Melliteratur 19.01.2012, 08:47 Uhr 32 33

Auf dem Gleis

Die Mittagspause füttert die Bankkauffrau mit Obst aus Plastikbechern und Kaffee aus Entwicklungsländern.

Deine Stadt sieht verdammt gut aus.
Hauptbahnhof. Du steigst aus dem Zug und gehst sofort im Wind von Urin und Eau de Toilette. Dein Haar trägst Du in der Öffentlichkeit immer zusammengebunden, damit der kalte Rauch und das heiße Fett der Stadt sich nicht darin niederlassen. Die Gier: Heute auf Gleis 7. An dem Mann, der jeden Passanten nach einem gültigen Fahrschein fragt, läuft eine junge Frau im Designerkostüm vorüber.

Deine Stadt schmeckt außergewöhnlich gut.
Ubahn Jungfernstieg. Du gehst die Treppen hinunter und Dich umgibt der Duft des Bäckers, der Brötchen für sagenhafte 99 cent verkauft und der Gestank des  Geldautomaten, der Scheine mit 100% Schuld ausspuckt. Du riechst das Elend, die Verzweiflung und dazwischen die Maßlosigkeit. Der Obdachlose füttert seinen Hund mit abgelaufenem Joghurt. Die Mittagspause füttert die Bankkauffrau mit Obst aus Plastikbechern und Kaffee aus Entwicklungsländern.

Deine Stadt ist dermaßen luxuriös.
Bahnof Dammtor. Du stehst auf der Brücke zwischen Kino und Hotel, dort hörst Du Sie. Gröhlen, lallen, lachen und dazwischen im zwei-Minuten-Takt die Bahn vorbeirauschen. Niemand hat hier draußen eine Zigarette für den Minderjährigen mit einer Dose Astra in der Hand. Jeder hat da drinnen eine Zigarre für den Anzugträger mit einer Flasche Schampus in der Minibar.

Deine Stadt ist auf jeden Fall was Besseres als die Andern.
Haltestelle Hallerstraße. Du wartest auf die Bahn und beobachtest. Ein Mann tippt auf seinem iPhone, vor ihm eine Herrenhandtasche von Ralph Lauren für große Scheine. Ein anderer klimpert auf seiner Gitarre, vor ihm ein dunkelgrauer Hut vom Flohmarkt für kleine Münzen. Sinnlose Gier für gierige Sinne.

Deine Stadt liegt immer voll im Trend.
Sbahn Wilhelmsburg. Du sitzt in der Bahn und siehst, wie die Ungerechtigkeit, die Verzweiflung, die Klassenunterschiede mit dem Putz von der Decke bröckeln und auf den bunten und übergroßen Werbeplakaten der neuen Esprit Kampagne hängen. Auch südlich der Elbe kann sich Hamburg nicht mäßigen und wartet begierig auf den nächsten Konsumenten.

Deine Stadt ist die pure Vergnügungsmeile.
Ubahn St.Pauli. Da wird Dir schlecht. Geiz ist geil, wie die Gier nach Sex, die Gier nach Rausch, die Gier nach Macht. Die Mächtigen regieren. So lange wir die vergänglichen Dingen dieser Welt begehren.

So fährst Du weiter. Von Station zu Station. Und. Sie ist immer und überall dabei. Gutaussehend, delikat, luxuriös, elitär, schick und vergnügt. Hamburg könnte nicht schöner sein. Hier steigt die Gier nicht aus und hat auch keine Verspätung. Hier bittet die Gier niemanden, zurückzubleiben und verbietet auch keinen Alkohol. Die Gier fährt die ganze Nacht und auch bei schlechtem Wetter. Die Gier nimmt jeden mit. Die Gier kennt keinen Nothalt und keinen Ersatzverkehr. Die Gier ist immer pünktlich. Die Gier kannst Du nicht am Automaten kaufen, aber musst sie teuer bezahlen. Die Gier wartet nicht bei Rot und fährt immer zu schnell. Die Gier ist nicht sicher, aber hat ihre Überwachungskameras überall. Die Gier wartet auf jedem Gleis. Die Gier sagt sich durch jeden Lautsprecher an. Du kannst die Gier gar nicht verpassen. Diese Fahrt hat keine Ende, weil diese Stadt aus Gier keine Grenzen hat. Und. So fährst Du weiter. Von Station zu Station. Sie ist immer und überall dabei. Gutaussehend, delikat, luxuriös, elitär, schick und vergnügt.

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    ein wahrer text.. von einem menschen, der wohl mit offenen augen durch die welt läuft..

    25.01.2012, 10:11 von FrauFraeuleinWunder
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  • 1

    Mag ich sehr. Vor Allem, wenn man die Stadt kennt =) Du beobachtest gerne, oder?

    22.01.2012, 19:27 von einweggedanken
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  • 2

    Hm.
    Also sicher hat das alles einen wahren Kern.
    Das Elend der Welt mag seine Ursache ja in der Gier finden, aber der Text hier ist mir too much.
    Wie war das noch? Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein? Ich kann da nicht werfen.
    Die Gier steckt nicht nur in den Reichen, die Gier steckt wohl in jedem von uns.
    Trotzdem ist mir der Negativismus dieses Textes einfach zu düster. Oh die Welt ist ja so schlecht und die wohlhabenden Menschen sind so böse.
    Und jetzt?
    Stilistisch trotzdem wirklich gut, finde ich.
    Mir einfach etwas zu pessimistisch, aber es macht in jedem Fall nachdenklich und das war ja vermutlich der Vater des Gedanken.

    22.01.2012, 18:33 von TimeDrop
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  • 0

    wunderbar geschrieben :)

    21.01.2012, 23:32 von MissesX
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    finde ich gut und passend. man kann so und so seine scheuklappen aufziehen, besser ist aber immer den blick schweifen zu lassen.

    allerdings kann ich nur vermuten, dass hamburg hier nur exemplarisch für jede (!) größere (deutsche) stadt steht. bei dem gierabsatz musste ich allerdings primär an frankfurt denken. dort habe ich auch lange gelebt und ich denke es gibt keine andere stadt die in punkto gier und verfall so dermaßen extrem bipolar "gestaltet" ist.

    21.01.2012, 18:46 von sternenkind
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  • 0

    Wenn die Gier weggelassen worden wäre, dann hätte ich das richtig gut beschrieben gefunden. Aber irgendwie. Hmm. Vielleicht hab' ich das auch einfach nur nicht verstanden. Mh.

    21.01.2012, 00:54 von nyx_nyx
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    • 0

      Ändert nichts daran, dass es too much ist. Für mich. Und ich den Fokus auch ohne die Gier deutlich genug empfand.

      22.01.2012, 12:53 von nyx_nyx
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