Kinski80 14.09.2007, 13:22 Uhr 14 8

Ab heute definiere ich mich neu...

Ich habe einen guten Job, einen Job auf den ich stolz sein kann.

Einige Menschen in meinem Umfeld beneiden mich darum, noch mehr gönnen mir den Erfolg nicht.

Ich trage Anzug und Krawatte und ich fahre einen Dienstwagen, den ich mir sonst unmöglich leisten könnte. Man beobachtet mich. Mein Chef, meine Kunden, die Menschen um mich herum. Man erwartet, dass ich mich entsprechend verhalte. Dass ich die Firma nach außen würdig vertrete und mich in das gesellschaftliche Leben einbringe. Doch ich bin immer noch der kleine Junge mit den vielen bunten Flausen im Kopf.

Ich bin konzentriert, wenn ich meiner Arbeit nachgehe, versuche das Maximum an Erfolg für mich und die Firma herauszuholen und dabei den Kunden das Gefühl zu vermitteln, sie hätten genau den richtigen Geschäftspartner vor sich. Eine Win-Win-Situation. Beide haben den größtmöglichen Erfolg davon getragen. Der Kunde das richtige Produkt zu dem bestmöglichen Preis und die Firma den maximalen Ertrag. Zwei Umstände, die sich gegenseitig ausschließen, sollte man meinen.

Plötzlich unterläuft mir ein Fehler. Ich spüre wie mir der Angstschweiß auf die Stirn tritt. Ich rechne wieder und wieder nach. Doch ich komme auf kein befriedigendes Ergebnis. Ich hab Scheiße gebaut. Und wenn Scheiße, dann Scheiße mit Schwung, denke ich mir. Ich stehe dazu und suche nicht nach Ausreden oder Fehlern bei Anderen. Die Geschäftsleitung ist nicht begeistert. Schließlich bin ich ja dazu da um Geld zu verdienen, statt es zu versenken.
Ich komme noch mal mit einem blauen Auge davon. Ich atme auf. Doch wieder einmal wird mir bewusst, wie unsicher ein Job heut zu Tage ist.

Je mehr Verantwortung man trägt, je mehr Geld auf dem Spiel steht, desto höher die Gefahr, dass man Fehler macht. Und ich bin austauschbar. Es stehen genug qualifizierte Bewerber in den Startlöchern. Andere ehrgeizige und dynamische, erfolgsorientierte „Jung Professionals“ die nur darauf warten, los legen zu dürfen. Es besser zu machen als ich.

Ich spüre den Druck, der auf mir lastet. Der Druck, die Jahresziele zu erreichen, besser noch sie zu übertreffen. Jahresziele, die von Jahr zu Jahr utopischer erscheinen, denn man will ja wachsen und nicht stagnieren. Und das bei einem wirtschaftlichen Umfeld, welches von Jahr zu Jahr schwieriger wird. Der Druck wird zu Angst. Angst, den Job zu verlieren. Vielleicht bin ich doch nicht so belastbar, wie ich in der Personalauswahl-Odyssee angegeben habe.

Aber wovor habe ich eigentlich Angst? Keinen neuen Job zu finden? Nein, das sollte nicht das Problem sein. Angst vor finanziellen Einschnitten? Nein, Geld war noch nie meine Hauptantriebskraft.

Es ist die Angst, meine eigene vergängliche Identität zu verlieren. Das, was Andere in mir sehen. Freunde, Familie und selbst die Menschen, auf die ich einen Scheiß gebe. Ich habe den Fehler gemacht, mich selbst über meinen Job zu definieren. Hab mir ein Kartenhaus um mich herum aufgebaut, welches bei der kleinsten Erschütterung einzustürzen droht.

Dabei ist es so nebensächlich welchen Tätigkeiten ein Mensch nachgeht. Welche Stellung er in der Gesellschaft einnimmt. Und wie viel Geld auf seinem Konto ist.

Ab heute definiere ich mich neu...

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14 Antworten

Kommentare

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    Sehr schön, dass du es erkannt hast.
    Allzu viele Leute spielen einfach nur nach den Regeln dieses Karriere-Spiels, ohne auch nur ansatzweise mal objektiv zu beurteilen, was genau sie da tun.

    Glückwunsch zur Erkenntnis.

    21.12.2007, 09:40 von DerChrissi
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      @DerChrissi ich muss ehrlich sagen ich könnte nicht mein studium schmeissen, und etwas weniger angesehenes bzw. etwas was mir leichter fallen würde zu machen. Ich denke, manches tut man auch um sich selbst etwas zu beweisen. ich definiere mich natürlich auch mit dem was ich jeden tag tue. aber eben nicht nur. Wenn das studium nicht wär,würde meine existenz nich zusammenstürzen, aber es würde mir sicherlich fehlen.

      30.04.2008, 00:41 von meui
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    Oh man, ja! Wie recht du hast. Mir gehts grad ähnlich, auch wenn ich erst am Anfang stehe. Ich bin mit Abi fertig und muss jetzt irgendwie weiter machen. Die Entscheidung fällt mir schwer und alles was ich mir vorstellen könnte wird auf "Statustauglichkeit" überprüft. Ziemlich blöd, das macht mich doch auch nicht glücklich später, oder?

    19.09.2007, 20:54 von sofieswelt
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    viel erfolg dabei.

    18.09.2007, 10:54 von luka21
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      @luka21 und wie es in fight club so schön heißt:
      du bist nicht dein job.

      18.09.2007, 13:53 von NeonBlond
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    ''Dabei ist es so nebensächlich welchen Tätigkeiten ein Mensch nachgeht. Welche Stellung er in der Gesellschaft einnimmt. Und wie viel Geld auf seinem Konto ist.''

    unsinn. das hängt von der seite ab, von der man es betrachtet. unten oder oben oder in der mitte.

    18.09.2007, 03:00 von NeonBlond
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    dein fehler war sicher nicht der erste den diese firma gesehen hat. und jetzt nach deinem fehler bist du sogar noch besser in deinem job als vor deinem fehler. du hast dazu gelernt, denn jetzt kennst du dich besser, deine arbeit besser, die situation besser. und die geschäftsleitung weiss das auch, und die haben bestimmt schon nen haufen fehler gemacht, bei der position die sie innehaben muessen sie ja auch viel wissen. wissen dass sie unter andern, oder vielleicth vor allem, durch ihre eigenen fehler erreicht haben.

    so what? du bist mit dem ernst bei der arbeit. ist doch genau die richtige einstellung.

    17.09.2007, 20:56 von aiko
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    Gut geschrieben. Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit..

    17.09.2007, 19:49 von lucinka
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    Jeder definiert sich doch wenigstens teilweise darüber, was er tut.
    Ich muss auch zugeben, dass ich ein Problem damit hätte mein Studium abzubrechen und irgendwas weniger angeseheneres zu machen das mir aber besser gefällt, eben weil ich vor anderen erfolgreich und intelligent dastehn möchte.
    Ist doch so- wer die Möglichkeit hat macht ähnliche Dinge wie du und andere werden Bäcker und für doof gehalten, da sie ja augenscheinlich keine andere Wahl hatten.
    Muss man schon stark sein um da drüber zu stehn!

    17.09.2007, 19:14 von A2N2
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      @A2N2 ...genau dass meinte ich. Und das Schlimme ist, dass ein Bäcker zum Wohl der Allgemeinheit mehr beiträgt als beispielsweise ein Börsenanalyst. Denn Brot kann man essen...

      18.09.2007, 10:04 von Kinski80
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    so ist das Leben. Und auch der Punkt, an dem du dich fragst, wo ist eigentlich das beschissene Gefühl, das ich hatte, als ich am ersten Tag in kompletter Anzugmontur in die Firmenzentrale stolziert bin. Die Frage nach dem, was noch von dir übrig ist. Manche Menschen finden keine Antwort. Das sind dann wohl unsere Top-Manager...

    17.09.2007, 18:27 von sophistic
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