alicewonderland 27.04.2007, 23:14 Uhr 7 4

Ausweitung der Intimzone

Sind soziale Online-Netzwerke wie Facebook und Studi-VZ exhibitionistisch und schaulustig? Wir sollten lernen, mit ihnen richtig umzugehen.

Nach dem Amoklauf an der US-Universität Virginia Tech hat es nur Stunden gedauert bis sich im Studentennetzwerk Facebook.com virtuelle Trauergruppen bildeten. Eines der ersten von insgesamt 32 Opfern des Attentäters von Blacksbury war Ryan Clark. Der 22-jährige war ein beliebter und engagierter Student aus Georgia, der an der Universität in Virginia Biologie, Psychologie und Englisch studierte. Die Facebook-Gruppe „Remembering Ryan `Stack´ Clark“ hat mittlerweile 1,277 Mitglieder, die Gruppe „4/16/07 – In memoriam of the victims of the VA Tech shooting“ 3,755. Die Mitglieder von Facebook, die gleichzeitig Studenten an der VA Tech sind, können die Seite von Ryan Clark immer noch besuchen, Fotos von ihm anschauen, etwas über seine Interessen oder seine Freunde erfahren. Das ist voyeuristisch, aber ist es nicht andererseits total normal geworden, online im Leben Anderer herumzustöbern?

Virtuelle soziale Netzwerke haben auch in Europa schon seit längerem großen Zulauf. Die bekannteste deutsche Version von Facebook ist StudiVZ, die Seite zählt über 1,3 Millionen Mitglieder, das sind etwa zwei Drittel der deutschen Studenten. Während an US-Universitäten nichts mehr ohne Facebook und Co. geht, sind Studenten und Medien in Deutschland noch kritisch gestimmt. Die Studentenvertretung der Humboldt-Universität Berlin hat sogar unlängst zum Boykott des deutschen StudiVZ aufgerufen - wegen "Sexismus, entgleister Rhetorik und gravierender Datenschutzmängel".

An der Brown Universität, Rhode Island, beispielsweise gehört Facebook und die dort kreierte real-virtuelle Identität zum studentischen Alltag. Wer wissen möchte, wer mit wem, wann und warum befreundet ist oder anbändelt, der lässt sich täglich und sogar stündlich auf dem Laufenden halten. Hochsaison ist hier die Rückkehr aus der Spring-Break, den feucht-fröhlichen Frühjahrsferien der US-Studenten. Wer aus Florida, der Karibik, Kalifornien oder sonstwo zurück in die triste Universitätswelt kommt, der setzt sich sofort an seinen Computer und bringt seine Freunde auf den neuesten Stand, lädt Urlaubsfotos hoch und studiert die Korrespondenz der anderen. "News-Feeds" informieren Facebook-Mitglieder automatisch über Änderungen in den Profilen ihrer Freunde und wer bei wem auf die sogenannte „Wall“, eine virtuelle Pinnwand, geschrieben hat.

Mit dieser Funktion, so die Gegner, werde die Kontrolle anderer Mitglieder zu leicht gemacht. Auch in der Facebook-Community hatten sich schnell mehrere Gruppen gebildet, die vehement gegen die neuen Dienste protestierten, sie hatten im September 2006 unter dem Motto "A Day Without Facebook" zu einem allgemeinen Boykott des Portals aufgerufen. Sie sahen durch die News-Feeds die auf Portalen dieser Art ohnehin weit gesteckte Grenze ihrer Privatsphäre überschritten. Doch auch an diese Grenzüberschreitung haben sich die Nutzer mittlerweile gewöhnt, denn eine vollkommen abgeschirmte Privatsphäre kann und will man sich hier gar nicht leisten. Es könnte ja sein, dass man eine wichtige Party verpasst oder einfach nicht mehr Gesprächsthema ist.

Seit der Entwicklung von MySpace, Xing oder StudiVZ werden diese Foren mit Stalking und Datenmissbrauch in Verbindung gebracht. Besonders hart trifft es immer wieder StudiVZ – im Herbst letzten Jahres gab es haufenweise Negativschlagzeilen. Eine Horde von einigen hundert Nutzern hatte zur Miss-StudiVZ-Wahl aufgerufen und die schönsten Studentinnen aus dem Verzeichnis gewählt – ohne deren Wissen. Besonders beliebte Frauen wurden von den Mitgliedern kollektiv „gegruschelt“, eine Zusammensetzung aus „kuscheln“ und „grüßen“. Einige Frauen fühlten sich so sehr belästigt, dass sie das Forum verließen. StudiVZ hat sich entschuldigt und als Reaktion auf diesen Vorfall einen Verhaltenskodex aufgestellt. Trotz allem herrscht hier noch relative Unbekümmertheit mit Userdaten. Bei StudiVZ können alle Mitglieder alle Profile abrufen, wenn es der Benutzer nicht anders eingestellt hat, denn im Gegensatz zum vergleichbaren Business-Portal Xing ist es nicht automatisch verschlüsselt. Facebook ist hier einen Schritt weiter, nur Studenten derselben Universität mit eigener Universitäts-Email-Adresse können Profile von Kommilitonen einsehen. Wer seine Seite für die gesamte Facebook-Community einsehbar machen möchte, muss dies erst freigeben.

Der richtige Umgang mit den Bedürfnissen der User nach Privatsphäre und der Schutz vor Missbrauch haben auch ökonomische Bedeutung. Fälle von Stalking und sexueller Belästigung bedrohen das Geschäftsmodell von Facebook – nicht tolerierbar, denn Microsoft hat jüngst die Vermarktung übernommen. Auch bei StudiVZ wird sich bald noch mehr ändern, es gehört seit Januar diesen Jahres zur Verlagsgruppe Holtzbrinck und ist damit ebenfalls zu einem attraktiven Werbeumfeld geworden.

Es ist die Entscheidung jedes Einzelnen wieviel er von sich preisgeben möchte. Wer auf StudiVZ als seine Interessen „Gras rauchen, exzessiv feiern und wilder Sex“ angibt ist selber Schuld, wenn er sich seine Chancen auf einen Arbeitsplatz verringert. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass potentielle Arbeitgeber die Seiten von Bewerbern studieren - so erhalten sie einen Eindruck, der nicht durch Formalitäten verstellt ist. Um so wichtiger ist es da, dass Forenbetreiber ihre Nutzer über die Zugänglichkeit ihrer Daten informieren und Missbrauch erschweren.

In Zeiten von Realityshows und Internetblogs ist die Diskussion um Privatheit alltäglich. Auf Facebook oder StudiVZ haben die User wenig Kontrolle über sie. Es kann beispielsweise passieren, dass Studenten auf Fotos von anderen Usern drauf sind, ohne es zu wissen. Peinlich, wenn man von sogenannten Freunden betrunken und zerstört in einer Bar abgelichtet wird und ein paar Tage später von Fremden zu hören bekommt: hey, hab dich auf Facebook gesehen, was war denn mit dir los?

Trotzdem bedeutet der Satz „ich habe dich gefacebookt“ für Viele etwa dasselbe wie das schon verbreitete „ich habe dich gegoogelt“, nämlich ein Kompliment an den sozialen Status. Auf Facebook geht es auch darum, so viele virtuelle Freunde wie möglich zu haben - ein reines Zahlenspiel. Die Intimität im Internet mag in hohem Maße künstlich sein. Für die Individuen, die sich Profile in sozialen Netzwerken einrichten, sind ihre Identitäten dort trotz allem sehr persönlich. Über den richtigen Umgang mit Daten hinaus, entwickelt sich gerade erst ein Bewusstsein und ein Verhaltenskodex für diese neue Zone. Die Brown Universität hat nun auf ihrer Homepage einen Link, auf dem sie ihren Studenten von allzu großer Offenheit auf Facebook und vergleichbaren Seiten abrät: „Achte auf deine Intimsphäre - ruiniere dir nicht deinen Ruf!“"Wichtige Links zu diesem Text"
http://brown.edu/Facilities/CIS/think/

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7 Antworten

Kommentare

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    Natürlich ist da was Wahres dran, aber solange man nicht will, dass jeder die Seite oder Fotos anschauen kann, passiert das auch nicht. Und wenn jemand nicht daran interessiert ist, in einer community zu sein, dann soll er sich dort nicht anmelden…

    19.09.2007, 14:57 von Kerstimon
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    stimmt, man ist sich wirklich oft nicht bewusst, wieviel man eigentlich fremden leuten preisgibt. aber gerade in einer zeit von auslandssemestern etc. sind solche plattformen ganz praktisch um seine freunde immer auf dem laufenden zu halten u. ein paar aktuelle fotos zu zeigen, ohne eine rundmail senden zu müssen.

    08.05.2007, 14:49 von Cannondale
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    interessantes thema mti dem man sich viel zu selten BEWUSST auseinander setzt. man stellt hatl einfach die daten ins netz... studi vz sollte doch sicher mal zur universitären kommunikation unter studenten helfen und nciht in die privatsphäre abdriften oder? das hätte wenigstens noch sinn gehabt...

    06.05.2007, 12:42 von verlockend
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    Es ist traurig, wenn man sich nicht mehr im sogenannten Real Life trifft, sondern sich nur noch über ein Kabel in der Wand austauscht. Obwohl man zur gleichen Uni geht, z.B.
    Sind alle zu faul geworden?
    Ich sehe es ja hier in Deutschland bei Myspace. Es ist gruselig, wie sich die Leute präsentieren, Dinge tun, die sie in der Öffentllichkeit niemals wagen würden.
    Wie weit geht dieser Realitätsverlust noch...?
    gruselig
    Interessanter Artikel übrigens!

    05.05.2007, 16:34 von kunstkatze
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  • 0

    tja, war schon immer gegen soul - strippin´
    *gruschel*
    hehe,
    guter kluger artikel, silja,
    lg
    *p

    05.05.2007, 16:12 von PDK
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    Ein guter Artikel.

    28.04.2007, 19:59 von alucinada
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