Erdbeerheld 23.02.2007, 21:28 Uhr 52 13

Auf Herz und Nieren

Zehn mal sieben Zentimeter - ein Organspendeausweis ist nicht groß, kann aber Leben retten. Und ist verdammt schwer auszufüllen.

Diese zehn mal sieben Zentimeter haben es in sich. Vor allem lassen sie mich etwas verzweifeln. Seit einer halben Stunde sitze ich vor dieser kleinen Karte. Sie ist ein Organspendeausweis. Mein künftiger Organspendeausweis. Ich lehne mich zurück, verschränke die Arme und denke nach. Ich bin mir unsicher. Ich prüfe mein Vorhaben auf Herz und Niere. Klar, ich kann dieses Stück Pappe in tausend Fetzen reißen – schon hat es an Gültigkeit verloren. Aber ich möchte nicht einmal Hü und einmal Hott sagen. Lunge, Leber, Augen-Hornhaut, Bauchspeicheldrüse? Was trage ich ein? Alles? Gar nichts? Einschränken? Der Stift liegt immer noch auf dem Schreibtisch. Und ich beginne an Peter Doßner (Name geändert) zu denken, der mich in dieses Schlamassel gebracht hat.

Peter Doßner. 56 Jahre, Frau, zwei Söhne, beruflich erfolgreich. Haus, Baum, Motorrad – das volle Programm. Doch vor zwei Jahren musste er ins Krankenhaus. Eigentlich wegen eines Nabelbruchs. Am Ende wird er mit der Diagnose Leberzirrhose entlassen. Schrumpfleber. Seit Dezember 2005 steht er auf der Warteliste. Nein, er ist kein Trinker. Eine verschleppte Hepatitis, vermuten die Ärzte. Mittlerweile ist es ihm egal, wieso, weshalb. „Ich frage nicht: Woher kommt die Krankheit? Ich möchte wissen: Warum ich? Habe ich jemanden etwas Böses getan, ist das meine Strafe?“ In den blauen Augen, die sonst so entschlossen schauen, schimmert Verzweiflung. Aber nur kurz. Er ist nicht der Typ, der sich aufgibt. Im Gegenteil. „Ich habe immer 150 Prozent gegeben, immer.“ Jetzt sind es „vielleicht.... 30. Aber damit lerne ich, zu leben. Es geht“.

Ab 13 Uhr ist sein Tag vorbei. Wenn er seinen Tabletten-Cocktail intus hat, dämmert er weg. Sitzt im Sessel, stützt den Kopf in der Hand. Verzerrt das Gesicht, wenn jemand zu laut spricht. Hobbys? „Ich? Wie soll das gehen?“ Letzten Sommer verkaufte er sein Motorrad. „Als es abgeholt wurde, stand ich da und habe geheult.“ In diesen Momenten käme er sich vor, als regle er seinen Nachlass. Tod, Sterben – die Gedanken lassen sich nicht abschalten wie den Fernseher, in dem ein schlechter Film läuft. Und es wird eng. „Naja, aus vielen Leberzirrhosen entwickelt sich Krebs“, erklärt Doßner langsam. Sobald auch er das hepatozelluläre Karzinom bekommt, ist seine Zukunft gestrichen - wie sein Name auf der Warteliste. Die Organspende ist seine letzte Chance. Solange muss er warten; warten auf ein neues Leben. Dafür muss ein anderer sterben.

Ich schüttele den Kopf, mache Platz für neue Gedanken und greife zum Kuli. Zwei Tage nach dem Gespräch mit Peter rannte ich aufgewühlt in eine Apotheke und frage nach einem Ausweis. Ich kann damit leben, nach meinem Tod Herz, Niere, Lunge, Bauchspeicheldrüse abzugeben. Davon bin ich 100 Prozent überzeugt. Nur von meinen Augen kann ich mich irgendwie nicht trennen. Ich lese noch mal das kleine Heft durch, aus dem ich den Ausweis trennte. Den ersten Tipp aus dem Flyer setzte ich gleich um. Ich stehe auf dem Gang, rechts von mir das verschlossene Zimmer meiner Schwester, hole Luft: „Hey, falls ich heute übrigens sterbe – bitte denk dran, ich hab einen Organspendeausweis.“ Ich komme mir saublöd vor. Meine Schwester öffnet die Tür, schaut mich stirnrunzelnd an. Ich versuche zu erklären: „Das ist wichtig. Vielleicht rette ich mal Leben, wenn ich schon tot bin.“ Noch ein fragender Blick. Mein letzter Versuch: „Ich glaube an das Gute im Menschen.“ Da verschränkt sie ihre Arme. Und beginnt nachzudenken.

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52 Antworten

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    Ich fand es auch schwer, den Ausweis auszufüllen, aber viel schwerer war es für mich offen darüber zu reden, dass ich den Ausweis habe. In meiner Klasse haben wir in Reli darüber geredet. Keiner hatte einen solchen Ausweis (die andere aus meiner Klasse, die einen hatte, war an dem Tag nicht da) und so gab ich ihn rum. Das war ein absurdes Gefühl. So nackt habe ich mich selten gefühlt.
    Ich finde, man sollte sich schon sehr früh über so etwas Gedanken machen. Sterben kann man immer. Und in eine solche Situation, in der man ein Organ benötigt, kommt man auch ziemlich leicht.
    Drüber nachdenken und zulassen, nicht zu lassen, einschränken. Bitte !!!!

    05.08.2007, 02:03 von Fanfun
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    Jaa, mir gings auch so. Die erste entscheidung ist leicht, klar hab ich mir gedacht, das ist gut und kann vielleicht mal leben retten ... aber dann, das entgültige ausfüllen hat mir ehrlich gesagt auch probleme bereitet, weiß auch nicht warum ... hab sogar mehrere wochen gebraucht um ihn fertig auszufüllen, aber ich habs gemacht ... und hab mich danach irgendwie erleichtert gefühlt ...

    30.05.2007, 23:08 von binda
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    Es ging mir ganz genau so, aber ganz genau. Und auch ich habe mich entschieden, meine Augen und Ohren zu behalten. Das ist wahrscheinlich Eitelkeit. Am Gesicht möchte ich mir auch nach dem Tod nicht rumschnibbeln lassen, zumal ich nicht weiß, wie man mit diesen "Ersatzteilen" Leben retten kann.

    Aber ich muss sagen, ich hab es für mich behalten. Ich glaube meine Eltern wären besorgt, wenn sie wissen würden, dass ich mir durchaus bewusst bin, wie schnell es vorbei sein kann.

    Auf jeden Fall war ich sehr erleichtert, nachdem er ausgefüllt in meinem Portmonnaie steckte.

    Jeder sollte zumindest mal darüber NACHDENKEN.

    27.04.2007, 20:02 von einschoenertag
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    danke für diesen artikel! hat mich daran erinnert, was ich noch erledigen muss ;). deshalb auch vielen dank für die links. war bisher immer zu faul zur apotheke zu gehen und habe jetzt gleich einen online bestellt :).

    ich finde auch, das thema sollte viel öfter thematisiert werden!

    gut zu wissen, dass doch so viele leute einen organspendeausweis haben ...

    14.03.2007, 02:54 von sicksadlittleworld
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    Ich hab da kaum Bedarf zum Überlegen gehabt.
    Ich hätte auch draufschreiben können: Zerlegt mich wie ihr wollt.
    Alles was brauchbar ist darf und soll weiter verwendet werden.

    06.03.2007, 04:16 von malllen
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    Also ich fand das nun auch nicht so schwer, denn ich für mich habe beschlossen einfach garnichts mehr zu behalten, brauch davon ja dann auch nichts mehr. Finde es auch wichtig, dass man auf jeden Fall mal darüber nachdenken sollte, sich so einen Ausweis anzuschaffen. Ob man es dann tut oder nicht, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Manchmal brauch es eben auch den Anstoß jemanden zu kennen, der ein Organ benötigt, ging mir auch so.

    06.03.2007, 00:26 von kommerz
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    Also, der Österreichische Entwurf zwingt Menschen zum Nachdenken über Organspende. Das finde ich ja auch prinzipiell gut. Nur in Deutschland wollte man halt jedem die Freiheit lassen auch darüber nicht nachdenken zu wollen... Deshalb dieser Entwurf.
    Da ist dann halt die ethische Frage was wichtiger ist...

    Ich selbst habe auch nen Ausweis, habe mich aber auch intensiv damit befasst weil ne Freundin dringend auf Organe wartet...

    Ich finds schon mal sehr gut dass wir hier darüber diskutieren, das Thema ist wichtig, und mehr Menschen sollten die Entscheidung für sich treffen - egal wie sie ausfällt!?!

    Mit Herz und Augen haben übrigens die meisten Probleme... Keine Ahnung wieso!

    02.03.2007, 21:26 von cherryNow
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    Ich habe auch schon seit vielen Jahren einen Organspendeausweis dabei. Und seit in meiner Familie das Warten auf ein Spendeorgan losgegangen ist, weiss ich wie wichtig der kleine Papierfetzen sein kann.

    EInfach nicht drüber nachzudenken, weil es einen an den Tod erinnert ist doch feige. Die bewusste Entscheidung dagegen kann ich hingegen schon verstehen.

    Allerdings finde ich den österreichischen Entwurf der Organspende besser. Da ist grundsätzlich mal jeder Organspender, und nur wer einen schriftlichen Einspruch bei sich trägt, ist davon ausgeschlossen.
    Jeder dem es wirklich wichtig ist, wird sicher daran denken Einspruch einzulegen. In Deutschland hingegen denken die wenigsten darüber nach, dass ein kleiner Zettel Leben retten kann.

    Und zum Thema "Hirntod kann nicht sicher diagnostiziert werden" denke ich mir: Wenn ich schon so übel zugerichtet wäre, dass die Ärzte davon ausgehen, dass ich hirntot bin, dann wäre ich wahrscheinlich auch lieber tot, als wieder irgendwie zusammengeflickt zu werden und womöglich jahrelang ein Pflegefall zu sein. Ich glaube das wäre dann besser für meine Familie, Freunde und mich.

    Und immerhin kann ich so vielleicht einem Menschen einige zusätzliche Jahre Leben schenken.

    02.03.2007, 11:35 von gruebelmonster
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    allright, bin sofort dem Link gefolgt und trage jetzt auch einen mit im Geldbeutel.

    01.03.2007, 20:59 von izzoSchnizzo
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    Ich habe meinen Ausweis seit dem 14.02.1998! Ich bereue keinen einzigen Tag. Mir kann man alles entnehmen...was soll ich denn damit wenn ich tot bin??? Es muss allerdings zu diesem Thema noch viel mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden, ein kleiner Beitrag ist dein Text. Sehr gut.

    28.02.2007, 13:46 von sabrina1980
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