Aber ich bin individuell, ganz bestimmt!
Wir wären ´ne klasse Masse
Natürlich, wir sind alle anders und individuell. Rein logisch wissen wir das, die Genetik hat uns dazu gemacht. Warum nur betonen wir das heut so oft es geht in unseren Selbstprofilen? Wir gehen unter in Zeiten der Massen. Massenkommunikation, Massenmedien, Massenabfertigung, Massenware, Massenvernichtung … Wer gilt noch als individuell, wenn er aus dem fahrenden Zug steigt und seinem eigenen Ding nachgeht? Wer das tut ist nicht individuell. Der ist merkwürdig oder wahnsinnig. „Ohne Abschluss bist du immer nur Hilfsarbeiter“, schimpfte die Mutter auf meinen Freund ein. Der ist nicht am Studium selbst gescheitert, sondern an der Ursache, das Gefühl gehabt zu haben, allein gelassen worden zu sein. Schon damals saß er in der Schule, wenn er da saß, und fragte sich, aus welchem Grund er das nun tat. Ihm war langweilig, weil er den Stoff doch irgendwie schon konnte. Unterfordert. Aber wem fiel das auf in seiner Masse … pardon … Klasse. Kommt Schulklasse eigentlich von Masse? Für mich suggeriert das Wort „Klasse“ noch immer Qualität.
Wir wollen individuell sein, um aufzufallen, um etwas Besonderes zu sein. „Hallo, hallo!“ Da hüpft einer ganz hoch in der vollbesetzten Konzerthalle. Das kriegt nur keiner mit, denn daneben sind weitere zigtausend damit beschäftigt zu hüpfen und gesehen zu werden. Nicht so einfach permanent „zu springen“, wenn einer ruft. Da vorne auf dem Podest hüpft nämlich noch ein Individueller. Achso, der da hat´s geschafft. Respekt, gute Leistung. „Der ist so anders, so will ich auch sein. Dann bin ich auch individuell.“ Und schwubs, man denkt, man sei anders und ist doch so gleich. Die zigtausend daneben hatten nämlich die gleiche Idee.
Woher kommt denn dieser Vorbildcharakter? Aus dem, was Produkte versprechen und Stellenbewerber mitbringen müssen: Innovation, Kreativität und Einzigartigkeit. Wem nützt da das 30ste neueste Waschpulver oder ein Eingeladener im Vorstellungskampf, der aussieht und aussagt wie sein Vorgänger. Man sei doch „irgendwie anders“. Mann solle doch glauben! Auf Knien bettelnd.
Nur wie finden wir das heraus? Wie viel anders sind wir, oder könnten wir sein, wenn wir wir wären? Wir sitzen Seit an Seit im Audimax und kritzeln hie und da ein paar brillante Bleistiftstriche daher. „Ihr braucht gute Noten, sonst ist euer Leben versaut.“ Denn unser Abschluss ist unser Leben. Auf den ersten Blick. Also werfen wir die Skizzen weg und konzentrieren uns auf die Lerninhalte, selbstverständlich in Schönschrift geschwungen, fein detailliert und farblich abgestimmt. Hauptsache rein damit in den Kopf, um zur Prüfung zu beweisen, was man schon alles kann – Alles, was die anderen um einen herum auch können. Genau das Gleiche. Klasse gemacht! … Oder Masse gemacht?






Kommentare
Und jetzt im Chor: Wir sind alle individuell!
03.12.2009, 17:46 von Seifenblasen.im.KopfGuter, wahrer Text.
@Seifenblasen.im.Kopf Ps. genau für dieses vond der banane erwähnte zitat gibts auch von mir ne empfehlung!
03.12.2009, 17:51 von Seifenblasen.im.Kopfdu sprichst mir aus der seele =)
03.12.2009, 17:45 von Saebelzahnbananeganz liebe grüße und eine empfehlung. allein schon dafür „Hallo, hallo!“ Da hüpft einer ganz hoch in der vollbesetzten Konzerthalle. Das kriegt nur keiner mit, denn daneben sind weitere zigtausend damit beschäftigt zu hüpfen und gesehen zu werden. Nicht so einfach permanent „zu springen“, wenn einer ruft. Da vorne auf dem Podest hüpft nämlich noch ein Individueller. Achso, der da hat´s geschafft. Respekt, gute Leistung
Schöner Text!!
03.12.2009, 17:03 von FAZGenau so komm ich mir in meinem Studium vor, volle Hörsäle, motivierte Studenten die alle exakt das gleiche am Ende vom Semester auswendig lernen und direkt danach vergessen. Alle haben die gleichen Fragen, Sorgen, etc., alle brauchen gute Noten, wollen in ne Organisation (kommt gut im Lebenslauf) und so weiter, wir werden alle gleich...
Vergiss Individualität, dass ist seeehr schwierig heute!
@FAZ fröher wor dos noch schwörrrröger möt dör öndövödoalötät! davör worrrde schon gesorgt.
03.12.2009, 17:07 von MisterGambit@MisterGambit kein grund, nicht das Heute zu kritisieren
03.12.2009, 17:24 von mia_aimless@mia_aimless Jo. Ich fasse es mal als Gesellschaftskritik auf. Nur ... wo muss sich was ändern ? Bzw. bei wem und wie ?
08.02.2010, 13:16 von Cyro@Cyro Das habe ich mich auch gerade gefragt.
14.02.2010, 12:29 von id.cay@id.cay ich finde viel liegt in der erziehung u dem daraus resultierenden bewusstsein. mir wurde es jedenfalls antrainiert, angepasst und "gleich" zu sein. neid um alle anderen, die kein schlechtes gewissen haben, wenn sie das tun u sagen, was ihnen passt. aber zahlreich wird versucht kinder zu produzieren, die genau die fähigkeiten besitzen sollen, um erfolgreich zu sein. und der glaube ist da, dass sie das nur sein werden, wenn sie mitmachen. erst bei den eltern u die kinder saugen es auf (meine erfahrung). und sie tun nicht das könen, was ihnen vielleicht eher liegt, aber weniger aussichten auf erfolg hat. (ist schon ein altes spiel). das regt mich auf.
14.02.2010, 14:31 von mia_aimless