Rebecca_Sandbichler 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 0

Aberglaube in Afrika

»Reiß mir ein Auge aus!«

Im Zuge der diesjährigen Fußball-WM in Südafrika könnten die angereisten Mannschaften vermehrt Opfer von außergewöhnlich unsportlichem Verhalten werden. Nicht, weil die Spieler aus Ghana, Nigeria oder Südafrika besonders fiese Fouls anwenden. Nein, viel eher, weil sie ihre Gegner womöglich verhexen könnten. Denn der Aberglaube hat in Afrika auch im Sport eine hohe Bedeutung. Der Dokumentarfilmer und Autor Oliver Becker sprach für seine Recherchen mit Spielern, Trainern und Vertretern des afrikanischen Fußballverbands und erfuhr von haarsträubenden Ritualen: Da werden ganze Kühe im Strafraum des Gegners vergraben oder jungen Profi-Fußballern von selbsternannten Wunderheilern die Füße mit frischem Hühnerblut eingerieben. Viele Mannschaften sind tagsüber außerdem zu müde um zu trainieren, weil sie sich nachts mit Voodo-Priestern auf Friedhöfen herumtreiben.

Geschichten wie diese eignen sich als amüsante Anekdoten am Buffet eines internationalen Ethnologen-Kongresses und erscheinen vordergründig harmlos. Doch der Zusammenhang, in dem sie stehen, ist viel zu ernst, um darüber zu lachen. Die Macht der Wunderheiler reicht viel weiter als bis zum Endergebnis eines Fußballspieles – ihre Ratschläge bringen abergläubische Afrikaner dazu, Albinos zu verstümmeln, Menschen zu häuten oder Frauen als Hexen zu verfolgen und zu töten. Mehr als 5.000 Frauen seien innerhalb von vier Jahren auf Grund von Hexenglauben ermordet worden, erklärte das tansanische Familienministerium Ende der Neunziger Jahre. Dabei gilt Tansania als verhältnismäßig weit entwickeltes Land.

Schon fünfzehn Jahre lang erforscht der Schweizer Ethnologe und Wissenschaftsjournalist David Signer die Auswüchse des Okkultismus in Afrika. Er stellte fest, dass sich der Aberglaube durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Denn selbst gebildete Afrikaner würden zwischen Ereignissen Zusammenhänge herstellen, die rational betrachtet nicht in Verbindung stehen können. Stirbt plötzlich ein geliebtes Familienmitglied oder gerät die Karriere ins Stocken, liegt das nach Meinung der Betroffenen nicht an schlechter Gesundheitsvorsorge oder dem eigenen Alkoholismus: Man kann sicher sein, dass ein böser Zauber im Spiel ist. Und dagegen hilft nur ein "Anti-Hexer", ein Wunderheiler. Fast zwei Drittel der Bevölkerung hätten schon einmal die Hilfe eines solchen Meisters angenommen, besagt eine Studie der Universität von Daressalam, dem Regierungssitz Tansanias.
Die Mittel der Magier werden immer drastischer, denn ihr Ruf und ihr Einkommen hängen davon ab, immer größere Opfer und immer kompliziertere Rituale zu erfinden. Für den Sieg bei einer Bürgermeisterwahl reicht es eben nicht aus, sich mit Hühnerblut einzuschmieren oder ein besonders fettes Schaf zu schlachten. Es müssen gefährlichere, brutalere Methoden her.

Signer vertritt die provokante These, dass die hartnäckige Verbreitung des Okkultismus den ganzen Kontinent am Fortkommen hindere und dass unter anderem darum Milliarden an Entwicklungshilfe bisher fast ergebnislos in den Problemzonen Afrikas versickert seien. Glück und Erfolg könne man sich dort nämlich nur als Ergebnis von besonders wirkungsvoller Magie erklären. Wer es zu etwas bringe und seinen vermeintlichen Reichtum nicht mit der ausufernden Verwandtschaft teile, müsse damit rechnen, vom eigenen Fleisch und Blut verflucht und verfolgt zu werden. Hexerei und Aberglaube seien das Ergebnis von Missgunst und Neid, die ganze Dörfer durchdringen, sagt Signer.

Ein Witz, der in vielen afrikanischen Ländern gerne erzählt wird, scheint dem Ethnologen Recht zu geben: Einem armen Bauern erscheint ein guter Geist. „Einen Wunsch hast du frei“, sagt der Geist „und alles, was du dir wünscht, bekommt auch dein Nachbar, und zwar doppelt.“ Der Bauer überlegt eine Weile, schließlich weiß er, was er will: „Reiß mir ein Auge aus.“

6 Antworten

Kommentare

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    Ich bräuchte wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema, bzw. zu Albinos in Afrika...
    Kann mir jemand weiterhelfen?

    27.01.2010, 14:08 von annamirl42
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      @annamirl42 Schöner Artikel, ich war vor 2 Jahren in Afrika und hab das Land 2 Monate lang bereist. Teilweise sind die Kondionen dort nur schwer mit den unsrigen zu vergleichen.

      Auf Amazon hab ich damals ein interessantes Buch zm Thema gefunden, bin aber nicht mehr sicher wie es heisst.

      18.04.2011, 12:27 von lisaschmid
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    Aberglaube ist etwas Schlimmes ... und wenn wir in Deutschland mal 200 – 400 Jahre zurückgehen, dürfen wir uns gerne an die eigenen Nase fassen, was für Aberglaube unter dem Deckmantel des Christentums praktiziert wurde. Beispielsweise die Anekdote, wo ein Priester Stecknadeln als Werkzeuge des Teufels verurteilt .... diejenigen, die sie benutzen, müssen Hexen sein. Und anderen horrenden Unsinn .. beispielsweise dass breite, gefahrlos zu begehende Wege geradewegs in die Hölle führen. Tja, und von Hexenverbrennungen ganz zu schweigen....
    Im Gegensatz zum christlichen Aberglauben, der meiner Meinung nach überwiegend aus Dummheit, aber zu großen Teilen auch aus taktischen Gründen (man halte das Volk in Angst und Schrecken und Armut, verspreche ihnen nach dem Tod dafür das Himmelreich, für das sie Entritt in barer Münze an die Kirche zahlen müssen), scheint der afrikanische Aberglaube mehr eine Art Geister- und Naturglaube zu sein. Geister, die die Lebenden ständig beeinflussen, Geister, die man manipulieren kann, deren Gunst man sich durch allerlei Humbug und auch mit barer Münze für einen .... hm, Geisterkundigen ? ... erkaufen kann.
    Natürlich verurteile ich das.
    Aber gleichzeitig frage ich mich: Was hätte ich denn einem Afrikaner in Sachen geistiges Leben anzubieten ? Logik und Vernunft ? Ist zu wenig. Christlichen Glauben, dem ich selber anhänge ? Äh, wie war das mit missionieren, der Überheblichkeit im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein, etc. ? Nee missionieren – nicht mit mir. Was bleibt noch ? Irgendeine Religion ? Nee, geht nicht.
    Angebote in Sachen geistiges Leben können (meiner Meinung nach) nur dann gemacht werden, wenn eine Nachfrage besteht. Und selbst dann denke ich, dass es andere gibt, die dieses Angebot besser machen können als ich.
    Allerdings bin ich eingebildet genug, um zu hoffen, dass die WM ohne eingegrabene Kühe und anderen (Verzeihung:) Blödsinn stattfinden wird. Vermeiden kann man den abergläubigen Zirkus Drumherum nicht, aber Stadion und Spielplatz sollten doch frei von vergrabenen Kadavern oder irgendwelchen Fetischen sein.
    Ja, ich lehne alles ab, was im Rahmen des Aberglaubens an (Menschenrechts)verletzungen und Tierquälerei zu tun hat, oder auch an sonstigem Tamtam stattfindet, mit dem Ziel, irgendjemandem zu schaden. Alles andere soll mir egal sein.

    15.01.2010, 10:07 von Cyro
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    Der Begriff des Aberglaubens sollte eigentlich nicht aus einer gebildeten Feder kommen.

    Glaube ist Glaube. Und ich will mal kurz ins Bewußtsein rufen, dass auch der Glaube an die wissenschaften bei vielen Menschen nur ein Glaube ist - sie können die meisten Zusammenhänge nicht prüfen - und müssen sie glauben. Im übrigen auch Wissenschaftler.

    Insofern stößt mir der Begriff immer sauer auf, weil er impliziert, dass man entweder _seinen_ Glauben als den allgemeingültigen betrachtet (was dumm ist) oder über die Thematik nicht reflektiert hat (was nicht viel besser ist).

    Ich streite nicht ab, dass durch den sog. Okkultismus (der evtl. nur deren Glauben ist. Ich kenne mich dazu zu wenig aus) Menschen leiden müssen und mussten. Das ist das einzige Argument gegen eine solche Geistes/Seelenhaltung.

    Aber ich wil nicht wissen, wieviele Menschen schon durch Fehlleitungen der modernen Medizin zu schaden gekommen sind und wieviele Menschen durch die Fehler des Christentums und später der aufkklärerischen Bewegung haben leiden müssen.

    Ich find die Sichtweise etwas eingeengt.

    15.01.2010, 09:43 von quatzat
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      @quatzat Hm, ich hätte deinen Kommentar wirklich vorher lesen sollen ... denn ich stimme zu.
      So aber bin ich überführt .. auch wenn ich der christlichen Kirche praktizierten Aberglauben unterstelle (bzw. überzeugt davon bin, und das als Christ) gibt es doch Dinge, die ich als Aberglaube titulieren will. Aberglaube bedeutet ja so etwas wie Irrglaube, falscher Glaube, was impliziert, den richtigen Glauben zu kennen. Was aber nicht automatisch bedeutet, intolerant werden zu müssen gegenüber anderen Religionen oder sich sonstwie daneben zu benehmen.

      Trotzdem ... kurz und bündig mag ich zu Deinem Kommentar sagen: Ertappt

      15.01.2010, 10:18 von Cyro
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      @Cyro
      Fazit: "Aberglaube" nur als Begriff innerhalb eines Glaubenssystems?

      15.01.2010, 15:57 von LudwigMartin
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      @LudwigMartin Wenn man die Verweigerung des Glaubens in Sinne von Religion auch als Glaube, (nämlich den Glauben, das jeglicher Glaube an Gott oder an wen auch immer andere Religionen glauben, Unfug ist), interpretiert, dann ja.

      18.01.2010, 14:31 von Cyro
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      @Cyro
      Atheismus (z.B.) ist ein Glaube, wenn man "Glaube" als Weltbild definiert.

      Atheismus ist aber kein "Glaube" im Sinne von Bekenntnis, denn ein Bekenntnis bedeutet, Lebensrichtlinien aus einer vom Menschen unabhängigen Instanz abzuleiten. Ein konsequenter Atheismus negiert aber jegliche "göttliche" Instanz.

      Aber Aberglaube gibt es sicher in jedem Weltbild. Und gerade der Atheismus mit seiner Areligiösität bietet großen Nährboden für Inkonsequenzen aufgrund von religiösen Bedürfnissen.

      19.01.2010, 15:13 von LudwigMartin
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    Hm. Aha. Interessantes Thema. Und wie ist deine Meinung dazu, Rebecca?

    Mit Glauben hab ich so generell meine Schwieirkeiten. Egal ob man aus diesem Grund Kühe vergräbt, Kriege anzettelt oder Flugzeuge in Hochhäuser lenkt. An irrationale Dinge zu glauben ist... irrational.

    14.01.2010, 17:05 von coronaria
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      @coronaria An Götter zu glauben welche über Allem stehen ist irrational ! ...
      Meiner Meinung nach ist Liebe auch verdammt irrational ... d.h. du glaubst nicht an die Liebe ?

      17.01.2010, 18:51 von Domsen
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    Kennt der Niebel diese Thesen schon?

    14.01.2010, 15:54 von LudwigMartin
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    "Da werden ganze Kühe im Strafraum des Gegners vergraben " <-- wie soll das gehen, wenn nach der Halbzeit die Platzhälften gewechselt werden? Dann hat man die Kühe ja im eigenen Strafraum liegen ?!

    14.01.2010, 14:09 von Tanea
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