See_Emm_Why_Kay 30.11.-0001, 00:00 Uhr 83 3

Als mein Samsung E1050 zum politischen Statement wurde

"Wenn ich heute noch auf Menschen mit einem klassischem Handy wie meinem treffe, sehe ich einen Verbündeten in Ihm."

Es war irgendwann um das Jahr 2008 herum. Das erste Smartphone kam auf den Markt. Nach und nach beobachtete ich in den Händen meiner Freunde diese neuartige technische Errungenschaft. Die Tasten waren plötzlich verschwunden und anstelle von SMS nutzte man nun WhatsApp. Man konnte überall und zu jeder Zeit das Internet nutzen und Fotos schiessen, die mit nur einem Klick online gehen. Ich war kurzweilig beeindruckt - beschloss dann jedoch aufgrund des enormen Preises keine Rechtfertigung zu sehen, wieso dieses Gerät eine Bereicherung für mein Leben sein sollte. Mein zu der Zeit treues Nokia 6300 leistete mir beste Dienste; ein Akku, das eine Woche hielt, guter Empfang, ich konnte telefonieren und erreicht werden und Sms versenden & empfangen. Alles wofür ein Handy eben da ist. Als ich es dann doch mal verloren hatte, taten mir die 30€ Anschaffungskosten nicht weh. Ich besorgte mir ein Neues - das Samsung E1050.

Bis heute funktioniert es genauso einwandfrei wie am Anfang. Auf meiner letzten Reise ist der Bildschirm ein wenig gebrochen. Gut, es sieht jetzt nicht mehr so tadellos aus aber die Funktionen haben nicht den geringsten Schaden davongetragen.

Irgendwann, als dann sogar auch meine Mutter auf's Smartphone gekommen war, nahm ich immer öfter neckische Bemerkungen wegen meines "nostalgischen" Handys wahr. Immer klang ein leiser Vorwurf daraus hervor. So als wäre eine Rechtfertigung meinerseits nötig um zu erklären, wieso ich nicht wie alle anderen auch mit dem Strom schwimme. Bis dato war mir nicht bewusst, dass ich gegen den Strom schwamm aufgrund meines Telefons. Ich tat es nicht bewusst. Ich hatte einfach diesen Zeitpunkt übersehen, indem es nicht mehr nur meine eigene kleine persönliche Entscheidung war, was ich gerne konsumieren möchte und was nicht - nein, mein kleines, treues Samsung wurde zu einem politischen Statement.

Ich wehrte mich dagegen, immer und überall erreichbar zu sein, meine eigene Denkkraft durch Google zu ersetzen, mein alltägliches Leben fotografisch zu dokumentieren und teilen. All die Geräte wie ein tragbarer Musikabspieler, eine Fotokamera, ein Navigationssystem oder ein Telefon sollten plötzlich in die Verantwortung eines einzigen Gerätes gelegt werden. Aber ich mag es, eine normale Kamera in Händen zu halten, wenn ich ein Foto machen möchte. Ich mag es, mich mal zu verlaufen und Passanten nach dem Weg zu fragen. Ich investiere auch gerne mehr Zeit dafür. Sicher ist es naiv zu denken, man könne heute noch an die Tür eines Freundes klopfen um einen Kaffee mit ihr/ihm zu trinken aber zumindest kann ich mich telefonisch melden um ein Treffen zu verabreden, bei dem man sich dann tatsächlich gegenübersteht. Ich möchte meine Freunde nicht wie stumme Begleiter in einem WhatsApp-Fenster auf einem Smartphone-Display in meinem Leben sehen. Ich finde es schön die Vorfreude zu empfinden, wenn ich jemand nach langer Zeit nicht gesehen oder gehört habe und mir alles persönlich berichten lasse.

Ein Smartphone ist nicht mehr als eine verbesserte Form des Handys zu sehen. Es ist zu einem Kanal in die virtuelle Persönlichkeit geworden, die mehr und mehr die Reale in den Hintergrund rückt. Es soll das Leben vereinfachen aber ist die Kommunikation mit Freunden, der Familie bisher eine zeitaufwendige Last gewesen, die man optimieren muss? Eine Waschmaschine oder ein Staubsauger waren praktische Erfindungen. War die Welt vor dem Smartphone soviel schlechter? Als wir noch Warten mussten um an Informationen zu gelangen? Ich fühle mich immer unbehaglicher in Anwesenheit von Menschen, die bloß noch physikalisch anwesend sind. Ich denke dabei gerade an den Film "Die Matrix". Keanu Reeves, der mit Kabeln versehen auf seinem Stuhl sitzt und sich phsychisch in einer anderen Welt befindet.

Das Beängstigende ist jedoch, dass selbst Freunde von mir ein Smartphone besitzen, die mir im Grunde vollkommen zustimmen. Die in allen anderen Bereichen ihres Lebens sehr nachhaltig bedacht sind. Die keine Billigkleidung vom Primark kaufen oder sogar auf Fleisch verzichten, der Umwelt und Tiere zuliebe. Denen aber die enormen Umweltschädigungen durch den Elektroschrott, der jährlich entsteht, wenn eine neue Smartphone-Version auf den Markt kommt, bewusst sind aber in diesem einen Punkt Gleichgültigkeit zeigen.

Bisher kann ich noch mit besten Gewissen auf ein Smartphone verzichten. Aber wie lange noch? An manchen Supermarktkassen kann man jetzt auch mit einer Smartphone-App bezahlen. Wenn das Bargeld vielleicht eines Tages verschwunden sein wird, werde ich dann auch als altmodisch betrachtet werden, weil ich "noch" mit Karte bezahle und nicht mit meinem Smartphone? Wieviele Dinge werden noch aus unserem Leben verschwinden und nur noch in der virtuellen Existenz vorhanden sein?

Wenn ich heute noch auf Menschen mit einem klassischem Handy wie meinem treffe, sehe ich einen Verbündeten in Ihm. Wie ein Erkennungszeichen für die letzte Spezies Menschen, die sich auch "Freunde der Menschheit" nennen könnten.

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83 Antworten

Kommentare

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    der mensch is a aff. und bleibt es auch.

    ich benutze seit jahren kein handy und bin trotzdem kein freund der menschheit.
    ich glaube auch nicht, dass menschen tatsächlich so weit gehen würden, wegen der nachhaltigkeit und aus nächstenliebe sogar auf weihnachten fleisch verzichten. am ende kommt noch wer auf die idee, keine tierischen produkte mehr zu sich zu nehmen. das würde die rassenmafia niemals zulassen.

    im primark klau ich immer. aus politischen gründen und solchen der gerechtigkeit. der ausgleichenden. wenn mich ein ladenhausbulle packt, tue ich besoffener als ich bin und sage, ich sei "freund der menschheit". dann zücken die sofort ihr smart phone und..., na, man kennt das ja.

    kein bargeld mehr? das wäre schlimm. dann bräuchte ich ein konto. oder das von einem, der kreditwürdig ist. für den fall würde ich mir einen goldfisch kaufen und auf seine rechnung und so. deshalb bin ich für gleichmachung allen lebens.

    28.11.2015, 17:33 von JackBlack
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    Genau so und nicht anders habe ich es selbst erlebt... und manchmal noch viel krasser, wie abgestumpft und leer die Menschen und ihre "zwischenmenschliche" Kommunikation geworden ist.

    Aber erzähl das mal einem von den "Usern", man wird dann Menschen wie mich als Hexe oder sonstiges Schimpfen, nur weil ich objektiv diesen Wandel und den daraus resultierenden Einfluss wahrnehmen durfte. Dank all meinen Zombie-Freunden und Bekannten.

    klar es hat vorteile, aber der mensch lebt ja bekanntlich vom übertreiben.

    27.11.2015, 23:30 von John_Black
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    Habe mich nach längerer Resistenz dann auch für ein Smartphone entschieden. Unter anderem weil es gar keinen Vertrag mehr ohne Internet gab. Bin aber aus den von dir genannten Gründen immer mal wieder am überlegen auf eins meiner alten Ersatzhandys in der Schublade zurückzustufen oder mir so ein Senioren-Handy mit Riesentasten zuzulegen :-) 

    13.09.2015, 13:08 von HansDietrich
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    "Das Automobil ist nur eine vorübergehende Modeerscheinung und wird sich nicht durchsetzen."

    Sagte der letzte deutsche Kaiser, denn er war ja schließlich nur Pferde gewöhnt.


    04.08.2015, 13:41 von SirMCPedta
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      Ein Auto ist ein Fortbewegungsmittel und überhaupt nicht zu vergleichen.

      04.08.2015, 14:19 von See_Emm_Why_Kay
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      Aber dafür fuhr der letzte Kaiser, als er dann fuhr, Elektroauto...

      @CMYK
      Kann man vergleichen. Immerhin hat das Auto als Statussymbol immerhin schon an Ansehen eingebüßt... Zumindest ein wenig.

      Und wenn ich mir die ganzen Öko-Trullas angucke, die hier am Siggi mit ihren SUVs an den Markttagen ein mittelschweres Verkehrschaos provozieren, weil sie ein halbes Kilo Biomöhren durch die Gegend gondeln müssen, frag ich mich schon, was mit denen eigentlich los ist...

      04.08.2015, 15:32 von sailor
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      Es geht mir nicht um den Vergleich zwischen Automobil und Telefoniergeräten.

      Es geht mir nur um ein Gedankenspiel: Tausche in deinem Text die Bezeichnung "klassisches Handy" gegen "Pferdekutsche" und die Bezeichnung "Smartphone" gegen "Automobil".


      05.08.2015, 02:21 von SirMCPedta
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      Funztnicht...

      05.08.2015, 09:28 von sailor
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      Ja vergiss es ... war eine dumme Idee von mir, Geschichte mit Zoologie Soziologie kombinieren zu wollen.

       

      05.08.2015, 19:19 von SirMCPedta
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      Selbstwählfernsprechapparat... Da hätt ich mich vielleicht drauch eingelassen...

      :D

      05.08.2015, 20:55 von sailor
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      Selbstwählfernsprechapparat...das ist DAS Wort wonach ich gesucht hab...:D


      06.08.2015, 08:06 von SirMCPedta
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    das handy hat die trommelkultur vernichtet.

    04.08.2015, 10:38 von ga
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    Ich habe auch kein Smartphone. Wirtschaftlich gesehen ne Katastrophe, denn durch Tinder könnte ich mir bestimmt meine Puffkosten sparen.

    03.08.2015, 22:32 von Matsumoto
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      Aber so unterstützt du wenigstens die Wirtschaft in Deutschland. Ein Puff muss ja schliesslich auch Steuern zahlen. Ich finde das sehr nachhaltig von dir!

      03.08.2015, 23:01 von See_Emm_Why_Kay
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      dieser matsumoto schuldet mir noch ein halbes iphone dry.

      28.11.2015, 17:39 von JackBlack
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    Smarts sind oke.

    03.08.2015, 15:07 von mirror87
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    Bis dato war mir nicht bewusst, dass ich gegen den Strom schwamm aufgrund meines Telefons
    Sry, aber das nehme ich Dir soetwas von nicht ab, diese Aussage.

    Mal ganz davon ab, dass ich die hirnrissigen Aussagen in Bezug auf den Stress den Smartphones angeblich verursachen soetwas von hanebüchen finde....

    Wenn man ein Problem mit den Anwendungen auf dem Smartphone hat (oder dem andauernden Klingeln, der Benachrichtungen - oder dem angerufen werden) -> Der Kack lässt sich auch abstellen, einschränken usw.

     

    03.08.2015, 14:00 von chiral
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      ...und hier sehen wir scheinbar ein Paradebeispiel für Ignoranz, aufgrund Fadenscheinheiliger subjektivität bla bla bla.

      Du hast nichts verstanden oder bist ohne naht direkt zum Zynismus übergegangen.

      So und jetzt kurz ernst: Du hast so etwas scheinbar nicht erlebt, da du dich dem stetigen "Fortschritt" nach belieben beugst. Dabei ist es kein "Fort" nach vorne oder so, mehr so ein "Fort" als Verlust jedes Bezugpunktes zur "Realität".

      Du wärst ein perfekter Iphone-Kunde.

      27.11.2015, 23:27 von John_Black
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    es gibt aufsätze von sprachforschern zur inflation des cleveren wörtchens "smart" im alltag.
    ich wiederum finde das wort "handy" derart bescheuert-deutschdumm-geil, dass ich es dem globaleren "smart" vorziehe.

    ich beobachte aber noch einen dritten typus, nämlich den des schlichten "phone"-sagers. auch so eine mischung aus verkürzung und rechthaberei: "mein akronym ist universeller als deins"

    worum gings nochmal?

    03.08.2015, 11:56 von libido
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