DarkChucky 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

A night to remember..

Das Leben des Fahrers haengt an einem seidenen Faden. Zum ersten Mal Zeit fuer Mitgefuehl: Komm Junge, zieh. ZIEH!

Waehrend ich mit Kia auf dem Balkon stehe und rauche, verpasse ich die ersten Silben: "... schwerer Verkehrsunfall mit eingeklemmten Personen."

 
Waehrend ich im Dunkeln noch horche, ob die Kleine wach geworden ist, quittiere ich den Alarm.
Werf mir die Jacke ueber, springe in Hose und Stiefel.
Raune Kia ein "Bis gleich" zu.
Worauf sie, "Pass auf dich auf!" entgegnet.

 
Es ist spaet am Abend und irgendwo hat's gekracht

Schnell kratze ich das Eis von der Scheibe,
gerade soviel, dass ich was sehe.
Ich springe ins Fahrzeug und starte den Motor.

Mit quietschenden Reifen und einem aufbruellen,
jag ich die Kiste vom Parkplatz.
Vorsichtig, aber trotzdem mit ausreichend Tempo.
In der Kurve verlier ich mal kurz den Halt und drossel unmerklich das Tempo.
Noch einmal abbiegen und dann seh ich schon die ersten Kameraden ins Haus laufen.
Ich wende auf dem Vorplatz und bleib direkt in Ausrueckrichtung stehen.
Steige aus, laufe rein.

Im Feuerwehrhaus angespannte Gesichter.
Kein flapsiger Spruch.
Eine massive Anspannung in der Einheit mit tiefer Besorgtheit stellt sich ein:

Da kaempft jemand um sein Leben. Nicht irgendwo im Fernsehen,
sondern nur ein paar tausend Meter entfernt.
Und gleich wird man bei ihm sein und versuchen den Unterschied zu machen.

Jetzt gleich.

 

Wir ruesten uns aus.
Jeder Handgriff sitzt, schnell aber sorgfaeltig wird die Kleidung angelegt.
Auch ich schnappe noch ein paar Sachen, die ich bestimmt brauchen werde aus meinem Spind.
 

Das Hilfeleistungsloeschfahrzeug wird besetzt
- Maschinist, Einheitsfuehrer und 3,5,6 Mann - komplett.


Der Einheitsfuehrer sieht zu mir rueber.
Ein kurzes Nicken.
Ich steige wieder ins Fahrzeug.


Ich bin der Einzige mit rettungsdienstlicher Ausbildung in der Einheit.
Die wird gebraucht werden, ganz sicher.

Ein Blick in den Mannschaftsraum: Viele alte Hasen, die schon viel
Blut auf Blech gesehen haben, aber auch ein Neuer.
Ich setze mich vor das HLF, schalte das Blaulicht ein und fahre los.

 

"46-1 Ausfahrt" hoere ich im Funk, wie sich das HLF ausmeldet.
Ich melde mich auch. "10-2 Aus."

 

Blaues Flackern macht aus der Fahrt eine surreale Erscheinung.
Jedes Mal wenn das Horn bruellt, zucke ich unweigerlich zusammen.

Ich druecke auf's Gas, jede Sekunde zaehlt.
 

Immer noch Totenstille und Anspannung.

Jeder horcht in den Funkverkehr:
Ist der Rettungsdienst schon da, ist der
Ruestwagen schon ausgerueckt? Nichts.
Wir werden die ersten sein.

 

Ich mache mir Gedanken was mich erwartet.
Meine Aufgabe wird es vermutlich sein, auf Biegen und Brechen
ins Innere des Fahrzeugs vorzudringen.

Kein Verdruecken, keine Pause moeglich.

 

Da ist die Einsatzstelle.
Kein Blau zusehen, nur gelbes Blinken.
Polizei ist also auch noch nicht vor Ort.

Ein Auto steht neben der Straße, schwer verdellt.
Vermutlich von der ploetzlichen Glaette ueberrascht worden.

Wir sind auf uns allein gestellt.

Der Maschinist stellt das tonnenschwere Fahrzeug quer zur Fahrbahn,
waere nicht das erste Mal das ein nachfolgendes Fahrzeug in eine vollbeleuchtete Unfallstelle reinrast.

 

Ich steige aus, schnappe mir die Notfalltasche und eine Lampe aus dem Kofferraum.
Ohne den Befehl des Einheitsfuehrers abzuwarten laufe ich zum Fahrzeug.

 

Ich bin drin. Schaue mir die Insassen an, behandle den Fahrer.
Lege ihm eine Halskrause an. Zugang, Infusion.
Spreche die Beifahrerin an, rede beruhigend auf sie ein.
Sie reagiert aber nicht, steht unter Schock.
Ich denke nicht mehr, ich handle nur noch.
 

Der Einheitsfuehrer erscheint am Fenster. Jetzt muss ich entscheiden.
Muss ihm Befehle erteilen wie die Rettung ablaeuft.

"Fahrer zuerst und Crash, Beifahrerin schonend. Zweiten Doktor."
"Vorschlaege?" fragt er mich.
"Tuer weg und A-Saeule hochdruecken muss reichen."

 

Der Notarzt kommt.
Kurze Atempause, waehrend er von der Seite aus den Fahrer untersucht.
Mehr als Schmerzmittel und Sauerstoff kann er auch nicht machen.
Der Junge muss in kuerzester Zeit ins Krankenhaus.

"Zackig es eilt", ist seine Anweisung.

 

"Wir schneiden dich jetzt raus. Es wird ein paar Mal laut knallen, aber das ist nicht so schlimm. Gleich ist es vorbei."
Wenn wir Pech haben, ist das gelogen. Aber was soll ich ihm sonst sagen?

 Am Rettungssatz steht Peter.
Das beruhigt mich, weil ich weiß er ist ein Kuenstler mit Schere und Spreizer.

Kurz blicken wir uns an, ich nicke, er setzt den Spreizer an.
Die verkeilte Fahrertuer wird mit einem lauten Schlag aufgespreizt.
Konzentriert setzt Peter die Rettungsschere an, schneidet die Tuer raus.
Naechster Schlag, die A-Saeule ist oberhalb des Armaturenbretts durchtrennt.

600 bar Oeldruck pressen die Scherenspitzen mit 100 Tonnen zusammen.
Ein Balanceakt der viel Fingerspitzengefuehl benoetigt.
Zwischen diesem Kraftakt und uns liegt nur das fuenf Millimeter dicke Patientenschutzschild.
 

Die Saeule ist durch.

Das gleiche noch einmal und in die ausgeschnitte Stelle kann der Spreizer gesetzt werden, um das Brett hochzudruecken.

"Das wird vermutlich noch einmal wehtun, aber danach ist es besser."
Wem erzaehle ich da was - ihm oder mir?

Das Leben des Fahrers haengt an einem seidenen Faden. Zum ersten Mal Zeit fuer Mitgefuehl: Komm Junge, zieh. ZIEH!
Schneller, PETER!

Mit Schweiß auf der Stirn setzt Peter das 30kg schwere Geraet wie eine Pinzette an.
Nachdem die Spitzen erstmal richtige Ansatzpunkte gefunden haben, bewegt sich das Brett laut knackend nach oben.

Der Fahrer sackt in sich zusammen. "Der muss raus. Jetzt!", bruellt der Arzt.
Das Bein ist hin, er verliert viel Blut.

Keine Zeit mehr.

Ich ziehe den Fuß mit einem kraeftigen Ruck raus. "Patient frei", hoere ich mich rufen.

Dann wird er von vielen Haenden auf ein Spineboard gezogen.

In den Rettungswagen geschoben.
Notarzt und Rettungsassistent springen rein.
Load and Go.. Der Fahrer gibt sofort Gas.

Wir holen in der Zeit die Beifahrerin raus, sie ist nur leicht verletzt, steht aber unter Schock.
Als sie frei ist, reicht Peter mir seine Hand und zieht mich hoch.
Ich klopfe ihm auf die Schulter, Worte bedarf es in dieser Situation nicht.
 

Fuer uns ist der Einsatz beendet, den Rest uebernimmt die Polizei.

Wir ruecken ein. Am Geraetehaus betroffene Gesichter.
Wir stehen noch zusammen vor der Tuer.
Einige rauchen, ich auch.

Ploetzlich geht das Telefon.
Der Notarzt ist dran.

Trotz schneller Rettung, schaffte er es nichtmal bis zum Krankenhaus.
Schweigend gehen wir auseinander.

 

Es ist totenstill, als ich meine Wohnung betrete.
Kia und die Kleine schlafen.


Als ich mich leise an den PC setze, kommt mir die stille und
friedliche Welt der Wohnung unwirklich vor.
 

"Wie war's?" murmelt Kia mir zu.
"Nicht so schlimm", luege ich.

Ich werde das spaeter mit ihr besprechen.
Es reicht wenn einer nicht schlafen kann.

2

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare