hanhel 18.11.2006, 14:33 Uhr 5 4

And if you must put me in a box...

deutsch-jüdische Berliner Musikliebhaberin mit französischem Schulabschluss - und übrigens wähle ich links. über Zugehörigkeit und Nationalstolz

Ich wurde zwei Jahre vor dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik in Westberlin als Tochter eines Israelis und einer Deutschen geboren. Mit drei Jahren zog ich mit meinen Eltern nach Israel, wurde allerdings 1994 in Berlin an der jüdischen Grundschule eingeschult. Ich wuchs in einer Familie auf, mit der ich nicht verwandt bin, hauptsächlich besteht sie aus der Familie meines Halbbruders und alten Freunden aus der SEW-Zeit meiner Eltern. Im Frühling 2006 habe ich mein Abitur und mein Baccaleauréat Général in französischer Sprache am Lycée Français de Berlin gemacht, mein Lieblingsessen sind indische Reisgerichte und ich höre am Liebsten Grunge und Gitarrenmusik. Soweit ich mich erinnern kann, waren die meisten meiner Freunde immer männlich, die Kontaktaufnahme zu Mädchen fiel mir nie leicht. Ich bin ein ziemlich unordentlicher Mensch, der meist sehr emotional handelt und wahnsinnig viel nachdenkt
Das bin ich. Und dann wirfst du mir diese Frage an den Kopf: "Bist du deutsche Jüdin oder jüdische Deutsche?"
Warum ist die Frage nach dem Vaterland oder der Heimat so unendlich wichtig? Ist ein Mensch nicht ein bisschen mehr als das Land, mit dessen Staatsbürgerschaft er zufällig geboren wurde?
Indem wir danach fragen, ob man als Deutscher stolz auf sein Land sein darf, reduzieren wir uns selbst auf ein minimales Niveau an Individualitaet. Stolz bezeichnet ein Gefühl von Zufriedenheit, das eintritt, wenn man etwas nach eigenem Ermessen anerkennenswertes geleistet hat. Ergo kann man überhaupt nicht auf etwas stolz sein, das vollkommen ausserhalb der eigenen Macht steht - ob es sich nun um die eigene Nationalitaet, Goethes Gedichte oder die tollen Pommes an der Currywurstbude handelt.
Die Zeiten, in denen der Mensch wirtschaftlich, kulturell, sozial und emotional ausschliesslich von seinem Herkunftsort abhängig war, sind längst vorbei. Wir wachsen in mutlikulturellen Gesellschaften und mit der Möglichkeit, uns selbt und unsere materiellen und geistigen Erzeugnisse durch die ganze Welt zu schicken, auf. Wir lieben unsere Stadt und den Karneval in Rio, wir kombinieren Miniröcke mit Männerunterhemden und Kinderhaarspangen, wir essen Döner und hinterher ein Schokoladeneis und hören abwechselnd Santana und Wir sind Helden. Und nachdem wir den neuen James-Bond-Film im Kino gesehen haben, setzen wir uns vor den Computer und senden eine E-Mail an unseren besten Freund, der gerade für ein Jahr in Australien ist; das neue Buch von Dan Brown liegt zur Lektüre bereit auf dem Nachttisch - in englischer Sprache natürlich.
Bindungen sind wichtig und jeder Mensch braucht ein Gefühl von Zugehörigkeit. Aber ist es richtig, dieses Gefuehl in unserer Nationalität zu suchen? Was hat jeder einzelne von uns tatsächlich persönlich mit den achtzehn Spielern der deutschen Fussballnationalmannschaft zu tun? Etwa genauso viel wie mit den Spielern der japanischen Elf. Wir wurden zufällig im gleichen Land geboren und sprechen die gleiche Sprache (wobei ja nicht mal diese beiden Kriterien von allen deutschen Staatsbürgern erfüllt werden) - sind das wirklich die wichtigsten Merkmale unserer Identität? Verhindert der Ruf nach mehr Nationalstolz nicht vielleicht einen Großteil unserer Entwicklung als individuelle Persönlichkeiten?
Ich jedenfalls bin mehr als jüdisch und deutsch.

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5 Antworten

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      @oceaneyes Naja - das ist doch das 'Problem', das viele seit Jahrhunderten mit den Juden haben. Dass man da zwischen Ethnie und Ethik nicht genau trennen kann.

      Zum Text: Was mir gleich ins Auge gesprungen ist, war der Absatz mit dem Stolz. Das lese ich weder aus der nicht besonders geschickten Aufhängerfrage raus, noch ist es ein Parameter beim Einordnen seiner eigenen Nationalität. Man kann sich auch einer Nation zuordnen und eben _nicht_ stolz sein. Sogar darunter leiden.

      Je nach Betrachtungsweise kann man Nationalität wirklich als Auslaufmodell sehen. Grund dafür sind sowohl ethnische als auch kulturelle Vermischung und deren Beschleunigung. Aber es gibt sicher noch so etwas wie nationale Kernkompetenzen (hust). Ich würde vielleicht Mentalität dazu sagen.

      Mentalität ist weniger ethnischen Ursprungs als vielmehr durch das Land - Klima, Flora, Fauna - beeinflusst. Und durch das entstehen der Nation (vergleiche England - Australien etwa).

      Und das hat meiner Meinung überhaupt nichts mit Individualisierung oder so zu tun.

      An der Stelle gab es echt nen Bruch im Text, weil Indivdualisierung und Nationalität überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Stell dir vor: Auch ein Mensch, der sich voll und ganz als Deutscher sieht, kann individuell sein.

      Hört sich komisch an, ist aber so.

      05.02.2010, 11:20 von quatzat
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      @quatzat Mentalitäten sind ja auch'ne super Sache.
      File under: Kultur

      Und das ist imho keine Frage der Nation, sondern der Region.
      Auch wenn wir alle tolle Deutsche sind, die die besten Autos der Welt bauen, sehe ich zwischen dem Friesen und dem Breisgauer einen größeren Mentalitätsunterschied, als zwischen dem Friesen und einem... Dänen, meinetwegen.

      Kultur und Mentalität hat sich noch nie groß um Staatsgrenzen gekümmert. Im Gegensatz zum Nationalismus (zumindest in seiner schlimmen Form)...

      05.02.2010, 12:53 von sailor
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      @sailor Hmm. Du verwechselst da aber zwischen der Staatsangehörigkeit und der Nationalität.

      Ich kenne Leute, die deutsche Eltern haben und deutsch sprechen, aber z.B. in Südafrika aufgewachsen sind. Manche haben keinen Pass. Manche fühlen sich teilweise als Deutsche andere nicht.

      Ich kann die Aversion gegen das Thema nachvolziehen, weil man schnell in Teufels Küche gelangt - aber die Nation als ein zusammenfassender Begriff hat (noch) eine Berechtigung.

      05.02.2010, 13:04 von quatzat
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      @quatzat Ich habe einen blinden Fleck für 'Nationalität'...
      Sory.

      Ich bin mir nocht nicht so ganz sicher, ob ich in deinem Sinne da was verwechsle...

      Im übrigen bin ich für die Wiedererrichtung des heiligen römischen Reiches deutscher Nation in der Grenzen von 925.

      08.02.2010, 10:08 von sailor
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    Nation ist ein Auslaufmodell, in der Tat.
    Da bin ich lieber Regionalpatriot...

    Und das Menschen es offensichtlich nicht ertragen können, das ein anderer Mensch Jude UND Deutscher gleichzeitig sein könnte (ohne das ihm dabei ein Zacken aus der Krone seines Weltbildes bricht) verwundert mich immer wieder...

    05.02.2010, 10:37 von sailor
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    Das ist ja beschämend, so ein Text und so wenig Meinungen dazu...

    Ja, die Identitätsproblematik. Identitätsverlust ist klar negativ besetzt und wird mit werteleer in Verbindung gebracht. Identität wird also Niemand ablegen wollen. Der Mensch hat aber mehr als eine Identität. Eine als Mann, eine als Deutscher, eine als Fußballfan und und und. Hier ergibt sich m.E. die Problematik. Identität funktioniert in der Sozialpsychologie durch Abgrenzung von Anderen.
    ("Ungar zu sein, bedeutete, nicht jüdisch zu sein" Unbekannt) Das Bewusstsein, zu einer Gruppe zu gehören mit allen vermeintlich positiven Attributen, stärke
    ich also durch Menschen außerhalb der Gruppe. Der Jude wird also in dieser Funktion nicht als deutscher wahrgenommen, sondern als Anderer, um meine Identität zu festigen. Hier interessiert nicht, dass du auch mehr bist. Dies wäre nicht funktional.
    Das Wichtigste bleibt m. E. , das wir eine Identität nicht vergessen: Wir alle sind Menschen. Keiner mehr und keiner weniger.

    04.01.2009, 10:08 von Ben_Chof
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    Ich kann mich auch nicht richtig mit einem Land identifizieren. Wie du schon geschreiben hast, es ist Zufall, wo man geboren wird.

    23.11.2006, 20:04 von SunnyBaudelaire
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    zuhause ist für mich dort, wo die menschen sind, die mich verstehen. und zwar nicht deshalb, weil wir zufällig die selbe sprache sprechen.
    schöner artikel! ;-)

    20.11.2006, 15:36 von A.C.A.B.
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