nic.is.listen 08.06.2010, 08:37 Uhr 41 18

Allein im Bus

Es war warm. Einer der ersten warmen Tage in diesem Jahr.

Es war warm. Einer der ersten warmen Tage in diesem Jahr. Die Stadt fühlte sich endlich bereit für das Jahr, und die Menschen zogen mit einer gewissen Leichtigkeit durch die Straßen. Ich saß im unteren Stock des zweistöckigen Busses und fand Gefallen am Beobachten der anderen Fahrgäste. Als das Wetter noch grau war und seine Farbe auf die Gesichter der Bürger gelegt hatte, war kein Schimmer der Gelassenheit erkennbar, die nun anfing in ihnen aufzublühen. Der alte Mann, dem es sonst beliebte sich zu dieser Morgenstunde stumm in eine der mau gepolsterten Bänke zu setzen und zu dösen, verfolgte an diesem Tag die vorbeiziehende, im Sonnenlicht badende Stadt. Sogar die oft widerspenstigen Kinder schienen die Ruhe zu genießen. Der Tag kam leicht.

Es sollten nur noch drei Haltestellen folgen bis ich aussteigen musste. Wir hielten an der Ersten. In der oberen Etage grölen plötzlich ein paar Halbstarke ihre üblichen Sprüche raus. Schwuchtel, Transe, Hurensohn, Missgeburt. Anscheinend hat nicht jeden die Gelassenheit des Tages ergriffen. Es war dennoch nichts Neues. Der Bus öffnete seine Türen, Fahrgäste stiegen ein. Darunter auch eine Dame, die doch durch ihre eigentliche Unscheinbarkeit auffiel. Sie trug nichts Außergewöhnliches. Ein weißes ärmelloses Top, einen pinken, knielangen Rock und schwarze Ballerinas. Sie war sehr schlank, fast drahtig und fiel eher dadurch auf, dass sie sehr maskuline Züge hatte. Sie setzte sich schräg links von mir. Weiter schenkte ich ihr dann keine Beachtung, denn mein Blick hatte schon die nächsten Mitfahrer erspäht, über die ich meine Eindrücke sammelte. Der Bus setzte sich wieder in Bewegung.

Zweite Station. Halt. Die Halbstarken polterten die schmale Treppe von der oberen Etage runter zur Mitteltür. Ich schaute nur kurz zu ihnen, dann sah ich wieder aus dem Fenster. "Missgeburt!", maulte einer lauter, maulte direkter, wollte treffen. Ich sah wieder hin. Der Nächste: "Ey, du scheiß Schwuchtel!". Es waren drei Jungs und ein Mädchen. Alle ihre Blicke auf dasselbe Ziel geheftet und mit leichtem, provozierendem Lächeln. Ich folgte den Blicken und merkte, dass sie sich lässig vor der Dame aufgebaut hatten. Ihr Blick war starr nach vorn gerichtet, zwang sich die pöbelnden Jugendlichen nicht anzusehen. Ihr Gesicht blieb regungslos, doch ihr Blick barg soviel Trauer. Es war so als würden die Halbstarken mit Hämmern auf ihr Selbstbewusstsein einschlagen. "Du scheiß Hurensohn, scheiß Transe, du Hund!" Die Türen gingen auf. Die Gruppe stieg aus. Ich war schockiert und begriff erst, was dieses asoziale Pack angerichtet hat. Sie kannten sie nicht, sie wollten nur niedermachen. Sie tat mir so Leid. Ihr Blick noch starr. Ich konnte es nicht fassen, was hätte ich an ihrer Stelle gemacht? Dann, der Kleinste der Gruppe sprang in den Bus: "Scheiß Schwuchtel, Missgeburt!". Er spuckte sie an, sprang aus dem Bus. Türen schlossen, Bus fuhr los. Nichts bewegte sich. Alles stand still vor meinen Augen. Ich richtete langsam, voller Vorsicht meinen Blick wieder auf das Opfer, als ob auch ich ihr schaden könnte, nur indem ich sie ansah. Sie saß einfach da. Sagte nichts. Starrer Blick.

Dritte Haltestelle. Ich stieg aus. So wütend, so traurig und enttäuscht. Am liebsten hätte ich geweint. Am liebsten hätte ich geschlagen, getötet. Wie kann ein Mensch einen anderen Menschen mit soviel Verachtung strafen? Einfach so. Ich denke nicht, dass sie sich kannten. Auf keinen Fall. Die Gruppe entschied sich, aufgrund des Aussehens der Dame, dafür, dass sie ein Transvestit sei, ein Mann sei, dass sie schwul sei, hässlich, Missgeburt. Ohne Grund.

Die Gruppe war ausländischer Herkunft und ich dachte nur an Abschiebung. Nicht an Abschiebung von Ausländern, sondern von jedem Mann, jeder Frau, die andere Menschen so respektlos, minderwertig, grausam behandeln. Sie sollten mit Menschen tauschen, die ein besseres Leben verdienen und es auch zu schätzen wissen. Sie sollten mit Menschen tauschen, die nur einen halben Dollar am Tag verdienen, dafür durch Müll, Gift, Dreck kriechen müssen.

Ich denke nicht, dass so ein Hass, sowie er der Dame entgegen geworfen wurde nur durch Umgebung, Schule, Freunde geschürt wurde. Solchen Hass kann man nur in sich tragen, wenn er gesäht wurde, über Jahre, man damit aufwächst, Familie. Ich bin gegen jegliche Misshandlung des Lebens und seiner Würde. Es gibt dieses Macho-Getue, dass ich verachte. Diese Intoleranz, die ich verachte. Diese Arroganz, die ich verachte. Dinge, die nur Wut in mir aufsteigen lassen. Die mich hassen lassen und dadurch noch wütender machen.

Kein Mensch steht seit seiner Geburt weder unter noch über einem anderen. Adel ist Quatsch. Jeder sollte so leben wie er möchte, wo er möchte, mit wem er möchte. Jeder hat das Recht respektiert zu werden. Wer nach Macht strebt, strebt eigentlich nur nach vermisster Anerkennung. Wir sind alle Erdlinge, Grenzen sind nicht unüberwindbar, unsere Körper nicht aus Metall, unsere Herzen nicht aus Scheiße. Alles Leben verdient Respekt.

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    Tja, so isses . . .

    02.10.2013, 15:33 von Justus
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    uha, politisch korrekte geiferei im rosaroten frühlingsmantel.
    verständlich, dass menschliche grausamkeit an konkreten beispielen wütend oder betroffen macht, aber daraus sowas ableiten?

    "Ich denke nicht, dass so ein Hass, sowie er der Dame entgegen geworfen wurde nur durch Umgebung, Schule, Freunde geschürt wurde. Solchen Hass kann man nur in sich tragen, wenn er gesäht wurde, über Jahre, man damit aufwächst, Familie."

    gerade in dem fall wars doch offensichtlich eher gruppendruck unter gleichaltrigen.
    und wem was an respektvollem miteinander liegt, der fragt nach ursachen für gegenläufiges verhalten, anstatt sich so eindimensional an der eigenen verachtung aufzubauen.

    23.01.2011, 16:05 von __ickse
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    dein bester artikel, wie ich finde.
    hatte solche situationen aus deiner sicht auch schon oft.
    man fühlt sich so hilflos.
    wenn einem irgendetwas eingefallen ist, was man sagen möchte, ist es zu spät.
    manchmal auch nicht.
    und dann ist man selbst in der patsche.

    25.07.2010, 23:36 von MsLeigh
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    he.
    der startseitenartikel unter deinem fängt auch mit einem dieser "ersten warmen tage" an.
    ich finde es toll, dass ihr euch vom wetter inspirieren lasst. man merkt richtig, wie tief dein gedankengang ist und alles.
    da, wo du erst abschiebung schreibst, das war auch voll der schocker, echt genial, dein wortspiel.

    14.06.2010, 02:34 von himmelgrau
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