isch 30.08.2009, 20:56 Uhr 0 0

Alles wird gut

Der Wecker klingelte und riss mich ohne einen Hauch von Mitleid aus dem kurzen, harten Schlaf.

„Schon halb acht“, dachte ich. Ein Hauch von Angst kam in mir auf, mir wurde schlecht. „Ich muss mich beeilen, darf nicht zu spät kommen, wir sind schließlich eine renommierte, international agierende, deutsche Anwaltskanzlei.“ Und Pünktlichkeit erwartete man von uns auf der ganzen Welt, sie klebte an mir und zwang mich in ein Muster, in das ich nicht recht passte.
Normale Menschen stehen zusammen auf und trinken, nachdem die ersten, nicht wohlschmeckenden Küsse ausgetauscht wurden, frischgebrühten Kaffee beim gemeinsamen Frühstück. Wie wir.
Wie wir? Nicht ganz. Wann wir das letzte Mal Kaffee getrunken haben, an einem gemeinsamen Tisch an einem gemeinsamen Morgen, das kann ich nicht mehr sagen. Ganz zu schweigen von den Küssen. Wie sehr ich mich doch nach diesen ersten Küssen des Tages sehne, dafür würde ich sogar den scheußlichen Nachgeschmack in Kauf nehmen. Verdammt.

Ich goss mir Kaffee in die Tasse, der duftende Geruch von Frischgebrühtem war längst entschwunden. Was blieb war Geruchsleere.
Meine Augen starrten an die Wand. Das Rot der Tapete war längst verblichen. Die unbarmherzige Sonne hatte sie in die Knie gezwungen. Nur die auf dem bleichen Hintergrund noch hell leuchtenden Sonnenblumen hatte sie verschont. Als wisse sie um die Verwandtschaft. Wie sehr ich mich anfangs gegen diese Tapete gesträubt hatte. „Sie würde uns mit ihrem Muster jeden Morgen aufs Neue freundlich anlächeln“, sagte sie mit ihrer damals süßlichen Stimme. Diesen Kampf verlor ich, wie jeden bisher. Jetzt mit der Zeit wirkten die hell leuchtenden Sonnenblumen fast bedrohlich, kein Rot das sie mehr in den Grenzen hielt. Fast schien es, als würden sie nicht für mich, sondern über mich lachen. Wer könnte es ihnen verdenken?

Mein Blick wanderte, sich Rettung suchend, von der Wand weg, hin zu den Bildern, die auf dem Kühlschrank klebten. Sie zeugten von einer anderen, einer glücklichen Zeit. Doch das war es nicht, was mich fesselte. Es war der Aufkleber daneben. Er zeigte einen überdimensionalen Smiley und daneben stand in großen Lettern, auf gelbem Hintergrund geschrieben: „Alles wird gut“. Ich konnte nicht erfassen, was es war. Häme oder leise Freude.

Ich zwang mich aufzustehen. Ich wollte duschen, doch ich konnte mein Zuhause, das längst keins mehr war, nicht mehr erkennen. Dieser Ort, an dem ich Tag für Tag meinem unausweichlichen Ende entgegenfieberte, zeigte sich von einer neuen Seite. Mit einem Mal erkannte ich die starren Muster, nach denen sie unser, einst gemeinsames, Haus eingerichtet hatte. Alles hatte seinen festen Platz. Alles schien unverrückbar.

Die Terrassentür stand offen, ein warmer Sommerwind strömte herein und mit ihr ein weißer, beinah‘ engelhafter Schmetterling. Er flog so elegant, so majestätisch. Ich folgte seinem Flug mit gebannten Augen. Eine feste Flugroute war nicht erkennbar. Der Schmetterling flog, wie es ihm beliebte. Keine Spur von festen Mustern, von starren Ecken und Kanten. Plötzlich wurde mir bewusst, wonach ich mich sehnte. All‘ die ganzen Jahre.
Es war das Unberechenbare. Das Unvorhersehbare. Das Gesetzlose.

Beim sehnsüchtigen Anblick vergaß ich die Zeit. „Jetzt hat es keinen Sinn mehr, rauszugehen“, dachte ich bei mir. Ich fühlte mich gut.

Ich ging ins Bad und stellte das Wasser an, ich wollte baden, den Staub der Vergangenheit von mir lösen. Ich musste kräftig schrubben.
Dann zündete ich mir eine Zigarre an, im Bad, im Haus. Sie hasste den Geruch von Zigaretten. Dadurch würden die Gardinen verbleichen. Dabei bemerkte sie das Verblassen der Tapete nicht. Vielleicht, um nicht erkennen zu müssen, dass mit der Farbe auch unsere Liebe davonging.

Plötzlich hörte ich wie die Eingangstür aufgeschlossen wurde. Ich hörte ihre Stimme, doch sie war nicht allein. Eine tiefe Männerstimme dröhnte durch die Badezimmertür.
Dachte sie wohl, ich sei zur Arbeit gegangen? War es das erste Mal? Wie dumm war ich, dass ich mir einbildete, mir würde das nicht passieren?
Ich versuchte nicht, mich bemerkbar zu machen. Ich wartete, was passieren würde. Ich hörte, wie sie ins Schlafzimmer gingen, in unser Schlafzimmer. Eine Zeit verging.
Ich ging hinaus auf den Flur. Wie gelähmt schritt ich zur Garderobe. Ganz oben hatte ich in einem unscheinbaren, alten Schuhkarton eine Waffe versteckt. Sie wusste nichts davon. Es war die Waffe meines Vaters, ich konnte mich nie überwinden, sie wegzuschmeißen. Er nahm sich damals das Leben, nachdem er seine Frau mit einem Anderen auf frischer Tat ertappte. Er hatte sie sehr geliebt, sie war seine erste und einzige Liebe.

Ich hatte die Waffe in der Hand, ihre Kühle holte mich schlagartig zurück. Ich schritt in Richtung des Schlafzimmers. Wir liebten uns schon lange nicht mehr. Wir hatten uns arrangiert, wegen den Leuten, die reden würden, und den Kindern zuliebe.
Ich öffnete die Tür und da lag sie. Über ihr, völlig verschwitzt und außer Atem, ein Mann, dessen Gesicht ich nicht erkennen konnte. Sie sah mich und hielt inne. Die Waffe versuchte ich gar nicht zu verstecken. Die Waffe, die meinem liebenden Vater das Leben nahm.

Ich verspürte schon lange keine Liebe mehr für sie. Und doch ließ der sich mir bietende Anblick mich nicht kalt. Ich war gerade dabei, die Waffe aufzurichten, da schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Ich musste an den Aufkleber denken, besser gesagt an das, was unerschütterlich geschrieben stand: „Alles wird gut“.
Jetzt wusste ich, es war Freude.

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