zehnmomente 09.05.2012, 21:50 Uhr 23 15

Abgang

zeitgleich hatte sie die baumkrone gegenüber im blick; mit der konkurrenz war nicht spaßen.

der drang war schrecklich groß.

nur einmal, nur ein wenig. jetzt. sie könnte unmerklich ihre rechte schwinge schaukeln lassen.nur ganz sachte würde die dazugehörige kralle mit dem nächsten pulsschlag zu lockern sein. oder den hals drehen, eine federbreite nur. vielleicht auch mit einem der augenaufschläge den schweif lockern und den steifgewordenen flugmuskeln die spannung nehmen.

 ein windhauch kam auf. er trug das köstliche aroma mit sich. sich verselbständigend sogen die kleinen atemlöcher ihres starken schnabels jedes vorbeischwebende molekül auf. sie konnte fast kaum noch widerstehen. aber das gönnte sie sich nicht. noch nicht.

warten. sie verstand sich auf die kunst des wartens bis zum geeigneten Augenblick, der sie stundenlang ausharren ließ. und beobachtete ihn.  sie hatte nicht damit gerechnet, einen wie ihn hier anzutreffen. weit ab von seiner heimat. unerklärlich, das klima bekam denen sonst nicht. offensichtlich hatte er sich damit arrangiert. in der rotte schwärmten die alten von solchen. unübertrefflich, meinten sie. langbefriedigend. selten zu gesicht zu kriegen. schon gar nicht vor die krallen. zart gebaut, dennoch extrem belastbar. zudem wäre ein unübertroffenes glücksgefühl der preis. langanhaltend. dem inneren frieden ruhe gebend. das läge am reinen blut derer.

hier boten bäume und unterholz massenweise unterschlupfmöglichkeiten. aber sie allein hatte ihn entdeckt. und sie musste ihn ganz für sich haben.  zeitgleich hatte sie die baumkrone gegenüber im blick; mit der konkurrenz war nicht spaßen.

er indes wuselte unaufhörlich durch gebüsch und halme. ächzend schleppte er zweige, moos und steinchen in eine höhle. von zeit zu zeit blieb er abruppt stehen und richtete sich kurz auf, um ängstlich in die runde zu blicken. riesige uralte mammutbäume standen unerschütterlich fest. einen lauen wind und übliche insektengeräusche des sandbodens nahm er wahr. nur vertraute gerüche. kein grund zur flucht.

es gab momente, da schien er zu vergessen, dass er gar nicht allein war und von überall her gefahren lauerten. immer dann, wenn er ein leergewordenes schneckenhaus fand. dann entwich ihm ein schnalzen. blitzschnell warf er es in sein mäulchen und zerknirschte es, dass es nur so staubte. davon gab es hier reichlich. auch, wenn eine wundervoll knorrige baumwurzel trocken und hartgeworden sich als höhlentarnung vor dieselbige zerren ließ. dann schien sich sein buschiger schwanz unkontrolliert zusammenzuziehen. wohl schon in vorausahnung des heimeligen gefühls für seine neu eingerichtete wohnstatt. sah sein kleiner kopf mit den angelegten ohrmuscheln dann nicht sogar komisch aus?

über ihr großes glänzendes augengelb huschte ein leuchtpünktchen gleich einem lächeln. gierig entging ihr kein einziger seiner atemzüge. fleischeslust stieg in ihr auf. sie zwang sich, jeden moment auszukosten.

seine angewohnheit, abwechselnd eines der wirklich winzigen ohren in die ihm blickabgewandte richtung zu drehen, empfand sie als amüsant. diese aufmerksamkeitsgebärde wäre ihm keineswegs hilfreich. vor erregung war sie nur noch mit größter mühe in der lage, sein freudvolles fiepen zu ertragen, das er soeben ausgetoßen hatte.

endlich. er hatte tatsächlich fast jegliche scheu abgelegt und sich mit einer großen heuschrecke auf einen der seltenen kleinen sandhügel zurückgezogen. auf die kurzen hinterbeine gehockt und mit geschlossenen augen machte er sich hörbar schmatzend daran zu schaffen. es war eine von den lavendelfarbigen. besonders groß und schwer für seinen kleinen körper.

das rascheln der gigantischen blätter über ihm, schien ihn nicht im geringsten zu erschrecken. ein blätterdach teilte sich, als sie sich kraftvoll abstieß. und fast hätte sie ihre scharfen krallen nicht lösen können. aber ihr körper war geübt. auf ihn war verlass. der rausch regierte ihn. ihre sinne waren einzig und allein dem bevorstehenden mahl gewidmet. im luftwirbel ihrer mächtigen schwingen verließ sie den riesigen ast. 

etwas riss ihn in die luft. seine pfoten gehorchten nicht mehr. bedauernd ließ er die noch nicht vollständig entleerte hülle des kadavers fallen. als er seinen kopf zur seite drehte, sah er sein eigenes blut durch die luft tröpfeln. wunderschöne kreisrunde tropfen, groß wie himbeeren, die in der aufgehenden sonne hellrot leuchteten. warum spüre ich keinen schmerz, wollte er fragen. es wurde schwarz.

das letzte urzeiterdhörnchen der kreidezeit hauchte sein leben aus.

 

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23 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich habe über meine eigenen Gedanken nach dem Ende lachen müssen. In Deine Geschichte eintauchend, in den besonderen Ausschmückungen und Begrifflichkeiten dachte ich zuerst, dass Du jemand bist, der Kindern sicherlich in den Bann ziehen würdest, würdest Du ihn Geschichten vorlesen. Nach dem doch überraschenden Ende und dem Tod des Urzeiterdhörnchens schloss ich meine Gedanken damit ab, vielleicht auch nicht, sofern es eine solche Geschichte wie diese ist ;-)) 

    31.08.2012, 22:31 von blueRiver
    • 1

      grins. danke.
      und doch: ich bin eine märchenerzählerin. unter anderem.
      und vorleserin..aber differenziere selbstverständlich, des zuhöreralters wegen;)


      01.09.2012, 09:12 von zehnmomente
    • 1

      ehrlich? dann waren meine gedanken auf dem richtigen weg, das freut mich;-) wobei, viele märchen von den g. grimm sind auch nicht ohne...märchen aus "1000undEineNacht" mag ich am liebsten. welche magst du am liebsten?

      01.09.2012, 09:18 von blueRiver
    • 1

      (oh, die nachricht hierüber blieb aus...)

      ich liebe die grimms, aber auch persische und zigeunermärchen!
      große bücher haben wir zu hause...ausgaben mit zarten und auch kräftigen illustrationen.

      und mein absoluter favorit ist "der blaue vogel" von maurice maeterlinck:)


      23.09.2012, 19:56 von zehnmomente
    • 1

      Wobei die schon nicht ohne sind die Märchen von den Gebrüder Grimm, mal aus der Ferne betrachtet...

      23.09.2012, 20:03 von blueRiver
    • 0

      asu der frene, damit meinste aus der erwachsenensicht?
      :D
      jep. grausam, scheusslich, sadistisch, pädophil, kannibalisch...
      aber kinder brauchen das. um sich zu üben im unterscheidenlernen, um zu lernen, gefahren zu erahnen...

      23.09.2012, 20:07 von zehnmomente
    • 0

      hinterherwerf fehlerausmerzer. scheiß tastatur heute;(

      23.09.2012, 20:07 von zehnmomente
    • 0

      welches märchen hast du gelesen, welches ich nicht gelesen habe?^^ welches war zum thema pädophil und kannibalisch? bin gerade sehr überfragt (:

      24.09.2012, 13:48 von blueRiver
    • 0

      :D
      bei hänsel und gretel, die alte hexe futtert kinder...
      bei den zigeunern gibs den zigeunerkönig, der hat immer blutjunge mädchen im haus....



      24.09.2012, 13:53 von zehnmomente
    • 0

      ah, stimmt

      hänsel und gretel,

      das andere kenne ich nicht.

      24.09.2012, 13:54 von blueRiver
    • 0

      gibt n haufen mehr...wir sind bloß seit unserem 6. lebensjahr schon abgebrüht, denke ich;)

      24.09.2012, 13:56 von zehnmomente
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  • 3

    Ich mag den Text.


    Passt nicht, aber ich musste sofort in meiner Datenbank blättern. -->


    Eine Frau ist der einzige Greifvogel, der seine Krallen mit Warnfarbe bestreicht. Man kann von glück sagen, dass eine Frau auch der einzige Greifvogel ist, der keine Flügel hat.  (Karlheinz Lörner)

    11.05.2012, 10:17 von jetsam
    • 0

      Jep, was wir Weibchen zum Greifen bekommen, das krallen wir erstmal fest....;)

      12.05.2012, 06:27 von zehnmomente
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  • 1

    Ich mag's, schöne Perspektive, und eine gute Idee die sehr gut umgesetzt wurde. Die kleine Schrift stört mich weniger, hauptsache Absätze :)

    10.05.2012, 23:55 von LeyluraLegbreaker
    • 0

      Das freut mich.
      Ist es tatsächlich so, dass nur kleine Buchstaben trotzdem den Inhalt vermitteln können?

      12.05.2012, 06:27 von zehnmomente
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  • 1

    ich mag den text  sehr,  obwohl er keine grossbuchstaben besitzt.  in fast allen sprachen ist das so, mit ausnahmen.


    Abgang  hiess die ueberschrift.

    ja, ich hatte auch schon mal einen.  allerdings habe ich es ueberlebt.

    10.05.2012, 23:13 von steam
    • 0

      Es kommt auf den Abgang an, denke ich,)
      Meinen überlebte ich auch.

      12.05.2012, 06:26 von zehnmomente
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  • 3

    Ich mag Texte nicht lesen, die keine Großbuchstaben haben.

    10.05.2012, 00:13 von forst
    • 1

      hihi... die Mission geht weiter :) Ich weiß aber von zehnmomente, dass sie auch Großbuchstaben kann, von daher war dies sicher nur ein lyrisches Experiment, oder?

      10.05.2012, 06:56 von Mrs.McH
    • 0

      Ich hatte noch ein paar Großbuchstaben übrig, die ein anderer auch nicht brauchte... die habe ich eingestreut und dann gelesen... und fand es sehr schön... Und beeindruckend, da ICH niemals die Geduld hätte solche Dinge SO zu beschreiben :) Feine Geschichte.

      10.05.2012, 07:04 von Mrs.McH
    • 1

      Haste fein erkannt.
      Es ist einfach eine Erziehungssache und Gewöhnung, mit der Schrift.
      In den letzten Monaten fand ich mich berufsbedingt selbst beim Lesen von nur kleinbuchstabigen Texten wieder. Und das tat dem Inhalt in keinster Weise schlecht.
      Wollt ich also auch mal mehr als in den Kommentaren ausexperimentieren....
      Danke für deine Kommentare:))




      12.05.2012, 06:25 von zehnmomente
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