Razanplan 12.09.2009, 22:14 Uhr 0 0

Alles wird besser - Kapitel I

Heute stand "lebensfroh" im Kalender. Es war der 14. Februar 2005. Kein besonderer Tag. Ein Tag wie jeder andere auch.

Heute stand "lebensfroh" im Kalender. Es war der 14. Februar 2005. Kein besonderer Tag. Ein Tag wie jeder andere auch. Karl-Heinz, der seinen langweiligen Namen hasste, hatte sich für heute vorgenommen lebensfroh zu sein. Also packte er hüpfenden Gang und lächelndes Gesicht zusammen und verließ mit einem letzten langen Seufzer, den er jeden Morgen tat, um den Krampf des letzten Tages abzulegen, sein Zimmer.
Mutter begrüßte ihn auch gleich freundlich mit einem "oh, du bist aber heute lebensfroh!", denn schließlich konnte man seiner Mutter nie etwas vormachen, weil sie einen letztendlich mit gemacht hat. Karl-Heinz murmelte irgendetwas Unverständliches, weil das Dauergrinsen ihn am vernünftigen Sprechen hinderte. Er würde erst im Laufe des Tages ein gesundes und für seine restliche Umgebung als realistisch anzunehmendes Grins-Gesicht aufsetzen können, das ihm ebenfalls eine vernünftige Kommunikation erlaubte. Karl-Heinz war zwar jeden Tag immer Karl-Heinz, aber irgendwie immer anders. Er nannte das sein "Experiment". Verständlicherweise war er somit natürlich auch nicht sonderlich beliebt in seiner Stufe, da keiner seiner Klassenkameraden so recht wusste, was er mit ihm anfangen sollte und er hatte eben auch diesen bescheuerten Namen.
Bereits auf dem Schulweg ärgerte er sich über seine heutige Wahl. "Lebensfroh" war vielleicht eine grandiose Idee, würde sie seiner Wahrscheinlichkeit nach doch zumindest eine Unterhaltung mit Marlene provozieren, die entweder lebensfroh war oder ständig unter Drogen stand, aber dieses Grinsen ließ einen doch herrlich bescheuert aussehen. Karl-Heinz fand, dass es ziemlich künstlich war, was auch zutraf. Aber eben das Faktum, dass man ihm abnehmen musste, es ehrlich künstlich zu meinen, zwang ihn dazu, obwohl es ein derart penetrantes Schmerzen in seinen Wangen verursachte, dass er es am liebsten hätte sein gelassen. Jedoch unterließ er es eben nicht zu Grinsen, weil das sein Experiment verfälscht hätte. Dieses Grinsen sollte schließlich den Vollzug seines inneren Verlangens nach Künstlichkeit, gepaart mit der Freude am Leben, die er für heute versprühen musste und an der man am liebsten alle teilhaben lassen würde, auch wenn sie gerade eher minimaler Natur war (er konnte sie zumindest in dem Glauben wiegen lassen, dies zu tun), darstellen. Ein Dilemma also und eine neue Erkenntnis. Jetzt wusste er nämlich, dass man vielleicht ein wenig Bewunderung für diese ganzen ätzenden Zuckerpüppchen aus seiner Schule empfinden sollte, würde man sich einmal diese Wahnsinnsschmerzen vorstellen, die diese während der jahrelangen und sicherlich aufwendigen Produktion ihres unechten Daseins schon erleiden mussten, stets nur das einzige Ziel vor Augen allen zu gefallen. Das war beeindruckend. Karl-Heinz vergaß gar für einige Sekunden das Grinsen vor lauter Staunen. Nachdem er sich aber wieder gefangen hatte, konnte er den Rest des Schulweges nur noch daran denken, wie es denn wäre, wenn seine Klassenkameraden oder viel besser noch diese hirnlosen, blondierten Honigkuchenpferde voll auf seine vorgegeben ehrliche Künstlichkeit anspringen würden. Zweifel hegte er da schon, zumal eher der Fall eintreten dürfte, dass man ihn für schizophren halten würde, weil gestern "depressiv" in seinem Kalender gestanden hatte.
Doch Karl-Heinz hatte den Grad ihrer Dummheit unterschätzt, denn diese selbstverliebten Girlies hatten schlichtweg vorher gar nicht mitbekommen, wer Karl-Heinz überhaupt war und dass er mit ihnen zur Schule ging. Als sie mit ihm erste Sonnenstudiovergleiche machen wollten, musste er schon arg aufpassen, dass sich sein grenzdebiles Grinsen nicht in ein mitleidiges Lächeln verwandelte. Es machte so einen Heidenspaß ihnen dabei zuzugucken, wie sie ihre mit viel Mühe selbstaufgebaute Lebensstilkreation nur noch mehr ins Lächerliche zogen. Sogar die Unterhaltung mit dem Oberhuhn Marlene kam zustande, wenn man denn von einer Unterhaltung sprechen konnte. Als sie nämlich begann, ihm das zwanzigste Paar Schuhe im Detail zu beschreiben, konnte er nicht umhin sie an die Brüste zu packen, mit der Intention, ihre geistige Inkontinenz durch den vermuteten Schock wenigstens für ein paar Sekunden zu unterbrechen, so dass er, der sich bereits in der akuten Gefahr des Erstickens sah und nicht mit einem dämlichen Grinsen von dieser Welt gehen wollte, sich hätte retten können, indem er davon gelaufen wäre. Doch so weit kam es nicht. Marlene hatte sich so in Rage über ihre überdurchschnittlich hippen Schuhe, von denen Paar Nummer 20 ganz besonders trendy war, geredet, dass sie gar nicht merkte, dass jemand mit aller Gewalt versuchte, ihre aufgeblasenen Plastikhupen zusammenzudrücken. Bei Karl-Heinz machte sich Panik breit. Immer mehr wurde er in einen Zwiespalt zwischen seinem Experiment und der Flucht vor dieser furchtbaren Person getrieben. Er musste an seinem Grinsen festhalten, soviel war klar. Aber wie entflieht man diesem entsetzlichen Monolog über für empfindliche Füße vorteilhaftes Krokodilsleder, wenn schon ein beherzter Griff ins Kunststoffdekolleté keinerlei Wirkung zeigt? Karl-Heinz war sowieso bereits über sich selbst erstaunt, zu welcher Aktion in dieses furchtbare Mädchen getrieben hatte und obwohl die Konsequenz seines Experiments daran litt, ließ er sich noch zu einer Aussage hinreißen, von der er sich nun die einzig mögliche Rettung erhoffte:

"Deine Krokodilslederschuhe sind faschistisch", sagte er.

Das hatte gesessen. Nicht, weil dieser Satz irgendeinen Sinn brachte, vielmehr, weil Marlene ihm über den Einstieg mit dem Begriff "Krokodilslederschuhe" begann zuzuhören, aber gleich bei "faschistisch" hängen blieb, weil andere Wörter wie "modisch" oder "Bikinioberteil" den begrenzten Speicherplatz ihres nur spärlich dimensionierten Denkapparates belegten. Ihre Verwirrung nutze er, um sich schleunigst davon zu machen und ihr "Hä?" hörte er dann auch schon nicht mehr.

Karl-Heinz begann sich auf den nächsten Tag zu freuen, denn da würde "aggressiv" im Kalender stehen und somit würde er die bereits heute getankte Wut dann explodieren lassen. Doch noch war der Tag nicht vorbei. In der dritten Stunde würde sich klären, ob ihn "lebensfroh" heute vor einem erneuten Tobsuchtsanfall von Herrn Flasch retten würde, denn er hatte gestern wieder einmal nicht den geringsten Antrieb verspürt auch nur einen Finger für die seiner Ansicht nach unsinnigen Deutschhausaufgaben zu krümmen. Als es also daran ging, dass Herr Flasch von jedem gottverdammten Schüler die Hausaufgaben kontrollierte und sich penibel und fein säuberlich einen Strich aufschrieb, wenn einer oder eine diese nicht vorweisen konnte, zog Karl-Heinz sein Grinsen noch ein wenig breiter. Dennoch hatte er damit diesmal keinen Erfolg, Lehrer waren eben doch Neutra, völlig gefühlsarm, die lediglich Ergebnisse interessierte, wie er einmal mehr bemerken musste und was ihm nur noch mehr Grund gab, von seiner festgesetzten Meinung nicht im Geringsten abzurücken. Aber auch das war jetzt egal, denn er wusste nun, dass Lehrer nicht mit in seine Experimente einzubeziehen waren. Der halb vorausgesagte Tobsuchtsanfall berührte nun ebenfalls nicht mehr sein Bewusstsein, denn der war ihm völlig schnuppe. Das Problem bei der Sache war nur, dass er natürlich weiterhin konstant grinste und das Herrn Flasch so gar nicht passen wollte. Weil er seine Autorität völlig untergraben sah, schickte er Karl-Heinz zum Direktor, in dessen Besuchszimmer er die meiste Schulzeit verbracht hatte.

"Karl-Heinz, Karl-Heinz...", sagte dieser und schüttelte den Kopf voller Missbilligung, wie er das immer tat, wenn Karl-Heinz so vor ihm saß. Manchmal fragte sich Karl-Heinz, ob er das tat, nur um ihn zu ärgern, um ihn mit seinem bescheuerten Namen zu ärgern? Der Direx sollte nur bis morgen warten, je mehr sich diese Ereignisse aufgrund seines bescheuerten Grinsens überschlugen, desto mehr wuchs seine Vorfreude auf den nächsten Tag.

"Warum grinst du so blöd, was gibt es da zu grinsen? Du nimmst mich besser ernst, denn es ist ernst für dich. Weißt du eigentlich, dass ich schon gar nicht mehr zählen kann wie oft ich kurz davor war, dich von der Schule zu schmeißen? Aber ich glaube an dich, ich glaube, dass du Potential hast. Nutze es doch Junge, bitte."

"Wissen Sie, es ist ein Experiment. Ich kann dieses Experiment jetzt nicht einfach beenden. Nicht wegen Ihnen, nicht wegen mir, nicht wegen irgendjemandem."

"Was für ein Experiment? Ich habe deine bescheuerten Experimente langsam satt. Manchmal denke ich wirklich, dass du nicht ganz richtig im Kopf bist, aber dann lese ich hier die ganzen Sachen, die du schon geschrieben hast...was willst du eigentlich?"

"Die Frage ist doch hier nicht, was ich will, sondern was Sie jetzt von mir wollen. Darf ich gehen?"

Der Direktor gab einen großen Seufzer von sich und machte eine resignierende Handbewegung. Karl-Heinz durfte also gehen. Irgendwie tat er ihm immer ein bisschen leid, denn der Direktor schien sich wirklich für ihn zu interessieren, sich für ihn einzusetzen. Nur irgendwann war sicher das Ende der Fahnenstange erreicht, dann hatte Karl-Heinz seinen Bonus verspielt. Er wollte es aber noch ein wenig ausreizen. Manchmal hatte er sich selber auch gefragt, ob er nicht ganz richtig im Kopf war. Warum tat er das, was er tat? Dass die meisten Menschen darauf mit Stirnrunzeln reagieren würden, hätte er sich vorher denken können, hatte er ja auch gedacht. Nur war ihm das gleichgültig gewesen. Die Suche nach sich selbst (die nicht wenige antraten oder die zumindest mal den Gedanken hatten, diese zu beginnen und es dann doch nie wirklich taten), nach dem, was er auf diesem Planeten, dieser Bühne für Abscheuliches und Wunderbares zugleich, im unendlich leeren Zuschauerraum der Galaxie, tatsächlich repräsentierte, beziehungsweise welche Rolle ihm ein unsichtbarer Regisseur eigentlich zugewiesen hatte, das war viel wichtiger und dazu musste er diese Hürden überwinden. Alles wird besser. Das sagte seine Mutter immer, so oft, dass es fast schon zu einer billigen Floskel verkommen war. Dabei war dieser Satz so wichtig, der Satz, der ihn oder vielmehr seine Sache am Leben hielt. Eines Tages, das wusste er, würde er für das, was er tat, Wertschätzung bekommen. Irgendwann würde er ein Buch veröffentlichen, denn er schrieb sich seine Erlebnisse stets ordentlich auf.

Mutter hatte Lasagne gemacht. Er liebte dieses Essen und es zeigte die Kreativität der Italiener, ein und dasselbe Essen in stets anderer Form zu verkaufen. Spaghetti, Canneloni, Lasagne, war doch alles der gleiche -zugegeben- wenn richtig zubereitet, köstliche Schmarrn.

"Wie war's in der Schule?"

"Wie immer."

"Nichts ist wie immer. Bei dir schon gar nicht. Musstest du wieder zum Direx?"

"Ja."

"Weil du ,lebensfroh' bist?"

Karl-Heinz mochte diesen spöttischen Unterton nicht. Seine Mutter hielt nicht viel von seinem Experiment. Nicht, weil sie es nicht verstand, sondern weil sie sich Sorgen machte. Karl-Heinz sagte also gar nichts, damit sie merkte, was er von dieser Frage hielt. Sie wartete eine Antwort auch gar nicht erst ab, hatte schließlich auch keine erwartet.

"Was machst du heute noch?"

"Mal sehen. Schreiben vielleicht."

"Na dann. Papa kommt heut Abend zu Besuch. Er bringt dein Geschenk mit."

Geschenk. Das war ein Witz. Sein Geburtstag war vor vier Monaten gewesen und sein Vater hatte noch nicht einmal angerufen.

"Das fällt dem aber früh ein. Hat sich sein Gehirn nach 4 Monaten vom Suff regeneriert?"

"Karl-Heinz, bitte. Du weißt, ich halte nicht viel von deinem Erzeuger, aber er ist immer noch dein Vater und seit zwei Jahren trocken. Er hatte eben viel zu tun."

"Sagt er."

Dass sie sich immer noch für ihn entschuldigte. Nach all den Jahren. Sein Vater war und ist eine Null. Und sein Vater verstand Karl-Heinz nicht.

"Ich geh nach oben."

"Ich ruf dich dann, wenn Papa da ist."

Karl-Heinz nickte und ging nach oben in sein Zimmer, das er nicht mehr bis zum nächsten Morgen verlassen sollte. Denn als Mutter ihn rief reagierte er nicht. Als sie hochkam, um zu gucken, warum er dies nicht tat, gab er vor zu schlafen. Er wollte seinem Vater mit seinem heutigen Grinsen keinen Gefallen tun.

Er rannte. Es war nicht dieses Rennen, das man vom Sportunterricht kennt. Nein. Er kannte keinen Sportunterricht, hatte noch nie so etwas gehabt. Er rannte. Weil er Angst hatte. Tierische, unglaubliche, grausige Angst. Eine Angst, die dir den Atem nimmt, deine Kehle fest zuschnürt und dein Herz zu Höchstleistungen antreibt. Eine Angst, die dir den Schweiß allein vom Gedanken daran auf die Stirn treibt und dir eiskalte Schauer den geprügelten Rücken hinunter schickt. Er rannte. Das Adrenalin trieb ihn an, stieß ihn mit jedem Schritt weiter nach vorne. Die Augen weit vor Entsetzen aufgerissen, bloß nicht stolpern und hinfallen. Das wäre das Ende. Er rannte. Über Bäume, die der Sturm gestern mit seiner gewaltigen Kraft umgerissen hatte, über weiche, feuchte, verfaulte Blätter, die gar würzig rochen. Er schaffte es immer wieder seine müden Beine weiter zu bewegen. Ein seltsames, rasend schnelles Zusammenspiel von Gedanken, Nerven, Blut, Muskeln und Sauerstoff. Der war sein Problem, er bekam nicht genug davon, ihm war ganz schwindlig, in seinen Ohren surrte und brummte es, ein unausweichliches Dröhnen. Er rannte. Weil er rennen musste, weil jeder von der bedrohlichen Gefahr davonläuft und weil er feige war.

Endlich! Er hatte es geschafft. Er war zu Hause. Sein schützender Verschlag, selbst gebaut, auch dafür hatte er geschwitzt, lange. Jetzt konnte er auch im Trockenen sitzen. Früher hat er sich mal einen gefährlichen Schnupfen geholt. Niesen musste er, jawohl, ganz laut, aber keiner hat es gehört.

Die Gefahr war gebannt, er fühlte sich frei, so frei, er könnte schreien. So laut schreien, dass einem die eigenen Ohren zerbersten, das war Freiheit. Auf einmal musste er sich schütteln. Es fing bei seinem kleinen Zeh am rechten Fuß an und ging von dort über seinen ganzen Körper. Einmal nur, dann war es vorbei. Das war immer so, aber dann war es vorbei, bis zum nächsten Tag. Manchmal ließ es ihm mehr Zeit, aber nur manchmal.

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