lavish 05.12.2009, 15:47 Uhr 24 25

Abholservice

Ein Uhr und zehn Minuten. Zwischen Zeitungen und Keksen der Kampf mit schwerfälligen Augenlidern, als sich die Leitstelle meldet. Die Party ist aus.

"Alkoholintoxikation, weiblich, fünfzehn Jahre, intubiert und beatmet," Ankunft in etwa einer Viertelstunde. Wir schwärmen aus, um den letzten freien Beatmungsplatz herzurichten, Infusionen, Überprüfung der Absaugung, Papierkram, Laborröhrchen, "Scheiße, fünfzehn?" staunt die Kollegin, deren Tochter vierzehn ist. Da schwant ihr natürlich Böses für die nahe Zukunft.

Rettungsassistenten und eine Notärztin kommen mit der Trage über den Flur gefahren, rhythmisch zischt das Beatmungsgerät, säuerlich zieht der Geruch von Erbrochenem von der Trage hinein in die Nasen, durchmischt mit einer satten Fahne von irgendetwas sehr Hochprozentigem. Laut Auskunft der Freunde liegt Mira auf der Trage, fünfzehn ist sie und was sie sich - und in welchen Mengen - hineinverholfen hat, bleibt vorerst unklar, auf jeden Fall war Wodka dabei. Mit vereinten Kräften heben wir Mira von der Trage auf das Bett, schließen sie an das Beatmungsgerät an, ziehen und schneiden ihr die vom Regen und Kotze durchtränkten Klamotten vom Körper, waschen ihr zügig das Gesicht und decken sie mit einer Wärmedecke ab, in die warme Luft gepustet wird. Mira hat eine Körpertemperatur von dreiunddreißig Grad.

Durch das Blaulicht vor dem Fenster neugierig geworden, waren die Partygäste auf die Straße gekommen und berichteten, teils hysterisch-erregt, teils lässig-lallend, man hätte Mira des Hauses verwiesen, nachdem diese schwungvoll ihren Mageninhalt auf die Auslegware des Gastgebers entleert hätte, fasst die Notärztin zusammen. Auf die Frage, warum niemand das Mädchen begleitet, sondern sie ihrem Schicksal überlassen hätte, beginnt eine heftige Schuldzuweisung innerhalb der angetrunkenen Gästeschar, die innerhalb kürzester Zeit auf eine kleine Gruppe einschmilzt, der Rest hingegen geht wütend wieder hinein, "is doch nich mein Problem, wenn die sich hier dichtzieht!"
Wer denn den Notruf ausgelöst hätte, fragt einer der Polizisten, die parallel informiert worden waren, denn natürlich ist die Notärztin nicht zu einer klinen Plauderstunde ausgerückt, sondern hat ihre liebe Not, Mira zu intubieren und sie mit einer dicken Magensonde zu versehen, damit sie bei weiterem Erbrechen nicht das ganze Zeugs in die Lunge bekommt, wobei sich ohnehin die Frage stellt, ob genau das nicht schon längst passiert ist.

"Ich," sagt zögernd ein junger Typ, "ich hab gesehen, wie die draußen umgekippt ist," und guckt beifallheischend. Daraufhin sei er mit knurrendem Unterton gefragt, warum er das Mädchen dann alleine, von oben bis unten bekotzt im Regen auf der Straße liegen gelassen habe. "Ich fand das eklig, weil die so bekotzt ist," erwidert der Typ und der Polizist sagt, dass er dieses Verhalten eklig findet und dann fährt der Krankenwagen los. Die Polizisten nehmen die Personalien auf und sprechen von "Nachspiel". Aus dem Haus hätte laut Gloria Gaynor's "I will survive" gedröhnt, sagt die Ärztin.

Mira, von zierlicher Statur und bleich, liegt unter der aufgeblasenen Decke wie ein aus dem Nest gefallenes Vöglein. Aus der Magensonde entleert sich eine grünlich-beige und sämige Flüssigkeit in den Beutel, die Notärztin sagt, dass sie keinerlei Narkosemedikamente benötgt hätte, das Mädchen wäre bar jeglicher Schutzreflexe gewesen - "zweikommafünf Promille" berichtet die Kollegin im bläulichen Schein des PC-Bildschirms, alles blau heute nacht, Mira blau, Blaulicht und jetzt das, haha, na gut, synaptische Fehlverschaltung bei extremer Müdigkeit bleibt nicht aus, da hilft auch das Adrenalin nicht viel und nun klingelt es an der Stationstür. Miras Eltern.

Die beiden betreten völlig aufgelöst die Station, gerade die Mutter ist vollkommen außer sich, "woistmeinetochterwasistpassiertogottogott!", weinend, daneben der Vater, eher still, aber mit Tränen in den Augen, als er Mira dort liegen sieht, mit all dem Geschläuch, was da aus ihrem Gesicht herausragt. Mir fällt plötzlich auf, dass sie eine wunderschöne Nase hat, als müsste ich mir die Dramatik verharmlosen, was aber nur bedingt funktioniert.

Den Eltern hatte Mira gesagt, sie wolle mit zwei Freundinnen auf einen Geburtstag und nach langem hin und her hatte sie herausgehandelt, um eins anstatt um Mitternacht nach Hause zu kommen. Von Alkoholexzessen sei ihnen, den Eltern, nichts bekannt gewesen, das sei ihnen bei Mira bisher nicht aufgefallen. Wer sie den in die Klinik gebracht hätte, fragt der Vater. Bei der Schilderung des Verlaufs stockt ihm der Atem. "Wir haben früher unsere Kumpels zu Hause vor der Haustür abgelegt und geklingelt," erzählt er. Danach sei man natürlich schnell abgehauen, wegen des zu erwartenden Donnerwetters. Aber das Mädchen einfach... eben per Handy den Krankenwagen rufen... weiterfeiern..., das versteht er nicht, die Notärztin auch nicht, alle Anwesenden verstehen es nicht.

Laut Röntgenbefund hat Mira kein Erbrochenes in die Lunge bekommen. Sie wird zunehmend wärmer und wacht nach drei Stunden unruhig und panisch auf, sie weiß nicht wo sie ist, sie weiß überhaupt gar nichts mehr, als den Beatmungsschlauch entfernen, fängt sie an zu weinen und kann gar nicht mehr damit aufhören, sie hat Angst, sie schämt sich entsetzlich, sie will nach Hause.
Ihre Eltern und ihre beste Freundin, die am Vorabend für eine Prüfung pauken wollte und deshalb nicht mit auf der Party war, holen Mira am Nachmittag ab.
"Das ist so peinlich, das mach ich nienie wieder," beteuert Mira den Kollegen.
Wir haben das schon oft gehört.

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24 Antworten

Kommentare

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    ich muss gestehen dass es mich wundert, wie hier jeder über "die Jugendlichen" redet - bin ich hier die einzige die noch dazugehört?
    ehrlich gesagt check ich auch nicht wieso der Typ angekackt wird, der den Notarzt gerufen hat und nicht der veranstalter der ihr 1) Alkohol gegeben und sie dann b) besoffen rausgeschmissen hat.
    Und Mira ist wohl auch nicht nur armes opfer, oder? abgefüllt wurde die ja wohl nicht. mit 15 konnte ich auch schon allein saufen. und ich war erwachsen genug aufzuhören, wenn ich doppelt gesehen hab oder sonstiges. Ihr Pech, wenns zur Alkoholvergiftung kommen muss.

    25.12.2009, 15:31 von DaisysLeftShoe
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    das thema ist ja wirklich tragisch und gerade weil es immer öfter passiert sollte man es auf keinen fall als normal abstempeln und so weiter allerdings fehlt mir irgendwie dein persönlicher bezug zu der sache?!bist du sani oder warst du selbst besoffen oder wie?^^

    14.12.2009, 18:23 von JoannaStarlette
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    hoppla - kaum bin ich mal vier tage nicht in der stadt und absichtlich off-line, schonkatapultiert´s mich auf die erste seite. da staune ich aber! und danke für die zahlreichen empfehlungen.
    es ist in der tat nicht zwingend, dass die bullen hinzu gerufen werden, aber wenn eine junge frau nicht ansprechbar auf der straße liegt, dann können ja auch drogen (alos andere als alk...) im spiel sein und da wissen die cops natürlich allzu gern bescheid...
    ich habe diesen text nicht als pamphlet gegen den alkohol geschrieben, ich trinke selber gerne bier und guten rotwein. aber ich finde es sinnvoll, einen solchen verlauf - wenn auch im groben - zu schildern, denn "auf der intensivstation landen" ist zu schwammig, das kann auch mal beschrieben werden. ich finde es insbesondere für junge frauen wichtig zu wissen, dass sie in einem solchen zustand schnell auch opfer sexueller übergriffe werden können, wenn sie alleine irgendwo herumliegen. mein appell wäre also als "give-away" noch: eine gute freundin pfeift auf den vollgegöbelten teppich und bringt dich nach hause, anstatt dich im regen liegen zu lassen.
    das mit dem blöden "i will survive" von gloria gaynor stimmt übrigens. ich hasse dieses stück:-D!

    10.12.2009, 16:16 von lavish
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      @lavish
      Siehste. so schlimm isse gar nicht, die S1. ;-)

      Ich find den Text und das Thema auch gut und wichtig. Man muß nicht abstinent leben, um zu wissen, daß Alkohol Scheiße anrichten kann.
      Eher ist es anders herum: Wer das weiß, kann besser 'mit' Alkohol leben.

      Vielleicht muß man dafür manche Erfahrungen machen - aber bitteschön in einem Umfeld, welches einen nicht auf der Straße liegen läßt.

      Ich finde die Formulierung "wie ein aus dem Nest gefallenes Vöglein" außerordentlich passend und symptomatisch für die heute übliche Unsolidarität.

      Bitter lächeln muß ich, wenn ich lese, daß dieses Phänomen gleich wieder für Weltbilder vereinnahmt wird, s. Romeo Flausch. Natürlich ist der Sozialstaat def. nicht automatisch eine solidarische Gesellschaft, aber das hier war sehr aus der Luft gegriffen: So widerlich ich den Sozial(isten)staat DDR finde: ich denke, besoffene 15jährige Mädchen lagen dort weniger auf der Straße, schließlich gab's dort nen ABV... ;-)

      Zu guter Letzt: "I will survive" ist nur von Cake gespielt richtig lecker. ;-D

      10.12.2009, 17:04 von LudwigMartin
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    passiert.
    mehr fällt mir dazu nicht ein.
    wie oft ist es in jungen jahren ziel, sich möglichst bis zum anschlag voll zu saufen, wie oft hat man betrunkene, vor ein paar stunden noch durchaus zurechnungsfähige freunde nach hause geschleppt, ist an bekotzten vorbei gegangen, hat selbst schwankender weise auf dem boden gelegen.
    ich hätte verstehen können, hättest du angewidert den zeigefinger erhoben, weil das alles zu deinem schaden geschieht, aber die tatsache der komasauferei an sich, folgt einer ähnlich überraschenden, neuartigen entwicklung wie das schule schwänzen.

    10.12.2009, 02:31 von A2N2
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    Als Mitarbeiterin in einem weltweit tätigen Wohlfahrtsverband höre ich solche Geschichten leider öfter. Unsere Rettungssanitäter sowie unsere Mitarbeiter bei diversen Sanitätseinsätzen erzählen leider des Öfteren von sehr jungen Menschen in ähnlichen Situationen. Tendenz steigend. Deshalb finde ich es schön, einmal einen Text aus dieser Sichtweise zu lesen, der beschreibt, wie solch eine Situation von Seiten der Einsatzkräfte beschreibt. Der Ablauf ist in meinen Augen treffend und realistisch beschrieben. Mir gefällts.

    09.12.2009, 11:34 von Irony
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    Als Mitarbeiterin in einem weltweit tätigen Wohlfahrtsverband höre ich solche Geschichten leider öfter. Unsere Rettungssanitäter sowie unsere Mitarbeiter bei diversen Sanitätseinsätzen erzählen leider des Öfteren von sehr jungen Menschen in ähnlichen Situationen. Tendenz steigend. Deshalb finde ich es schön, einmal einen Text aus dieser Sichtweise zu lesen, der beschreibt, wie solch eine Situation von Seiten der Einsatzkräfte beschreibt. Der Ablauf ist in meinen Augen treffend und realistisch beschrieben. Mir gefällts.

    09.12.2009, 11:33 von Irony
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    hihihi...mal so quergelesen sind die reaktionen so niedlich unbedarft, wie ich feststellen darf.

    ich find den text noch nichtmal doll :). nicht, weil er schlecht geschrieben wäre, oder so...aber es ist irgendwie halt kein sonderlicher aufreger, wenn man in dem bereich irgendwie arbeitet.
    denn das passiert häufiger. die "minderschweren fälle"...(also die leute, die mit 2irgendwas promill noch nicht ihre eigene kotze in der lunge haben oder mal beschliessen weniger zu schnaufen)...sind allwochenendliches nachtwerk, wo gefeiert wird. von 00:00 bis ~5:00 ist dann halt weingeisterstunde.

    08.12.2009, 22:52 von derHerrMitDemPixel
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    bisschen Angst macht mir der Text aber irgendwie schon. ich bin grade in der RettSan-Ausbildung um danach Medizin zu studieren und solche Situationen sind glaub ich wirklich eine Probe auf Exempel...

    08.12.2009, 22:29 von LischenHWI
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      @LischenHWI nö.
      solche nummern begegnen dir wenn du regelmäßig in der nähe von partylocations fährst auch mit entsprechender häufigkeit.

      fahr freitag/samstag nacht in nem RD-bereich, der ne größere disco oder partyzone hat und du fährst mit ziemlicher sicherheit 1-2 leute, die stationär aufgenommen werden sollten.
      immer mal wieder isses dann auch was ernster und man muss mal richtig arbeiten.

      "ne probe auf's exempel" ist sowas aber nicht.

      08.12.2009, 22:44 von derHerrMitDemPixel
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    also ich muss dazu sagen, dass ich 18 bin, noch nie in meinem leben alkohol getrunken und auch noch nie einen zug einer zigarette, geschweige denn drogen genommen habe.
    mir fehlt nichts und ich liebe mein leben!
    bin selber abiturientin, kenne solche von eskimomuc erwähnte partys aber ehrlich gesagt auch von meinen alkohol trinkenden freunden nicht.
    bei denen haben die abende aber auch nie im kh geendet...

    08.12.2009, 20:50 von LischenHWI
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