Ach, Anna
"Aus dir hätte doch was Gutes werden können", sagten die Dorfbewohner. Annas Träume aber sahen anders aus.
Anna ist hübsch.
Sie weiß das. Es gehört zu den wenigen Dingen, die sie im Moment mit Sicherheit weiß. Sie betrachtet sich im Spiegel ihres kleinen Autos und streicht sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Groß, blond, schlank, grüne Augen, und wenn es sein muss ein strahlendes Lächeln. "Die beste Partie, die hier jemand machen kann."
Der drohende Unterton, der in solchen Aussagen der Mutter mitschwang, war ihr nie entgangen. "Verkauf´ dich nicht unter deinem Wert".
Annas Wert war gekoppelt mit dem Ansehen ihrer alteingesessenen Familie. Der Vater lange Zeit Bürgermeister, die Mutter eher glanzlos, Hausfrau, mit der Aufzucht ihrer drei hübschen Mädels lange Zeit ausgelastet. Stolz der Eltern zu sein: für Anna kein Problem. Das Abi hatte sie nun in der Tasche, zwar nur als Zweitbeste, aber immerhin als bestes Mädchen.
Lehrerin werden. Ein sicherer Beruf, mit Kinderwünschen und gesicherter Zukunft vereinbar, für die Omas leicht fassbar, die Studienzeit überschaubar, für die Eltern schon längst klar. Im kleinen Dorf, die besten Chancen. "Die Anna, über die lässt sich nichts sagen, gutes Mädel".
Annas Träume sehen anders aus, aber bisher hatte sie noch keinen Anlass gesehen, den Eltern mit diesen Wünschen gegenüberzutreten. Großstadt. Kunst studieren, das wusste sie schon lange. In eine WG ziehen und das Leben kennen lernen. Vielleicht aber erst mal was "Richtiges" studieren und dann - langsam raus aus diesem Leben, was riskieren, endlich mal mutig sein. Aber eigentlich ...Quatsch.
Annas Blick ruhte nun starr in der Dunkelheit. Der alte Steinbruch außerhalb ihres Dorfes übte schon seit ihrer Kindheit Anziehungskraft auf sie aus. Als Kinder hatten sie hier gespielt, als Teenager mit Alkohol und dem anderen Geschlecht experimentiert. Anna war nie an die Grenzen gegangen, das hatte sie gar nicht nötig. Dachte sie jedenfalls.
Als die Abifeier ausklingt, ist es erst Mitternacht. Die Clique beschließt nach München zu fahren, um die kommende Freiheit gebührend zu feiern. Anna sitzt auf dem Rücksitz, schließt die Augen, fühlt sich frei. Komme was wolle.
Der kleine Club ist überfüllt, Musik laut, alle tanzen, trinken. Anna mittendrin. Sie fühlt sich so gut wie schon lange nicht mehr, zieht ihr Shirt aus, tanzt in engem Top, wird angetanzt, schließt die Augen.
"Du, wir gehen jetzt!"
Ein kurzes Blinzeln und sie erkennt das verschwitzte, missbilligende Gesicht von Sara. Der Typ schiebt demonstrativ die Hand unter ihr Top, für Anna ist klar, dass sie bleibt, eine Antwort nicht nötig. Die andern tuscheln und verziehen sich dann - scheiß drauf.
Knutschen, mit dem Taxi zu ihm, keine Erinnerung mehr, Schmerzen, am nächsten Morgen Flucht, einfach vergessen. "War ich das ?"
Zuhause geben sich die Eltern mit der "Bei Freunden übernachtet"-Lüge zufrieden, Anna ist froh, dass alles wieder in gewohnten Bahnen verläuft. Das Vergessen gelingt. Fast.
Die typischen Anzeichen hat sie lange ignoriert. Übelkeit, ein immer strammer werdender Bauch, Stimmungsschwankungen. Der Test brachte Gewissheit.
Als sie zum Arzt ging, war sie also schon auf alles vorbereitet, hatte mit ihrer Freundin Taktiken überlegt, wie sie es ihren Eltern beibringen würde, Träume begraben, aber... na ja, ein Kind ist ja auch was Schönes.
Sie war sich so sicher. Fühlte sich stark, obwohl sie wusste, dass sie den Weibern Gesprächstoff für Monate liefern würde. "Die Tochter vom Zabel, ein Kind ohne Vater!"
Scheiß drauf.
Und jetzt? "Mit dem Baby ist was" sagt der Arzt. "Was heißt das?" fragt Anna. Das heißt, dass das Kind in ihrem Bauch behindert ist. Dass es anders sein wird als die anderen Kinder. Öfter krank. Anstrengend. Langsamer lernt. Anders aussieht. Eine Belastung. Ewig abhängig.
Und vielleicht...überdurchschnittlich fröhlich, liebenswert und anhänglich.
Ein Kind mit Down Syndrom. IHR Kind mit Down Syndrom.
"Ein Mongokind hast´ dir machen lassen, das muss man mal so sagen."
"Jetzt nimmt dich keiner mehr."
"Lass es wegmachen."
"Ist dir klar, dass dieses Kind eine lebenslange Belastung sein wird? Für uns alle?"
"Ach Anna, aus dir wär´ doch was geworden"
Anna ist ausgestiegen, sie friert, das Kleid flattert ihr um die Beine.
Nur einen Schritt.
Zurück ins Auto, Rückwärtsgang rein, weg von hier.
Scheiß drauf.
Wenn mutig sein, dann jetzt.






Kommentare
Ach, irgendwie gefällt mir das sehr.
17.02.2011, 21:31 von topfbluemchenwirklich schön geschrieben und die geschichte ist echt bewegend
20.06.2009, 22:24 von LittleMissStrange007toll. unerwartete wendungen und doch so lebensnah.
24.01.2009, 16:37 von A2N2bäm! gefällt!
30.09.2008, 19:15 von Martusiatusiatusiahart. aba toll geschrieben..
25.09.2008, 09:18 von BlumenbeetDer beste Text, den ich hier je lesen durfte.
23.09.2008, 16:01 von Link17Grandios, allein des Stils wegen.
Ich finde die Geschichte richtig cool weil egal was andere sagen man soll tun was man selbst für das beste hält und man sollte immer hinter seinem Kind stehen so wie es meine Mama macht=)))
17.09.2008, 18:54 von _franz_lg Anna<3
den text find ich schön geschrieben,
17.09.2008, 18:31 von akroqueenam besten gefällt mir;
"-Zurück ins Auto, Rückwärtsgang rein, weg von hier.
Scheiß drauf.
Wenn mutig sein, dann jetzt."
großes lob
Wunderbar geschrieben.
14.09.2008, 15:06 von MissFaithfull