justanotherpicture 30.11.-0001, 00:00 Uhr 38 26

Als die Standuhr aufhörte zu ticken

und die Sonne nicht mehr unterging.

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Ich weiß nicht mehr genau, wann die Uhren stehenblieben, die Zeiger aufhörten, sich zu bewegen. Es muss irgendwann am Nachmittag dieses Spätsommertages gewesen sein, die Bäume trugen schon die ersten gelb- und rotbraunen Blätter und ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter am gedeckten Kaffeetisch saß und Kuchen aß. Das Fenster zum Garten war geöffnet, die Sonne stand bereits tief am Himmel und ein lauwarmer Wind umspielte die alten, doch immer noch schneeweißen Gardinen. Es war einer dieser Tage, an denen der Sommer sich ein letztes Mal aufbäumte gegen den Lauf der Jahreszeiten, bevor er für Monate nur noch als ferne Ahnung und Erinnerung in den Köpfen der Menschen zurückblieb.

Erst bemerkten wir gar nicht, dass dieser Tag einen so bedeutenden Einschnitt in unserem Leben darstellen sollte. Es schien alles wie immer, der Pflaumenkuchen meiner Mutter schmeckte hervorragend und nachdem wir zu Ende gegessen hatten, half ich ihr beim Abwasch und setzte mich zu meinem Vater auf die Veranda, wo er sich eine Pfeife stopfte und wir gemeinsam die angenehme Luft des sich ankündigenden Abends und die letzten Sonnenstrahlen genossen.

Wenn ich so zurückblicke, frage ich mich, ob ich mich nicht bereits damals darüber hätte wundern müssen, dass die Schatten, die unsere Gläser auf den Tisch warfen, nicht länger wurden und der Gesang der Vögel in den Bäumen nicht verstummte. Dass die alte Standuhr im Wohnzimmer plötzlich aufhörte zu ticken und niemand ihren Klang vermisste. Aber vielleicht bemerkten wir es auch gerade deswegen nicht; es war der Moment des Tages, von dem man sich wünschen würde, dass er nie vorüberginge. Dann, wenn das Licht am schönsten ist und der Tag sich langsam, aber stetig dem Ende entgegen neigt, um Platz für den Abend und die Nacht zu schaffen, um am nächsten Morgen aufs Neue seinen Lauf zu nehmen.

Ich erinnere mich nicht mehr an alle Details, doch ich weiß, wie wir damals vor dem Fernseher beunruhigt zusammensaßen, wir hatten bereits unsere Uhren abgelegt, sie lagen auf dem Tisch, nutzlos, die Zeiger wie eingefroren, noch immer stand die Sonne am Abendhimmel, die Türen hatten wir verschlossen. Es mussten bereits Stunden vergangen sein, seit wir von der Veranda zurück ins Haus gegangen waren. Im Fernsehen lief auf jedem Sender das Gleiche, eine Sondersendung jagte die nächste, mit Titeln wie „Die Welt steht still“ und „Neu-Delhi, Sydney, Tokio – gefangen in der Dunkelheit?“. Ich hatte bereits einige Zeit im Internet verbracht, mich durch unzählige Foren gelesen, jede Nachrichtenseite studiert, mit meinem besten Freund telefoniert und war doch nicht klüger als zuvor. Irgendwann an diesem ersten Abend kamen Freunde meiner Eltern zu Besuch, wir diskutierten stundenlang, tranken Rotwein und rauchten unzählig viele Zigaretten, warfen mit Verschwörungstheorien und Komplotten um uns, philosophierten und debattierten, wir fürchteten und stritten uns und gingen schließlich erschöpft, ängstlich und verwirrt ins Bett. Vielleicht hatten wir bis tief in die Nacht diskutiert oder auch bis zum Morgengrauen, doch war es uns unmöglich, die Zeit zu bestimmen, denn draußen schien noch immer die Sonne, unverändert und starr, wie am Horizont verankert. Kurz bevor ich die Rollläden im meinem Zimmer am helllichten Tag herunterließ, um endlich Schlaf zu finden, öffnete ich das Fenster und stellte fest, dass mittlerweile völlige Ruhe in der Umgebung eingekehrt war, selbst die Vögel schwiegen nun. Nur unser Nachbar Herr Müller packte eifrig seine Sachen und verließ unsere Kleinstadt noch innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach den ersten Ereignissen. Verwundert ob seiner vermeintlichen Zielstrebigkeit legte ich mich nachdenklich zur Ruhe. Von bösen Vorahnungen geplagt schlief ich endlich ein.

Als ich erwachte, saß meine Mutter am Bett, sie hatte die Lampe auf dem kleinen Nachttisch angeknipst. Ihre Augen waren verquollen und gerötet, als hätte sie stundenlang geweint. Ich fragte sie, wie lange ich geschlafen habe, doch sie erwiderte nur „Ich weiß es nicht“ und brach wieder in Tränen aus. Ich ging zum Fenster und zog die Rollläden hoch. Über der Landschaft lag noch immer der leichte Anflug des Abendrots des scheinbar vergangenen Tages. Ich warf meiner Mutter einen kurzen Blick zu und sah sie nur nicken. Da wusste ich, dass die Welt wirklich stehengeblieben war.

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Die nächsten Tage und Wochen - wir blieben bei dieser Zeitrechnung, weil wir nichts anderes kannten - waren geprägt durch weitere Hiobsbotschaften. Weltweit wurde infolge der Vorkommnisse ein Großteil aller Ernten vernichtet, entweder durch immerwährenden Sonnenschein und Dürre oder niemals endende Dunkelheit. Die Konflikte in Afghanistan und im Irak endeten, doch an ihre Stelle traten vernichtende Bürgerkriege, Millionen Menschen verhungerten oder wurden durch Waffengewalt, Aufstände und Unruhen getötet. Auch bei uns rationierte die Regierung bald die Nahrungsmittel. Fast alle Geschäfte schlossen, nachdem marodierende Banden durch die Innenstädte gezogen waren, in den Fußgängerzonen patroullierten tagein, tagaus schwer bewaffnete Soldaten. Das Gesellschaftssystem schien zu kollabieren. Es wurde eine Weltregierung ins Leben gerufen, die sich dem Problem der stillstehenden Erde annehmen sollte, Raketen und Raumfahrer wurden ins All geschossen, Asteroiden gesprengt, gigantische Reflektoren wurden im All installiert, doch es änderte alles nichts daran: die Welt stand still.

Eines Tages fuhr ich mit einem Militärkonvoi zum Krankenhaus in der nahe gelegenen Stadt, um meine Großmutter zu besuchen. Ich hatte Glück, auf diese Weise in die Stadt zu gelangen, denn mein Vater war früher ein hochrangiger Beamter gewesen und spielte seine Kontakte zu unserem Vorteil aus. Schon vor langer Zeit hatte die Regierung davon abgeraten, längere Fahrten allein und ohne Begleitschutz anzutreten und so verharrten die meisten Menschen ängstlich in ihren Behausungen, die sie inzwischen zu Festungen gegen Plünderer und die vernichtenden Sonnenstrahlen ausgebaut hatten. Auf dem Weg zum Krankenhaus spähte ich durch die vergitterten Fenster des Mannschaftstransporters und sah überall am Wegesrand Autowracks, verdorrte Wiesen und ausgebrannte Häuser. Hunde streunten durch die Vororte der Stadt und labten sich an den Kadavern ihrer verwesenden Artgenossen. Verlassene Ruinen warfen lange Schatten auf die Straße vor uns. Über allem thronte unbarmherzig die wie für die Ewigkeit im Untergang verharrende Sonne, die die Kulisse in ein gespenstisches Licht hüllte.

Meine Oma lag schon lange vor dem Beginn der Katastrophe in dem Krankenhaus. Nachdem ich die langwierige Kontrollprozedur am Eingang überstanden hatte, dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis ich sie endlich fand, denn aufgrund des andauernden Notstandes hatte man sie mehrmals umverlegt. Die Flure des Krankenhauses standen voller besetzter Betten, überall herrschte hektische Betriebsamkeit und immer wieder brachten Rettungskräfte neue Notfälle herein. Verletzte und Kranke mit apathischem Blick, angeschlossen an unzählige Gerätschaften, überall.

Als ich die Tür zu dem Zimmer, in dem ich meine Oma vermutete, öffnete, erschrak ich. Seitdem ich sie das letzte Mal gesehen hatte, hatte man ihr noch fünf weitere Zimmergenossinnen zugeteilt, im Raum lag ein fauliger Geruch, doch das war nicht der Auslöser meines Erschreckens. Sie hatte sich in all der Zeit nicht mehr verändert. Seit unserem letzten Treffen mussten Monate vergangen sein, die Ärzte hatten bei ihr Darmkrebs  im Endstadium diagnostiziert, die Metastasen hatten sich schon damals durch ihren gesamten Körper gefressen, man gab ihr noch wenige Wochen, maximal einen Monat. Ich erschauderte, als ich mich ihrem Bett näherte. Sie schlief und atmete schwer, doch noch immer lag die unbarmherzige Fratze des Todes wie eine fest verwachsene Maske auf ihrem Gesicht, ihre Züge entstellt durch unermessliche Qualen. Sie nahm meine Anwesenheit gar nicht wahr. Wie ich später von einem Arzt erfuhr, hätte er hier von einem medizinischen Wunder gesprochen, wenn er ähnliche Fälle nicht noch Dutzende weitere Male erlebt hätte, denn der Tod obsiegte nicht mehr über das Leben. Seine Patienten wurden nicht mehr von ihren Qualen erlöst, weder besserte noch verschlechterte sich ihr Zustand; sie starben einfach nicht, erlagen nicht mehr ihren eigentlich tödlichen Krankheiten. Ich hörte noch, wie der Arzt mich auf „aktive Sterbehilfe aus Rücksicht auf die jüngeren Patienten“ ansprach, „wissen Sie, wir bekommen jeden Tag neue Patienten, junge, kräftige Männer, Polizisten, Soldaten, doch Ihre Großmutter…“.

Ich verließ das Krankenhaus schnellen Schrittes, lief nach draußen und musste mich übergeben. Was mich damals auf der Rückfahrt vom Krankenhaus sehr beunruhigte, wurde bald Gewissheit. Nicht nur die Welt stand still. Auch die Menschen alterten nicht mehr.

3

Inzwischen habe ich aufgehört, die Tage, Wochen und Monate zu zählen, denn was bedeuten diese Zahlen schon als Maßeinheit in einer Welt, in der die Zeit ihre Bedeutung verloren hat. Es muss schon eine Weile her sein, dass der letzte Fernsehsender seinen Betrieb komplett einstellte. Glaubt man den Gerüchten, so wurde auch diese Rundfunkstation von Plünderern angesteckt, die ihrer Verzweiflung nicht anders Luft zu verschaffen mochten als in grenzenloser Gewalt. Auch den Reichstag sollen sie angesteckt haben. Das letzte, was der Sender ausstrahlte, war eine fortlaufende, digitale Uhr, die anzeigte, wie viel Zeit seit dem Stillstand der Welt verstrichen war. So sehr ich auch versuche, mir diese Zahlen in Erinnerung zu rufen, ich schaffe es nicht.

Und nun sitze ich hier, in unserem Garten, auf der verbrannten Erde, die einst so prächtigen Bäume sind nur noch ein Schatten ihrer selbst, verdorrte Gerippe, die wie dünne, abgemagerte Hände, fast wie Krallen aus dem Boden ragen. Ich bin müde, so unendlich müde, obwohl ich die letzten Monate nur mit Schlafen und Warten verbracht habe. Und doch fühle ich mich, als hätte ich seit Monaten kein Auge zugetan. Die Sonne lacht noch immer höhnisch vom Himmel und wirft ihr Licht auf die blass orange Schachtel in meiner Hand. Ich lasse mir alle Zeit der Welt, als ich jede Tablette einzeln aus der Verpackung puhle und muss in einem Anflug von Galgenhumor über die Formulierung „alle Zeit der Welt“ schmunzeln. Wie mag es Großmutter jetzt gehen, frage ich mich, während ich die letzten Tabletten fein säuberlich auf einem Blatt Papier vor mir ausbreite. Ob sie wieder aufgewacht ist? Oder hat irgendjemand entschieden, sie von ihren Qualen zu erlösen? Ich zähle die schneeweißen, symmetrischen Pillen. Zweiunddreißig Stück. Ich forme aus dem Papier einen Trichter und lasse die Tabletten in meine Hand gleiten. Als meine Zähne die Kapseln zerteilen und sich eine tödliche Überdosis ihren Weg in meinen Organismus bahnt, denke ich an mein früheres Leben. An Tage, die ein Ende fanden. An Seiten in Geschichtsbüchern, die noch geschrieben werden müssen. An das letzte Gespräch mit Vater, bevor er uns verließ.

„Was ist der Mensch schon“, sagte er, „beraubt man ihn seiner Sonnenauf- und Untergänge? Was bleibt, nimmt man ihm seine Rituale und seinen Tagesrhythmus? Ohne sein Vorabendprogramm und das Frühstücksfernsehen, ohne Theater, Kinos, Konzerte, ohne Arbeitsplatz und Studiengang? Ohne seine Alltagsprobleme, den Pauschalurlaub, die ungelesenen E-Mails, die klingelnden Telefone, ohne all diese Ablenkungen? Was bleibt?“ Damals habe ich keine Antwort auf diese Fragen gehabt.

Ich schaue zum Horizont und blicke in die Sonne, bis meine Augen beginnen, höllisch zu schmerzen. Als ich sie schließe, hat sich die Strahlung irreparabel in meine Netzhaut eingebrannt. Ich bin froh, sie nicht mehr öffnen zu müssen.

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38 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich werfe das jetzt einfach als Diskussions- und Interpretationsvorlage
    in den Raum, weil ich es zu schade finde, dass das hier noch nicht
    angesprochen worden ist:

    Dieser Text ist eben nicht nur eine gut erzählte Endzeitgeschichte à la Hollywood, sondern auch eine Verhandlung des Themas Unsterblichkeit.

    BÄMM.

    07.03.2012, 12:02 von hihihimmel
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    • 0

      Den Leser wenigstens für einen kleinen Moment gefangenzunehmen, ist schon Kompliment genug. Ich danke dir. :)

      23.02.2012, 01:30 von justanotherpicture
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  • 0

    Mir fehlt noch der Pflegenotstand drin.

    13.02.2012, 19:14 von pfeff
    • 0

      Wie meinst du das?

      14.02.2012, 00:13 von justanotherpicture
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  • 0

    ich finde das zu inkonsequent in der form und dabei zu ausführlich, sodass ich mich meiner eigenen fantasie beraubt fühle. aus der idee hätte man sicher noch viel mehr machen können.

    13.02.2012, 13:54 von HIRSE
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  • 0

    Den Text mag ich.

    Eine Stelle finde ich etwas irritierend. Wieso wählt der Protagonist Paracetamol? Ist er irgendwie masochistisch veranlagt? Für einen schnellen Tod eignen sich wohl andere Medikamente deutlich besser. Mit Paracetamol dauert es mehrere Tage bis die Leber versagt :)

    13.02.2012, 10:54 von Spielverderberin
    • 0

      Ich war auf der Suche nach einem frei zugänglichen Medikament, dass dem Freitod dienlich ist. Ich glaube, die Textstelle funktioniert aber auch ohne "Paracetamol".

      13.02.2012, 11:34 von justanotherpicture
    • 0

      Über die Stelle stolpert man wohl auch nur dann, wenn man weiß, dass der Suizid mit Paracetamol eine ziemlich langwierige Nummer wäre. Da die Zeit in deiner Geschichte ausgehebelt wurde, hätte das ja auch Absicht gewesen sein können :)

      13.02.2012, 11:41 von Spielverderberin
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  • 1

    Ich habe genau bis zu: "Meine Oma lag schon lange vor dem Beginn der Katastrophe in
    dem Krankenhaus."

    Dann überflog ich nur noch und las: fauliger Geruch, Darmkrebs, Fratze des Todes, aktive Sterbehilfe... und entschied, mir den Sonntag nicht vermiesen zu lassen.

    12.02.2012, 14:54 von Jackie_Grey
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