povisorisch 03.09.2017, 16:40 Uhr 1 1

Aus dem Zelt

(Text aus meinem Archiv)

Michael liegt in Elementarteilchen  in seinem Zelt. Die dünne Zeltwand schützt ihn vor den Regentropfen, trennt ihn von dem Rest der Welt. Ich sitze mein ganzes Leben in diesem Zelt und ich komme nicht heraus. Ich will verbunden sein, in Gesellschaft leben, anderen begegnen. Und ich versuche es. Aber ich habe das Gefühl, diese eine letzte Wand nicht herunterreißen zu können. Ab und an steht jemand erwartungsvoll vor meinem Zelt. Aber ich traue mich nicht, den Reißverschluss aufzuziehen. Und irgendwann wird es leise vor dem Zelt, die Person ist verschwunden. Und ich sitze in diesem scheiß Zelt und bin traurig, wütend auf meine Mutlosigkeit. Ein Windhauch reicht, um mich mitsamt meinem Zelt umzufegen. 

Hoffnungslos bin ich mit diesem Leben konfrontiert, dass so fragmentarisch vor mir liegt. Ich erkenne mich darin nicht, ich sehe kein Bild, das sich zu einem Ganzen fügt. Ich habe keine Prinzipien, nach denen ich handeln könnte, die mir eine Richtung weisen könnten. Bin vollkommen orientierungslos in meinem Wald. Ich suche im Schatten der Bäume die Sicherheit, den Unterschlupf, der mich vor den Grausamkeiten der Welt abschirmt. Ich erwarte nichts, ich glaube an nichts und ich versuche so wenig wie möglich zu fühlen. Der Schutz in meinem Wald ist der Schutz vor dem Verhalten meiner Mitmenschen. Und meint damit eigentlich den Schutz vor meinen Erwartungen an die Welt. Denn es ist nicht das Verhalten meiner Mitmenschen, das mich eigentlich verletzt, es sind die Schnitte meiner Erwartungen an ihr Verhalten. Ich verletzte mich selbst, in dem ich Dinge tue, von denen ich weiß, sie schaden mir. In dem ich mich für andere verbiege, um in ihr Bild zu passen. Oder vielmehr in das Bild, das ich von ihnen habe. Ich habe das Gefühl keine Farben in mir zu tragen. Fühle mich abgeschottet von der Welt, drifte weiter ab. Mit jeder Zurückweisung wird die Zeltwand dicker, fast höre ich nicht einmal mehr die Regentropfen.

Was ist alles wert, der Kampf um Befreiung, der Kampf für Frieden, für die Welt nach der wir uns sehnen, wenn wir nicht liebend miteinander leben können? Die Einsamkeit dröhnt. Sie ist unausweichlich, sie ist die große Konstante, das letzte Zelt. Ich glaube nur an einen Kampf, der uns als Kollektiv befreit, der alle Zelte abreißt, so dass wir endlich zusammen leben können. 


Tags: Alltag
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Kommentare

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    11.09.2017, 12:17 von 8steideki
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