qwerti 30.11.-0001, 00:00 Uhr 29 28

Am Sterbebett

Den Menschen kenne ich nicht. Und seine Frau auch nicht. Man hat mir gesagt, ich soll ihr ein bisschen Gesellschaft leisten. "Es kann jeden Moment soweit sein, dass er stirbt!", meinten sie.

Wie ist das? Tot sein. Ist "tot sein" überhaupt der richtige Ausdruck? Schließlich bedeutet "sein" ja irgendwie, dass man sich lebendig in einem gewissen Zustand befindet. "Glücklich sein", das passt. "Ausgelassen sein", das passt auch. Aber nicht heute.Es ist jetzt 14.36 Uhr. So steht es auf dem Funkwecker am Bett.

Draußen regnet es und ich höre, wie die Tropfen an der Scheibe zerfetzen und wie Herr Final in seinem Bett leise stöhnt. Neben mir sitzt Frau Final und trinkt Pfefferminztee ohne Zucker. Die Tassen in Krankenhäusern sind viel zu klein, denke ich. Zwei Schluck, dann ist die Tasse leer. Aber Frau Final nippt nur an der dunklen Brühe, also hat sie wohl länger etwas davon. Ihre linke Hand hat sich in ein Papiertaschentuch gekrallt. Es ist ganz nass. Sie hat viel geweint. Und ich auch, aber eher innerlich.

Mit den blauen, roten, wässrigen Augen schaut sie mich an. Gerade möchte sie etwas sagen, da stürmen zwei Krankenpfleger ins Zimmer. Sie haben Flaschen und Schläuche dabei, grüßen uns mit einem scheuen Lächeln. "Herr Final, hallo! Wir kommen, um sie umzulagern!", brüllen sie den Patienten an, um sicher zu gehen, dass er sie auch versteht. Die Decke wird zurückgeschlagen und die Bettgitter herunter gelassen. Frau Final wirft mir einen kurzen Blick zu. "...kann das nicht sehen!", flüstert sie, greift nach ihren Zigaretten und verlässt den Raum. Ich drücke mich in eine Ecke und beobachte das Geschehen.

Herr Final liegt im Bett, seine Beine sind unverhältnismäßig dick. Das liegt am Wasser, hat der Arzt gesagt. Ödeme. Wassereinlagerungen. Das hat er überall und ich frage mich, ob die Infusionen mit Flüssigkeit noch einen Wert haben? "Und, was machst du am Wochenende?", fragen sich die Pfleger gegenseitig und beachten mich nicht. Herr Final wird von rechts auf links gedreht, damit es keine Druckstellen gibt. Er stöhnt, ächzt und reißt die Augen auf. "Ist gleich vorbei!", versucht ihn der junge Pfleger zu beruhigen. Sein Kollege streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Umständlich - wegen den Handschuhen, die er trägt. "Ach,da ist doch dieses Konzert.", erzählt der Blonde und reibt den Rücken von Herr Final mit Franzbranntwein ein.

Sie stöpseln die Infusionen an, tätscheln Herr Finals Schulter, nicken mir zu und verlassen den Raum. Ich trete an das Krankenbett. Herr Final liegt da. Sein Atem rasselt arhythmisch vor sich hin. Neben seinem Bett stehen ein paar Ständer mit Infusionen und Schläuchen, die irgendwo in dem Körper vor mir enden. Ich fühle mich hilflos und möchte ihn eigentlich gar nicht so anstarren. Den Menschen kenne ich nicht. Und seine Frau auch nicht. Man hat mir gesagt, ich soll ihr ein bisschen Gesellschaft leisten. "Es kann jeden Moment soweit sein, dass er stirbt!", meinten sie. Und jetzt habe ich vor jedem Moment Angst. Seine Augen sind ganz gelb und weit aufgerissen. Ich weiß nicht genau, was er hat, aber es ist irgendwas mit der Leber.

Am Bettgitter hängt ein rosa Waschlappen. Ich nehme ihn und lasse im Bad ein bisschen Wasser drüber laufen. Im Spiegel sehe ich mich - ganz bleich und überfordert. Herr Final genießt das kühle Etwas auf seiner Haut und schließt die Augen, als ich ihm vorsichtig mit dem Waschlappen übers Gesicht fahre. In seinem Mund sehe ich dunkles Blut. Seine Frau hat mir erklärt, dass er Krämpfe hatte und sich die Zunge aufgebissen hat, das Blut gerinnt nicht.Ich weiß auch nicht warum, irgendwie stößt es mich nicht ab.

Frau Final kommt zurück und riecht nach Rauch und sieht nach Weinen aus. Sie stellt sich neben mich und nimmt mir den Waschlappen schweigend aus der Hand. So, als hätte ich kein Recht dazu, ihm damit übers Gesicht zu fahren. Sie beugt sich über ihn und ich gehe zurück zu meinem Stuhl. Er knarrt, als ich mich setze, aber Frau Final nimmt davon keine Notitz. Zärtlich wischt sie ihrem Mann über das Gesicht mit der roten Haut. "Rainer, mein Schatz, tut das gut?" In ihrer Stimme liegt so unglaublich viel Zärtlichkeit, daß ich einen Kloß im Hals bekomme. "Tut das gut?" Sie lächelt und Tränen kullern über ihre Wangen. Ich stehe auf und nehme meine Zigaretten mit.

Das ist ein intimer Moment zwischen zwei Liebenden vor ihrem letzten Abschied.
Und ich fühle mich plötzlich ganz schwach und unfähig. Natürlich, kann es sein, dass ich für Frau Final eine Hilfe bin, aber vielleicht bin ich auch nur ein fremder Störfaktor. Ich habe doch gar nichts mit ihrem Leben zu tun. Gar nichts. Und mit dem Tod auch nicht, obwohl ich mich gerade jetzt sehr verbunden fühle. Ich stehe verloren auf dem Krankenhausflur. Der Teewagen klappert, weil sich eine Patientin Kaffee zapft. Gedankenversunken stelle ich mich auf den Raucherbalkon und rauche. Warum brauche ich fürs Drehen und Rauchen einer Zigarette nur sieben Minuten? Viel zu wenig Zeit, denke ich und fürchte mich zurück zu gehen und die Krankenzimmerluft einzuatmen. Ich will das Liebespaar nicht mehr stören und ich will auch keinen Bezug zu dem Mann aufbauen, der da liegt, den ich nicht kenne und der stirbt. Ich gehe zurück.

Frau Final sitzt inzwischen wieder am Tisch und starrt wie paralysiert in ihre Tasse. Als ich die Tür schließe schaut sie mich müde an. "War eine gute Idee!", murmelt sie. "Mit dem Waschlappen, das hat er gemocht!" Ich nicke und setze mich wieder auf den knarrenden Stuhl. Wir reden nicht. Am Anfang haben wir versucht uns irgendwelchen oberflächlichen Scheiß an den Kopf zu werfen, aber das hat einfach nicht gepasst. Es ist besser, wenn wir schweigen.

15.30 Uhr, steht auf dem Funkwecker am Bett, als drei Männer in weißen Mänteln den Raum betreten. "Hallo Frau Final, wie geht es ihrem Mann?", fragen sie. "Beschissen.", denke ich. Sie haben irgendwelche Dokumente mitgebracht, vertiefen sich darin, murmeln, nicken und schütteln die Köpfe. "Er bekommt jetzt noch etwas gegen die Schmerzen!", sagt der eine Doktor. Frau Final nickt.
Die Bettdecke wird zurückgeschlagen und auf den Beinen rumgedrückt. "Er lagert ziemlich viel Wasser ein",wird bemerkt. "Ach nee!", denke ich.

Kaum haben die Ärzte den Raum verlassen, stürmen die zwei Pfleger in den Raum und entfernen fast alle Infusionen. Bis auf ein kleines Fläschchen. "Das ist gegen die Schmerzen.", Frau Final nimmt ihre Zigaretten und verlässt den Raum.
Ich bleibe sitzen. Der Blonde trifft sich am Wochenende mit seiner Exfreundin. Herr Final wird auf die andere Seite gedreht und wieder mit Franzbranntwein eingerieben. Das kühlt und tut gut, sagt der Eine. Sie gehen.

Die Uhr tickt, Regentropfen knallen an die Fensterscheibe, Herr Final stöhnt, vom Flur dringen Stimmen ins Zimmer und ich lese, was auf dem Poster über dem Bett steht:"Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe." Frau Final kommt wieder zurück. Sie sieht erschöpft aus. Kein Wunder, denn sie wacht seit drei Tagen bei ihrem Mann und findet keinen Schlaf. Aus Angst den letzten Moment zu verpassen.

Ich hole uns einen starken Kaffee und ein Stück Erdbeerkuchen. Sie stochert nur darin rum und isst zirca eine halbe Erdbeere, während ich mein Stück Kuchen runterschlinge und den Kaffee herunterstürze. Habe ganz vergessen, dass ich heute noch nichts gegessen habe. Dann sitzen wir wieder da und schauen der Infusion zu, die nach und nach in den sterbenden Körper fließt. Um 20.30 Uhr habe ich Feierabend. Frau Final sagt "Danke" und ich sage "Bis morgen". Mehr fällt mir nicht ein und ich versuche sie anzulächeln.

Er stirbt in der Nacht. Ganz friedlich, sagt mir sein Sohn am anderen Tag. Frau Final ist zuhause, aber sie hat mir einen kleinen Briefumschlag geben lassen. Darin liegen 50 Euro und eine Postkarte mit Sonnenblumen.

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    ich hatte tränen in den augen, sehr emotionaler text, respekt an alle menschen die damit täglich in berührung kommen, ich könnte das nicht...

    17.01.2008, 15:11 von anna_molly85
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    Guter Text.
    Allerdings kommt die Pflege zu schlecht bei weg. Es mag sein, dass sie auf "Neue" anfangs so einen unbekümmerten und unangemessenen Eindruck macht - aber wenn sie bei jedem Sterbenden die Sterbeglocken läuten würden, dann wäre erstens den Sterbenden nicht geholfen und zweitens wäre die Pflege bald selber pflegebedürftig. Das hält kein Mensch aus, immer Leute sterben zu sehen.
    Ich selbst bin von der "Arztfront" und muss gestehen, dass es mir sehr sehr schwer fällt, Leute gehen zu lassen. Es berührt mich jedesmal, wenn jemand geht, weil man ihn doch ein Stück begleitet hat und dann loslassen muss. Sehr traurig macht einen das.

    27.11.2007, 22:34 von Silraen
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    Hut ab,
    lange habe ich gedacht es kostet viel Kraft, wenn man den Tod eines Menschen nicht an sich herankommen lässt. Heute weiß Ich, dass es viel mehr Kraft kostet sich damit auseinander zusetzten.

    08.11.2007, 12:35 von Fluffie
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    oh sorry, hatte die comments noch nicht durchgelesen..

    26.10.2007, 16:15 von takeurmeds
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    sehr krass. wie kamst du darauf dort zu arbeiten? wie hast du dich an dem tag gefühlt¿

    26.10.2007, 16:12 von takeurmeds
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    hab schonmal einem alten mann, den ich sehr lange im altenheim betreut habe, die hand beim sterben gehalten. das hat mich schrecklich traurig gemacht, aber andereseits war ich froh das überhaupt jemand da war als er gegangen ist.
    finde es also gut was du machst, solche menschen braucht man.ich weiß wieviel mut man dazu braucht.

    06.10.2007, 23:51 von himmelstaenzerin
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    Ich finde, du hast eine sehr treffende und sensible Art gefunden, die Situation zu beschreiben.
    Ich bin selbst Krankenschwester gewesen und hatte Angst vor meinem ersten "Toten", weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen würde.
    Es war aber dann erst nach über einem Jahr Ausbildung soweit.
    Komischerweise habe ich es recht locker genommen, weil ich so im Stress war, dass ich keine Zeit zum Nachdenken hatte. Davor war ich eigentlich der festen Überzeugung, dass es mich total runterziehen würde.

    Naja, die meisten Todesfälle, die danach kamen, waren irgendwie auch nicht so wahnsinnig schlimm. Liegt vielleicht auch daran, dass ich auf einer Intensivstation gearbeitet habe und es meistens nicht nur vorhersehbar, sondern auch "besser so" (aufgrund des Leidensdrucks) gewesen ist. Auch die persönliche "Erwartungshaltung" ändert sich halt mit dem Patientenklientel.
    Manchmal habe ich mich damals gefragt, ob ich irgendwie gefühlskalt bin, aber ich glaube, ich habe nur eine gute Art, mich professionell zu distanzieren. Ich habe wirklich Mitgefühl gegenüber der Trauer der Angehörigen, nehme die Gedanken aber selten mit nach Hause.
    Es gibt aber tatsächlich eine Handvoll Fälle, die mir persönlich als emotional grenzwertig in Erinnerung geblieben sind. Das waren Todesfälle von jungen Leuten bzw. Kindern. Ich glaube, das schockiert meist noch mehr als der Tod einer 80jährigen, die "ihr Leben gelebt hat" (bitte nicht falsch verstehen, ich hoffe, ihr wisst, was ich meine...).
    LG

    28.09.2007, 00:00 von Kira25
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