Andy war hohl
... aber er liebte seine Tomatensuppe, die ihn besonders an Tagen der Einsamkeit und Stille an die einzige Frau in seinem Leben erinnerte.
Er konnte wirklich nichts
dafür, seine Mutter war Schuld. Als Andy noch ganz klein war, da sagte sie immer
zu ihm: „Schatz, das musst du nicht wissen. Es reicht, wenn ich das weiß. Wenn
du groß bist, dann ergibt alles schon einen Sinn.“ Und irgendwann gab Andy das
Fragen auf und wuchs mit dem sicheren Gefühl der Pubertät entgegen, dass Mutti
ihm schon sagen würde, wenn irgendetwas nicht stimmte. Oder wenn irgendwann der
Sinn fehlte. Oder wenn er irgendwas oder irgendwen besser nicht anfassen
sollte. Oder wenn er irgendwo besser nicht hinschauen oder hinhorchen sollte. So
verschwanden allmählich die Worte der Neugier, dieses ständige Wieso, Weshalb
und Warum, aus Andys Sprachgebrauch und an ihrer Stelle nistete sich Stille in
seinem Kopf ein. Diese geistig-blasse Unberührtheit führte dazu, dass Andy
unbeholfen aber glücklich wirkend durch seine Kindheit und Jugend tappte.
Mitmenschen, die Andy nicht kannten, sagten hinter vorgehaltenen Händen, hinter
vergilbten Gardinen und hinter flüchtig gestrichenen Wänden:
Andy war hohl
Ein wenig hatten sie wohl
recht damit. Er war kein Genie oder Hochleistungssportler, wie sie in China geboren
gezüchtet wurden. Er war auch kein Künstler, er trug weder eine exzentrische
Frisur noch hatte er ein Gespür für Ästhetik. Er konnte weder malen noch singen
noch sonst irgendwie musizieren noch schöne Skulpturen basteln. Hätte er
geahnt, dass man allein durch die Abbildung einer Dose Tomatensuppe die
Menschen begeistern könnte und sie einem dadurch Achtung und Respekt
entgegenbringen würden, weil man etwas ganz Besonderes geschaffen hatte – weil
man jemand ganz Besonderes war – er hätte vielleicht doch die ein oder andere
Frage gestellt, er hätte vielleicht doch versucht, den ein oder anderen
Zusammenhang zu begreifen und Rückschlüsse daraus zu ziehen. Das tat er nicht.
Er aß still und geduldig die Tomatensuppe seiner Mutter, stippte Brot hinein,
wunderte sich nicht, dass dieses erst schwamm und dann vollgesogen unterging um
– wartete er zu lange – zu undefinierbaren Klumpen zu zerfallen und sich
vollends aufzulösen. Er fragte auch nicht, warum es brannte, wenn er die kochend
heiß servierte Suppe schluckte oder warum seine Mutter manchmal weinte, wenn
sie sich nach dem Abwasch der Tomatensuppenteller allein in ihr Zimmer
zurückzog und sich selbst Ohrfeigen gab, die dumpf klatschend durch die halb geschlossene
Tür in den Flur schlichen.
Andy war hohl, das stand für alle fest, nur für seine Mutter nicht. Für sie war er etwas ganz Besonderes. Denn eines konnte Andy besser als all die Kinder seiner Schule und das war etwas, was neben den Lehrern auch seine Mutter sehr an ihm schätzte. Andy konnte stillsein und stillsitzen wie niemand sonst. Während andere plapperten, zappelten oder unentwegt etwas kaputt machten, während sie rannten, tobten, sich rauften und sich in ihrem jugendlichen Kräftemessen gegenseitig die Fäuste, Bäuche, Muskeln und Intimbereiche zeigten, saß Andy einfach nur da und... wartete. Andy wartete darauf, dass er endlich groß wurde und alles einen Sinn ergab, genau so, wie seine Mutter es ihm immer zu prophezeien pflegte.
„Hey, Schwachkopf! Du Hohlbirne, was sitzt’n da so dämlich rum? Auf was wartest’n? Auf die Zahnfee, dass die dir endlich mal einen runterholt?“
Andy kümmerte sich nicht weiter um solche Zurufe. Er hatte sich daran gewöhnt und auch daran, dass sie ihn wieder in Ruhe ließen. Sein stoisches Nichtreagieren auf jegliche Umwelteinflüsse oder menschliche Aufmerksamkeiten ließen ihn unantastbar werden. Es schien fast so, als hätte sich mit der Zeit um Andy eine Art Glocke gebildet, durch die keinerlei schulkindliche Angriffe zu ihm durchdrangen und durch die auch keinerlei Emotionalität mitteilsam nach draußen gelangte. Und irgendwann machten alle einen Bogen um Andy und ließen ihn das sein, was er war: ein stiller, nichtssagender Junge mit leerem Blick, der auf etwas oder jemanden zu warten schien. Das war gut. Er mochte es zu warten. Er mochte es, dass sich in seinem Kopf Milchglasstimmung ausbreitete. Und er mochte seine heiße Tomatensuppe mit Brotstippe, die er jeden Abend von seiner Mutter serviert bekam, auch wenn sie danach weinte.
Eines Tages war Andy 17. Es ging so schnell, dass seine Mutter einen Schreck bekam, als es soweit war. An Andys Waden sprossen dunkle Haare, sein Gesichtsausdruck wurde markanter, genau wie sein Geruch. Andy war noch immer hohl im Kopf, doch in seinem Körper regte sich dafür umso mehr Leben – Empfindungen, die er nicht einzuordnen, geschweige denn zu unterdrücken wusste. Das Stillsitzen fiel ihm zusehends schwerer und das Milchglas im Kopf wich einem kehligen Brummen, dessen Vibrationen sich bis hinab in seine Lenden schlichen.
Andys Mutter missfiel diese Veränderung ihres einzigen Sprosses, die selbst sie nicht aufzuhalten vermochte. Und sie hatte sich solche Mühe gegeben. An einem Donnerstag setzte sie darum zum unvermeidbaren Gespräch an. Dieser ungewohnte Ausflug in die Welt der Kommunikation irritierte Andy so sehr, dass er sich an einem Tomatensuppenstippbrotstückchen verschluckte, stark zu husten begann und sowohl Tomatensuppe als auch Brotstücken aus dem Mund zurück auf den Tisch und dort quer über Tischlaken und Geschirr verteilte. Zugegeben, vorher sah das abendbrotliche Arrangement etwas schöner aus.
„Ich weiß, das kommt jetzt überraschend, aber ich muss dir etwas erklären.“
Andy starrte seine Mutter mit offenem Mund an. Aus seinem Mundwinkel troff rote Stippe. Seine Augen spiegelten Verstörung. Während sie nach den richtigen Worten suchte, wischte Andys Mutter das verhustete Übel ihres Sohnes so gut es eben ging von der blütenweißen Jungfräulichkeit des Tisches.
„Du bist jetzt kein Kind mehr. Du bist fast so etwas wie...“ Sie stockte. „... wie ein Mann. Und, nun ja, als solch ein Mann wirst du wohl oder übel solch männliche Gefühle entwickeln, die...“ Und wieder suchte sie nach dem richtigen Vokabular, das ihr nicht so recht über die Zunge kommen wollte. Sie holte tief Luft und stieß den Rest des Satzes so stark und schnell hervor, dass Andy ein weiteres Mal geräuschvoll husten musste. „... im Geschlechtsakt mit einer Frau enden könnten.“
Und dann geschah etwas sehr Ungewöhnliches, etwas, das Andys Mutter als ausgestorben wähnte. Ihr Sohn stellte eine Frage.
„Was ist Geschlechtsakt?“
Das Geräusch, das auf diese Frage folgte, verankerte sich als sehr unangenehm in Andys Kopfstille. Es klang wie ein erwürgtes Schreien gefolgt von einem dumpfen Aufprall, dem ein Scheppern nachsprang. Als wieder Stille herrschte hing Andys Mutter in einer grotesken Pose inmitten von zerbrochenem Geschirr auf einem nicht mehr weißen Tischlaken eine Suppenschüssel umklammernd und verdrehte die Augen.
Andy saß nur da. Und wartete. Er wartet noch immer. Nur seine Jacke ist heute etwas eng und die Schnallen am Rücken drücken. Aber die Wände sind so herrlich milchig und es ist still, wie in seinem Kopf.






Kommentare
„Andy saß nur da. Und wartete. Er wartet noch immer. Nur
seine Jacke ist heute etwas eng und die Schnallen am Rücken drücken. Aber die
Wände sind so herrlich milchig und es ist still, wie in seinem Kopf.“
Hmm, das vor allem das Ende finde ich irgendwie
unbefriedigend . . selbst dem hohlsten Hohlbohrer der Materie wird’s doch wohl
irgendwann zu langweilig werden, oder ?
Diese konsequente Leere in der Birne mag ich nicht abkaufen, ich vermute der
Protagonist führt in seinem Kopf ein ganz anderes Leben, von dem niemand etwas
weiss :-)
Ansonsten aber sehr gut beschrieben, als on man als
Beobachter dabei gewesen wäre.
04.06.2012, 12:05 von Cyro
Wer weiß, vielleicht wird man von Andy und seinem "anderen Leben" noch irgendwann etwas lesen...
05.06.2012, 10:31 von SasaliDas klingt interessant. Mal schauen ob und was da kommt.
05.06.2012, 11:54 von Cyroschön geschrieben! schön wenn die message "im subtext mitschwingt" ;) i like!
02.06.2012, 12:33 von FingerfarbeDa merkt man jawohl was Eltern alles falsch machen können... Selbst wenn sie nichts tun!
Das mochte ich besonders!02.06.2012, 12:03 von Lewittchen
Ich kenne auch einen solchen Andy.
01.06.2012, 20:51 von dilemma_emmadie gute, alte Tomatensuppe....
31.05.2012, 15:21 von themeckirichtig gut!
30.05.2012, 17:48 von paula-garfieldwir haben ein von schüler organisiertes "literaturtreffen". literatursuppe heißt das und dort würde ich gerne deinen text lesen, wenn das okay ist. ich würde dich logisch als autpor erwähnen.
wenn das klar geht, gib mirdoch bitte einfach eine kurze rückmeldung. ;)
Ey, krasser Teaser, Alte. Voll dumm und so.
30.05.2012, 01:28 von JackBlackRichtig gut. :)
29.05.2012, 14:17 von MistressOfHateDein Text hat mich gefesselt und dein Schreibstil hat mich beeindruckt. Großartig :-)
29.05.2012, 14:15 von Jazz1989