sophietrauer 30.09.2008, 18:42 Uhr 10 6

Alex

Alex sagt „Ey Alte!“ und ich gucke blöd. Seine Mutter nimmt ihn am Arm und zischt „Du entschuldigst Dich, sofort!“

Alex’ Mutter ist gefasst. Sie hat schon viel gesehen. Und das meiste verstanden. Mit dem Herzen.
Alex’ Vater ist fort. Er hinterließ die beiden Jungen. Mit seinen Sommersprossen. Mit dieser Lücke im Code.
Alex’ Schwester ist ein Sonnenschein. Sie hat ihn lieb, auch wenn er manchmal Sachen nach ihr wirft. Oder stundenlang durch die drei Zimmer rennt und schreit. Ihre Zuneigung ist für die einer Vierjährigen schwer zu erschüttern.
Alex’ Bruder ist gestürzt. Er macht sein Ding. Mit seinen Leuten. Die Kleinstadt raunt: der klaut, und Drogen auch noch! Ist ihm recht. Die Schule nervt, mit diesem Stillhalten und den ganzen Fragen. Die Ärzte nerven, mit ihren Pillen. Die Mutter nervt. Mit ihrer Angst. Die wollen ihn klein kriegen. Er kehrt all dem den Rücken. Nachts, auf dem Spielplatz, ist er der Größte.
Alex’ Freunde - gibt es nicht. Er kommt oft heulend nach Hause. Wieder geprügelt, wieder gehänselt. Die Mutter nimmt ihn dann in den Arm und erklärt, dass man Menschen nicht wehtun soll. Auch nicht mit Worten. Sonst kommt es böse zurück.
Alex’ Lehrer sind bekümmert. Sie haben schon alles versucht. Selbst an der Erziehungshilfeschule haben sie ihn nicht zu fassen gekriegt. Er stört. Auch wenn sie das bedauern. Das Klassenziel? Wird er wohl nicht…
Alex’ Zukunft baumelt an einem seidenen Faden. Er kann seinen Namen fehlerfrei schreiben. Nach drei Jahren. Nochmal sitzen bleiben darf er nicht. Sonst ist Sonderschule angesagt. Und einen Beruf lernt er dann nicht mehr, auch wenn ihn das jetzt noch nicht interessiert. Er hat drei Monate, um seine Fünfen zu verbessern, sonst… Mama weint.

Alex ist Starkstrom in Gestalt eines dürren Grundschülers. Sein dreckiges Lachen schießt bis unter die Schädeldecke und sein Gezappel brennt wie Cayennepfeffer in den Augen. Wenn er triumphierend laut den Rotz hochzieht, hält das Publikum den Atem an und er hat gewonnen.
Alex testet. Jedes Ding und jeder Mensch wird von seinen verschmierten Händen auseinandergeschraubt, untersucht, auf den Kopf gestellt und plötzlich links liegen gelassen.

Alex ist gerissen. Die Tante in der Beratungsstelle soll ihn jetzt untersuchen. Warum das mit der Schule nicht funktioniert. Er streckt die Zunge raus, beim Arzt muss er das auch immer. Da kann sie also nicht meckern! Die kriegt er auch noch. Sie sagt, sie wollen schauen, wie er besser Lesen und Schreiben lernen kann. Das kennt er, das haben andere vor einem halben Jahr auch schon mal versucht. Aber passiert ist nichts. Auf dem Papier vor seinen Augen bekriegen sich die Buchstaben immer noch. Worte werden in seinen Ohren zu stumpfen Keulen, die er nicht immer unterscheiden kann.
Jetzt redet die Tante schon eine ganze Weile mit der Mutter. Laaangweilig. Er hat das alles schon gehört. Die beiden Frauen rascheln mit einer Menge Papier. „Normalintelligenz“, was das wohl heißt? Normal und clever sind doch nicht das gleiche. Und normal ist er schon mal gar nicht, das zeigen ihm doch alle. Es kribbelt in Armen und Beinen, er muss sich schütteln. Auch wenn Mama streng guckt.
Endlich steht die Tante auf und redet wieder mit ihm. Sie wollen spielen gehen, um sich ein bisschen kennen zu lernen. Na das wird lustig. Aber in dem bunten Zimmer gibt es auch Boxhandschuhe und einen Kickertisch. Die Tante ist gar nicht so schlecht, er gewinnt trotzdem. Heute könnte ein Eiscremetag werden. Die Dartscheibe an der Wand ist super. Die Regeln sind auch gar nicht so schwer. Drei mal siebzehn Punkte hat er schon mit dem ersten Pfeil getroffen. 51 Punkte! Schnell die Zungenspitze wieder einziehen. Das passiert ihm immer beim Rechnen. Die Tante lacht ihn an und kritzelt auf ihren Block. Dann ist die Stunde um.
Im Bus ist ihm gar nicht kribbelig, er will schlafen. Mama sagt, er muss noch mal dahin, und dann wird es ein bisschen mehr wie Schule. Es soll ihm recht sein. Er kennt die Ärzte, die Tanten, die Therapeuten seit Jahren. Ein paar lustige Spiele hat er gelernt. Gebastelt und geturnt. Von den Tabletten kann er besser aufpassen. Aber müde ist er, und Mama redet durch einen Nebelschleier mit ihm. Im Bett kann er dann nicht schlafen. Hoffentlich macht er sich nicht wieder nass. Er will doch kein Baby sein.

Alex muss sich durch Worte und Sätze kämpfen. Die Schulstunde mit der Tante ist da. Beim Schreiben steht ihm der Schweiß auf der Stirn, er ist unendlich müde. Die Bleistiftmine bricht ab. Kacke. Dann gibt es eine Pause. In dem Sofazimmer gibt es nicht so viel Spielzeug. Auf dem Tisch liegt ein Würfel, den kann man umklappen. Die Tante zeigt ihm die verschiedenen Bilder, die so entstehen. Ein Wald an einem See. Eine Mohnblume. Das sieht ein bisschen aus wie Urlaub. In schnörkeliger Schrift sind Worte darüber geschrieben. Ehrlichkeit, entziffert er. Hoffnung, wenn man die Mohnblume zusammenkriegt. Die Tante freut sich und kritzelt schon wieder. Es gibt Tee und dann noch ein bisschen Denksport. Als ihn die Mutter abholen kommt, läuft er zum Sonnenschein an ihrer Hand und erklärt der Schwester den Würfel. Die Tante sagt ihm auf Wiedersehen und schöne Ferien. Und alles Gute, denn sie werden sich nicht noch einmal sehen. Fast findet er es schade. Aber es wird noch genügend Tanten geben, da ist er sicher.

Alex’ Ferien sind ausgeplant. Er muss ein paar Tage ins Krankenhaus, weil sie die Pillen verändern. Dort bleibt er allein in dem großen Weiß, Mama muss nach Hause, sonst passt niemand auf den Sonnenschein auf.
Die Krankenschwestern sind ganz okay, aber der große Junge in seinem Zimmer funkelt ihn gefährlich an. Beim Mittagessen schubst er Alex, dass der Apfelsaft auf seine Hose läuft. Wie Pisse sieht das aus. Da schreit Alex und haut das Tablett durch die Kantine. Mama klingt am Telefon bedrückt. Er verspricht ihr, auch Sachen nicht mehr wehzutun. Auch nicht mit Worten. Dann muss er ein bisschen ins Kissen heulen. Der Große lacht ihn aus. Die Wut wird ein glatter heißer Stein in Alex’ Hals.
Als er wieder zu Hause ist, bringt ihn die Mutter in einen neuen Hort. Da soll er endlich Freunde finden. Die Tanten da sind Männer, und es gibt nur Jungs. Die sind alle so laut wie er, aber stärker. Alex zieht den Kopf ein und wartet. Beim Sport ist er ganz gut, die Männertanten loben ihn oft. Er hat ein bisschen Angst, dass einfach kein Freund für ihn übrig bleibt.

Alex’ Herbst wird unbunt. Die Tante hat erreicht, dass er dreimal in der Woche Nachhilfe und Busfahrkarten bekommt. Busfahren findet er super. Die großen Schaumstoffbuchstaben, die Sprechübungen und das Abmalen gehen so. Aber er legt sich ins Zeug. Mama weint oft in letzter Zeit. Und er hat sich nachts wieder eingemacht. Den ganzen Tag schämt er sich. Die Ringe unter seinen Augen werden grau. Er sieht älter aus als neun, obwohl die meisten seiner Klassenkameraden einen Kopf größer sind.

Alex’ Zeugnis rückt näher. Für die Mutter will er alles tun. Aber die Gedanken huschen immer so schnell weiter, wenn er am Tisch sitzt, und die Beine kribbeln. Mama telefoniert im Flur. Sie sagt etwas komisches, zweimal. „I-Kuh einhundertzwanzig“. Hundertzwanzig ist er mal mit dem Vater des Sonnenscheins im Auto gefahren. Das war wie Schreien und Fliegen und ganz still dabei sein. Sonnenpapa ist fort. Jetzt muss er sich schnell eine Kuh vorstellen, die lauter Is und is auf einer Wiese frisst. Die mit Punkten schmecken süßer. Ein Glucksen schlüpft aus seiner Brust.
Alex schaut wieder auf die Hausaufgaben. Wie Knäuel aus Spinnenbeinen sehen seine Worte aus. Eine tiefe Falte teilt seine Stirn. Er kämpft um sein Leben. Zappelt im Netz.

Alex weiß es noch nicht. Aber die Maschen sind zu groß.

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Kommentare

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    Ich fand es gut so. Vor allem, weil er unheimlich viel Ärger in sich herumträgt und dieser Ärger sich typischerweise gern durch Handgreiflichkeiten oder eben Kraftausdrücke sein Ventil sucht. Wut hat Wucht. "Alte" drückt diese Wu(ch)t nicht so gut aus wie das F-Wort. Deshalb finde, ich "Fotze" hat an der Stelle einfach besser gepasst. Weißt, wie ich meine? Der Leser hätte Alex trotzdem nicht verurteilt, wenn er den Text zu Ende gelesen hätte. Ich trauer ein bisschen um das F-Wort :)

    02.10.2008, 10:50 von Zio
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    Ach scheisse, musstest du das F-Wort aus dem Header nehmen? Gestern wars noch da... Wurdest du zur Zensur gezwungen? Schade, das ging mit einem so schönen WUMMS los.

    02.10.2008, 01:15 von Zio
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      @Zio najaaa, wollte nicht unbedingt so fokussieren auf "alex ist ein arschloch". und außerdem hat das so was von: lest diesen text, im ersten satz steht fotze!
      muss ja nich immer...

      02.10.2008, 01:18 von sophietrauer
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    Wow, erstaunlich, wie du es schaffst, dich in den Kleinen hineinzuversetzen.
    Das hat mich echt beeindruckt.

    Nur einen kleinen Kritikpunkt hab ich, nämlich dass du Alex an manchen Stellen etwas sehr kindlich dargestellt hast, ich meine das vor allem im Bezug auf die Benutzung des Wortes "Tanten".
    Ich halte es nich für sehr authentisch, dass ein Junge mit 9 noch so redet, bzw. denkt.

    Ansonsten, ein super gelungener Text, der zwar nicht unbedingt meinen Geschmack, aber auf jeden Fall den Kern der Zeit mitten ins Schwarze trifft.

    01.10.2008, 23:03 von ChloroPhyl
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      @ChloroPhyl danke für den hinweis. nee, natürlich spricht ein alex die ladys nicht mit tante an. siehe vorspnn. ich hatte das eher als abwertendes wort gemeint, aber es ist wohl sehr missverständlich. naja - jetzt bleibt's so.

      01.10.2008, 23:09 von sophietrauer
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    Ich bin beeindruckt, ja, beeindruckt, trotz der komischen, manchmal schiefen Bilder oder gerade deswegen? Ich mag Alex und verbeuge mich tief und ziehe die imaginäre Mütze vor seiner Mutter!

    01.10.2008, 22:33 von Brainfucker
    • 0

      @Brainfucker so ist's recht. nur leider kriegt er davon auch keine chance mehr.
      grüße, sophie

      01.10.2008, 22:35 von sophietrauer
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  • 0

    Mein Gott, schreibst du gut.
    "...sein Gezappel brennt wie Cayennepfeffer in den Augen."
    Ich verbeuge mich!

    30.09.2008, 21:40 von Zio
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    Eine schöne Art und Weise.

    30.09.2008, 21:05 von M_Kleemann
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      @[Benutzer gelöscht] kalter kaffee schreibt dativ und ich gucke irritiert. seine mutter nimmt ihn am arm...

      30.09.2008, 18:56 von sophietrauer
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