Sie wurde von anderen Frauen beschimpft. Wie kommt es dazu? Natürlich finden es viele einfach hygienischer, sich die Achseln zu rasieren. Aber an den Beinen ist das kein Grund. Dennoch sind auch diese haarfrei. Aus ästhetischen Gründen. Es gab allerdings Zeiten, in denen dieses Schönheitsideal noch nicht existierte. Da fand es keiner abstoßend, dass Frauen Körperbehaarung hatten. Heute fällt es in den Fetisch-Bereich.
Charlotte Roche war somit eine der ersten, die sich als Teil der Mainstream-Popkultur gegen den Schönheitswahn und Körperkult gewehrt haben. Über die Qualität ihres Bestsellers „Feuchtgebiete“ lässt sich streiten – nicht aber über den Erfolg des Buches. Mit dem Tabubruch hat sie aufgerüttelt und nicht nur Ekel hervorgerufen. Sie möchte niemanden zwingen, sich nicht mehr zu waschen oder die im Buch beschriebenen Praktiken zu übernehmen – sie möchte nur dazu aufrufen, mal darüber nachzudenken, wieso man es ablehnt. Weil man von der Gesellschaft komisch angeguckt wird oder weil man es für sich allein wirklich nicht will? Viele (Single-)Frauen lassen im Winter unter der Jeans die Härchen auch schon mal drei Wochen sprießen. Sieht doch keiner. Für sich selbst scheinen sie sich also nicht zu rasieren. Doch sobald es jemand sehen/fühlen könnte, kommen die Härchen wieder ab.

Aus dem Klischee ausbrechen – das haben auch zwei Chartstürmerinnen geschafft. Beide auf ganz verschiedene Art: Lady Gaga stilisiert sich zu einem Kunstobjekt. Sie überschminkt sich, lässt ihre Haare wie eine Perücke aussehen und trägt nur schrille Klamotten, in denen sie tatsächlich wie lebendige Kunst wirkt. Ob im Frosch-Kostüm oder Origami-Outfit – Lady Gaga fällt auf. Immer. Mit gerade mal 23 Jahren hat sie ihren persönlichen Weg gefunden, sich auszuleben. Sie mag schöne Körper, sagt sie. Sie sieht sich nicht als Feministin. Sie lebt einfach alle Extreme, die in ihr schlummern, aus.
Die andere Dame, die sich gegen Vorurteile wehrt, ist Beth Ditto. Die Sängerin der Gruppe „Gossip“. Sie ist dick, lesbisch und unrasiert. Und die Menschen lieben sie. Karl Lagerfeld liebt sie. Kate Moss liebt sie. Beth Ditto modelt sogar. Sie sagt, die dehne die Designer-Kleidung einfach ein bisschen. Sie lacht über ihren Speck. Sagt, sie sei doch sowieso jeden Tag nackt, warum solle sie sich also nicht auf einem Cover so zeigen.

Man weiß nicht, wie sich diese Frauen zu Hause verhalten. Vielleicht hat Beth Ditto doch schon mal überlegt, abzunehmen. Vielleicht hat Lady Gaga morgens manchmal keine Lust, ihre Haare zu glätten und kriegt von der vielen Schminke häufiger Pickel. Vielleicht liebt Charlotte Roche das neue Hugo Boss Parfum. Vielleicht schaffen auch sie es nicht immer, ihrer Andersartigkeit gerecht zu werden. Es erfordert viel Kraft, dies Durchzuhalten. Damit zu leben, dass sie von vielen als kranke Freaks abgestempelt werden. Dass manche sie ekelhaft finden. Doch mit ihrem Auftreten schaffen sie einen neuen Trend, ein alternatives Gegenmodell. Sie bringen Menschen zum Nachdenken. Sie werden sogar als Sexsymbole gefeiert.

Man kann sie als eine moderne Form des alten Gesetzes „Sex sells“ sehen. Sie provozieren mit Körperlichkeit. Fast ausschließlich Aussagen über Sexualität werden zitiert, wenn über sie berichtet wird.
Doch sie beweisen auch, dass auf einen Ausbruch aus den Gesellschaftszwängen nicht zwangsläufig Hartz IV und ein Leben in einem von Einsamkeit geprägten Freak-Dasein folgen müssen. Sie werden anerkannt. Sie sind erfolgreich.
Ihr Erfolg beweist, dass die Menschen sich danach sehnen, anders zu sein. Wir alle bewundern es, egal, ob wir Charlotte Roche ekelhaft, Beth Ditto wirklich zu dick und Lady Gaga etwas zu „gaga“ finden – für ihr Selbstbewusstsein haben sie den größten Respekt verdient.

Ein neuer Trend der Popkultur? Zu hoffen wäre es. Denn die operierten Hollywood-Ladies kann bald keiner mehr sehen. Und vielleicht finden sich in ein paar Jahren nicht mehr so viele junge Frauen in dem Standard-Lebenslauf wieder, da sie ihr Ding machen und mit Selbstbewusstsein und eigenem Kopf bei potentiellen Arbeitgebern punkten.
Vermutlich verschwinden aber auch diese andersartigen Frauen irgendwann wieder, bleiben „anders“, weil es eben noch ein „normal“ gibt. Heidi Klum wird die Weltherrschaft behalten und höchstens mal eine blonde Schleife im Haar tragen.

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64 Antworten

Kommentare

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    Der Text ist viel zu Oberflächlich, ansonsten gut!

    18.04.2010, 18:21 von m.rth.
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    ich find, dass der text gut geschrieben is..ich stimme definitiv nicht mit (allem) überein, was du schreibst, aber du vertrittst deine meinung(denke doch es is deine..^^) ziemlich gut...

    ehrlich gesagt, was ich nicht ausstehen kann sind leute die mit allen mitteln auffallen wollen und aufmerksamkeit brauchen, aber was ist schon so schlimm daran, wenn man mit dem strom schwimmt, oder alles tut, was die "gesellschaft" verlangt.

    ich finde du beziehst dich zu sehr auf das Äussere und das macht für mich nicht wirklich Selbstbewusstsein, aus dem Klischee ausbrechen und -nur sehr selten- Individualität aus.

    22.01.2010, 20:06 von nana-o
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      @nana-o Zunächst möchte ich der Userin newsoul für den Artikel danken, denn sie hat damit meine Gemschmacksnerven getroffen. Mich wundert nur, dass gerade in der heutigen Zeit eine junge Frau so denkt?!:)



      Wenn jemand noch während meiner Jugendzeit (Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre) eine eigene Meinung hatte, wurde die Person nicht gemobbt, sondern schlimmstenfalls ausgegrenzt.
      Heute dagegen wird gemobbt und bloßgestellt, was das Zeug hält.

      Doch, im Ernst: Ist Euch schon mal aufgefallen, besonders die neue Generation angesprochen, dass es einem heutzutage, dank der Medien-, und Pressefreiheit, immer schwerer geworden ist, seine Individualität auszuleben?
      Denkt doch mal nach: sollte nicht gerade eine Privatperson jemand auf der Straße filmen und später im Internet bloßstellen, muss man damit rechnen, dass Google Streetview einen im Garten oder in sonstigen privaten Gefilden knipst. Und im Fernsehen werden dann auch noch Fakechecks durchgeführt und das "Video des Jahres" gekührt, um andere zum Bloßstellen zu animieren. Und wehe, man passt nicht in die Norm..., oh wei! Und zu allem Verdruss schnüffeln einem Arbeitgeber im Privatleben hinterher,

      Und doch, ich glaube und denke, wer heutzutage noch behaart ist, die/der muss eigensinnig sein und ein gesundes Selbstvertrauen besitzen, um sich diesem System nicht zu beugen. Allerdings war alles schon mal irgendwann Mode, und so wird auch die Behaarung irgendwann wieder "in" sein, genau das hat im Jahre 2008 auch ein Medizinpsychologe der Uni Leipzig prognostiziert.. Und ich denke, er wird recht haben, "Gott sei Dank!"


      Grüße an nowsoul von
      behaartesforum

      05.01.2011, 08:32 von behaartesforum
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    Wahrer, kluger Text - dieses Thema müsste zur Debatte gemacht werden.

    Jedoch gibt es keinen Zwang individuell zu sein - den Quatsch gibt nur die Werbung vor, um Trends zu schaffen.

    "Anonymer" Stil ist keine Schande, denn in ihrem Wesen und Charakter sind die Menschen doch Unikate.

    29.12.2009, 21:15 von TilmannKleye
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    der text enthält viele angriffsflächen, ist auch nicht besonders tiefgründig. aber na klar nervt es, dass frauen alles können, tun und das auch noch wollen sollen. mich persönlich nervt am meisten, was sich für abgründe auftun, wenn man als frau nicht total ordentlich und perfekt durchgeplant ist. das gilt als äußerst unweiblich. das dürfen nur männer, immer noch. und das ist etwas, was sich im alltag eher bemerkbar macht, als beinbehaarung oder gewichtsprobleme.
    allerdings muss man auch einen gegenläufigen trend erwähnen. ständig nackte leute in der neon, ungeschminkt und total haarig.

    28.11.2009, 15:48 von chotanagpur
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    1. Lady Gaga trägt eine Perücke .
    Sonst wurde schon alles gesagt. Der Text ist einfach nur furchtbar öde.
    Und mal so ganz nebenbei:
    Nach dem Studium mal was ganz "individuelles machen", ja?
    Hm, is klar.

    23.09.2009, 00:48 von miene
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    Also ich find den Text richtig gut, wir sollten wirklich nicht so darauf achten, was andere von uns denken sondern einfach machen was wir wollen

    16.09.2009, 13:49 von neuer_user
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    und jetzt alle im chor:WIR SIND INDIVIDUELL!

    ach ach, im grunde sind doch alle menschen innerhalb ihrer peer-group gleich. das hat ja auch was mit rudel zu tun und dem wunsch, geliebt zu werden. und: auch rasierte, blonde, gut gewaschene mädchen können absolut individuelle gedanken haben und umgekehrt können die unrasiertesten punkschnitten dumm wie brötchen sein und die bild-zeitung zitieren.
    äußerlichkeiten sind NIX!

    09.09.2009, 10:52 von cornflake_girl
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    Die Beschreibung der fiktiven Person gefällt mir, fehlt nur noch das im Studivz die politische Richtung "mitte links" ist

    08.09.2009, 20:39 von Noplanet
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