Klaus_Werle 03.07.2006, 16:54 Uhr 0 2

A bis Z: Deutschland

26 Einblicke in das GASTGEBERLAND der Fußball-WM. Nicht nur für Ausländer

Autobahn: Die 12 000 deutschen Autobahnkilometer sind die einzigen in Europa ohne generelles Tempolimit. Theoretisch. In der Wirklichkeit gibt es auf einem Drittel der Strecke dauerhafte oder verkehrsabhängige Geschwindigkeitsbeschränkungen. Und auf dem Rest machen Marathonbaustellen und Lasterkolonnen vom Ausmaß kommunistischer 1.-Mai-Paraden die angeblich »freie Fahrt« zum Hindernislauf auf Military-Niveau.

Beate Uhse: Die Unternehmerin und Stuntpilotin eröffnete 1962 in Flensburg den ersten Sexshop der Welt. Inzwischen ist die Beate Uhse AG weltweiter Marktführer im »erotischen Zubehörhandel«, und ihre 2001 verstorbene Gründerin war ein Gesicht in der »Du bist Deutschland«-Kampagne. Motto: geile Ideen für ein ein geiles Land.

Currywurst: Ikone deutscher Betriebskantinen und Streitthema zwischen Berlin und Hamburg. Die erste Currywurst soll Herta Heuwer am 4. September 1949 in Berlin serviert haben. Laut hanseatischer Lesart hat aber eine gewisse Lena Brücker bereits 1947 am Hamburger Großneumarkt Currywürste verkauft.

Discounter: König von Billigland ist der »Albrecht-Discount«, kurz: Aldi. Aus dem einstigen Schmuddelkind wurde schnell Mainstream – heute kaufen fast neun von zehn Haushalten bei Aldi ein. Kein Zufall, dass gerade die nüchternen Deutschen seinem herben Palettencharme verfallen sind. Der Einkauf von Lebensmitteln ist hier kein Event, sondern eine Pflichtveranstaltung wie samstägliches Wagenwaschen.

Einkommensteuererklärung: 185 Formulare und zwei Dutzend Anlagen halten die Finanzbeamten bereit, um Besitz und Einkommen der Bürger zu erfassen. Eventuell unklare Details werden in gut 200 Gesetzen und 100 000 Verordnungen geregelt. Wäre das deutsche Steuerrecht ein Bild, dann hätte es bestimmt der Labyrinthe-Guru M.C. Escher gemalt: verschachtelt, ausweglos und so verwirrend, dass man schon beim flüchtigen Hinsehen Kopfschmerzen kriegt. Trotzdem haben wir die manischen Absetzschlachten, um »ein paar Euro rauszubekommen«, ein bisschen lieb gewonnen: Sollte die Steuererklärung eines Tages tatsächlich auf einen Bierdeckel passen, wäre Deutschland um eine beliebte Freizeitsportart ärmer.

Fitness: Deutschland schwitzt. Ob du Marathon läufst, Hanteln stemmst, wanderst oder einfach in der Sauna sitzt – du bist, im Wortsinn, Teil einer Bewegung. Nie zuvor gaben die Leute so viel Geld für Sport und Fitness aus wie heute: laut »Deutschem Sportbund « 22 Milliarden Euro im Jahr.

Gartenzwerg: Früher putzte der Adel seine Parks mit steinernen Figürchen heraus. Als die Schrebergärten erfunden waren, wollten die deutschen Kleinbürger auch so etwas haben – Gartenzwerge sind die Putten des kleinen Mannes. Ein korrekter Beetegnom darf höchstens 69 Zentimeter groß sein, trägt Zipfelmütze und Bart und ist natürlich männlich. Das hat die 1981 gegründete »Internationale Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge« festgelegt.

Hausmeister: Denk an die Kehrwoche, die Zeitung gehört nicht in die Gelbe Tonne und Pizzakartons nicht in den Hausflur! In Deutschland hat der Hausmeister erstens immer Recht und zweitens ein Handy in fleckiger Schutzhülle aus Lederimitat am Gürtel. In der DDR hieß er »Hausgemeinschaftsleiter « (HGL) und hatte auch immer Recht. Was beweist: Politische Systeme wechseln, aber um zehn Uhr ist immer Nachtruhe. Und nicht um fünf nach zehn!!

Ich-AG: Der Deutsche vertraut nur einem wirklich – dem Experten. Geht es um Sex, fragt er Dr. Sommer, und Peter Hartz sollte die Arbeitslosigkeit richten. Eine Erfindung des Ex-VW-Vorstands ist der »Ich-Arbeitgeber «, kurz Ich-AG. Wenn du deinen Job verlierst und dich als Ich-AG selbstständig machst, kriegst du staatliche Zuschüsse. Weil das Land nur einen begrenzten Bedarf an Würstchenbuden und Büroservices hat, musste aber ein Großteil der 375 000 Arbeitslosen, die seit Einführung der Ich-AG 2003 ein Unternehmen gründeten, schon wieder aufgeben. Im Sommer soll die Ich-AG als eigenes Förderinstrument beendet werden und mit dem Überbrückungsgeld verschmelzen.

Jauch, Günther: Laut einer »Hörzu«-Umfrage beliebtester Moderator der Nation – und mit geschätzten 80 000 Euro pro Auftritt einer der Topverdiener im Fernsehgeschäft. Die Deutschen mögen ihn, weil er so ist wie sie – zumindest, wenn sie sich ein bisschen Mühe geben: familientauglich, engagiert im Job und ein bisschen bieder. Zusammen mit der gnadenlosen Frohnatur Thomas Gottschalk und dem Zyniker Harald Schmidt einer der Heiligen Drei Könige im Land. Über den dreien schwebt nur noch Franz »der Kaiser« Beckenbauer, denn in Deutschland ist nur eine Sache noch wichtiger als Fernsehen, und das ist Fußball.

Kaffee: Man schrieb das Jahr 1908, als die sächsische Hausfrau Melitta Bentz den Kaffeesatz zwischen ihren Zähnen endgültig satt hatte. Kurzerhand durchlöcherte sie den Boden eines Messingtopfs, legte ein Löschblatt aus Sohnemanns Schulheft drüber – und hatte den Kaffeefilter erfunden. Filterkaffee gilt seither als »deutsche Art«, den braunen Trank zu schlürfen. Obwohl die Deutschen Frau Melitta untreu werden: 2005 konsumierten sie außer Haus erstmals mehr Cappuccino, Espresso und Latte macchiato als traditionelle Filterplörre.

Leitkultur: Seit Friedrich Merz 2000 eine »deutsche Leitkultur« forderte, rätseln wir, was das sein könnte. Vielleicht eine Mischung aus Schwarzwälder Kirsch, GEZ und Jägerzaun? Eine Antwort steht noch aus, aber immerhin hat es der Begriff schon zu einer Nominierung für das »Unwort des Jahres« gebracht.

Mülltrennung: Jeder Deutsche produziert im Jahr vier Tonnen Abfall. Damit es nicht langweilig wird, darf der Müll seit 1991 in bis zu zwölf verschiedene Tonnen sortiert werden. Länder wie Frankreich oder Österreich, die den Abfall lange nicht als kostbare Kleinode, sondern völlig ignorant einfach als Müll behandelten, haben dieses »Duale System« kopiert. Sein Wappen, der »Grüne Punkt«, ist heute das weltweit meistgenutzte Warenzeichen.

Nationalhymne: Auf Helgoland textete August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 drei Strophen für das »Lied der Deutschen«. Entgegen einer bekannten Legende dürfen auch die ersten beiden Strophen gesungen werden, aber nur die dritte ist offizielle Nationalhymne. Für so manchen ist auch das schon zu schwierig, wie Sarah »Brüh im Lichte dieses Glückes« Connor demonstrierte

Ossi: Bis circa 1990 Spottname für die Ostfriesen. Ging dann über auf die Bewohner der ehemaligen DDR und wurde zusammen mit »(Besser)Wessi« zum Ausdruck einer nicht immer harmonisierenden Beziehung beider Landesteile. Geografisch ist Ossi nicht ganz korrekt: Schwerin, Magdeburg und Erfurt etwa liegen deutlich weiter westlich als Regensburg oder Passau.

Playmobil: Die Firma Geobra im fränkischen Zirndorf erfand Anfang der Siebziger die Plastikmännchen als Reaktion auf die Ölkrise: Die nur 7,5 cm großen Dauerlächler verbrauchten nicht so viel teuren Kunststoff. Seitdem gehört Playmobil zur Kindheit wie Nutella und aufgeschürfte Knie. 1,8 Milliarden Liliputfiguren wurden seit 1974 produziert – mit ausgestreckten Armen hintereinander stehend, würden sie zweimal um den Globus herum reichen. Erwachsene mögen die Kulleräugigen, weil sie so sind, wie die oft miesepetrigen Deutschen gerne wären: adrett, patent und unerschütterlich lächelnd.

Quotenregelung: Die Frauenquote wird oft als Relikt des bürokratischen Feminismus belächelt. Dabei ist sie ein Erfolgsmodell: Zwischen 1980 und heute stieg der Anteil der Frauen im Bundestag von neun auf über 30 Prozent. In der Privatwirtschaft, die eine Quote ablehnt, ist nicht einmal jede zehnte Führungskraft weiblich.

Reinheitsgebot: 1516 erließ Herzog Wilhelm IV. von Bayern das bekannteste Antidrogengesetz der Geschichte. Bis dahin wurde Bier fröhlich mit allerlei bewusstseinsfördernden Ingredienzien gepanscht, gerne auch mal mit Tollkirschen oder geraspelten Fliegenpilzen. Das Reinheitsgebot erlaubte nur noch Gerste, Hopfen und Wasser. Ausgehend von dieser puristischen Bierverfassung haben die Deutschen, wie es so ihre Art ist, aus dem unbekümmerten Trinkvergnügen eine Wissenschaft gemacht. Mit zahllosen Vorschriften wie »Ein gutes Pils dauert sieben Minuten« oder »Ein Weizenbier wird vorm Trinken geerdet«. Auch das Zudröhnen wird in Deutschland eben ein bisschen ernster genommen als anderswo. Bierernst gewissermaßen.

Stiftung Warentest: In Wahrheit wird Deutschland nicht von der Kanzlerin regiert, sondern von TÜV, ADAC und der Stiftung Warentest. Deren Urteile über die fast 75 000 Produkte, die seit ihrer Gründung 1964 getestet wurden, gelten als unfehl- und unantastbar. Es sei denn, es handelt sich um WMStadien. Oder um Hautcreme von Uschi Glas.
»Tatort«: Wer etwas über die Nation erzählen will, sollte einen »Tatort« drehen. Wenn du die älteste und beliebteste deutsche Krimireihe einschaltest, bist du einer von durchschnittlich acht Millionen. Die schauen aber nicht zu, weil die Filme so irre spannend wären, sondern weil der »Tatort« im Gegenteil so schön beruhigt. Er zeigt uns all die hässlichen kleinen Dinge im Land. Aber erstens ist eine Mattscheibe zwischen den Häss- lichkeiten und dir, und zweitens kümmern sich ja die Herrschaften Schenk, Odenthal und Batic darum. Du kannst dich weiter um die Pizza Hawaii kümmern.

Urlaub: Kein anderes Volk gibt so viel Geld für Ferien aus wie die deutschen Reiseweltmeiter – dieses Jahr geschätzte 59 Milliarden Euro. Weil die Zimmermädchen auf den Malediven aber noch nicht mal Deutsch sprechen und die Engländer mit ihren Handtüchern immer die Poolliegen blockieren, ist das beliebteste Reiseziel der Deutschen: Deutschland.

Vollkornbrot: Würde man den Deutschen aus seinen Grundnahrungsmitteln zusammensetzen, dann wäre die Kartoffel sein Körper und Bier der Geist. Das Vollkornbrot mit seiner dunklen kräftigen Schwere wäre seine vergrübelte Seele. 170 000 Tonnen Vollkörniges verputzt die Nation jedes Jahr. Und sind die Deutschen im Ausland unterwegs, jammern sie stets, dass »die hier ja gar kein richtiges Brot haben«.

»Wir sind Papst!«: Die Schlagzeile vom 20. April 2005 hatte sich »Bild«-Politikchef Georg Streiter ausgedacht. Der Satz machte Karriere, weil er das unbestimmte Gefühl traf, wir wären auch wieder irgendwie irgendwer. Wenn nicht Fußballweltmeister, dann wenigstens Benedikt XVI.

X-Strahlen: Synonym für Röntgenstrahlen. Sie wurden 1895 von dem Physiker Wilhelm Conrad Röntgen entdeckt. Wusstest du gar nicht? Das wäre dann schon mal ein dicker Minuspunkt beim hessischen Einbürgerungstest.

Yannik: Deine Eltern haben dich Synke getauft, Thorbjörn oder sogar Scholastika? Keine Sorge, möglichst exotische Vornamen liegen im Trend. Es gibt immer weniger Kinder, da soll die Einzigartigkeit von Hennes- Birger oder Eudokia-Millicent schon im Namen demonstriert werden. Nur die Eltern heißen immer noch Stefanie und Michael.

Zivi: Langhaarige Kittelträger in ehemals weißen Birkenstocks und nebenbei Notnagel des deutschen Pflegesystems. Würden allein in München die »Zuvieldienstleistenden« durch Festangestellte ersetzt, müssten 22 Millionen Euro mehr ausgegeben werden. Seit die ersten am 10. April 1961 ihren Dienst antraten, haben fast 2,5 Millionen Zivis Rollstühle geschoben oder Essen ausgefahren.

2

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare