Abgefuckt
Ist es das was wir lieben? Berlin ist der Herzensbrecher der deutschen Bevölkerung. Weiß wirklich einer warum?
Am einsam an der Straßenecke stehenden, angerosteten Fotoautomat weht der halb zerrissene Vorhang durch Berliner Stadtluft; pustet uns den Touch Berliner Runtergekommenheit, Abgeranztheit, Abgefucktheit zu – das, was wir lieben an dieser Stadt, das was uns zu einem dieser kleinen handlungsunfähigen Pole macht, wenn es um Berlin geht. Positiv oder negativ geladen, wir klatschen gnadenlos an diesen pulsierenden 3,38 Millionen großen Menschenpulk. Ein undefinierbarer Mix aus Mythos, Hype, vielleicht auch nur ein durch Medien an die Spitze geputschtes Outfit dieser Stadt – um dass sich alle wie an einem Wühltisch beim Sommerschlussverkauf drängen- es nehmen, kaufen und tragen wollen. Alle wollen sie nach Berlin ziehen, aber weiß wirklich einer warum?
Neben Hip-Style-Leuten, Zottelpferdeschwanz - und Addidas-Jacken-Trägerinnen und Trägern schieben sich an diesem Wühltisch vor allem die Neu-Zugezogenen. Sie sind die prädestinierten Opfer beim Getipsel über Berlin, beim journalistischen Wettlauf, auf dessen Zielfahne die Verrücktheit und Extravaganz der Themenauswahl flattert. Was über Berlin berichtet wird, muss den neuesten Hype widerspiegeln, muss unvergleichbar sein, muss neue Problembezirke, tolle Künstler Szeneviertel, neue Clubs, Love Parade, Drogen, Exzess, modernes Theater, Multikultur thematisieren. Die mediale Masse, die produziert wird, lässt es unmöglich erscheinen, keine Form zu haben, die in unseren hübschen Köpfen existiert und in die wir diese Stadt pressen wollen. Wir werden sensibilisiert für ihre Einzigartigkeit und es scheint, als ob uns elektrische Teilchen eingeimpft werden, um uns an den Magnet Berlin zu ketten.
Vor allem Junge Leute strömen in DIE Stadt - vielleicht um der Form in ihrem Kopf nachzujagen. Sie kommen hier her, lassen etwas hinter sich für ein Studium, für einen Job eine Ausbildung, einen Neustart in der Hauptstadt. Klar ist: nicht nur der mediale Hype ist Schuld daran, dass Berlin sich vor Liebeserklärungen kaum retten kann. 140 000 Studenten allein haben 2007 den großen Schritt gemacht, ihr Leben mit ihr bzw. in ihr verbringen zu wollen. Große Vorschwärmerei haben sie durch die Medien bekommen, doch sich in die Stadt verlieben, das mussten sie noch immer selbst. Bei zwischenmenschlichen Schmetterlingsgeschichten sagt man „der hat das gewisse Etwas“ und auch Berlin, als Herzensbrecher der deutschen Bevölkerung, scheint dieses „gewisses Etwas“ zu haben.
Natürlich ist der Button „Großstadt“ das, das bei vielen Nicht-Städtlern die Endorphine auf eine Achterbahnfahrt schickt, aber da gäbe es auch Alternativen. Sieht man das Angebot einer Stadt in Liaison mit schwarz geschriebenen Zahlen, klettern Hamburg und München auf`s Siegertreppchen, denn Berlins Hauhalt schreibt Rote- und trotzdem - der Endorphinhaushalt der Zugezogenen steigt weiter an. Bei momentan ca. 60 Milliarden Euro Schulden stellt sich die Frage: Geld oder Liebe oder wie wurde aus dem abgeranzten Outfit Berlins ein Designeroutfit ohne es groß umschneidern zu müssen?
Berlin als Stadt als Ganzes zu identifizieren scheint grade zu utopisch. Die einzelnen Stadtteile haben ihren eigenen Kiez, ihre eigene aufgenähte Taschen mit facettenreichem Inhalt am Outfit Berlin. Eingesessene Berliner scheren sich meist wenig darum, was hip-style Menschen wieder kreiert haben. Und auch der Kontostand der Stadt wird nicht nur geliebt weil schicke Snacks – Karte rauf, Karte runter- durchgehend 2 Euro kosten, sondern weil`s in Berlin möglich ist, ohne Manager XY zu sein, seine Lebensunterhaltskosten weitgehend ausreichend zu bestreiten. Trotzdem – die Stadt scheint überbevölkert von Leuten die dem abgeranzten Designer-Outfit der Stadt hinterher jagen.
Sie rennen in Strömen wie kleine Lemmings sonntags zum Brunchen ins 80er Jahre Szenecafe mit versessenen, abgewetzten Sofas und nutzen anschließend die 24-Stunden-Happy-Hour beim Inder. Sie lieben die versifften Clubs, in denen Röhrenjeans Träger mit durchlöcherten Chucks die Tanzfläche bevölkern. Sie lieben Graffiti an der Wand und den nächtlichen Blick auf den Fernsehturm mit den drei beleuchteten Kränen von der Dauerbaustelle links nebenan und man weiß- wenn man in die U-Bahn steigt und der Motz Verkäufer seine Obdachlosenzeitung anbietet, dass das zugesteckten Geld meist Investition für den Sterni im Späti wird. Und man weiß, wenn man in Friedrichshain zur neuen Galerie an der Ecke läuft, dass man die Augen aufsperren sollte, um nicht in einen der unzähligen Hundehaufen zu tappen. Und man weiß, dass wenn man sich auf dem Flohmarkt ein neues Klappfahrrad kauft, am nächsten Morgen vielleicht nur noch das Schloss am Laternenpfosten baumelt. Irgendwie liebt man auch für all das diese Stadt. Gibt es einen Grund dafür? Sollte man kitschig fragen braucht Liebe Grund oder sind etwa doch die eingeimpften elektrischen Teilchen der Medien Schuld?
Auch Menschen mit fettem Portemonnaie wollen Berliner Abgeranztheit praktizieren. Sie versuchen punkig ein Stückchen Tapete abzureißen, die sie dann stolz anschauen können, wenn sie vom Bildschirm ihres Apple Computers aufblicken sollten. In Berlin zieht man meist kein Prada Kostüm an, sondern zahlt mit grünen Scheinen für Jeans mit professionell - vom Hersteller kreierten Rissen. Es geht nicht um das Tragen allgemein bekannter Labels, sondern um das Tragen des Markenzeichens der Stadt. Aus unseren Ohren quillt es heraus, aber „arm&sexy“ ist das nette Berliner-Stadt-Label und vielleicht ist genau das, das „gewisse Etwas“ Berlins. Nichts ist sicher, nichts ist fest. Manchmal verirren sich Schmetterlinge in die Bauchgegend, ohne dass man weiß woher sie geflogen kommen - so lange wir aber mit rosa Pornobrille durch Berlin laufen und alles Abgeranzte, Abgefuckte uns so unheimlich glamourös erscheint, können wir uns getrost in den verrosteten Fotoautomat setzen, den zerfetzten Vorhang zuziehen und den Moment festhalten, in dem wir dachten, dass wir in die richtige Stadt gezogen sind. Untertitel des Fotos: Berlin.



Kommentare
....für mich ist klar: entweder man liebt diese Stadt oder, eben nicht. Tja, man kann es absolut erst beurteilen wenn man hier gewohnt hat; in mehrern Stadttteilen. Ich für meinen Teil habe genug von Berlin gesehen und in verschiedenen stadtteilen gewohnt; und leider bin ich jetzt wirklich froh wenn ich diese Stadt verlassen kann. der Umzug ist schon geplant. Es ist für mich einfach eine stadt ohne Ruhepol....und kaum jemand schert sich um dich, alles sehr unpersönloch. Manche Dörfler findens ja toll in der Menge unterzugehen, der lange Weg in die Stadt rein, der abgefuckte Flair,...viele haben die Hoffnung sich selbst zu finden, in Berlin, das ist meine Erfahrung, das es der falsche Ort dafür ist,... jede Stadt hat ihre Vor-und Nachteile. Und ich bin froh wenn ich hier meine Freunde besuchen kann, und nach ein paar Tagen wieder gehen darf.
15.07.2007, 22:04 von ophelia05Ich kann ich einfach nicht mehr hören, diesen Berlin-Hype. Berlin wird einfach maßlos überschätzt.
14.07.2007, 12:10 von batemanOh ja nikola...ich finde Dein Artikel beschreibt optimal meine Sicht auf Berlin...
12.07.2007, 14:23 von RedPepper85Ich führe, seit ich dort mal für ein halbes Jahr in Friedrichshain gewohnt habe, eine echte Hassliebe zu dieser Stadt...Der Winter...grausam! Leute schlechtgelaunt, kalt *bäh*!
Der Sommer...plötzlich alle total dufte drauf. Da werden die Flohmarkt Stühle vor die Kreuzberger Kult Bar gestelllt und stundenlang Becks getrunken...Da sieht die Spree schön aus, da kommen die Touris. Dann kann mans ganz gut aushalten!
Für mich ist Berlin viel zu groß, zu verranzt und was mich am allermeisten stört, sind diese tollen avandgardistischen Menschen, die soooo anders sind als in anderen Städten....Bloß kein Mainstream, alles schräg und anders. Dabei sehen sie doch letzendlich alle gleich aus und dümpeln alle in ihren Kreuzberger Schaufenstern mit ihren I-Books an der neusten abgespacten Geschäftsidee...Null Individualismus meiner Meinung nach. Individualismus ist Trend in dieser Stadt.
Natürlich nichts gegen die Berliner Originale...die sind nämlich echt. Jedoch hat sie die zugezogene Design-Avangarde schon längst vom Prenzl-Berg verscheucht...So musste ich mir oft von jungen original Berlinern anhören wie die Wessis Berlin ruinieren (kein Spaß!)..
Ich könnte noch stundenlang über diese Stadt schreiben aber bevor es jetzt noch ausartet...Toller Artikel nikola!
Also ich bin ne echte Großstadtgöre aus dem Pott und als ich dann dieses Jahr in Berlin war und den ersten allein durch die Stadt gelaufen bin kam ich mir irgendwie vor als wenn ich von den Medien beschissen wurde: Brandenburger Tor hab ich mir zb. viel größer vorgestellt und es war dann ganz schön "klein". Ich hab mir auch nicht gedacht, dass es vom Reichstag zum Tor ein wirklich kleiner Fußmarsch ist. Aber als ich dann Abends im Hotel war und dann Nachts auf den Fernsehturm geschaut hab, war ich in die Stadt verliebt und am nächsten Tag hab ich mich dann direkt heimisch gefühlt...
11.07.2007, 13:29 von LemonLeeIch denke, dass das dran liegt das Berlin irgendwie Kult ist. Wir haben hier um die Ecke eine Currywurstbude die nur Berliner Currywurst verkauft und man hört von echt jedem "Ohhh Berlin...". Man wird praktisch dazu gerängt um einmal in die Stadt zu fahren um mitreden zu können.
Wenn ich hier durch die Stadt lauf bin ich immer wieder erstaunt wieviel Leute mit KaDeWe Taschen duch die Gegend laufen...
Klasse Text!!! Als Berliner verstehe den Hype zwar selber auch nicht, aber irgendwas muss es ja sein, was auch mich hier hält ;-) Denn ich fühle mich hier pudelwohl, wahrscheinlich gerade wegen dieser abgefucktheit.
11.07.2007, 11:40 von TheFhainerThx
Ick finde es immer wieder total bekloppt wenn leute (viele Bekannte von mir ) ausm 1000 Einwohner Dorf kommen, dann in Berlin nach Kreuzberg ziehen und dann auch nicht mehr aus diesem Alternativ"Zecken""HIP"Bezirk mehr rauskommen ...aber man kann ja sagen dann überall erzählen; ICK BIN EEN BERLINA... obwohl man noch nicht ma weiss wo Berlin PANKOW oder Berlin STEGLITZ oder oder befinden!! Schade... aber DÖRFLER bleiben Dörfler
10.07.2007, 15:42 von matzepauer