Armutszeugnis
11 Mio Menschen in Deutschland sind arm. Die meisten haben zwar Essen und ein Dach über dem Kopf. Aber andere grundlegende Dinge fehlen in ihrem Leben
.Klaus Staabs, 44, hat kaum mehr Geld für die Bewerbungsunterlagen.
»Ich würde gerne wieder als Hausmeister arbeiten. Oder als Lagerist. Mein alter Job war befristet. Seit 2005 bin ich arbeitslos. Ich habe alte Schulden, die kann ich ohne Arbeit nicht zurückzahlen. Ich lebe von knapp zehn Euro am Tag. Ich kann nicht mehr. Manchmal denke ich: Steckt mich in den Knast. Dann sitze ich die Schulden ab. Aber ich will Arbeit. Ich verschicke zwei bis drei Bewerbungen die Woche. Die kosten mit Mappe und Porto drei Euro. Das ist viel Geld auf Dauer. Meistens bekomme ich nicht mal die Mappe zurück. Dabei muss ich die wiederverwenden.«
Adem Ibishi, 27 und Shefkije, 25, haben drei Kinder. Adem Ibishi besitzt nur zwei Hosen.
»Die eine, die etwas feinere, ist eine schwarze Stoffhose, die ich zu besonderen Gelegenheiten anziehe. Die andere, die Jeans, trage ich jeden Tag. Keine Sorge, das ist nicht unhygienisch. Meine Frau wäscht sie jeden Abend, meistens wird sie rechtzeitig trocken. Nur sieht sie deswegen bereits ein wenig mitgenommen aus, obwohl sie meine Frau erst vor einem Jahr bei C&A gekauft hat. An manchen Stellen wird der Stoff dünn. Seit einem Autounfall 1999 leben wir von Sozialhilfe. Während meiner Ausbildung zum KFZ-Mechaniker wurde ich überfahren. Die Reha hat lange gedauert, danach kam ich als ungelernter Arbeiter ins Leben zurück. Ab und zu bekomme ich Hilfsjobs. Früher hat das Sozialamt dringende Anschaffungen noch ersetzt, jetzt, mit Hartz IV, müssen wir so auskommen. Unser Backofen ist kaputt, die Kinder werden älter und brauchen Büchergeld, Geld für den Schulausflug, neue Schuhe. Unsere Schwiegereltern helfen oft aus oder holen Kleider beim DRK. Damit haben wenigstens die Kleinen immer was zum Wechseln.«
Sabine H., 39, schläft mit zwei ihrer drei Kinder in einem Bett.
»Der Große ist 15, die Mittlere zwölf und die Kleinste ist gerade drei geworden. Meine mittlere Tochter hat ihr eigenes Zimmer. Aber der Große, die Kleine und ich, wir teilen uns das Bett. Mein altes Ehebett. Mein Mann und ich haben es kurz vor der Hochzeit 1999 bei Möbel Krügel gekauft, im Schlussverkauf. Es ist bequem und auch breit genug für uns drei. 1,80 Meter. Obwohl, der Große, der ist bald über 1,85 m. Am Wochenende schlafen er und sein bester Freund in unserem Hobbyraum im Keller. Da gucken sie fern, spielen Computer. Den Raum haben mein Mann und ich früher als Schlafzimmer benutzt. Mein Mann sitzt in einem Gefängnis bei Paris, sein Begleiter hatte Drogen dabei. Anscheinend hing er mit drin. Er stammt aus Nigeria und hat hier nie feste Arbeit gefunden, sondern in verschiedenen Jobs gearbeitet. Es lief wohl nicht gut. Er hat Schulden gemacht, die blieben an mir hängen. Ich arbeite sechs Stunden am Tag als Altenpflegerin und kann trotzdem nicht alles bezahlen. 2006 musste ich Privatinsolvenz anmelden. Ich hoffe, mein Mann kommt dieses Jahr zurück.«
Frau G., 46, und Herr G., 56, zwei Kinder, 19 und 21, haben in ihrem Leben einmal Urlaub gemacht.
»Mein Mann und ich haben vor zwanzig Jahren geheiratet. Finanziell übernommen haben wir uns nie, konnten wir gar nicht. Mein Mann hat sich vor fünfzehn Jahren mit einem Kurierunternehmen selbstständig gemacht. Wir haben Kredite aufgenommen, dann kamen Steuernachforderungen, die wir nicht bezahlen konnten. Das Konto wurde gesperrt, der Gerichtsvollzieher kam mit einer Räumungsklage. Ich war damals Filialleiterin in einem Supermarkt. Mein Gehalt wurde gepfändet, so wussten meine Vorgesetzten Bescheid. Ich hatte Zugang zum Safe, zu den Kassen. Einem Pleitegeier vertrauten sie nicht: Sie haben mich rausgemobbt. Ich war fix und fertig, kündigte, nahm meinen Resturlaub, und in diesem Sommer, es war 1997, fuhren wir das erste Mal gemeinsam in den Urlaub. Freunde besitzen eine Wohnung in Pattaya, Thailand. Sie haben den Kindern den Flug gezahlt. Es war wunderschön. Die Kinder konnten davor in den Schulferien nur im Hof oder daheim spielen. Dort gingen wir jeden Tag an den Strand.«
Maria G., 44, alleinerziehende Mutter, nimmt Servietten bei McDonalds mit.
»Die sind ein guter Ersatz für Klopapier, das ist nämlich so teuer. Solche Sachen, auch Windeln oder Milch, kaufe ich am Monatsanfang. Wenn dann am Ende noch viel Monat, aber kein Geld übrig ist, dann sammle ich eben Pfandflaschen bei uns im Viertel ein. Ein bisschen peinlich ist mir das schon vor den anderen Müttern, aber von dem Pfand springt dann oft noch etwas Süßes für meinen zweijährigen Sohn heraus. Seit einem Jahr gehe ich zur Münchner Tafel, wo ich einmal die Woche Lebensmittel erhalte – eine enorme Erleichterung. Seit Jonas auf der Welt ist, kann ich nicht mehr als Krankenschwester arbeiten. Sein Vater ist weg und zahlt keinen Unterhalt. Ich habe 1200 Euro im Monat zur Verfügung, aber da ich einigen Leuten noch Geld schulde, wird es immer eng. Einmal habe ich in einem Geschäft sogar Windeln gestohlen, aber das würde ich heute nicht mehr machen. In Deutschland gibt es so viele Anlaufstellen, die einem helfen. Die meisten unserer Möbel und Klamotten haben wir von anderen geschenkt bekommen.«






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