sara_mously 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 0

Asyltagebuch

Für die aktuelle NEON-Ausgabe haben wir vier Asylbewerber gebeten, ihren Alltag in deutschen Asylbewerberheimen in einem Tagebuch festzuhalten.

Marjana K., 27, kommt aus Inguschetien, einer russischen Teilrepublik im Nordkaukasus. Islamistische Aufständische kämpfen dort gegen Polizei, Militär und zivile Gruppierungen für einen unabhängigen Staat, ähnlich wie im Nachbarland Tschetschenien. Der Muslimin wurde vorgeworfen, sie habe als Scharfschützin Menschen umgebracht. Tagelang wurde sie deswegen verhört und misshandelt. Nur durch einen Zufall konnte sie nach Deutschland fliehen. Seit Oktober 2008 wartet sie in Hamburg zusammen mit ihrem Bruder auf eine Aufenthaltserlaubnis.

Donnerstag, 20. Mai
Manche hier im Heim sind krank im Kopf. Neulich hat ein Mann seinen Herd aus dem Fenster geworfen, einfach so. Und heute hat mir ein Nachbarsjunge ein Video auf seinem Handy gezeigt: eine Vergewaltigung. Ich habe zwei Kriege erlebt. In Tschetschenien, wo ich geboren wurde, und später in Inguschetien. Ich habe meinen Vater gesehen, kurz nachdem er erschossen wurde. Ich habe so oft Alpträume deswegen. Zu viel Gewalt für ein Leben. Und jetzt zeigen mir die Jungs so eine Scheiße.

Dienstag, 25. Mai
Ich habe Schmerzen. Ein russischer Polizist hat mir mein Brustbein mit seinem Gewehrkolben zertrümmert, und es ist schief zusammengewachsen. Zum Arzt kann ich nicht, dafür bräuchte ich einen Krankenschein vom Sozialamt. Den bekomme ich aber nur montags und donnerstags. Ich glaube, ich lasse das mit dem Arzt. Der letzte hat gesagt: „Lebensgefährlich ist das ja nicht“, und hat mir ein Medikament aufgeschrieben, ohne zu sagen, was das ist. Meinen Bruder haben sie neulich von acht Uhr morgens bis um vier am Nachmittag im Wartezimmer sitzen lassen.

Montag, 31. Mai
Es geht mir besser. Ich habe viel geschlafen. Bei meiner Freundin Mo auf der Couch. Mo ist aus Indonesien und einen Monat nach mir hier angekommen. Sie ist wie eine Schwester für mich, wenn sie da ist, kann ich atmen.

Freitag, 4. Juni
Heute habe ich einen Termin bei der Heimverwaltung. Ich will, dass mein Bruder und ich ein zweites Zimmer bekommen. Wenn er Besuch hat, hängen hier fünf, sechs Typen ab und sehen fern. Nie habe ich meine Ruhe. Ich habe ein Attest von meiner Psychotherapeutin, dass ich mein eigenes Zimmer brauche, aber das hat mir noch nichts genützt. Immerhin zahlt das Sozialamt mir die Therapie.

Samstag, 5. Juni
„Wir tun was wir können“, haben die in der Verwaltung gesagt. Also wie immer: warten. Ich würde so gerne etwas tun. Ich mache viel Sport um mir die Zeit zu verteiben: Karate, Voleeyball, Basketball. Außerdem habe ich Deutschkurse belegt – 300 Stunden hatte ich schon. Aber noch lieber möchte ich arbeiten. Geld verdienen. Mich nützlich machen. Stattdessen soll ich immer nur warten.

Mittwoch, 9. Juni
Habe heute gehört, dass man als Asylbewerber nicht mal Fahrrad fahren darf. Dass man dafür eine Art Führerschein braucht, und wenn man den nicht hat, und von der Polizei erwischt wird, ist man dran.

Sonntag, 13. Juni
Gestern war ich tanzen. Meine ukrainische Freundin Mila hat mich eingeladen, ich hätte es mir nicht leisten können. Wir haben Salsa getanzt bis morgens um drei. Oh Gott, macht mich das glücklich! Ich komme so selten weg hier, die Fahrt mit der U-Bahn ist zu teuer. Nur mittwochs komme ich in die Zivilisation: Dann kaufe ich mir eine Tagskarte für 5,40 und fahre zur Therapie und zum Deutschkurs in die Innenstadt.

Dienstag, 15. Juni
Heute hatte ich endlich wieder einen Termin bei dem Anwalt, der mir mit meinem Asylantrag hilft. Das mit dem Fahrrad ist Quatsch, hat er gesagt. Ständig höre ich: Du darfst dies nicht, du darfst das nicht. Kein Geld verdienen, kein Konto eröffnen, keine Wohnung mieten. Woher soll ich wissen, was ich noch darf?

Protokoll: Sara Mously

4 Antworten

Kommentare

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    wie kann man in der heutigen Zeit Menschen noch so behandeln???

    16.09.2010, 19:29 von espresso1988
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @derHerrMitDemPixel Super, HerrmitdemPickel!
      Lass uns doch sofort nach Einreise oder Anmeldung in Deutschland die Leute zur Musterung schicken.
      Sie werden dann gecheckt und nach Kategorie durch verschiedenfarbige Ausweise sortiert. Den muss man dann zwar jedesmal vorlegen, wenn man zum Arzt geht, oder zum Amt, oder wenn man in den Bus steigt, damit man gleich weiß wo sein Platz ist. Das ist auch etwas diskreter als ein Aufnäher auf der Jacke, und hat zudem nicht gleich den bitteren Nachgeschmack unseren so bösen deutschen Geschichte. Nicht, dass uns jemand als Nazi beschimpft, oder?
      Das wäre doch ein tolles System! ich meine, dem "Neger" sieht man das ja gleich an, dass der nur hier ist, um von meinen Steuern zu leben, und mir meinen Arbeitsplatz wegzunehmen - wenn er das überhaupt vorhätte - die leben ja schon gut genug hier.
      Aber einer Polin oder einem Tschetschenen sieht man das nicht immer gleich an. Natürlich nehme ich als Deutsche dann Gebrauch von meinem Recht und lasse mir einfach das rote Kärtchen zeigen, und weiß dann auch genau wem ich aufs Maul hauen muss.
      Diese Kategorisierung sollte man aber auch für Deutsche selbst einführen.Da gibts ja schließlich auch Unterschiede zwischen Schmarotzern und Steuerzahlern.
      Auf deinem Ausweis steht dann: Arschloch

      03.03.2011, 15:30 von losgehtslos
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    Ich finde das der Artikel zwar gut gemeint aber die Sache Asyl doch sehr einseitig betrachtet. Ich bin selbst in diesem Metier tätig. Ich sehe täglich beide Seiten der Medaille. Die Sozialleistungen sind zu wenig, dass streite ich nicht ab, wenn ich dann jedoch lese, das davon noch 450,00 € für einen Computer gespart werden können, weiß ich nicht, was ich dazu noch sagen soll.
    Das soll nicht ausländerfeindlich klingen und es ist auch nicht so gemeint. Ich hätte mir einfach gewünscht , das der Artikel beide Seiten beleuchtet.

    31.08.2010, 17:47 von speziju
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    Es ist erschreckend, unter welch erniedrigenden Umständen Menschen in unserem Land leben, die ohnehin schon mehr vom Leben gebeutelt wurden, als es sich viele ausmalen können.

    Es macht mich nachdenklich, dass ich vermutlich tag täglich auf Menschen treffe, denen es ähnlich ergeht, und es nicht merke.

    26.08.2010, 18:48 von applejam
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    Danke für den Artikel und auch die Geschichten im Heft. Auch wenn es sich abgegriffen anhört, sind diese Zustände für Deutschland und Europa absolut blamabel und menschenverachtend. Wir Zeit das ich was degegen unternehme.

    24.08.2010, 22:50 von 5R6nPpWCAx
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