Zimtsternschnuppe 02.10.2010, 00:27 Uhr 0 2

Bau(m)wache

Während Stuttgart S21 hat, habe ich direkt neben meinem Haus meine eigene Großbaustelle, kurz MG21: ein Haus wird abgerissen.

Donnerstag:
Während in der Stadt um Bäume Ringelreihen getanzt und mit Wasser rumgespritzt wird steht die MG 21 dem in Nichts nach: Die Jungs flexen schon den ganzen Mittag und in ihrem Eifer auch noch funktionierende Stromleitungen durch. Die Stichflamme und die aufsteigende Rauchwolke waren sehr beeindruckend, meine Terrarienlampen flackerten, der Flexer flog nach hinten und die Hauswand kokelte vor sich hin. Da standen sie dann erstmal ratlos herum um die Bescherung. Der sicher noch etwas zittrige Unglücksflexer telefonierte sofort. Die anderen sahen ertappt um sich. Ein Nachbar aus dem angekokelten Haus gab seinen Senf dazu. Die Straße abwärts war sicher ohne Strom, ich konnte noch zappen. Die wohl schlechtesten Bauarbeiter der Welt klopften hilflos mit ihren Hammern auf der Kokelstelle herum. Eine halbe Stunde später verabschiedete sich dann auch der Strom bei uns. Hatten die Idioten mit ihren Hammern noch mehr angerichtet? Meine Mitbewohnerin S. flucht. Sie wurde mitten im Telefonat unterbrochen. In Hausschlappen traben wir wie zwei alte Omas zum Tatort. S. sieht sehr böse aus, wenn sie kritisch guckt und der zittrige Flexer beendet auch sofort sein Telefonat. "Wann geht der Strom wieder", will ich wissen. "Stunde", grummelt der schlechteste Flexer der Welt. S. hakt nach: "Was ist denn passiert?" - "Die Leitung war wohl doch nicht tot." Ach nee.
Eine halbe Stunde später habe ich wieder Kontakt zur Außenwelt, Telefon, Fernseher und Internet. Gelernt zu haben scheinen die schlechtesten Bauarbeiter der Welt wohl nicht: jetzt bearbeiten sie die Kokelstelle mit einem Presslufthammer. Ich bleibe wachsam.

Freitag:
Die MG 21 hat heute einen offenbar einen vorübergehenden Baustopp eingelegt – oder es wird ein eines Bauunternehmen gesucht. Ich verpasse also keine Katastrophen und wage mich in die Stadt. Bei Volksfest und Demo ein gefährliches Unterfangen. In der Bahn riecht es wie in einer Kneipe und Männer mit leuchtenden Gesichtern prosten mir beim Einstieg in die Bahn zu. Ich ignoriere. Das geht bei einer geringen Menge peinlicher Menschen noch gut, aber wenn sie größer wird, ein paar tausend, dann wird es schwierig. Im Schlossgarten zum Beispiel geht das gar nicht. Ich staune nicht schlecht, als ich das S21-(D)Emogelände betrete. Es sieht aus wie am zweiten Tag eines Festivals. Ich beginne mich fast wohl zufühlen. Nur die platt getretenen Bierdosen fehlen. Ein Anthroposoph neben mir beginnt, unterstützt von einer Art fahrbaren Harfe mit Verstärker, traurige Lieder über Bäume zu singen.
Diese sind allesamt geschmückt: Behängt mit Laternen und Lampions, um ihre Stämme sind bunte Krawatten, Bänder, Stofftiere und Zettel gewickelt, an der Wurzel sind Grablichter aufgestellt. Als ob ein Kind (eher ein ganzer Kindergarten) hier ermordet worden wäre. Ich schlendere so gut es geht über das matschige Gras. Genau genommen ist das Gras nun totgetrampelt von den Demonstranten - nicht konsequent, wenn man Bäume retten will.
Kleine Grüppchen von hellgrünen Menschen starren auf die dunkelgrünen Polizisten, die ein paar Meter hinter der Absperrung stehen. Ich schnappe Gesprächsfetzen auf: „Stellen Sie sich mal vor, wenn der Tunnel zu eng ist!“ oder „Das fing doch schon bei König Karl an.“. Eine kleiner Junge mit Schulranzen zerrt am Pulli seines Vaters: „Ich will heim“. In Kornkreisartigen Grablichterarrangements liegen laminierte Poster mit Appellen an Bürger und Politiker. Laminiert? Das passt hier nicht rein. Das ist sicher nicht Laminierfolie aus nachwachsenden Rohstoffen. Die Leute von Robin Wood hängen noch in ihren Bäumen rum oder liegen in der Matschwiese auf Isomatten. Ihre Blicke sind leer, erschöpft, ratlos.
Immer mehr Menschen strömen auf das Gelände, ausgerüstet mit Coffee-to-go, Vollkornbrötchen und Campingstuhl. Der typische Waldorfschul-Lehrer mit Grobstrickpulli, aufgehübschte Mädels, bereit für den Demo-Flirt, Geschäftsleute im Anzug. Ich fühle mich beobachtet, da ich keinerlei Buttons oder Jutetaschen mit K21-Logo trage und keine Demo-Mimik habe: Finsterer, provokanter Blick mit leicht traurigem Einschlag.
Ich mache mich auf den Heimweg. Am Hauptbahnhof mischen sich Hippies mit Lederhosen. Die Heilbronner Straße Richtung Pragsattel ist verstopft, Polizeiwagen mischen sich unter den Feierabendverkehr. In die Gegenrichtung fährt der Schichtwechsel in einer Kolonne Richtung Stadt. Ich fühle mich aufgeregt, wie vor einem Feuerwerk, bei dem jederzeit in einer Menschenmenge eine Rakete explodieren könnte. Stuttgart ist in einer Extremsituation. Der Stadtpuls rast, Adrenalin fließt durch die Straßen, Stuttgart lebt.

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